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Letztes Augstein-Gespräch mit Konrad Adenauer (1967)

"Sagen Sie, wie sich die Welt dreht!"

Vor 50 Jahren starb Konrad Adenauer, Gründungskanzler der Bundesrepublik. Kurz zuvor hatte SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein ein Gespräch mit ihm geführt - es erschien nur zwei Tage vor Adenauers Tod.

DPA

Konrad Adenauer (am 4. Dezember 1952 im Bundestag in Bonn)

Samstag, 08.04.2017   15:27 Uhr

Machtmissbrauch, Bestechung und Spähangriffe gegen Willy Brandt - das Bild des ersten Bundeskanzlers muss korrigiert werden. 50 Jahre nach dem Tod von Konrad Adenauer berichtet der SPIEGEL in der aktuellen Ausgabe über Erkenntnisse, die ihn in ein neues Licht rücken. Zuvor verschlossene Akten aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren zeigen einen Politiker mit autoritärem Machtanspruch. Adenauer ließ die Opposition bespitzeln, die SPD wie die FDP, und plante im Kriegsfall die Entmachtung des Bundestages. Er verachtete den gemeinen Bürger als "strohdumm", beauftragte den Geheimdienst mit der Manipulation und Ausforschung der Medien, ließ auch die Idee prüfen, einen "Anti-SPIEGEL" zu gründen - oder den SPIEGEL einfach zu kaufen. Rudolf Augstein allerdings wollte nie verkaufen.

Das Verhältnis zwischen dem ersten deutschen Bundeskanzler und dem SPIEGEL - es war stets kompliziert und geprägt von großen Kontroversen. "Das Schmutzblatt lese ich überhaupt nicht, das macht sich ja von selbst kaputt", zürnte Adenauer 1957. Er las es dann doch. Und als er dem Magazin im Zuge der SPIEGEL-Affäre einen "Abgrund von Landesverrat" vorwarf, begann im Herbst 1962 das Ende der Ära Adenauer. Ein Jahr später wurde er als Kanzler verabschiedet.

Danach hat der SPIEGEL mehrfach mit ihm gesprochen. So besuchte Herausgeber Rudolf Augstein den CDU-Vorsitzenden am 9. Dezember 1966 in dessen Büro, zum ersten Mal seit der SPIEGEL-Affäre. Adenauer versprach ein SPIEGEL-Gespräch, das von außenpolitischen Fragen handeln sollte. Augstein bat ihn, von der Unterhaltung aus dem Gedächtnis eine Niederschrift machen zu dürfen. Konrad Adenauer starb am 19. April 1967, im Alter von 91 Jahren. Zwei Tage zuvor erschien der folgende Artikel im SPIEGEL 17/1967.


Augstein: (murmelt etwas von einer gewissen Rührung, den Dr. Adenauer nach langen Jahren, in denen viel passiert sei, wiederzusehen.)

Adenauer: Ich erinnere mich noch gut, daß Sie mit Ihrem Bruder aus Neuwied kamen, um nur zu sagen, daß Sie eine deutsche "Times" gründen wollten. Sie sind dann eine Zeitlang im trüben Gewässer gefahren, aber das haben Sie mir damals ja gleich gesagt, daß Sie eine Zeitlang durch trübe Gewässer würden fahren müssen. Inzwischen sind Sie da ja durch.

Titelbild

Mehr dazu im SPIEGEL

Heft 15/2017
Geheimakte Adenauer
Machtmissbrauch, Bestechung - und Spähangriffe gegen Willy Brandt

Augstein: Ich kam nicht von Neuwied, sondern von Neuß, und auch nicht mit meinem Bruder, sondern allein. Als mein Bruder mit mir bei Ihnen war, das war 1954, als wir Sie wegen des Schmeißer-Prozesses vernehmen mußten. Es war auch nicht die "Times", sondern die "Time".

Adenauer: Ach, richtig, man vergißt ja soviel.

Augstein: Im Gegenteil. Mich hat Ihr Gedächtnis für wichtige Fragen immer verwundert.

Adenauer: Sie haben einen Artikel über den zweiten Band meiner Memoiren geschrieben, mit dem Sie sich große Mühe gemacht haben. Das hat mich sehr gefreut. Aber in meinem dritten Band, da werden Sie noch sehen, daß Sie unrecht haben mit Ihrer Kritik.

