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einestages

Transsexuellen-Ikone Romy Haag

"Ich wollte nie ein Freak sein, ich wollte Respekt"

Sie war Showbiz-Göttin, Bowie-Muse, Neinsagerin. Als schrille Diseuse mischte Romy Haag West-Berlins Nachtleben auf. Heute ist sie eine Diva von 69 Jahren - und hasst das Modewort "Transgender".

ullstein bild
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Donnerstag, 18.05.2017   11:36 Uhr

Männer sind schon merkwürdige Geschöpfe: Der eine, ein großer französischer Chansonnier von kleinem Wuchs, bucht Romy Haag in den Sechzigerjahren für eine Liebesnacht. Er blättert 10.000 Francs hin - und legt im entscheidenden Moment seine eigene Musik auf, um in Fahrt zu kommen.

Der andere, ein britischer Superstar, ruft 1976 mitten in der Nacht seine Plattenfirma an. Er besteht darauf, dass man augenblicklich seine Schallplatten in Romy Haags Wohnung bringt, weil sie nur Supertramp und Queen im Schrank stehen hat. Sein Name: David Bowie. Einer, über den Romy eigentlich kein Wort verlieren möchte. Es dann aber doch kurz tut.

"Eitel wie alle. Ein Mann eben", sagt Deutschlands wohl bekannteste Transsexuelle, lacht in sonorer Bariton-Lage und nippt am Aperol Spritz, der in der gleichen Farbe leuchtet wie ihr Haar. Romy Haag - Sängerin, Schauspielerin, Tänzerin, Sich-Immer-Wieder-Neu-Erfinderin - hat zum Interview ins Berliner Café Grosz gebeten: ein nobler Belle-Époque-Laden direkt am Ku'damm, gleich neben Versace und Cartier. Der perfekte Ort für Diven vom Schlage der 69-jährigen, perfekt gestylten Diseuse, die auch im Schatten des Innenhofs ihre große Sonnenbrille nicht absetzt.

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Romy Haag: "Sind Sie Mann oder Frau?" - "Ja."

Und doch sieht man, wie sich ihre Augen verengen, sobald sie auf ihre Romanze mit Bowie in den Siebzigerjahren angesprochen wird. "Für mich war die Beziehung ein Segen und Fluch, danach interessierte sich niemand mehr für mich", sagt Haag mit rauchiger Stimme und sanftem niederländischen Akzent.

Geschlagen, ausgelacht, missbraucht

Aus Talkshows sei sie ausgeladen worden, weil sie nicht über den "Starman" sprechen wollte. Als Bowie 2016 starb, hätten Hunderte von Journalisten sie sprechen wollen - kaum einer fragte nach Haag persönlich. Dabei verlief ihr Leben, ihr Streben nach Freiheit und Anerkennung, doch mindestens genauso dramatisch.

Edouard Frans Verbaarsschott, 1948 in Scheveningen geboren, stellte früh fest, im falschen Körper zu stecken. Der Vater schlug den hübschen, schüchternen Eduard und schleifte ihn auf den Fußballplatz, um einen Mann aus ihm zu machen. Vergebens: Der Junge fühlte sich als Mädchen, ausgelacht von Mitschülern, missbraucht von einem katholischen Priester ebenso wie von einer Nachbarin - ausgerechnet jener Frau, der sich das Kind in seiner Not anvertraut hatte.

"Wenn die Wunden längst verheilt sind, tun die Narben weh, du brauchst ein ganzes Leben, um die Kindheit zu verstehen", lautet der Refrain aus Romy Haags vielleicht schönstem Lied "Meine blaue Gitarre".


"Meine blaue Gitarre", live 2013:

Foto: Romy Haag 2013

Mit zwölf brannte Edouard erstmals durch, Richtung Paris, um die legendäre Coccinelle zu sehen, eine transsexuelle französische Entertainerin. Edouard legte die alte Identität ab, ließ sich Hormone spritzen und erfand sich neu: als Schönheitstänzerin Romy Haag. Wunderschön, verrucht, männlich nur noch zwischen den Beinen - eine geschlechtsangleichende Operation ließ Romy Haag erst mit Mitte 30 vornehmen.

