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einestages

Inselsprengung in der Nordsee

Hell-Go-Land!

Mit 6700 Tonnen Munition wollten die Briten vor 70 Jahren die Seefestung der Nazis zerstören, doch Helgoland überlebte. Zwei Insulaner über den "Big Bang", der ihr Leben veränderte. Und bis heute nachhallt.

AP
Von
Dienstag, 18.04.2017   11:18 Uhr

Wann kommt er endlich, der große Knall? An diesem sonnenklaren, windstillen 18. April 1947 liegt Olaf Ohlsen, 11, mit anderen Helgoländer Kindern auf dem Elbdeich in Cuxhaven. Um 13 Uhr blickt er übers Wasser Richtung Nordwesten, spitzt die Ohren, rechnet mit ohrenbetäubendem Krach. Und einer gewaltigen Detonationswelle.

Alle Türen und Fenster sollten die Küstenbewohner geöffnet lassen, aus Angst vor möglichen Beben. Selbst in Hamburg wurde Schulkindern verboten, auf Mauern oder in der Nähe von Ruinen zu spielen. Eine ganze Region hält damals den Atem an.

Doch alles, was Olaf Ohlsen hört, ist ein Grollen, einem Donner ähnlich. Die Luft erzittert. Nur eine Vorsprengung, denkt der Junge. Dann sieht er die riesige Rauchwolke aufsteigen.

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"Big Bang" auf Helgoland: Vom Seebad zur Toteninsel

"In dem Moment war uns allen klar: Helgoland ist gesprengt." Olaf Ohlsen, schwarze Schiebermütze, große Brille, reißt die Hände hoch. Und lässt sie sachte wieder auf die Knie sinken. Der heute 81-Jährige sitzt auf einer Bank im Zivilschutzbunker der Insel, 18 Meter unter der Erde.

NS-Größenwahn auf dem Roten Felsen

Seit gut zehn Jahren führt der frühere Postbeamte Touristen durch die schmalen, feuchten Gänge mit grünen Algen an den Wänden. Er klärt auf über die sonderbare Historie des Eilands, das mal dänisch war, dann britisch. Und erst ab 1890 zum Kaiserreich gehörte - was die Helgoländer aber längst nicht automatisch zu Deutschen machte.

Olaf Ohlsen: "Ein großes Grollen"

Foto: SPIEGEL ONLINE

"Der Helgoländer fühlt sich in erster Linie als Helgoländer", erklärt Ohlsen feierlich, seine Großeltern waren noch englisch geboren. Im Zweiten Weltkrieg sei man eher auf Seite der Briten gewesen als für die Nationalsozialisten. Die hatten die ganze Insel zur Festung ausgebaut, strotzend vor Waffen, Militäranlagen, Munition. Als Kind habe man sich kaum noch frei bewegen können, alles sei abgesperrt gewesen, so Ohlsen.

"Hummerschere" hieß das wahnwitzige NS-Projekt des Umbaus von Helgoland zum größten maritimen Vorposten in der Nordsee. Schon während des Ersten Weltkriegs war die Insel zur modernen Kriegsfestung hochgerüstet worden - unter den Nazis sollte die Fläche nun vervierfacht werden. Das Nordostland wurde neu angelegt, die ganze Insel von Tunneln durchbohrt. Im Süden entstand ein gigantischer U-Boot-Bunker mit drei Meter dicken Decken.

Testgelände für die Royal Air Force

Am 18. April 1945, drei Wochen vor Kriegsende, legten Piloten der Royal Air Force die Insel erstmals in Schutt und Asche. In 104 Minuten luden fast tausend Flugzeuge ihre Bombenlast auf Hitlers Kriegsfestung ab. Was selbst die nachvollziehen können, die unmittelbar darunter litten, Olaf Ohlsen ebenso wie Kapitän Erich Nummel-Krüss.

"Das haben uns die Deutschen eingebrockt", sagt Krüss, 85, Familienforscher und Hummerfischersohn. An den Wänden seines Arbeitszimmers hängen Helgolandkarten, Hummerkörbe, Wimpel der Reedereien, mit denen Krüss über die Weltmeere fuhr. Nicht akzeptieren kann er bis heute, dass auf Helgoland auch nach der Kapitulation der Deutschen weiter Bomben prasselten: "Für uns ging der Krieg einfach weiter."

Wie alle anderen mussten Krüss und Ohlsen die zerstörte Insel im April 1945 verlassen. Die knapp 2000 Helgoländer wurden auf 150 norddeutsche Orte verteilt, waren als Flüchtlinge unbeliebt, entwurzelt, ohne Besitz. Ohlsens Familie kam in einer feuchten Souterrainwohnung in Cuxhaven unter, Krüss im benachbarten Otterndorf, in einer halb verfallenen Kate.

Die Insel übernahmen am 11. Mai 1945 die Briten, fortan diente Helgoland als Übungsabwurfplatz für Bomben. Die größte, mit 6700 Tonnen Munition, detonierte am 18. April 1947: Die "Operation Big Bang", bis dahin größte nichtnukleare Sprengung der Geschichte, sollte sämtliche militärische Anlagen vernichten.

