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Berliner Nachkriegsfotos

"So, jetzt ist Deutschland am Ende"

Familien flanieren über Trümmerberge, Kinder spielen in Ruinen: Ernst Hahn fotografierte den Berliner Alltag 1950/51. Lange schlummerten die Negative in einer Blechbüchse - bis sein Fotoschatz gehoben wurde.

ullstein bild/ Archiv Hahn/ Weissberg
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Dienstag, 11.04.2017   12:00 Uhr

"Suche Arbeit. Nehme jede Arbeit an", steht auf dem Schild vor einem vergitterten Fenster am Kurfürstendamm 170. Ein Mann, langer Mantel, abgetretene Schuhe, sitzt auf einem Stein vor dem Schild und blickt zu Boden.

Arbeitslose prägten das Straßenbild im Berlin der Nachkriegsjahre ebenso wie die Frau mit dem Kopftuch, die Backsteine aus den Ruinen am Kaiserdamm stapelt. Oder der Straßenhändler, der auf einem Trümmergrundstück in der Potsdamer Straße seine Waren feilbietet.

Der Mann hinter der Kamera, der solche Szenen einfing, heißt Ernst Hahn - und maß den eigenen Aufnahmen nie besondere Bedeutung bei: "Eine Hausaufgabe war das, eine Fingerübung, weiter nichts", sagt Hahn, Jahrgang 1926, im einestages-Gespräch. "Nehmt eure Kamera mit und macht was in den Osterferien", hatte der Lehrer die angehenden Fotografen der Kunstgewerbeschule Zürich im Frühling 1950 ermahnt.

Fotostrecke

Berlin nach dem Krieg: Zwischen Zerstörung und Zuversicht

Hahn, damals 23 Jahre alt, schnappte sich seine Rolleiflex und ein paar Filme, fuhr in seine alte Heimat und knipste drauflos. Entstanden ist ein faszinierendes Panoptikum des Berliner Alltags in der Nachkriegszeit - zwischen Zerstörung und Wirtschaftswunder, Trostlosigkeit und Aufbruchsstimmung.

Schweiz statt Stalingrad

Es war das erste Mal, dass Hahn nach Kriegsende an die Spree fuhr, um seine Eltern zu besuchen. Einfach Richtung Zentrum gewandert sei er damals, "im Kopf ganz grob den Stadtplan aus Kindertagen", erzählt Hahn. Der ihm jedoch wenig bei der Orientierung half:

"Es war erschütternd, Berlin war kaum wiederzuerkennen. Am Ku'damm normalisierte sich das Leben so langsam wieder: Da war es recht aufgeräumt, fuhren Limousinen, gingen die Menschen ins Kino. Die Amerikaner, Franzosen und Briten sorgten dafür, dass in ihren Zonen langsam das Leben wieder aufblühte. Aber wenn man ein paar Schritte weiterging, war einem, als würde man durch Kulissen aus dem Mittelalter laufen. Auf mich wirkte es so, als würde aus den Trümmern noch Leichengeruch aufsteigen. Da überläuft es einen kalt."

Evelyn Weissberg

Fotograf Ernst Hahn (2012)

Ernst Hahn wurde 1926 als Sohn eines Gärtners und einer Blumenverkäuferin in Nowawes (heute Potsdam-Babelsberg) geboren. Als Kind erkrankte er an "nasser Rippenfellentzündung". 1943 wurde Tuberkulose diagnostiziert, Hahn für wehrdienstuntauglich erklärt. Da er zudem unter einer Erkrankung des Kniegelenks litt, riet das Potsdamer Gesundheitsamt zu einer Kur in einem Sanatorium in Davos.

"Statt nach Stalingrad schickte man mich in die Schweiz. Und das mitten in der Pubertät. Ein Wunder, wie man es sich für keinen Roman besser hätte ausdenken können. Trotzdem habe ich mich sehr geschämt: Meine Klassenkameraden mussten in den Krieg ziehen, viele kehrten nie wieder zurück. Und ich fuhr in die Berge."

Drei Tage und drei Nächte dauerte die Reise mit dem Zug Ende 1944, wegen der Bombardements wurde die Fahrt immer wieder unterbrochen. Obwohl die Schweizer Regierung bereits zwei Jahre zuvor ihre Grenzen für Flüchtlinge geschlossen hatte, ließ man den schwerkranken Teenager passieren.

In Davos musste Hahn monatelang das Bett hüten und vertrieb sich die Zeit mit Kunst- und Schönschriften - bis ein Grafiker auf ihn aufmerksam wurde. Er empfahl Hahn, sich an der Kunstgewerbeschule in Zürich vorzustellen, wo er 1948 angenommen wurde.

Geknipst, verstaut, vergessen

Zweimal, zu Ostern 1950 und genau ein Jahr später, fuhr Hahn mit seiner Rolleiflex von der Schweiz nach Berlin, um dort zu fotografieren. Bei seinem ersten Besuch standen die Ruinen des Stadtschlosses noch - beim zweiten war es verschwunden: Die DDR-Führung hatte die Überreste des Gebäudes wegsprengen lassen, den Schlossplatz in Marx-Engels-Platz umgetauft.

In Ruinen spielende Kinder, sozialistische Losungen an Häuserwänden, Familien, die im Sonntagsstaat über Trümmerberge flanieren: Hahn lichtete alles ab, was ihm vor die Linse kam. Am 1. Mai geriet er zufällig in eine Kundgebung auf dem Platz der Republik, wo Hunderttausende zusammenströmten, um die Rede von Bürgermeister Ernst Reuter zu hören. Hahn schob sich durch die Menge bis zur Tribüne und zückte die Kamera.

