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Ausgabe
1/2017

70 SPIEGEL-Jahre

Willkommen in der Welt der schlauen Dinge

In den Nullerjahren platzte die erste Phase des Internets als Blase. Nun verwandelt sich die Wirklichkeit in eine datenbasierte Hightech-Welt. Ist der Mensch dem digitalen Leben gewachsen?

Frank Höhne/DER SPIEGEL
Von
Samstag, 25.02.2017   08:58 Uhr

Das Silicon Valley ist eine wunderliche Welt. Wer sie das erste Mal betritt, fühlt sich erinnert an die Weltausstellungen in den Sechzigerjahren mit ihren glitzernden Visionen des nächsten Jahrtausends, überall futuristische Entwürfe einer besseren Welt, in der alles Technologie ist, und dabei immer die Frage: Was ist echt, was nur Attrappe?

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 1/2017
70 Jahre SPIEGEL
Wut kann man sich erarbeiten

Hier, auf diesen knapp hundert Kilometern entlang der kalifornischen Pazifikküste, scheint all das längst normal: Selbstfahrende Autos kurven durch die Straßen von San Francisco, Roboter liefern Cookies aus in der Innenstadt von Redwood City, Drohnen bringen Pakete nach Mountain View.

Hunderttausende Ingenieure, Programmierer und Mathematiker leben in einer ständigen Begeisterungsschleife - euphorisiert vom Tempo des Fortschritts, der auf ihrer Arbeit basiert: Smartphones verstehen jedes menschliche Wort, Maschinen fressen sich durch Terabyte von Daten, durch das gesamte Wissen der Menschheit, lernend, offenbar verstehend. Der Datentransfer erreicht enorme Geschwindigkeiten, 100 Petabit, also 100 Milliarden Megabit pro Sekunde, wurden im Labor schon erzielt. Physiker basteln am Quantencomputer, der Tausende Male schneller sein soll als der größte Supercomputer bisher. Eine ganz neue Informatik soll entstehen.

Software frisst die Welt. So hat es einst Marc Andreessen formuliert, der bekannteste Wagniskapitalgeber im Silicon Valley, in dessen Büro, hübsch eingerahmt, Fotos von Atombombentests an den Wänden hängen: Die alte analoge Welt wird in die Luft gejagt. Alles wird digitalisiert, ob öffentlich oder privat, jedes Unternehmen, jede Behörde.

Jede Woche fliegen Manager und Konzernchefs ein aus aller Welt, vor allem aber aus Deutschland, sie fragen: Was passiert hier, dass ich mein eigenes Geschäft nicht mehr verstehe?

SPIEGEL-Quiz "7 mal 10": Eine Zeitreise mit dem SPIEGEL

Wie ungeheuerlich diese Entwicklung ist, zeigt der Blick zurück auf den Beginn des Jahrtausends. Die Lage, im Jahr 2001: Die erste Phase des Internets endet in einer gigantischen platzenden Blase. Enorme Börsenwerte sind geschaffen worden, aber wenig von Substanz. Das Urteil über die New Economy scheint gefällt: ein grandioser Hype. Die digitale Revolution: schon im Ansatz gescheitert.

Die Gegenreaktion ist ebenso extrem wie die vorangegangene Euphorie. Die alten Industrien ergehen sich in Schadenfreude, das Feuilleton übt sich in Abgesängen auf die neue Zeit.

Der Mensch als "Prothesengott"

Auch der SPIEGEL ist skeptisch, 2005 schließt er seine Redaktionsvertretung in San Francisco wieder, die erst kurz vor der Jahrtausendwende eröffnet worden ist: nicht genügend Berichtenswertes. So sehen es viele in der Wirtschaft, auch die, die es besser wissen müssten; Microsoft etwa, Sony, Hewlett-Packard, IBM. Technologieriesen, die nicht viel halten von der neuen Technologie. Die sich nicht fürchten, obwohl sie es müssten.

Vor allem die deutsche Wirtschaft glaubt nicht an die Macht des Digitalen: Das Internet ist ein Problem für die Musikindustrie, nicht für Maschinenbauer oder Autohersteller.

