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einestages

Militärputsch in Griechenland 1967

Als die Demokratie an ihrem Geburtsort starb

"Es klingelte an der Tür. Wir erwarteten keinen Besuch" - dann wurde Pericles Korovesis verhaftet und gefoltert. Nach dem Putsch vor 50 Jahren erstickte Griechenlands Militärjunta jede Kritik brutal.

AFP
Von
Donnerstag, 20.04.2017   11:14 Uhr

Am 21. April 1967 erwachten die Griechen zu Militärmärschen im Radio, unterbrochen von der Ankündigung: "Infolge der aktuellen Unruhen hat das Militär die Macht im Land ergriffen."

Die neuen Machthaber behaupteten, Griechenland vor einer kommunistischen Übernahme zu retten. Sie versprachen, ihr Regime sei wohlwollend und nur für eine kurze Übergangsphase vorgesehen - nichts als Lügen. Das Militär blieb sieben Jahre an der Macht. Tausende Griechen wurden inhaftiert, gefoltert, ins Exil gezwungen.

Der Putsch erwischte das Land und seine politische Führung im Schlaf. Spezialkräfte und Panzereinheiten verließen die Kasernen kurz nach ein Uhr nachts und hatten Athen bei Sonnenaufgang unter Kontrolle. Als einziges Blatt berichtete die konservative Tageszeitung "Kathimerini" noch am selben Tag in der Abendausgabe:

"Um 2.30 Uhr am Morgen besetzten Panzereinheiten das Zentrum Athens unter den überraschten Blicken der wenigen Athener, die zu dieser späten Stunde noch auf der Straße waren. Ein Reporter, der den Sitz des Premierministers erreichen wollte, wurde von Soldaten in voller Montur davon abgehalten. Niemand konnte irgendwas über die Identität der Organisatoren, die Tragweite der Intervention oder die Ziele des militärischen Manövers sagen."

Ein Triumvirat rechtsgerichteter Militärkommandeure führte den Putsch an: Brigadegeneral Stylianos Pattakos, Oberst Nikolaos Makarezos sowie Oberst Georgios Papadopoulos - er war der Chef.

Plan "Prometheus" läuft an

Sie handelten nach einem Plan mit dem Codenamen "Prometheus", gedacht für den Fall eines kommunistischen Aufstands oder einer sowjetischen Invasion: 122 Panzer, 50 gepanzerte Fahrzeuge und 200 Autos bewegten sich auf Ziele wie das Verteidigungsministerium, das Parlament, den Königspalast zu. In ihren Häusern verhaftet wurden der Premierminister, prominente Politiker und Parlamentarier. Um sieben Uhr früh vereidigte ein widerwilliger König eine Marionettenregierung der Obristen.

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Militärputsch in Griechenland: Codename "Prometheus"

Die Junta rief das Kriegsrecht aus und setzte elf Verfassungsartikel außer Kraft. Sympathisanten der Linken und potenzielle Gegner wurden verhaftet. Am Ende der ersten Woche waren nach Schätzungen von Amnesty International mindestens 8000 Menschen im Gefängnis.

In einem CIA-Memorandum vom 19. Januar 1968 heißt es:

"Eine politische Säuberung ist auch weiter das Primärziel der Junta-Führung. Von Anfang an hat das Regime versucht, die politischen Institutionen des Landes von dem zu säubern, was es als die Auswirkungen 'korrupter' Persönlichkeiten und inadäquater Politik vergangener Regime ansieht. Die Junta, die im Allgemeinen Politikern aller Überzeugungen verächtlich gegenübersteht, verbot jegliche politische Betätigung; Kommunisten, linke Sympathisanten und sogar bis dato 'respektable' konservative Politiker wurden eingesperrt oder unter Hausarrest gestellt. Wer das Gesetz verletzte, wurde der Bestrafung durch Militärgerichte zugeführt. Kritik am Regime wurde durch Pressezensur erstickt."

Eine heikle Stellungnahme - schließlich kursieren bis heute Vermutungen, die CIA selbst sei in den Putsch verwickelt gewesen.

Zu den Mitgliedern der damaligen Widerstandsbewegung zählte der Autor und Journalist Pericles Korovesis, bis 2009 Parlamentsmitglied der Syriza, Griechenlands von Alexis Tsipras angeführter linker Regierungspartei. Korovesis hatte vor dem Europarat als Zeuge über seine Folterung ausgesagt. Sein Bericht machte auf der ganzen Welt Schlagzeilen und wurde später in mehreren Sprachen als Buch veröffentlicht.

"Wach auf, Pericles!"

Heute sitzt Korovesis in einem weißen Armsessel in seiner kleinen Wohnung in Patisia im Zentrum Athens. Mit 75 Jahren raucht er noch zwei Schachteln Zigaretten am Tag. Er redet in kurzen Sätzen mit ruhiger Stimme - auch über seine Verhaftung und Folter.

