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einestages

Finanzskandal im Kaiserreich

Die Zocker vom Fürstentrust

Skrupellos wie die Investmentbanker von der Wall Street: 1912 lösten zwei Aristokraten mit riskanten Immobiliengeschäften den größten Finanzskandal des Kaiserreichs aus. Profitiert hat die Deutsche Bank.

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Dienstag, 14.03.2017   11:31 Uhr

Die Adresse, unter der die Handelsvereinigung AG firmierte, machte richtig was her im kaiserlichen Berlin: Dorotheenstraße 67, mitten im Bankenviertel der Reichshauptstadt, auf halber Strecke zwischen Reichstag und Hohenzollern-Schloss. Doch nicht nur der Firmensitz sollte für Exklusivität bürgen, auch die beiden Hauptaktionäre zeigten jene Noblesse, die damals im Wirtschaftsleben hoch im Kurs stand.

Sie waren Galanthommes, Ehrenmänner mit feiner Lebensart aus alten Adelsgeschlechtern, deren Stammbäume in der Zeit der Kreuzritter wurzelten: Christian Kraft Fürst zu Hohenlohe-Öhringen zählte zu den reichsten Deutschen der Jahrhundertwende. Nicht ganz so begütert war Christian Krafts Partner. Doch Max Egon II. zu Fürstenberg hatte direkten Zugang zum Machtzentrum der Monarchie, er war ein enger Vertrauter und Busenfreund von Kaiser Wilhelm II.

Diskutierten Banker, Rentiers und Unternehmer in verrauchten Salons bei altem Cognac und dicken Zigarren über die Handelsvereinigung AG, sprachen sie ehrfürchtig vom "Fürstenkonzern" oder "Fürstentrust". Dessen Chefs hatten Großes vor: Die AG sollte national die Großbanken ausstechen und global auf Augenhöhe mit Tycoons wie den Rockefellers und Vanderbilts mitzocken. Man wollte nicht nur reich und einflussreich sein, sondern superreich - und zum Machtfaktor im Wilhelms Möchtegern-Weltreich werden.

Skrupellos wie die Banker von der Wall Street

Doch den Edelmännern fehlte das wirtschaftliche Geschick und die unternehmerische Fortüne. Zwar bewegte ihr Fürstentrust jahrelang bis zu dreistellige Millionenbeträge: für die damalige Zeit unvorstellbar hohe Summen, die heute Milliarden Euro entsprächen. Doch am Ende blieb unterm Strich nichts mehr übrig - außer rund 110 Millionen Mark Schulden.

Binnen weniger Jahre hatten die Fürsten Werte verzockt, die damals manchem Staatshaushalt entsprachen. Und sie hatten kurz vor dem Ersten Weltkrieg eine ähnliche Immobilienblase ausgelöst, wie sie knapp ein Jahrhundert später die globalen Finanzmärkte ins Trudeln brachte.

Zwar in deutlich bescheideneren Maßstab - in ihrer Skrupellosigkeit aber wirkten die Aristokraten wie die Urahnen jener Investmentbanker, deren Zockerei nach dem Herbst 2008 die Steuerzahler der westlichen Industrienationen Hunderte von Milliarden kostete.

Nachkommen verhindern Aufklärung

Die ruinösen Geschäfte des Fürstentrusts vor dem Ersten Weltkrieg sind kaum bekannt, wesentliche Details liegen noch immer im Dunklen. Der Berliner Journalist Christian Bommarius hat den Wirtschaftskrimi nun in wesentlichen Teilen rekonstruiert (Der Fürstentrust: Kaiser, Adel, Spekulanten, Berenberg-Verlag). Bommarius hat zeitgenössische Quellen ausgewertet und konnte erstmals auch bisher unbekannte Regierungsakten einsehen. Nur die Archive der betroffenen Adelshäuser blieben dem Journalisten verschlossen.

Die Erben von Christian Kraft und Max Egon haben offenbar wenig Interesse, dass das unrühmliche Kapitel der Familiengeschichte wieder aufgeschlagen wird. So bleiben weiße Flecken in diesem Sittengemälde aus dem Spätherbst der deutschen Monarchie, als die rasant wachsende Finanzbourgeoisie längst den Takt vorgab und der Adel im Wirtschaftsleben bereits deutlich an Bedeutung verloren hatte.