Aber dann ist da noch Steve Jobs; Visionär, Genie, aber auch Menschenschinder, Choleriker. Kein netter Mensch. Er lässt Apple das iPhone entwickeln, eine Sensation, schon als es erstmals vorgestellt wird, 2007. Schnell wird klar: Dies ist ein Telefon? Nein. Dies ist ein Katalysator, der die Welt verändert. Ein handtellergroßes Gerät, das die ständige Verlängerung ins Digitale bietet für jeden zu jeder Zeit: Das könnte Sigmund Freud gemeint haben, als er das Wort "Prothesengott" erfand: Der Mensch wird omnipotent dank seiner Maschinen.

Fotostrecke

Posterboy Steve Jobs: Der Mac-Messias von Seite eins

Das Smartphone, sagt die Soziologin Sherry Turkle, die über die Auswirkungen der neuen Technik forscht, "fühlt sich fast an wie ein Teil des Körpers, es macht mich quasi zu einem Maschinenmenschen".

Und was geschieht dabei mit uns? Kommunizieren wir anders, leben wir anders? Die Fähigkeit, bewusst miteinander zu kommunizieren, macht den Menschen zum Menschen. Und wenn sich die Kommunikation grundsätzlich wandelt, ändert sich dann nicht zwangsläufig die Gesellschaft? Während Steve Jobs das iPad entwirft, das iPhone zum größten Verkaufsschlager der Geschichte wird, Apple zum führenden Unternehmen der Welt aufsteigt, diskutiert die Wissenschaft: Verarmen wir emotional, weil wir zu viel online leben? Lässt der soziale Kitt nach, verloren im Virtuellen? Wie verändert das Internet unser Gehirn?

"iPhone, also bin ich"

Der SPIEGEL titelt zum fünfjährigen Jubiläum des Smartphones: "iPhone, also bin ich." Erzählt wird die Geschichte einer Hassliebe, einer Technologie, die befreit und gleichzeitig abhängig macht. Apropos Liebe: Fast jedes dritte Paar mit Internetzugang lernt sich online kennen, in einem sozialen Netzwerk, beim Chatten oder mithilfe einer Onlineagentur. Das Leben wandelt sich, schnell.

Nicht nur im Silicon Valley ist unbestritten: In den vergangenen drei Jahren waren die Schritte größer als in den vorherigen 15 Jahren zusammen. Denn der Fortschritt läuft exponentiell, nicht linear, so die einhellige Meinung. Und was das bedeutet, zeigt folgende Rechnung: Mit 30 linearen Schritten läuft man 30 Meter, mit 30 exponentiellen Schritten 30 Milliarden. Wenn also die Verdoppelungssprünge bei diesem Tempo bleiben - hebt der Fortschritt in wenigen Jahrzehnten ab in die Sphären von "Star Trek"?

Der SPIEGEL ist zurück im Silicon Valley seit 2009, denn klar ist, dass diese Welt erklärt werden muss, dass grundsätzliche Fragen gestellt werden müssen, solche etwa: "Naht die nächste Zeitenwende?", gerichtet an Satya Nadella, den Chef von Microsoft. "Wir befinden uns bereits mitten in der Zeitenwende", sagt Nadella. Niemand wird sich entziehen können, die Wirtschaft wird sich weiter und noch schneller wandeln, gerade die Medien.

In nur einer Generation hat das Internet völlig verändert, wie wir Medien konsumieren und produzieren. Es ist ein existenzieller Umbruch, vor allem für die Printmedien, auch für den SPIEGEL. Das Leseverhalten ändert sich, die Welt dreht sich schneller, also muss der SPIEGEL-Journalismus schneller werden - mit SPIEGEL ONLINE - und muss in all der neuen Hektik besonnen bleiben, muss die intensive Recherche pflegen, das Nachdenken, die Analyse.

Wie alle klassischen Medien arbeitet der SPIEGEL an digitalen Geschäftsmodellen. Aber Erfolgsbeispiele sind noch immer rar.

