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einestages

Schüsse auf Papst Johannes Paul II.

Sakrileg

Nur knapp überlebte Johannes Paul II. das Attentat 1981 in Rom. Warum sollte der Papst sterben? Wer heuerte den Schützen Ali Agca an? Bis heute ranken sich Verschwörungstheorien um das unaufgeklärte Verbrechen.

REUTERS
Von , SPIEGEL TV
Montag, 03.04.2017   11:13 Uhr

Das Attentat: Schüsse aus heiterem Himmel

Der 13. Mai 1981 ist ein sonniger Tag - einer, der die Welt erschüttern wird. In Rom macht sich das Oberhaupt der katholischen Kirche auf den Weg zu einer Generalaudienz, zusammen mit seinem Privatsekretär Stanislaw Dziwisz. Johannes Paul II. und Dziwisz, der spätere Erzbischof von Krakau und Kardinal, sind im offenen weißen Wagen unterwegs. Der Papst lächelt, winkt, hält Babys, drückt Hände.

Johannes Paul II. ist ein Jahrhundertpapst. Vergleichsweise jung, gut in Form, charismatisch, ein Menschenfischer. Und politisch engagiert. Der erste Papst aus Polen ergreift Partei - für die polnische Befreiungsbewegung Solidarnosc und gegen das kommunistische Regime .

Die Menschen auf dem Petersplatz jubeln ihm zu und halten Kameras hoch. Um 17.17 Uhr richtet sich aus der Menge eine Pistole auf den Papst. Das Gesicht des Mannes mit der halbautomatischen Browning ist verzerrt. Schüsse fallen, Johannes Paul II. strauchelt.

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Papst-Attentat 1981: Warum schoss Ali Agca?

Sein Privatsekretär Stanislaw Dziwisz begreift erst Sekunden später, was geschehen ist:

"Ich erinnere mich daran, wie die Tauben, die um den Platz herum versammelt waren, hochschreckten und aufflogen. Und man sah, dass dem Papst die Kraft schwand. Wir begriffen, dass er verletzt war und zur Seite sank. Ich stützte ihn und fragte ihn noch, ob es wehtut. Er antwortete: Ja! Und zeigte auf die Stelle."

Eine Kugel hat den Unterleib des Papstes durchschlagen. Schwer verletzt wird er in die Gemelli-Klinik eingeliefert. Alfredo Wiel-Marin, Assistenzarzt in der Notaufnahme, erzählt:

"Ich war in meinem Zimmer in der Klinik. Da platzten meine Assistenten herein und schrien 'Sie haben auf den Papst geschossen! Sie haben auf den Papst geschossen!' Die Wunden an seinem Körper habe ich noch lebhaft vor Augen. Der Dünndarm war fünfmal durchbohrt. Zum Glück ist die Kugel dann etwas links versetzt ausgetreten, sonst hätte sie auch noch das Rückenmark erwischt."

Fünf Stunden lang ringen die Ärzte um das Leben des Papstes, bis er nach mehreren Notoperationen außer Gefahr ist. Am Abend versammeln sich Tausende auf dem Petersplatz, um für ihn zu beten und zu singen. Kardinal Dziwisz erinnert sich an die angstvolle Spannung:

"Die Atmosphäre in der Welt? Im Grunde genommen hörte die Welt auf, sich zu drehen. Weil niemand vermutet hätte, dass so etwas passieren könnte - und auch noch auf dem Petersplatz. Ein wahres Martyrium."

Der Attentäter: ein Verrückter, ein Werkzeug?

Auf dem Petersplatz wird ein Türke festgenommen. Mehmet Ali Agca, 23, ist in seiner Heimat einschlägig bekannt als Rechtsradikaler. Er wirkt verwirrt, seine Aussagen sind widersprüchlich. Ist er tatsächlich ein verrückter Einzeltäter? Oder will er seine Auftraggeber schützen? Untersuchungsrichter Rosario Priore sagt:

"Von Anfang an hat Ali Agca nur geschauspielert. Er nahm uns bei der Hand, führte uns bis zu einem bestimmten Punkt, dann schubste er uns weg. Wer immer ihm folgte, stand am Ende ohne belastbare Beweise da, die Agcas Version hätten stützen können. Agca war ein meisterhafter Schauspieler. Er hat mit den Ermittlern, der Polizei und der öffentlichen Meinung nur gespielt."

Wenige Wochen nach dem Attentat wird Ali Agca zu lebenslanger Haft verurteilt, im Jahr 2000 auf Ersuchen des Papstes begnadigt und an die Türkei ausgeliefert. Dort hatte er bereits 1979 im Auftrag der rechtsextremen Terrororganisation "Graue Wölfe" einen liberalen Journalisten ermordet und war aus dem Gefängnis entkommen. Nun muss er dafür weiter einsitzen.