Augstein: Mir ist beim Lesen dieses Buches aufgegangen, worin nach 1945 Ihre Stärke lag. Sie als einziger von den handelnden Politikern wollten etwas, das Sie erreichen konnten, jedenfalls vorläufig erreichen konnten. Das machte Sie allen überlegen.

Adenauer: Wichtiger war noch, daß ich immer so einfach gedacht habe.

Augstein: Haben Sie gelesen, was Golo Mann über den zweiten Band in der "Zeit" geschrieben hat? Er meint, Sie schrieben jetzt besser als im ersten Band.

Adenauer: Das liegt am Stoff. Der nächste Band ist viel schwieriger, er geht von 1955 bis heute. Dann kommt noch ein Band, der die Zeit bis 1945 behandelt. Eigentlich wollte ich mit dem anfangen, aber auf Wunsch der Partei habe ich ihn hintangestellt.

Augstein: Ich muß Ihnen das Kompliment machen, daß Sie, der Sie doch wahrhaftig kein Schriftsteller sind, diese enorme Disziplin des Schreibens auf sich genommen haben.

Adenauer-Brief an Augstein (1966)

Adenauer: Sie werden lachen, das habe ich nur gekonnt, weil ich wie in der Schule vorgegangen bin. Erst mache ich mir eine Disposition, anders fange ich nicht an.

Augstein: Wer hilft Ihnen dabei? Ein Historiker, ein Assistent?

Adenauer: Meine Sekretärin - übrigens Póppinga heißt dat Mädchen, sie ist nämlich Friesin. Das enorme Material kann nur eine Frau durcharbeiten. Sie hat deshalb ihre Studien unterbrochen.

Augstein: Bei Ihnen lernt sie in einem Jahr soviel wie in vier Jahren auf der Universität.

Adenauer: Das hat mir ein Herr, der Professor ist, auch gesagt. Ich wollte doch wissen, ob ich das überhaupt verantworten kann, das Mädchen aus dem Studium herauszuholen.

Augstein: Wie sind Sie mit der neuen Regierung zufrieden?

Adenauer: Ja und nein. Sehen Sie mal, da müssen doch einige Grundgesetzänderungen durchgebracht werden, dazu brauchen wir die Sozialdemokraten.

Augstein: Jedenfalls wird das durch eine Große Koalition erleichtert.

Adenauer: Ich mache mir aber große Sorgen. Sehen Sie mal, Wehner, der ist sehr herzkrank. Wenn der ausfällt, dann ... (Er hebt die Arme.)

Augstein: Das hätten Sie 1957 auch noch nicht gedacht, daß wir beide einmal hier sitzen würden und uns ... (Adenauer hebt in lachender Resignation die Arme und legt sich zurück, das ein wenig drachenhaft geschnittene Gesicht besteht nur noch aus tausend Pergamentfältchen.)

Adenauer: ... über die Gesundheit des Herrn Wehner Gedanken machen! Ausgerechnet Sie und ich! Sagen Sie, wie sich die Welt dreht! (Er wird wieder ernst.) Brandt hätte nicht Außenminister werden dürfen und Schröder - Schröder ... (Er hebt abwehrend die Hände.)

Augstein: Er wird sich bemühen, der eigentliche Außenminister zu sein. Und wer hätte diese beiden Posten sonst übernehmen sollen? In Ihrer Partei haben Sie keinen, Herr Strauß hat zu dezidierte Ansichten, den hätten Sie auch bei der CDU nicht durchbekommen (Adenauer will etwas sagen, sagt aber nichts). Wie sind Sie mit dem Kanzler zufrieden?

Max Ehlert / DER SPIEGEL

Büro mit Kanzlerbild: Augstein bei einem Fernsehinterview 1958

Adenauer: Nun es gab zwei, Gerstenmaier und Kiesinger. Gerstenmaier ist ein guter Redner, aber er springt mal so, mal so (er demonstriert es mit der rechten Hand auf dem Tisch).

Augstein: Und Lücke?

Adenauer: Da hat sich was geändert. Lücke, sehen Sie mal, war ein sehr guter Wohnungsbauminister (er lacht nicht).

Augstein: Und Schröder?

Adenauer (läßt die Hand fallen): Der schon gar nicht! Aber das Klima, das wir hier in Bonn haben, da wird der Herr Kiesinger sich noch wundern, das ist anders als in Stuttgart.

Augstein: Die Treibhausschwüle.

Adenauer: Nein, auch sonst. Und in der SPD, sehen Sie mal, wer ist denn da?