Kulturpessimisten behaupten deswegen seit Jahren, der traditionelle Qualitätsjournalismus habe ausgedient, werde ersetzt durch Nachrichtenhappen, Listen, Katzenvideos, für die keiner mehr zahlt. Aber Ähnliches hatten sie auch über das Fernsehen gesagt. Nun also: Jugendliche würden nur noch YouTube schauen und snapchatten. Stattdessen hat ein neues goldenes Hollywoodzeitalter begonnen, es wird mehr Fernsehen produziert und konsumiert denn je: dank der Technologien, dank Streaming wie bei Netflix.

Wie werden also die Medien der Zukunft aussehen? Niemand weiß es. Auch nicht die besten Ingenieure von Google und Apple.

Außerhalb des Silicon Valley denken viele, im Silicon Valley gebe es eine Blaupause für die Eroberung der Welt, einen genauen Plan, wohin die Digitalisierung führt, wenigstens aber eine Vorstellung, was genau Google, Apple und Facebook eigentlich sein wollen. Aber selbst Google-Gründer Larry Page sagt: "Immer öfter geht es um physikalische Grundsatzfragen, die kaum noch ganz nachzuvollziehen sind. Deswegen ist es so schwer, die Zukunft der Informatik, den Weg der Digitalisierung vorherzusagen."

"Das größte anarchische Experiment der Geschichte"

Das Rad dreht sich viel zu schnell, und diejenigen, die es in Bewegung halten, wissen auch nicht, wohin es rollt. Selbst die besten Konzernstrategen sehen kaum mehr als sechs, zwölf Monate in die Zukunft, danach kommen nur noch Visionen und vage Ideen. Wird Virtual Reality eine ganz neue Mediengattung? Die Chancen sind gut, die Konzerne investieren Milliarden, aber weder Mark Zuckerberg noch Larry Page würden darauf eine Wette abschließen. Die Folgen der Technologie, die heute entsteht, werden erst in Jahren zu erkennen sein, und das wissen all die führenden Köpfe in Kalifornien sehr genau.

Eric Schmidt, heute Chairman der Google-Mutter Alphabet, hat es einst so gesagt: "Das Internet ist das erste Ding, das die Menschheit sich gebaut hat, das sie aber nicht versteht, das größte anarchische Experiment der Geschichte."

Gestört hat das die Vordenker des Silicon Valley bislang nie, sie sind Dogmatiker, und ihre Formel lautet: Fortschritt ist gut, immer. Seine Vorteile überwiegen unter dem Strich immer die Nachteile. Ständiger Wandel ist deswegen das Ziel. Je größer das Tempo, desto besser.

Visual Story zum SPIEGEL-Jubiläum

Die Anführer der Technologiebewegung entwerfen die Digitalisierung nicht nur als Geschäftsmodell, sondern als Weltbild, eine gewichtete Interpretation der Zivilisationsgeschichte, man kann auch sagen: Ideologie. Manche nennen es die kalifornische Ideologie, weil sie die linksalternativen Werte der Gegenkultur der Sechzigerjahre mit neoliberalen Marktprinzipien mischt. Blumenkinder, die gleichzeitig knallharte Kapitalisten sind. Es geht ihnen nicht allein um Profit, sondern all ihr Tun sehen sie als Mission: die Menschheit voranbringen, die Gesellschaft besser machen. Andere sehen in der Beschwörung der Zukunft womöglich auch einen Weg, die Börsenwerte der Unternehmen hochzutreiben.

"Bislang ist die Welt durch Fortschritt doch immer ein Stück besser geworden, mit weniger Armut, mit weniger Menschen, die in Kriegen sterben", so sagt es Google-Gründer Larry Page im SPIEGEL-Gespräch. "Das Internet, selbstfahrende Autos, das sind doch grandiose Errungenschaften, die aus Optimismus geboren wurden. Und es ist ja nicht so, dass uns die großen Probleme ausgehen würden, die es noch zu lösen gilt. Warum sind wir also nicht begeisterter von den Zukunftsaussichten?"