Foto: SPIEGEL TV

In Haft äußert er immer wieder Abstruses. Er sei in Wahrheit der Messias. Oder auch: Er habe im Auftrag des bulgarischen Geheimdienstes gehandelt; dann doch des KGB; der Vatikan selbst stecke dahinter. Schließlich behauptet er noch, er habe seine Mission im Namen Ajatollah Chomeinis erfüllt.

Marco Ansaldo, Vatikan-Korrespondent der Tageszeitung "La Repubblica", hält Agca dennoch für zurechnungsfähig:

"Agca ist ein Exzentriker, aber bei klarem Verstand. Viele halte ihn für einen Verrückten, aber das ist er nicht. Vielmehr hat er viele mit seinen bizarren Auftritten vor Gericht und seiner Erklärung, er sei Jesus Christus, bewusst in die Irre geführt. Er hat alle, die sich mit dem Fall beschäftigt haben, Journalisten, Ermittlungsrichter, Geheimdienste, benutzt - so, wie er wiederum von ihnen benutzt worden ist. Es war ein Spiel, in dem die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit immer mehr verschwammen."

Die Polizei-Ballistiker, die den Anschlag nachstellen, sind überzeugt von einem geübten Attentäter. War Agca also ein Werkzeug? Am Ende der umfangreichen Ermittlungen gibt es mehrere mögliche Lösungen. Das hätten die Hintermänner des Anschlags auch so gewollt, sagt der italienische Historiker Aldo Giannuli:

"Das politische Verbrechen ist nie eine einfache Angelegenheit. Und die Flut an Informationen, egal ob wahre oder falsche, soll die Ermittler in den Wahnsinn treiben und ihre Nachforschungen über Hunderte falscher Spuren ins Leere laufen lassen."

Das Motiv: viele Spuren, noch mehr Fragen

Bis heute ungeklärt ist die Schlüsselfrage nach dem Motiv: Warum sollte der Papst sterben? Handelte Agca im Auftrag der rechtsradikalen Terroristen, die ihn schon einmal morden ließen? Doch welches Interesse hätten die "Grauen Wölfe" daran, das Kirchenoberhaupt umzubringen, abgesehen von ihrer obskuren Ideologie, die unter vielen anderen die Christen als Feindbild definiert? Agca selbst hatte bereits 1979 in einem Brief angekündigt: "Ich werde diesen religiösen Führer, (...) den getarnten Kommandanten der Kreuzritter, umbringen".

Die bis heute gängigste Theorie: Die Sowjets steckten hinter dem Anschlag. Leonid Breschnew persönlich habe ihn in Auftrag gegeben, heißt es in einem 2010 veröffentlichten Bericht des Untersuchungsausschusses "Commissione Mitrokhin" im italienischen Parlament.

Demnach war Karol Wojtyla den Kommunisten ein Dorn im Auge, weil er offen die Solidarnosc unterstützte und somit die sowjetische Herrschaft über den gesamten Ostblock gefährdete. In Polen, einem Land mit etwa 90 Prozent Katholiken, barg sein Wort enormes politisches Potenzial. Neben dem moralischen gelangte auch finanzieller Beistand über den Vatikan nach Polen: Gelder der CIA.

Handfeste Beweise konnte die Kommission jedoch nicht vorlegen. Umgekehrt könnte hinter der Sowjetunion-These auch eine Kampagne westlicher Geheimdienste stecken, um die Kommunisten im Kalten Krieg einmal mehr als Bösewichte auszuweisen. Und warum sollten kommunistische Geheimdienstler ausgerechnet eine rechte Terrororganisation mit einem Mord beauftragen?

Paolo Guzzanti, früherer Präsident der Mitrokhin-Kommission zu KGB-Machenschaften in Italien, kommentiert das umstrittene Untersuchungsergebnis so:

"Nichts ist, wie es zunächst erscheint. Es gibt immer eine Wahrheit hinter der Wahrheit und hinter dieser eine weitere Wahrheit, und dann erkennt man vielleicht, dass die erste Wahrheit der wahren Wahrheit vielleicht doch am nächsten kommt."

Johannes Paul II. hat kurz vor seinem Tod 2005 erklärt, er sei überzeugt, das Attentat sei nicht die Tat eines Einzelnen gewesen. An eine "bulgarische Spur" habe er jedoch nie geglaubt.

Vatikan, Banken und Mafia unter einer Decke?

Die Spur, die hingegen in den Vatikan führt, ist die buchstäblich naheliegendere, zugleich die abenteuerlichste und komplizierteste. Denn Anfang der Achtzigerjahre entwickelte sich im Kirchenstaat einer der größten Finanzskandale des 20. Jahrhunderts, um Roberto Calvi, bekannt als der "Bankier Gottes".