"Platz an der Sonne"

In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg war das deutsche Kaiserreich ein Eldorado für Glücksritter, Spekulanten und Hasardeure. Die Wirtschaft boomte, an Rhein und Ruhr rauchten die Schlote, die Reichshauptstadt Berlin wurde zum Motor der industriellen Moderne. Beinahe an jeder Ecke entstanden Baustellen: U-Bahn-Tunnel wurden gegraben, die Stadt mit Elektro-, Telegraphen- und Telefonleitungen verkabelt und Mietskasernen aus dem Boden gestampft, um das in die Stadt strebende Industrieproletariat unterbringen zu können.

Zusätzliches Profitpotenzial bargen die Kolonien in Afrika mit ihren reichen Bodenschätzen, schnelles Geld ließ sich auch mit Schifffahrtslinien und Handelsgesellschaften verdienen. Der Kapitalismus in Deutschland bekam durch den Imperialismus des Kaisers eine globale Dimension.

Auch Christian Kraft suchte für sich einen "Platz an der Sonne" - so das Kaiser-Motto für den späten Einstieg der Hohenzollern in den Kolonialismus. Der passionierte Jäger und Pferdefreund mit einem ganzen Bergbauimperium in Oberschlesien investierte in eine eigene Schifffahrtslinie. Er kaufte eine Kaffeeplantage in Deutsch-Ostafrika, erwarb eine Lizenz zur Kautschuk-Ausbeutung in Kamerun und eine eigene Bank in Palästina.

Einstieg in den Casino-Kapitalismus

Nicht alle wirtschaftlichen Initiativen waren erfolgreich, nicht immer waren Geschäftspartner glücklich. Und mitunter verschwanden in den teils recht komplexen Finanztransaktionen des Fürsten Gelder anderer Leute auf Nimmerwiedersehen - zumindest legen das alte Prozessakten nahe.

1905 wandelte Christian Kraft seinen gesamten industriellen Besitz in eine Aktiengesellschaft um, erhielt dafür von den Aktionären als einmalige Abfindung 44 Millionen Mark und eine jährliche "Rente" von drei Millionen Mark. Genug, um nun im wahrsten Wortsinn in den Casino-Kapitalismus einsteigen zu können: Seinen Ursprung hatte der drei Jahre später gebildete Fürstentrust im Glücksspiel.

Über Strohleute wollten Christian Kraft und Max Egon - der 1905 zur Nachzahlung von fünf Millionen Mark Erbschaftssteuer verurteilt wurde - sowie der Kölner Kaufmann Ernst Hofmann Spielcasinos auf Madeira eröffnen. Die portugiesische Insel sollte ein zweites Monte Carlo werden. Pech nur, dass Portugal kein Glücksspiel auf Madeira genehmigen wollte. Also investierten die Fürsten auf der Atlantikinsel unter einer Legende: Angeblich wollten sie Sanatorien betreiben.

Der Betrug flog auf, doch dank diplomatischer Unterstützung aus dem Berliner Außenministerium und Zahlungen von Schmiergeldern an lokale Politiker und Beamte ging die Sache glimpflich aus. Aus der klandestinen Glücksspiel-Holding namens Madeira Aktiengesellschaft wurde am 24. April 1908 die Handelsvereinigung AG.

"Monsieur Überall"

Das Kapital der AG betrug 15 Millionen Mark. Direktor Hofmann begann nach dem gleichen Prinzip zu investieren, wie man am Roulette-Tisch die Jetons setzt: wahllos und zufällig. Der Fürstentrust beteiligte sich an Reedereien und Werften, hatte Kalibergwerke und Kohlegruben im Portfolio, Versicherungen, Straßenbahn-Unternehmen und vor allem so genannte Terraingesellschaften, die mit fremder Leute Geld Immobilienspekulationen finanzierten. "Monsieur Überall", spottete bald der Berliner Volksmund über die Handelsvereinigung AG der Fürsten.