Dazu hieß es in einem von den Briten veröffentlichten Protokoll:

"Es ist beabsichtigt, am Tunnelsystem und am U-Boot-Bunker irreparable Schäden anzurichten und gleichzeitig 4000 BRT deutsche Munition und Sprengstoff zu zerstören, die aus Transportgründen weder entfernt noch abgeladen/ausgekippt werden können."

Kistenweise wurden Granaten, Raketen und Sprengstoff in den Bauch der Insel transportiert, Zünder angebracht, Kabel verlegt, Berechnungen angestellt. Da die Briten den ursprünglichen Sprengtermin Ende März nicht einhalten konnten, verschoben sie den "Big Bang" ausgerechnet auf den 18. April - den zweiten Jahrestag des großen Bombenangriffs auf Helgoland.

Englische Doku über den "Großen Knall" von 1947

Um 13 Uhr, nach dem dritten Ton des BBC-Zeitsignals, war es so weit: Vom neun Meilen entfernten britischen Schiff "Lasso" löste Leutnant Edward C. Jellis die Sprengung aus.

"Riesige Stichflammen"

Während die Helgoländer zu Hunderten auf dem Elbdeich standen und ängstlich Richtung Nordwesten blickten, verfolgte der Bremer Ingenieur Heinrich Bunje die Sprengung von einem Schiff vor der Insel:

"Man sah deutlich riesige Stichflammen nach allen Richtungen hervorbrechen, dann verschwand die Insel in einer den ganzen Horizont bedeckenden Rauch- und Staubwolke, aus der ein Rauchpilz von etwa 4000 m Höhe hervorschoss. Jedermann war der Ansicht, dass von der Insel nichts mehr übriggeblieben sein konnte. Jedoch nach etwa 20 Minuten verzog sich der Qualm, und deutlich kam die Lange Anna in Sicht, nach und nach die ganze Insel. Allgemeines Jubelgeschrei."

Der Rote Felsen hatte der Großexplosion getrotzt. Zwar war die Südspitze im Meer versunken, die Nordspitze zusammengefallen, metertiefe Bombentrichter entstanden. Doch die Inselform blieb weitgehend erhalten - der poröse Sandstein hatte den gewaltigen Druck abgepuffert.

Zementbombe zum Abendessen

"Wir waren wahnsinnig erleichtert", sagt Krüss. Und zugleich ernüchtert: Eine Rückkehr der Helgoländer auf diese von Kratern zerfurchte, von Blindgängern verseuchte Mondlandschaft schien in weite Ferne gerückt. Zumal die Briten - ebenso wie die in Großbritannien stationierte U.S. Air Force - die Insel auch nach dem "Big Bang" weiter attackierten.

Zweimal wäre Krüss um ein Haar Opfer dieser Übungsbombardements geworden. Obwohl Helgoland für die gesamte Schifffahrt gesperrt und das Betreten streng verboten war, ankerte der Teenager dort bei schlechtem Wetter ab und zu mit seinem Vater: Der Hummerfischer ging vor der Hochseeinsel seinem Gewerbe nach - der Sohn musste helfen.

Erich Nummel-Krüss über die Sprengung

Foto: SPIEGEL ONLINE

"Eines Abends, wir wollten gerade frisch gefangenen Dorsch essen, fiel in 30 Meter Entfernung eine Zementbombe mitten in die Hafeneinfahrt", erzählt Krüss. Ein anderes Mal, 1949 oder 1950, rissen ihn Brandbomben aus dem Schlaf: "Ganz Helgoland war in rotes Feuer getaucht, die Flugzeuge waren so nah, dass wir die Piloten im Tiefflug in ihrem Cockpit sehen konnten."

Ungeachtet der tödlichen Gefahr aus der Luft betrat Krüss mehrfach das geschundene Eiland, hastete durch die Trümmer und suchte nach seinem Elternhaus, immer unter Zeitdruck. "Ich fand nichts, erkannte nichts wieder, kein Stein war mehr auf dem anderen."

Der Papst sollte es richten

Dennoch stand für Krüss, Ohlsen und alle anderen Helgoländer fest: Sie wollten zurückkehren, unbedingt. Die Inselbewohner organisierten sich, appellierten an die britische Regierung, die Vereinten Nationen, sogar an den Papst. Und bekamen Unterstützung - von ganz links bis ganz rechts.

Kommunisten wie Revanchisten, Pazifisten wie Nationalisten machten sich für ein deutsches Helgoland stark. Die Insel wurde zur politischen Bühne für Akteure jeder politischen Couleur.

Mal wurde Helgoland besetzt von Europafreunden wie den Heidelberger Studenten René Leudesdorff und Georg von Hatzfeld, mal von linken Jugendlichen um den Hamburger Peter Goettsche, im Gepäck die Friedensfahne mit Picassos Taube. Ende Mai 1951 kaperten rund 100 Helgoländer selbst für drei Tage ihre Insel, Krüss war dabei.