Nur zwei seiner Berlin-Aufnahmen, abgedruckt am 26. Mai 1950 in der "Neuen Zürcher Zeitung", fanden öffentlich Beachtung. Den Rest der knapp 400 Negative legte Hahn in eine Blechdose, verstaute sie in der hintersten Ecke seiner Wohnung und dachte nicht weiter dran.

"Ich hatte anderes zu tun", sagt Hahn lakonisch. In den Fünfzigerjahren zog er in die Bundesrepublik und machte als Industrie- und Werbefotograf Karriere. Die Schweizer Behörden hatten ihm 1953 die Arbeitserlaubnis verweigert: "Wegweisung wegen Gefahr der Überfremdung".

"So, jetzt ist Deutschland am Ende"

Die Blechdose mit den Berlin-Negativen wanderte bei jedem neuen Umzug mit, ungeöffnet, unbeachtet. Bis Hahns Ehefrau ins Pflegeheim kam und er den Haushalt auflösen musste.

2012 stolperte Evelyn Weissberg, die Hahn beim Ausmisten half, über den Fotoschatz. Die Berliner Verlegerin erkannte den Wert der einzigartigen Aufnahmen und gab einen Bildband heraus. Prompt erkannte sich die Frau vom Buchcover wieder - die fesche 19-Jährige, die auf Hahns Foto von 1950 mit wehendem Rock über den Kaiserdamm läuft, ist längst Rentnerin.

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Berlin um 1950

Fotografien von Ernst Hahn

edition Friedenauer Brücke, 216 Seiten, 39,00 Euro.

Schaut sich der Fotograf heute die alten Aufnahmen an, kehren die Gefühle von einst zurück: das Schaudern über die zertrümmerte Stadt ebenso wie das Erstaunen darüber, wie ordentlich es mancherorts schon war, wie gut gekleidet viele Menschen durch die Straßen liefen: "Da war viel Zuversicht zu spüren", sagt Ernst Hahn, der in einem Seniorenheim in Berlin-Friedenau lebt.

Ein Foto, das ihm besonders am Herzen liegt, zeigt Arbeiter, die auf dem Schlossplatz die historischen Laternen aus der Kaiserzeit demontieren.

"Als ich das sah, konnte ich für mich sagen: So, jetzt ist Deutschland am Ende. Nicht nur Nazi-Deutschland, sondern auch das kaiserliche, Preußens Glanz und Gloria. Aus und vorbei."

insgesamt 17 Beiträge
Thomas Mix 11.04.2017
1. die Bildunterschrift...
...beim ersten Bild würde ich noch mal überdenken. "Besser als jeder Abenteuerspielplatz - Kinder vergnügen sich in den Trümmern Berlins." finde ich bei dem Leid, dem Grauen und der Zerstörung durch den Zweiten [...]
...beim ersten Bild würde ich noch mal überdenken. "Besser als jeder Abenteuerspielplatz - Kinder vergnügen sich in den Trümmern Berlins." finde ich bei dem Leid, dem Grauen und der Zerstörung durch den Zweiten Weltkrieg etwas sehr makaber.
Patrick Santer 11.04.2017
2. An all die Jammerer in Deutschland!
Seht Euch bitte diese Fotos an. Da hatte Deutschland noch wirkliche Probleme. Dagegen sind unsere Problemchen heute sowas von marginal...
Seht Euch bitte diese Fotos an. Da hatte Deutschland noch wirkliche Probleme. Dagegen sind unsere Problemchen heute sowas von marginal...
Manfred Kuscholke 11.04.2017
3. Aus den Trümmern entstanden
Wie konnte das zerstörte Land wieder aufgebaut werden? Weil die Kriegsgeneration nicht den Weg der Flucht aus dem eigenen Land gewählt hat, nicht gejammert hat und angepackt hat unter Hunger und in erbärmlichen Unterkünften. [...]
Wie konnte das zerstörte Land wieder aufgebaut werden? Weil die Kriegsgeneration nicht den Weg der Flucht aus dem eigenen Land gewählt hat, nicht gejammert hat und angepackt hat unter Hunger und in erbärmlichen Unterkünften. Meine Eltern waren täglich unterwegs die Versorgung ihrer drei Kinder zu organisieren, nachdem sie ihre Heimat und ihr Vermögen verloren hatten.
Michael Schnickers 11.04.2017
4. Nein, die Hochbunker...
wurden nicht "zerbombt". Keiner dieser Bunker wurde nennenwert beschädigt. Erst nach dem Krieg wurden die die drei Hochbunker-Paare Berlins gesprengt. Das war sehr aufwendig. Und nur die beiden Zoo-Bunker wurden auch [...]
wurden nicht "zerbombt". Keiner dieser Bunker wurde nennenwert beschädigt. Erst nach dem Krieg wurden die die drei Hochbunker-Paare Berlins gesprengt. Das war sehr aufwendig. Und nur die beiden Zoo-Bunker wurden auch komplett beseitigt, die anderen beiden Paare sind als große, bewachsene Hügel und Aussichtspunkte erhalten.
Marvin Reuters  11.04.2017
5. Deutschland wurde wieder aufgebaut, aber die
Heute, im 21. Jahrhundert, sollte man in Deutschland endlich wieder darüber nachdenken, "schön" und nicht nur funktional zu bauen. Die architektonischen "Narben" des Krieges sind in den meisten deutschen [...]
Heute, im 21. Jahrhundert, sollte man in Deutschland endlich wieder darüber nachdenken, "schön" und nicht nur funktional zu bauen. Die architektonischen "Narben" des Krieges sind in den meisten deutschen Städten in form von liebloser, spartanischer Architektur allgegenwärtig. Leider wurde daraus eine Ideologie der "klaren Formensprache". Früher waren Architekten vor allem Künstler, heute sind es Ingenieure - entsprechend sehen die Fassaden dann auch aus...

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