Schnell überstiegen die Investments ein Vielfaches der Sicherheiten. In der Presse wurde geraunt, dass das Gesamt-Engagement "kaum viel unter einer halben Milliarde Mark" betragen haben dürfte. Die Firmenkonstrukte wurden immer komplizierter und undurchschaubarer. "Ein klarer Einblick ist deshalb nicht möglich, weil alle Beteiligten eine recht weitgehende Taktik der Geheimhaltung betrieben", schreibt 1913 der Wirtschaftsjournalist Artur Lauinger.

Vor allem bei den Immobilienspekulationen in Berlin erwiesen sich anfangs die Firmen-Mimikry als hilfreich. Selbst die Banken, allen voran die Deutsche Bank, verloren den Überblick, wem sie gerade welche Kredite gaben. Dabei waren einige der fürstlichen Grundstücksgeschäfte reine Luftnummern und die Kredite dienten nur dazu, Löcher in anderen kriselnden Geschäftszweigen zu stopfen.

Existenzen vernichtet, Kleinanleger geprellt

1912 stürzte das Kartenhaus des Fürstentrusts mit gewaltigem Getöse ein und riss nahezu den gesamten Immobilienmarkt in der Reichshauptstadt mit in den Abgrund. Reihenweise gingen Gesellschaften pleite, und platzten Kredite, blieben Baufirmen und Handwerker auf unbezahlten Rechnungen sitzen. Die Fürsten hatten eine veritable Finanzkrise ausgelöst.

Wie hoch der Schaden war, den der Fürstenkonzern angerichtet hat, lässt sich heute nicht mehr beziffern - viele Firmenunterlagen und Bilanzen waren schon bei der Liquidierung im Frühjahr 1914 verschwunden. Am Ende gingen viele Gläubiger leer aus, wurden Existenzen vernichtet, Kleinanleger um ihr Erspartes gebracht.

Gewaltig profitiert hat von der Finanzaffäre die Deutsche Bank. Das Geldhaus, zeitweise einer der größten Gläubiger, hatte im Auftrag des Kaisers den Fürstenkonzern filetiert, offenbar eine lukrative Angelegenheit. Danach stieg die Deutsche Bank zum größtem Bankhaus des Reiches auf.

Die Fürsten selbst kamen glimpflich davon. Zwar blieb ihnen von den Investments nichts mehr, auch das ein oder andere Schloss ging verloren. Doch beide Männer konnten auch weiterhin ihrem Luxusleben frönen. Die verbliebenen Schulden verschwanden 1923 in der Hyperinflation - wo binnen Tagen Millionen nur noch Pfennige wert waren.

Die Adelshäuser haben die Megaspekulationen ihrer Altvorderen bestens bewältigt. Allein die Nachfahren von Max Egon besitzen heute noch Wälder im Wert von 700 Millionen Euro.