Augstein: Schmidt-Schnauze.

Adenauer: Der, der ist noch sich am Entwickeln, da weiß man noch nicht recht. (Die Kennzeichnung des sich noch am Entwickeln seienden Schmidt stand vorher schon in einigen Blättern.) Sehen Sie mal, sind das nicht schreckliche Zeiten, in denen wir leben?

Augstein: Ja, wenn man so sieht, was von außereuropäischen Gebieten da so auf uns zurückschlägt - da muß der europäische Sozialismus Ihnen doch nicht mehr so verdächtig erscheinen wie früher.

Adenauer: Ja, nicht wahr (wiegt sich lachend, Kinderdrachengesicht in tausend Fältchen), da war ja der Karl Marx ein joldener Junge gegen das, was jetzt ist. (In der nächsten Zeit, meint er, wird er mehr Zeit zum Bücherschreiben haben, und auch Zeit für das erbetene Gespräch. Das kann er aber nicht in seinem Bundeshauszimmer hier, dem früheren Zimmer für den Präsidenten des Parlamentarischen Rates. Augstein wirft ein, in der Tat habe er Konrad Adenauer hier in diesem Zimmer kennengelernt. Zum Bücherschreiben muß er in seinen sechseckigen, nach allen Seiten offenen Glaspavillon nach Rhöndorf. Es folgt die bekannte Geschichte von dem ebenfalls sechseckigen Zimmer des amerikanischen Präsidenten, das ihn zum Bau angeregt hat.)

Augstein: Ich brauche, wenn möglich, eine Aussicht in eine Landschaft, sei es auch aus einem ganz kleinen Fensterausschnitt.

Adenauer: 1937 habe ich all mein Geld zusammengekratzt und mir in Rhöndorf mein Haus gebaut. Wo die Nationalsozialisten alles eng machten, wollte ich wenigstens den Blick ins Weite haben.

Fotostrecke

70 Jahre SPIEGEL: Die Gründerjahre - wie alles begann

Augstein: Da hätte Ihnen der Bäckermeister Peter Profittlich beinahe mit seiner Drahtseilbahn einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Adenauer: Profittlich? (befriedigt und vergnügt) Der ist nun tot.

Augstein: Außer mit der Drahtseilbahn wird er auch nicht in die Geschichte eingehen.

Adenauer: Ach, der war sonst ne janz ordentliche Mann.

Augstein: Backte er denn gute Brötchen?

Adenauer: Nicht einmal, keine Rede von. (Er wird wieder ernst.) Was dieses deutsche Volk mitmachen mußte, das war zuviel. 1918, alles zusammengebrochen, woran man geglaubt hat; 1923 die Inflation, die Arbeitslosigkeit, dann Hitler, dann der Krieg, dann die Alliierten ...

Augstein: Es wäre ein Wunder gewesen, wenn das gute Neue daraus hätte entstehen können, und dieses Wunder ist natürlich ausgeblieben.

Adenauer: Stimmt es, daß der SPIEGEL jetzt 250 000 Auflage hat?

Augstein: Fast 950 000.

Adenauer: Das habe ich nicht gewollt. Um so schlimmer! Sagen Sie mir, warum sind die Tageszeitungen so mittelmäßig in Deutschland? Früher habe ich doch jeden Montag die Leitartikel von Theodor Wolff gelesen, da bekam man etwas mit. Die "FAZ" kann man doch nicht mehr lesen.

Augstein: Wenn man einmal den SPIEGEL außer Betracht läßt, weil der keine Tageszeitung ist und weil ich nun zufällig hier sitze: Die Frage müßten Sie wohl zu einem beträchtlichen Teil an meinen Freund Axel Springer richten, dem gut verkäufliche Zeitungen ungleich lieber sind als gute Zeitungen, abgesehen von seinen politischen Ansichten, über die ich hier nicht streiten will.

Adenauer (beugt sich vor, kein Lachen, jedenfalls dringt es nicht an die Oberfläche): Hat denn der Herr Springer überhaupt politische Ansichten?

DER SPIEGEL

SPIEGEL-Titel 41/1963: Adenauers 14 Jahre

Augstein: Mich dürfen Sie da nicht fragen. Aber das Zeitungmachen wird auch schwieriger. Die "Welt" etwa zapft ganz schön an Springers anderen Blättern.

Adenauer (greift nach der "Rheinischen Post"): Wieso kommt denn diese hier zurecht?