Die Logik ist klar und simpel: Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte des Fortschritts, also brauchen wir mehr davon, mehr Technologie. "Das ist totaler Quatsch", sagt Jared Diamond, einer der führenden Experten für die Geschichte der menschlichen Zivilisation. Seine Bücher wie "Kollaps: Warum Gesellschaften überleben oder untergehen" waren Welterfolge, er gewann den Pulitzerpreis, er ist fast 80 Jahre alt und lehrt noch immer als Professor an der University of California in Los Angeles. Den SPIEGEL empfängt er 2016 in seinem Haus in den Hügeln von Bel Air zum Interview, ein leiser, ernster Mann mit Strickjacke und Krawatte. Er sagt: "Die Leute da im Silicon Valley liegen fundamental daneben mit ihrem naiven Glauben, dass Technologie prinzipiell die Welt verbessere. Autos sollten ursprünglich den Lärm und Schmutz der Pferdekutschen in den Städten beseitigen, haben aber beides nur verschlimmert. Gefriergase in Kühlschränken sollten ungiftig sein, zerstörten aber die Ozonschicht."

Twitter ist jetzt Trumps Megafon

Noch bis vor Kurzem wäre ein Kritiker wie Diamond belächelt worden von den kalifornischen Techno-Optimisten, aber seit dem 8. November 2016 ist alles anders. Der Beginn der Trump-Ära hat das Silicon Valley erschüttert, hat Schock, Selbstzweifel, Sinnkrise ausgelöst.

Die sozialen Medien, das Internet, sollten Demokratie und Gemeinschaft transportieren, das Instrument des Arabischen Frühlings, so hat man es sich gewünscht. Aber dass sich der Spieß auch umdrehen ließe, dass eine gewaltige Propagandamaschine entstehen könnte, erschien unmöglich, denn die erste und wichtigste aller Regeln der Digitalisierung lautet doch: Das Internet ist eine Technologie der Freiheit, von zutiefst demokratischer Natur.

Aber die Fakten lassen sich nicht leugnen: Twitter ist das Megafon, über das Trump seine Lügen verbreitet, Facebook der Desinformationskanal rechter Kulturkämpfer.

Nun beginnt endlich auch im Silicon Valley ernsthaft die Debatte, die wohl schon längst hätte geführt werden müssen: welches die Schattenseiten neuer Kommunikationsmechanismen sind, welche Machtverhältnisse sich verschoben haben.


DER SPIEGEL

Auszug aus dem SPIEGEL vom 5. September 2005

Ein Jahr nach seinem Börsengang von 2004 hat sich der Internetkonzern Google deutlich verändert: Was früher mal eine sympathisch-unkonventionelle Campusfirma war, ist nun zum undurchschaubaren Riesen geworden. Google ist groß, mächtig und erfolgreich - und hat mit aggressiver Konkurrenz zu kämpfen: Microsoft. Und mit einer Internetgemeinschaft, aus der plötzlich Misstrauen strömt, wenn nicht gar Furcht - gegenüber einer Firma, deren Unternehmensmotto "Sei nicht böse" lautet. Die ganze Geschichte lesen Sie hier.


Es wird diskutiert in den Hauptquartieren von Facebook, Twitter, Google, was die Folgen der Echokammern sind, die sie geschaffen haben, in denen alle Pluralität verloren geht und scharf voneinander abgeschottete Gruppen nur ihr eigenes Weltbild immer und immer wieder bestätigt bekommen.

Diskutiert werden in Nordkalifornien auf einmal wieder fast 50 Jahre alte Thesen des Soziologen Marshall McLuhan, der beschrieb, wie eine totale Medienwelt neue Wirklichkeiten herstellt: "Wir formen unser Werkzeug, und danach formt unser Werkzeug uns." Es scheint so gut zu passen auf die verrohenden Umgangsformen, das Onlinemobbing, die Trolle, die Hassgruppen. Die postfaktische Welt, in der jeder sich seine eigene Wirklichkeit malt.