insgesamt 10 Beiträge
Emil Peisker 14.03.2017
1. Da hat sich der Autor wohl verflogen...:-))
Madeira ist keine Azoreninsel. Die Azoren liegen auf dem atlantischen Rücken und sind 1369 km vom europäischen Festland entfernt. Madeira liegt ca. 740 km westlich von Marocco. Wer da Madeia zu einer Insel der Azorengruppe [...]
Madeira ist keine Azoreninsel. Die Azoren liegen auf dem atlantischen Rücken und sind 1369 km vom europäischen Festland entfernt. Madeira liegt ca. 740 km westlich von Marocco. Wer da Madeia zu einer Insel der Azorengruppe gemacht...?
dream rohr 15.03.2017
2.
...soviel dazu, wenn es heisst, mit Fleiß und Arbeit wird man was... Adelszocker und Bänkische Nieten haben es immer wieder gebracht, die ehrlichen Anleger übern Tisch zu ziehen, von Wiedergutmachung keine Spur, Reue erst recht [...]
...soviel dazu, wenn es heisst, mit Fleiß und Arbeit wird man was... Adelszocker und Bänkische Nieten haben es immer wieder gebracht, die ehrlichen Anleger übern Tisch zu ziehen, von Wiedergutmachung keine Spur, Reue erst recht nicht. Und heute sitzen die Ahnen und Erben der Abzocker, trocken und tief gebettet in Feudalem Reichtum, Großopa hat schon dafür gesorgt, dass seine Sippe ausgesorgt hat....Dem Adel ist mit dieser Geschichte eine passende Maske verliehen worden!
Mario Meyer 16.03.2017
3. @dream rohr, #2
Wie stellen Sie sich das denn bitte vor - "Wiedergutmachung"? Die Verursacher des Crashs verloren ebenfalls praktisch alles, und ihre Nachfahren haben auch nichts geerbt, das sie irgendwie moralisch verpflichten würde, [...]
Wie stellen Sie sich das denn bitte vor - "Wiedergutmachung"? Die Verursacher des Crashs verloren ebenfalls praktisch alles, und ihre Nachfahren haben auch nichts geerbt, das sie irgendwie moralisch verpflichten würde, in dieser Sache aktiv zu werden. Darum kann ich auch verstehen, dass beide Familien ihre Archive nicht öffnen wollten. Die Scham muss riesig sein. Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Die armen Leute!
Andrew Kramer 16.03.2017
4. deutscher Adel - traditionell unfähig, aber glimpflich davon gekommen
Adel, immer noch (unverständlicherweise) mit glänzenden Augen betrachtet, hat sich über Generationen auf Kosten der (arbeitenden) Allgemeinheit bereichert und mit dem größenwahnsinnigen und leider unfähigen Kaiser unser Land [...]
Adel, immer noch (unverständlicherweise) mit glänzenden Augen betrachtet, hat sich über Generationen auf Kosten der (arbeitenden) Allgemeinheit bereichert und mit dem größenwahnsinnigen und leider unfähigen Kaiser unser Land in den Abgrund getrieben. Die blaublütigen Herren im Artikel stürzten arbeitende Menschen samt Familien ins Verderben und zündeten sich danach noch eine Zigarre an. Dass man dann noch erzkonservativer Steigbügelhalter des 3. Reichs war - Schwamm drüber. Anders als in Russland 1917 kam er in Deutschland noch glimpflich davon. Ja, diese Familien mit ihren ererbten Startvorteilen nennen noch Land ihr Eigen, dass der Allgemeinheit gehören sollte. Angeeignet in einer anderen Zeit, aber man genießt ja "Bestandsschutz". Wohl denen, die etwas freiwillig der Gesellschaft zurückgeben. Und sei es nur das ideelle Feigenblättlein.
Harald Reichmüller 16.03.2017
5. Immer wieder dieses Neidgerede
gegen den deutschen Adel. Immerhin wurden wir Deutschen von Königen, Kaisern und Adeligen rund eintausend Jahre lang nicht eben schlecht regiert (nur ein einziger König wurde ermordet, und das aus einem privaten [...]
gegen den deutschen Adel. Immerhin wurden wir Deutschen von Königen, Kaisern und Adeligen rund eintausend Jahre lang nicht eben schlecht regiert (nur ein einziger König wurde ermordet, und das aus einem privaten Liebeshändelgrund!) , jedenfalls besser als von den heute uns regierenden demokratischen Proleten, die unser Land innerhalb von nur siebzig Jahren an die Wand gefahren haben und diese weiterhin tun, weil sie unfähig sind zu lernen. Die zahlreichen Schösser, die wir heute bewundern, waren seinerzeit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Handwerker, Bürger, Bauern, Fuhrleute und andere Gewerke, und das dafür ausgegebene Geld blieb im Inland! Der letzte große Bauherr war König Ludwig II. von Bayern, den die Bayern nicht ohne Grund immer noch verehren. Auch die fürstlichen Forsten waren zwar seinerzeit Jagden, aber eben dadurch auch vor holzfällerischem Raubbau - bis heute - geschützt. Natürlich könnte man den fürstlichen Reichtum gedanklich auf alle Deutschen verteilen, und damit kann sich jeder Deutsche einen Hotelaufenthalt für ein bis zwei Nächte gönnen. Und dann, und danach?

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