1967 war Korovesis 26 Jahre alt. Um sechs Uhr morgens am 21. April weckten ihn heftiges Türklopfen und Rufe seines Nachbars: "Wach auf, Pericles! Das Militär hat die Macht ergriffen, du musst dich verstecken!"

Korovesis missachtete den Rat:

"Ich dachte, dass wir nicht an der Spitze ihrer Verhaftungsliste stehen würden. Gegen 11 Uhr liefen wir mit ein paar Freunden zum Stadtzentrum und erwarteten große Menschenmengen, die demonstrieren. Stattdessen sahen wir nervöse Polizisten und Soldaten. Es schien mir, als müsste man nur den Arm ausstrecken und ihnen die Waffen entreißen."

Der Staatsstreich dürfte niemanden überrascht haben: "Monatelang herrschte weit verbreitete Furcht vor der Errichtung einer Militärdiktatur", schreibt der Historiker Apostolos Vakalopoulos. Überall sei darüber gesprochen worden, in Zeitungskolumnen, Cafés, Büros, selbst auf dem Land. Doch als es so weit war, gab es kaum Widerstand.

Ein Staat im Staate

Die Abschaffung der Demokratie in ihrer altertümlichen Wiege war der Höhepunkt der Spannungen zwischen Linken und Rechten, die bis in den Bürgerkrieg (1946 bis 1949) zurückreichte. Regierungskräfte und aufständische Kommunisten rangen damals brutal um die Kontrolle über Griechenland.

Die Kommunisten wurden besiegt, die Linke war fortan marginalisiert und unterdrückt. Doch reaktionäre Kräfte im Militär hielten die Politiker für zu schwach, sie organisierten sich in geheimen Bruderschaften und operierten fast unbehelligt wie ein Staat im Staate.

Für den 28. Mai 1967 waren Neuwahlen angesetzt, mit guten Chancen für die linksgerichtete Zentrumsunion um Georgios Papandreou. Ihm traute man zu, mit den rechten Geheimbündlern aufzuräumen. Doch die entschieden sich zum Einschreiten - und führten als Begründung die kommunistische Bedrohung an.

"Das Land war mit der ultimativen Gefahr konfrontiert: dem Fall in den Kommunismus", sagte Putschistenführer Papadopoulos am 27. April Journalisten und verglich Griechenland mit einem Kranken auf dem Operationstisch: "Der Patient kann nicht von seiner Krankheit geheilt werden, es sei denn, er wird an den Tisch gebunden."

Die Folter: "Jemand zieht meinen Kopf durch eine Art Schlamm"

Pericles Korovesis schloss sich damals sofort dem Widerstand an - und wurde verhaftet. Er erinnert sich genau, es war drei Uhr morgens am 8. Oktober 1967:

"Es klingelte an der Tür. Wir erwarteten keinen Besuch. Wir waren wach, redeten und tranken Wein, meine Frau und zwei Freunde. Als sie mich in das Hauptquartier der Sicherheitspolizei brachten, bebte ich fast. Ich wollte es mir nicht anmerken lassen, also biss ich die Zähne zusammen. Hätte ich meinen Kiefer gelockert, hätten die Zähne heftig aufeinandergeschlagen."

Nach einem kurzen Verhör, in dem Korovesis keine Namen angab, wurde er den Folterschergen übergeben. Er wurde wiederholt geschlagen, Elektroschocks und Scheinhinrichtungen unterzogen. In seinem Buch beschreibt er auch Peitschenhiebe auf die Füße, eine Lieblingsmethode der Folterer:

"Ich begann zu schreien. Davor hatte ich nicht gewusst, wie laut eine menschliche Stimme sein konnte... Ich fiel in Ohnmacht... Ich liege auf dem Boden. Jemand zieht meinen Kopf durch eine Art Schlamm. Es ist aber Erbrochenes. [Der Folterer] sagt zu mir: 'Iss, du Schwein, iss'. Das Erbrochene war meins. Wie lange hatten sie mich schon geschlagen? ... Es waren nur drei Stunden. Was für eine immense Zeitspanne drei Stunden sein können!"

Korovesis erklärt, was ihm durchzuhalten half:

"Ich konnte die Bewegung nicht verraten. Es war nicht etwas Abstraktes. Es geschah nicht aus Heroismus oder Idealismus. Ich wusste nur, dass Maria, Kostas, Nikos, echte Menschen, diejenigen waren, die ich verraten musste, damit die Folterer aufhörten."

Die Junta kollabierte 1974. Ihr Sturz wurde verursacht durch die Gräueltaten des Regimes, wachsende wirtschaftliche Schwierigkeiten, einen Studentenaufstand im Jahr 1973 und die türkische Invasion auf Zypern. Die Anführer des Putsches wurden zum Tode verurteilt, ihre Strafen später in lebenslange Freiheitsstrafen umgewandelt. Die Herrschaft der Zivilregierung wurde wiederhergestellt; seitdem genoss Griechenland einen nie dagewesenen Zeitabschnitt demokratischer Stabilität.