Bislang hatte die Strategie der Konzerne solche Selbstreflexionen nicht zugelassen, denn es hieße, ihre mediale Macht öffentlich einzugestehen. Anzuerkennen, dass sie mehr sind als neutrale Plattformen, die von ihren Nutzern getragen werden. Verantwortung zu übernehmen für ihre globale, zentrale Rolle.

Denkender Pulli, kluger Kühlschrank, mitteilsamer Joghurt

All das hat die Tech-Industrie vermieden, sie beschränkte sich stattdessen darauf, das Alte zu zerstören, so sicher, dass das Neue immer automatisch besser ist. Doch gezeigt hat sich nur: Die großen Futuristen der Digitalisierung haben keine Ahnung, welche Zukunft sie genau erfinden. Wie auch? Längst ist der Fortschritt zu schnell, die Bandbreite zu enorm, sind die Konsequenzen zu komplex. Wie soll man vorhersagen, was die Auswirkungen von allem auf alles sind?

Das Smartphone war ja nur der erste Schritt. Die Technologen träumen schon lange vom allgegenwärtigen Computer. Die ganze Welt soll vernetzt sein, mit Computern überall um uns herum. Das Ziel ist in greifbarer Nähe: Winzige Chips, so billig und leistungsstark, dass es sich lohnt, sie in jede Maschine zu setzen, machen es möglich - der denkende Pullover, der kluge Kühlschrank, der Joghurt, der mitteilt, ob er noch frisch ist; all das gibt es bereits.

Und der nächste große Sprung steht schon an, die Konzerne investieren Milliarden, Tausende Start-ups arbeiten daran: die künstliche Intelligenz (KI).

Im ersten Schritt geht es dabei nicht um Bewusstsein, um denkende Roboter, sondern um Software, die immer klüger wird, um lernende Maschinen, die sich selbstständig neue Fähigkeiten beibringen. Jahrzehntelang ist in diesem Feld nichts passiert, aber in den vergangenen zwei Jahren sind die Erfinder und Ingenieure riesige Schritte vorangegangen.

Wird KI unser Leben ebenso verändern wie das Smartphone? Bei Google, Apple, Microsoft denken sie: ja, weit mehr sogar. KI wird nicht ein Teilgebiet der Informatik sein, sondern das Fundament.

Allen voran läuft dabei Google. 2014 besucht der SPIEGEL den führenden KI-Forscher des Konzerns, Geoffrey Hinton, professoral und ergraut, schon in den Achtzigerjahren entwickelte er die Theorien, die jetzt Jahrzehnte später in der Praxis funktionieren: Es geht darum, sehr vereinfacht gesagt, organische Intelligenz zu simulieren, mit künstlichen neuronalen Netzen. "Wir sind fasziniert von der Idee, dass das Gehirn durchgängig auf die gleiche Art lernt, und dass das auch er Grund ist, warum die Hirnrinde in allen Regionen sehr ähnlich aussieht", sagt Hinton. "Und sobald man einmal herausgefunden hat, wie das funktioniert, macht es keinen Unterschied, ob man einem System das Sehen, Hören, Fühlen oder vielleicht sogar logisches Denken beibringt."

Mitfahrgelegenheit beim Roboter

Das Prinzip ist schon auf den Straßen unterwegs, als selbstfahrendes Auto, das eigentlich besser heißen müsste: Fahrender Roboter. Jeden Tag lernen die Maschinen dazu, auf der Straße und im Simulator, speichern neue Verkehrssituationen und wie sie darauf zu reagieren haben, ohne dass ein Mensch ihnen Anweisungen gibt.

Mitzufahren ist ein Erlebnis, der Unterschied zwischen Mensch und Maschine ist kaum zu spüren, egal, ob man im selbst-fahrenden Google-Auto, Mercedes oder Audi auf der Rückbank sitzt. Natürlich gibt es die ethischen Fragen, mit denen die Innovatoren ringen - wer ist schuld, wenn ein autonom fahrender Wagen einen Menschen ums Leben bringt? Wer haftet?