Der Präsident des Banco Ambrosiano wurde 1981 illegaler Geldtransfers überführt - gedeckt von Erzbischof Paul Casimir Marcinkus, Direktor der Vatikanbank, der wohl umstrittensten Institution der katholischen Kirche. Marcinkus war Vertrauter und auch Leibwächter des Papstes. Calvi erhielt im August 1981 eine üppige Kreditgarantie über 1,2 Milliarden Dollar, die seine angeschlagene Bank zunächst wieder handlungsfähig machte.

Wo lagen die Gründe für solche Solidarität? Mit Calvis Hilfe wurden Ende der Siebzigerjahre Gelder des Vatikans und der CIA nach Polen transferiert und kamen dort der Solidarnosc zugute. Außerdem hatte Calvi zusammen mit Marcinkus Banken in Panama und auf den Bahamas gegründet, um Gelder aus dem südamerikanischen Kokainhandel zu waschen.

In diesem Metier kannte Calvi sich aus. Bereits ab 1957 übernahm er für Mafia-Gruppen in großem Stil Finanztransaktionen und Wäsche von Drogengeldern, war überdies Mitglied der berüchtigten Geheimloge P2. Deren Aufdeckung führte zum Sturz des italienischen Kabinetts Forlani: Italiens Premier trat wegen der Regierungsverstrickung in die Machenschaften der P2 mit der Mafia und der Vatikanbank zurück - am 26. Mai 1981, dreizehn Tage nach dem Attentat.

Es war wohl diese Verbindung, die auch Calvi zum Verhängnis wurde. Im Juni 1982 fand man ihn erhängt unter einer Londoner Brücke, die Taschen voller Geld und Ziegelsteine - ob die Mafia dahintersteckte, wurde nie vollständig geklärt. "Wenn mir etwas zustößt, muss der Papst zurücktreten", soll Calvi seiner Frau kurz vor seinem Tod anvertraut haben.

Papst Johannes Paul II. hingegen beteuerte wiederholt, die Vatikanbank sei lediglich Opfer finsterer Machenschaften geworden - selbst als der Skandal um die Geldwäsche im Kirchenstaat aufflog. Am Tag des Attentats auf Johannes Paul II. war Marcinkus, sein Leibwächter und Chefbanker, nicht bei ihm.

Ein Finanz-Thriller ohnegleichen - und der Papst womöglich ein Strohmann der Mafia-Connection, Machtkämpfe zwischen Mafia und Vatikan?

"Der Vatikan als Umschlagplatz dunkler Geldgeschäfte, ein Papst-Intimus als mutmaßlicher Betrüger und eine finstre Geheimloge als Drahtzieher im Hintergrund - das ist eine Geschichte fast wie aus den Zeiten der giftmischenden Borgias", schrieb der SPIEGEL ein Jahr später. "Kein Krimiautor von Format würde sich trauen, seinen Lesern einen so fantastisch konstruierten Reißer anzubieten."

Damals waren die Bestseller von Dan Brown noch nicht geschrieben.

insgesamt 3 Beiträge
Aaron Berges 03.04.2017
1.
Macht für mich irgendwie keinen Sinn, dass der Täter angeblich ganz vernünftig sein sollte und zudem noch ein perfekter Schauspieler wäre. Was hätte er denn davon gehabt? Ein Profi hätte doch auch nicht einfach aus der Menge [...]
Macht für mich irgendwie keinen Sinn, dass der Täter angeblich ganz vernünftig sein sollte und zudem noch ein perfekter Schauspieler wäre. Was hätte er denn davon gehabt? Ein Profi hätte doch auch nicht einfach aus der Menge auf sein Opfer geschossen und es dann nicht mal getötet. Um sich so dilettantisch zu verhalten, wobei es auch noch sicher ist, dass man gefasst und lebenslang eingesperrt wird, dürfte man mit ziemlicher Sicherheit nicht klar bei Verstand sein. Und dass er später dann auch nochmal jemanden umgebracht hat und wieder geschnappt wurde, deutet doch sehr stark darauf hin, dass der Täter verrückt ist. Der müsste es ja zu seiner Lebensaufgabe gemacht haben, den Irren mit absoluter Perfektion bis zum letzten Tag zu spielen und dabei ständig anderen und sich selbst zu schaden...das ist doch absurd.
Matthias Wille 03.04.2017
2. Selten so eine...
Melangelage von bestenfalls Halbwissen und konfuser Logik gelesen.
Melangelage von bestenfalls Halbwissen und konfuser Logik gelesen.
Aaron Berges 03.04.2017
3.
#2. das bezieht sich auf den Spon Artikel?
#2. das bezieht sich auf den Spon Artikel?

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