Das Vermächtnis der Junta

Keiner der Putschisten zeigte jemals Reue. Und keiner ist heute noch am Leben. Stylianos Pattakos, der letzte "starke Mann" der Junta, starb 2016 im Alter von 103 Jahren. Ihr Tod verhinderte nicht das Wiedererstarken ihrer Ideologie.

"Während der Diktatur war es besser" - dieser Aussage stimmten 30 Prozent der Griechen bei einer Umfrage vom April 2013 zu. Fast jeder Zweite (46 Prozent) sagte, die Lebensbedingungen seien damals besser gewesen. Und die rechtsextreme Partei "Goldene Morgenröte" konnte vom politischen Rand ins Parlament aufsteigen.

Mit der griechischen Staatsschuldenkrise waren die Glaubenssätze der Putschisten von 1967 - Vaterland, Religion, Familie - nicht länger tabu, verbunden mit einer feindseligen Haltung gegenüber westlichen Werten. Manche Griechen vergleichen auch Junta und EU und glauben, Demokratie und Freiheit seien unter dem Spardiktat der europäischen Geldgeber ein weiteres Mal gestorben.

Korovesis hält es für absurd zu sagen, "dass wir heute unter einer neuen Junta leben. Wenn das so wäre, würden Sie und ich hier heute nicht frei reden. Wir sind keiner Gefahr ausgesetzt - abgesehen vielleicht von Leserkommentaren." Den Aufstieg der rechtsextremen "Goldenen Morgenröte" hält er aber tatsächlich für ein unheilvolles Vermächtnis der Junta.

Das Thema trübt seine Stimmung. Korovesis nimmt einen Schluck Whisky, eine Zigarette stets zwischen den Fingern. In einer langen Pause sucht er die richtigen Worte, formuliert dann den Clausewitz-Aphorismus über Krieg und Politik um und beschreibt damit die "Morgenröte"-Partei: "Sie sind die Fortsetzung der Junta mit anderen Mitteln."

insgesamt 8 Beiträge
Bernd Kulawik 20.04.2017
1. Ich vermisse da einen Hinweis:
Wie haben sich denn damals so die "Demokratien" unter den NATO-Partnern zu dem Putsch verhalten? Offensichtlich mindestens duldend? Aber man hatte ja auch sonst keine Bedenken, mit Leuten wie Franco, Pinochet und anderen [...]
Wie haben sich denn damals so die "Demokratien" unter den NATO-Partnern zu dem Putsch verhalten? Offensichtlich mindestens duldend? Aber man hatte ja auch sonst keine Bedenken, mit Leuten wie Franco, Pinochet und anderen bluttriefenden Menschenschlächtern weltweit befreundet zu sein *– viele von denen hatte man ja selbst in den Sattel gehoben –, Hauptsache, es ging gegen das "Gespenst des Kommunismus", nicht wahr?
Gerd Mueller 20.04.2017
2. falsch was NATO und Franco Vergleich angeht
Spanien wurde erst 1982 NATO -Mitglied.
Spanien wurde erst 1982 NATO -Mitglied.
Eric Hansen 20.04.2017
3. Sehr schön Herr Christides,
dass sie die Mitbeteiligung der CIA bewusst verschweigen.
dass sie die Mitbeteiligung der CIA bewusst verschweigen.
Mega Gorn 20.04.2017
4.
Es ist beunruhigend zu sehen wie eine Diktatur die Menschenrechte beseitigt und ein Land wirtschaftlich zu Grunde richtet. Damals war eben nicht alles besser sondern extrem schlecht und wir leiden heute noch unter den damaligen [...]
Es ist beunruhigend zu sehen wie eine Diktatur die Menschenrechte beseitigt und ein Land wirtschaftlich zu Grunde richtet. Damals war eben nicht alles besser sondern extrem schlecht und wir leiden heute noch unter den damaligen Diktaturen in Europa.
Thomas Keferstein  20.04.2017
5. trotzdem
Trotzdem sagen so viele Leute" Es war damals besser , oder nicht so schlecht"... Mein Großvater und mein Vater sagen " es ging uns gut unterm Adolf".. Bekannte von mir sagen " Es ging mir gut oder besser [...]
Trotzdem sagen so viele Leute" Es war damals besser , oder nicht so schlecht"... Mein Großvater und mein Vater sagen " es ging uns gut unterm Adolf".. Bekannte von mir sagen " Es ging mir gut oder besser in der DDR".. Menschen aus Russland sagen, " Es ging uns nicht schlecht in der Sowjetunion".. Meine Meinung ist, dass es uns schon zu lange zu gut geht und keiner mehr weiss, was wirklich schlechte Zeiten sind. Dazu kommt die menschliche Eigenschaft alles vergangene zu verklären.. " Die Musik war früher auch viel besser..."

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