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70 Jahre: Der SPIEGEL in Zahlen

Wenn diese Fragen tatsächlich beantwortet sind: was für eine Erleichterung autonomes Fahren sein kann für Pendler, für alte und behinderte Menschen. Die Zahl der Verkehrstoten könnte dramatisch sinken, denn Maschinen lassen sich nicht ablenken. Die Zahl der Autos insgesamt könnte sinken, weil nicht jeder ein eigenes Auto haben muss, wenn der Roboter auf Knopfdruck chauffiert.

Das ist die enthusiastische Variante: Künstliche Intelligenz wird den Menschen ergänzen, nicht ersetzen. Besser machen, nicht überflüssig.

Aber was passiert, wenn sich der Computer grundsätzlich als der bessere Arbeiter erweist? Vielleicht droht strukturelle Arbeitslosigkeit, für eine Generation oder zwei, das sagen viele Experten über die digitale Ökonomie. Der führende auf diesem neu entstehenden Forschungsfeld der Wirtschaftswissenschaft ist derzeit Andrew McAfee, Ökonom am Massachusetts Institute of Technology. Technologische Umbrüche haben bisher letztlich immer mehr neue Arbeitsplätze geschaffen als bestehende vernichtet, aber dieses Mal wird es anders sein, sagt McAfee: "Denn keine dieser früheren Erfindungen griff so tief ein in das, was ein Mensch tun kann und was er einem Arbeitgeber zu bieten hat. Ein Flugzeug ersetzt keine menschliche Arbeitskraft."

Also alles zurückdrehen, ein bisschen wenigstens? Niemand will das Auto abschaffen, auch wenn die Kosten für die Umwelt enorm sind. Und wer will schon auf sein Smartphone verzichten? Gefährlich ist es, die Kosten zu ignorieren, die Schattenseiten zu verschweigen, die Gefahren nicht zu diskutieren. Vor allem jetzt, wenn die Sprünge immer schneller und gewaltiger werden und damit die Konsequenzen umso existenzieller werden.

Dass wir diese neue Hightech-Welt wollen - für McAfee ist das keine Frage. "Natürlich!", meint er. "Es ist eine Welt ohne Plackerei und voller Wohlstand."

Wenn es gut geht.

Wir wissen es nicht.