Augstein: (erklärt es, Regionalzeitung, Anzeigen-Situation, etc.)

Adenauer: Aber das mit den Anzeigen war ja immer schon. Das hat man mir schon 1918 erklärt, daß eine Zeitung ohne Anzeigen nicht existieren kann.

Augstein: Aber heute lebt die Tageszeitung in einem sehr viel höheren Prozentsatz von Anzeigen.

Adenauer (greift nach der "Neuen Zürcher"): Was ist mit dieser hier, wieviel Auflage hat sie?

Augstein: 80 000?

Adenauer: 70 000. Wie kommt die zurecht?

Augstein: (erklärt es, Anzeigenblatt für eine an Wirtschaft interessierte Schicht etc.)

Adenauer: Nach dem Krieg bin ich mit Pferdmenges zu DuMont Schauberg gegangen, die Leute kannte ich, und habe ihnen gesagt, sie sollten eine Tageszeitung machen, unserer Richtung natürlich, wie die "Kölnische Zeitung", die hatte früher drei Ausgaben am Tag, aber das war denen zu teuer. Statt dessen haben sie den "Kölner Stadt-Anzeiger" gemacht, das muß ja ein schreckliches Blatt sein.

Augstein: So schrecklich nun wirklich nicht. Aber das erklärt sich einfach. Der "Stadt-Anzeiger" bringt jährlich, ich weiß nicht wieviel, sagen wir zwei Millionen. Die andere Zeitung würde mindestens zwei Millionen kosten.

Adenauer: Die "Kölnische Rundschau" kann man auch nicht lesen (kurzes Sinnieren). Daß der Mensch heute so schnell von einem Ort zum anderen reisen kann, daß er so viele Eindrücke hat, das kann die Menschheit auf die Dauer nicht aushalten. Ich bin da skeptisch. Ich weiß nicht, ob das noch lange so weiter geht. Eine schreckliche Welt.

Augstein: Die Nachrichtenflut, der jeder Mensch heute ausgesetzt ist, kann er kaum verdauen. Aber vielleicht nimmt er nur auf, was ihn nicht irritiert?

Adenauer (abrupt): Das mit der Regierungsbildung hat ja eine Vorgeschichte. Daß der Herr Erhard kein politischer Mensch ist, das habe ich ja schon immer gesagt. Aber nun sagen Sie mal ...

Augstein: Das kann Ihnen Ihr ärgster Feind nicht vorwerfen, daß Sie das nicht früh und nicht ausgiebig unter die Leute gebracht hätten.

Adenauer (fährt mit der rechten Hand nach vorn, Triumphfältchen im Gesicht): Das hab ich ihm sogar schriftlich gegeben! Aber nun sagen Sie mal, wie hat man diesen Mann in Amerika behandelt! Das war doch immerhin der deutsche Bundeskanzler.

Fotostrecke

Titelbilder: SPIEGEL-Titel - die besten Cover des zweiten Jahrzehnts

Augstein: Manche lassen sich das gefallen, manche nicht.

Adenauer: Ja, aber das war ein großer Skandal. Der Herr Holl hat ihn am Flugplatz empfangen, und der war doch schon zurückgetreten, der Herr Holl. (Er meint offensichtlich den stellvertretenden amerikanischen Außenminister Ball.)

Augstein: Der Herr Westrick war ja nun auch schon zurückgetreten und fuhr trotzdem mit.

Adenauer: Ja, und der Herr Westrick hat auch noch seine Frau mitgenommen. Das haben sie alle getan. Nun sagen Sie mal, was macht das für einen Eindruck. Da machen die einen Familienausflug. Aber wissen Sie, wie das zustande gekommen ist mit dem Devisen-Abkommen? Ich kann ja nur wiedergeben, was man mir erzählt hat. Dem Herrn Hassel hat man ein Protokoll vorgelegt, das sollte er unterschreiben. Man hat ihm gesagt, der Herr Erhard und der Herr Johnson seien damit einverstanden. Dabei war Herr Erhard gar nicht einverstanden. Hassel hat das unterzeichnet, weil er getäuscht worden war.

Augstein: Das scheint mir aber etwas anders gewesen zu sein.

Adenauer: So hat der Herr Erhard mir das erzählt.

Augstein: Der Herr Erhard lügt nicht.

Adenauer: Natürlich lügt der Erhard! (Wieder ernst.) Man darf nicht lügen, aber man muß den Leuten nicht immer alles sagen, muß ihnen nicht immer die volle Wahrheit sagen. So habe ich es gehalten.