Deutscher Bericht übers zerstörte Helgoland von 1950

Knapp ein Jahr später, am 1. März 1952, lenkten die Briten ein und gaben Helgoland den Deutschen zurück. Endlich durften die Bewohner zurückkehren. Als Vertreter der Jugend nahm Olaf Ohlsen an den Feierlichkeiten teil, mit der Aufgabe, grün-weiß-rote Helgoland-Sträußchen auf den Gräbern des Friedhofes zu deponieren. "Ich fand nicht einmal die Kirche, der Anblick war grauenvoll", sagt er.

Noch heute lässt der "Big Bang" Männern wie Ohlsen und Krüss keine Ruhe. Noch immer fragen sie sich, was die Briten bei der verheerenden Mega-Sprengung vor 70 Jahren antrieb. Ging es ihnen allein um Entmilitarisierung, um die Erfüllung des Potsdamer Abkommens von 1945?

Genau so steht es in den offiziellen Akten der "National Archives", betont Martin Krieger, Professor für Nordeuropäische Geschichte. "Eine Schutzbehauptung", hält Krüss dagegen. Er ist der Meinung, das britische Militär wollte die verhasste Insel, von manchen Soldaten damals "Hell-go-land" genannt, komplett von der Landkarte fegen.

"Blow the bloody place up"

Bestätigt fühlt sich Krüss durch Jan Rüger. Der deutsche Historiker unterstreicht in seinem Buch "Heligoland: Britain, Germany, and the Struggle for the North Sea" die Bedeutung des "Großen Knalls" als symbolischer Akt und Machtdemonstration.

"Blow the bloody place up": Diesen Satz hat Rüger wortwörtlich so gefunden - in den privaten Aufzeichnungen des mit der Sprengung betrauten Commanders F.T. Woosnam. "Niemals mehr sollte militärische Aggression von deutschem Boden ausgehen" - dies sei die Botschaft des "Big Bang" gewesen, so Rüger.

Ein Knall, der bis heute nachhallt und das Antlitz der meerumtosten Insel prägt. Weiter werden Blindgänger aus dem Erdreich geborgen, erinnern Bombentrichter und Betontrümmer an die gewaltige Explosion von einst. Nur ganz wenige Relikte aus der Zeit vor Krieg und Sprengung haben überlebt. Eines davon ist der Maulbeerbaum.

Das knorrige Gewächs, bekannt als "Wunder von Helgoland", steht auf dem Oberland, wenige Meter vom Bunkereingang entfernt, und reckt seine kahlen Äste in den Frühlingshimmel. "Er ist das Symbol für unseren Überlebenswillen. Unseren Willen, noch mal von vorn zu beginnen. Seine Früchte schmecken köstlich, ein bisschen wie Brombeeren", sagt Ohlsen, ein wenig kurzatmig vom Aufstieg aus dem Bauch der Insel.

insgesamt 7 Beiträge
Claus Culemann 18.04.2017
1. Helgoland
Der Artikel hätte zumindest Prinz Hubertus zu Löwenstein, Wertheim, Freudenberg erwähnen können, der mit einer Gruppe von Gleichgesinnten auf die Insel gegangen ist, um die Totalzerstörung zu verhindern.
Der Artikel hätte zumindest Prinz Hubertus zu Löwenstein, Wertheim, Freudenberg erwähnen können, der mit einer Gruppe von Gleichgesinnten auf die Insel gegangen ist, um die Totalzerstörung zu verhindern.
Werner Haertel 18.04.2017
2. Friedliche Besetzung von Helgoland
Zu diesem Thema finden sich hier noch viele weitere Hintergrundinformationen: http://www.imi-online.de/2015/11/09/der-kampf-gegen-die-remilitarisierung-der-brd/
Zu diesem Thema finden sich hier noch viele weitere Hintergrundinformationen: http://www.imi-online.de/2015/11/09/der-kampf-gegen-die-remilitarisierung-der-brd/
Peter Alef 18.04.2017
3. ..sehr informativ...
...bis auf den grottenschlechten Kalauer in der Headline....
...bis auf den grottenschlechten Kalauer in der Headline....
Stefan Freitag 18.04.2017
4. Helgoland
ist immer einen Ausflug wert. Gesunde Luft, die Robben, die erholsame Überfahrt... Kann es jedem nur empfehlen.
ist immer einen Ausflug wert. Gesunde Luft, die Robben, die erholsame Überfahrt... Kann es jedem nur empfehlen.
Elmar Wosnitza 19.04.2017
5. Seismik mit der Sprengung
Die damals noch junge Geophysik in Deutschland hatte es erreicht, dass das Zündsignal der Sprengung per Funk verbreitet wurde. Damit konnte dann per Seismik die Geologie Norddeutschlands untersucht werden. In Göttingen haben [...]
Die damals noch junge Geophysik in Deutschland hatte es erreicht, dass das Zündsignal der Sprengung per Funk verbreitet wurde. Damit konnte dann per Seismik die Geologie Norddeutschlands untersucht werden. In Göttingen haben Studenten sogar den (noch eher spärlichen) Verkehr um das geologische Institut angehalten, damit die Seismometer im Keller möglichst wenig gestört wurden.

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