Mit dem SPIEGEL durch die Jahrzehnte

insgesamt 3 Beiträge
Michael Möller 25.02.2017
1.
"In den Nullerjahren platzte die erste Phase des Internets als Blase." Das ist so nicht ganz richtig. Die erste, wirklich freie und interessante Phase des Internet endete irgendwann Mitte der 90er, als das Internet [...]
"In den Nullerjahren platzte die erste Phase des Internets als Blase." Das ist so nicht ganz richtig. Die erste, wirklich freie und interessante Phase des Internet endete irgendwann Mitte der 90er, als das Internet zunehmend kommerzieller wurde. Könnte man auf den 12 April 1994 datieren - der erste SPAM im Usenet.
Marc vom Ork 25.02.2017
2. Die Menschheit ist dieser neuen Entwicklung nicht gewachsen
Zumindest die überwältigende Mehrheit nicht. Die wird dann nicht mehr gebraucht. Profitieren werden einige sehr, sehr wenige Individuen und Konzerne, die das Kapital und die sonstigen Resourcen haben um sich KI und somit [...]
Zumindest die überwältigende Mehrheit nicht. Die wird dann nicht mehr gebraucht. Profitieren werden einige sehr, sehr wenige Individuen und Konzerne, die das Kapital und die sonstigen Resourcen haben um sich KI und somit Wettbewerbsvorteile leisten zu können. Eine Mittelschicht ist dann endgültig passe. bestenfalls als Arbeitssklaven bei Amazon und Co. Ihr werdet es noch erleben. Es geht nur ums große Geld. In der digitalen Welt gibt es immer nur einen Gewinner und eine Meute Verlierer. Es gibt eine erfolgreiche Suchmaschine Google, ein erfolgreiches soziales Netzwerk facebook, ein Microsoft, ein Intel usw. Es gibt keine zweiten Plätze. Kein beschauliches Nebeneinander, keinen echten Wettbewerb,w enn sich einer mal durchgesetzt hat. In diesem Sinne wird es einen "big brother" geben. Der der die KI dominiert. Für den werden wir arbeiten, der wird uns Essen und Wohnen ermöglichen und uns bei Bedarf abschalten. Wer soll denn all die autonomen Autos fahren, von welchem Geld? Sie werden uns nicht gehören, sondern BMW, Google und Konsorten. Das wird noch ein "Riesenspaß", den die meisten noch nicht kommen sehen. Die Beduinen, Eskimos und all die ohne Smartphone und Internet werden es besser haben, als der Rest der versklavten Menschheit in ihren digitalen Hamsterrädern.
Michael Gerhold 25.02.2017
3. Der digitale Okkultismus
Was soll der tausendste überflüssige Digital-Jubelartikel? "Selbstfahrende Autos kurven durch die Straßen von San Francisco"? Warum hat dann Google sein Projekt aufgegeben? Von "schlauen Pullovern" und [...]
Was soll der tausendste überflüssige Digital-Jubelartikel? "Selbstfahrende Autos kurven durch die Straßen von San Francisco"? Warum hat dann Google sein Projekt aufgegeben? Von "schlauen Pullovern" und "klugen Kühlschränken" war auch schon vor 15 Jahren die Rede. Nichts davon ist gekommen. KI gibt es seit den 1950er Jahren. Schach und Go hin oder her, die vielgepriesenen "selbstlernenden neuronalen Netze" sind immer noch dumm wie Bohnenstroh. Man kann sie mit Trainingsdaten kinderleicht hinters Licht führen, denn sie sind prinzipiell unfähig zu zweifeln und stellen nicht mal Rückfragen hinsichtlich der Plausibiltät ihrer Lerndaten. Von "Verstehen" kann deshalb gar keine Rede sein. Das Smartphone ist auch schon wieder zehn Jahre alt. Was ist denn seitdem Neues gekommen? Ein Haufen neuer Begriffe, die uns täuschen. Erst hieß es, ja, die selbstlernenden neuronalen Netze würden die menschliche Intelligenz überflügeln. Als das nicht eintrat, wurde flugs das "deep learning" erfunden. Das wird auch nichts helfen, und dann wird wohl "integrates deep learning" die Jubel-Journalisten auf die falsche Fährte setzen. A propos: die Krise der Printmedien ist meines Erachtens vor allem auf die Leichtgläubigkeit der Journalisten zurückzuführen und darauf, daß man im Internet kostenlos an bessere Informationen kommt. Ich meine: alle alte Hüte im Silicon Valley. Was war Amazon anderes als Versandhandel mit anderen Mitteln? Was ist Internet of things anderes als Garagentorfernbedienung mit anderen Mitteln? Der Rest ist Überwachung. Stellen Sie sich vor, in Ihrem Heizkörper steckt ein Chip. Herr Lehrer, ich weiß was. Ich wurde in Schwarzarbeit eingebaut, mir fehlt die EU-Projektnummer. Dieses oder jenes Bauteil hätte schon längst ausgetauscht werden müssen oder enspricht nicht der neuen EU-Richtlinie xx. Harmlose Dinge werden zu Denunzianten. Oder Gesichtserkennung mit Überwachungskameras. Ihr neunjähriger Sohn fährt 10 Meter mit dem Fahrrad auf dem Bürgersteig. Zwei Stunden später folgt der Bußgeldbescheid. In der Woche werden sie vielleicht 20 davon kriegen. Irgendwann wird sich diese halbschlaue aber allgegenwärtige Überwachung selbst blockieren. Fazit: Es gibt eine Art von "digitalem Okkultismus" der Journalisten, Ökonomen und anderen, die uns dieses halbdurchdachte, absurde Glaubenssystem verkünden. Das seltsame dabei ist, daß man gar nichts hört von den Problemen, die zum Beispiel das selbstfahrende Auto noch immer hat, daß es nicht in der Lage ist, sich bei starkem Verkehr nach der Auffahrt in die Autobahn einzufädeln. Damit lasse ich es mal bewenden, sonst wird mein Beitrag zu lang und mein Zorn immer größer.

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