Augstein: (sagt nichts.)

Adenauer: Alle haben dem Herrn Erhard geraten, jetzt nicht nach Amerika zu fahren. Aber der war ja nicht zu belehren. Der (tausend Fältchen im lachenden Gesicht) hat den Johnson ja für seinen lieben Freund gehalten, nur weil der ihm schöngetan hat. Nun sagen Sie mal!

(Er berichtet, daß er demnächst nach Spanien fahren will, um dort eine "europäische Rede" zu halten. Dem dürfe er sich wohl nicht entziehen. Er will den Escorial besuchen. Augstein empfiehlt ihm Toledo. Das Gespräch kommt auf den Prado. Augstein nennt ihm die Prunkstücke des Museums, unter anderem die "Übergabe von Breda" von Velázquez.)

Augstein: Das Bild ist berühmt, auch wegen der historischen Szenerie. Der spanische Feldherr, der Breda einnahm, galt seiner Zeit als das Vorbild eines ritterlichen Siegers.

Adenauer: Aber der Alba soll doch fürchterlich gehaust haben.

Augstein: Es war eben nicht der Alba. Können Sie Englisch lesen?

Adenauer: Nur mit großer Mühewaltung.

Augstein: Ich habe da von der Historikerin Wedgwood ein Buch über den Dreißigjährigen Krieg. Wenn man das liest, dann begreift man vieles, was hier in Deutschland passiert ist. Wenn es übersetzt ist, möchte ich es Ihnen schicken.

DPA

Konrad Adenauer mit Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß bei der Debatte zur SPIEGEL-Affäre im Bundestag am 9. November 1962

Adenauer: Heute sind die Zeiten noch schrecklicher. Sehen Sie, mir hat der Kennedy gesagt, wenn Südamerika in die Hand der Kommunisten fällt, dann sind wir alle verloren.

Augstein: Im Gegenteil, der Kommunismus würde sich da eine schreckliche Niederlage holen. Der kann das Gebiet auch nicht regieren. Heer gegen Luftwatte, Luftwaffe gegen Heer, niemand versteht das, sicher verstehen es auch die Kommunisten nicht. Der amerikanische Botschafter durchschaut es natürlich auch nicht.

Adenauer: Heute war der Herr Monnet bei mir. Der ist ja von Herrn de Gaulle abgefallen, weil er bei dem nichts geworden ist (Augstein kann vor Verblüffung nichts einwerfen), und der hat mir gesagt, die Franzosen gehen nie bis zum Letzten.

Augstein: Das unterscheidet sie von uns Deutschen.

Adenauer: Und da habe ich ihm gesagt, aber der Herr Mollet, der will doch die Volksfront. Nein, sagt der Herr Monnet, das sagt der Herr Mollet nur, der geht nicht bis zum Letzten, der macht keine Volksfront. Das habe ich ihm nicht geglaubt. Aber ich habe es doch gern gehört. Die Deutschen (er scheint den Einwurf aufzunehmen) sind ja ein komisches Volk. Da hat doch bei Ihnen im SPIEGEL gestanden, wie in Berlin die Mauer gebaut worden ist. Der Herr Brandt hat mir das alles bestätigt, was Sie da geschrieben haben. Und wenn Sie sich nun vorstellen, diesem Kennedy, was haben die Deutschen dem auch noch zugejubelt! (Gesicht in Lachfalten.) Ich kenne doch nun wirklich Frankreich sehr gut.

Augstein: Frankreich ist über den Berg. Ihm wird es nie wirklich schlechtgehen. Bei England hat man da seine Zweifel.

Adenauer: Wissen Sie, was mit England ist? Seit es das Flugzeug gibt, geht es mit England bergab. Mir hat einmal ein Inder gesagt, ein sehr kluger Mann, die Engländer haben Indien wie eine Kolonie behandelt, haben das Land ausgebeutet, und wenn sie nach England zurückgekommen sind, dann hatten sie verlernt, wie man ehrlich sein Geld verdient.

Augstein: Man weiß nicht recht, ob sie den Anschluß an moderne Fertigungsmethoden rechtzeitig finden. Wenn in einer englischen Druckerei ein Mann am Arbeitstisch krank wird, der eine Platte von einer Seite auf die andere tragen muß, dann können zehn Leute herumstehen, keiner wird die Platte anfassen. Alle warten, bis der Ersatzmann von irgendwo herbeigeholt worden ist.

Adenauer: Da habe ich hier ein ähnliches Beispiel. Sehen Sie, ich hab' da hinten eine kleine Toilette, und da hat ein Vögelchen was Menschliches an die Scheibe gemacht. Ich habe gedacht, wollen mal sehen, was nun passiert. Es passierte aber nichts. Da hab' ich das Fräulein Póppinga gefragt, warum die Putzfrau das nicht wegmacht. Das ist keine Sache für die Putzfrau, hat sie gesagt, sondern für den Fensterputzer, und der kommt alle vierzehn Tage. Die Putzfrau macht so was nicht weg. Da hab ich es selbst weggemacht.

(Er spricht dann von seiner Absicht, demnächst auch noch nach Portugal zu fahren, Augstein erwähnt eine beabsichtigte Mexiko-Reise.)

Adenauer: Dann grüßen Sie mir man die Inkas.

insgesamt 20 Beiträge
Bernd Schaetz 08.04.2017
1. Adenauer
Was interessieren diese ollen Kamellen ? Adenauer und die CDU haben in den 50ern den Grundstein fuer unser heutigen gutes Leben gelegt. Alles andere sind Peanuts.
Was interessieren diese ollen Kamellen ? Adenauer und die CDU haben in den 50ern den Grundstein fuer unser heutigen gutes Leben gelegt. Alles andere sind Peanuts.
Wilfried Auen 08.04.2017
2. gnädig sein
Naja, ein 91jähriger darf schon mal die Inkas mit den Azteken verwechseln. Überhaupt wird man im Alter gnädiger mit sich selbst und den anderen. Jene miefige Ära der 1950/60er Jahre hat es geschafft, mich aus Deutschland zu [...]
Naja, ein 91jähriger darf schon mal die Inkas mit den Azteken verwechseln. Überhaupt wird man im Alter gnädiger mit sich selbst und den anderen. Jene miefige Ära der 1950/60er Jahre hat es geschafft, mich aus Deutschland zu vertreiben, wohin ich seitdem nur noch auf Urlaub reise. Aber ich gestehe, dass ich Adenauer heute "gnädiger" beurteile als früher.
Björn Daiber 08.04.2017
3. Grossartig der Spiegel damals, ...
...kein Politiker, egal in welcher Partei konnte sich sicher fühlen, beim Spiegel bekamen alle ihr Fett weg. Heute wirkt der Spiegel wie die vorgelagerte Pressestelle der Bundesregierung. Vorauseilend, angepasst, unkritisch. [...]
...kein Politiker, egal in welcher Partei konnte sich sicher fühlen, beim Spiegel bekamen alle ihr Fett weg. Heute wirkt der Spiegel wie die vorgelagerte Pressestelle der Bundesregierung. Vorauseilend, angepasst, unkritisch. Schade.
Angelheart 08.04.2017
4. Nenne man mir...
...einen politisch denkenden Menschen, der die Adenauer-Ära erlebt oder sich später damit beschäftigt hat, der nicht davon ausging, dass der Alte genau die Schweinereien angeordnet hat, die man jetzt erfährt! Der war 1917-1933 [...]
...einen politisch denkenden Menschen, der die Adenauer-Ära erlebt oder sich später damit beschäftigt hat, der nicht davon ausging, dass der Alte genau die Schweinereien angeordnet hat, die man jetzt erfährt! Der war 1917-1933 in Köln schon als - durchaus begabter Spitzbube bekannt.
Michael Graw 08.04.2017
5. Wo er recht hat, hat er recht.
Die heutige höchst oberflächliche Informationsflut von sämtlichen Massenmedien kaschiert und maskiert effektiv die wahren Handlanger und deren Ziele sowie die ungelösten und den Otto Normalverbraucher betreffenden Probleme [...]
Die heutige höchst oberflächliche Informationsflut von sämtlichen Massenmedien kaschiert und maskiert effektiv die wahren Handlanger und deren Ziele sowie die ungelösten und den Otto Normalverbraucher betreffenden Probleme (Schere zwischen arm und reich, Altersarmut, prekäre Beschäftigungen, Rentenniveausenkung und Steuerverschwendung)! Lieber wird wochenlang über einen Terroristen in D berichtet während jährlich Tausende im Straßenverkehr umkommen und die LKWs immer mehr und schwerere Unfälle verursachen.

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