Ein Beutel Edelsteine als Liebeslohn

Die niederländische Exotin verdrehte in den Sechzigern halb Paris den Kopf. Als Star der Nachtclubs "Alcazar" und "Carousel" bezauberte sie Prinzen und Schauspieler, modelte für Dior, doubelte Claudia Cardinale. Und beglückte am Rande einer Gruppensex-Party den Schah von Persien - der habe sie, wie Haag in ihrer Autobiografie schreibt, mit einem Samtbeutel voller Edelsteine entlohnt.

Die Nachtklub-Schönheit, allseits bewundert, ständig auf der Hut: In Frankreich war es damals verboten, als Frau auf die Straße zu gehen, wenn man, rein juristisch, ein Mann war. Und da Transsexuelle kein USA-Visum bekamen, musste die Entertainerin erst mit dem Botschaftsmitarbeiter schlafen.

"Ich wollte nie ein Freak sein, ich wollte Respekt" - nach diesem Motto führte Romy Haag ihr Leben. Ein "Walk on the Wild Side", bei dem sich Party an Demütigung, Glamour an Gosse reihte.

Grace Jones wirft mit Aschenbechern

Als Romy Haag 1974 aus dem Showbiz-Mekka New York nach West-Berlin zog, traute sie ihren Augen nicht:

"Hier war nichts los, kein einziger Nachtklub, wo Transsexuelle ordentlich arbeiten konnten, nur Striptease- und Animierläden. Also eröffnete ich selbst einen, mit 7000 Mark Startkapital. Wir lackierten alles schwarz, hängten einen roten Samtvorhang vor eine Art Bühne in der Ecke auf, fertig. Im Eingang war jemand als Papst verkleidet, mit einem Telefonbuch als Bibel und einer Klobürste, mit der er die Zuschauer segnete. Und ich stieg mit einer Spiegelkorsage aus einer Mülltonne und sang den 'Alabama Song': 'Show us the way to the next whiskey bar'. Die Zuhälter, die drauf und dran waren, den Laden zu zerlegen, habe ich eigenhändig rausgeworfen."

Die erste Woche war das "Chez Romy Haag" in Berlin-Schöneberg leer - dann strömten die Menschen in das kleine Etablissement, um das Gesamtkunstwerk Romy Haag zu bestaunen. Studenten und Stricher feierten dort ebenso wie die Stars der Neuen Deutschen Welle.

Ein Taxi fährt zum Romy Haag
Flasche Sekt hundertfünfzig Mark
fürn Westdeutschen, der sein Geld versäuft
Mal sehn, was im Dschungel läuft
Ideal: "Berlin", 1980

Es kamen auch die Stones, Tina Turner und Lou Reed, den keiner erkannte. Grace Jones, die mit Aschenbechern um sich warf, statt ihren Schampus zu bezahlen. Und David Bowie verliebte sich in die schrille Showbiz-Göttin. "Er und ich, wir waren Freunde und Rivalen", erzählte Udo Lindenberg 2016, "es ging um Romy Haag, die damals schönste Frau Berlins, das fanden wir beide."

Die Diseuse steckt sich eine neue Zigarette an. "Da bedurfte es keiner großen Worte", sagt sie. "Wir sahen uns an und wussten: Zwischen uns herrscht eine Seelenverwandtschaft." Tag für Tag habe Bowie in ihrer Show gesessen, ihr beim Auftakeln zugeschaut, viel abgeguckt. Etwa, wie sich Haag in ihrer Performance "My life" genüsslich-verstörend die Schminke aus dem Gesicht wischte. Bowie übernahm die Geste in seinem Video zu "Boys keep swinging".

Wegen seines Drogenkonsums habe er wie ein Chemiebaukasten gerochen, schreibt Haag in der Autobiografie. Ihretwegen habe Bowies Ehefrau Angela die Scheidung eingereicht, sein Management getobt wegen der "Bowie liebt einen Kerl"-Schlagzeilen. Als David Bowie 1978 Berlin verließ, endete auch seine Beziehung zu Haag.

Was blieb, war ihr Impuls, eine eigene Musikerkarriere zu starten: "Er hat mir den Mut gegeben, selbst zu singen." Und das tut Romy Haag bis heute. Sie interpretiert Brecht und Bowie, Hildegard Knef und Michael Jackson, sie besingt in eigenen Songs die Liebe, die keine Kompromisse kennt.

2010 feierte Haag ihr Bühnenjubiläum, 50 Jahre Auftritte. "Endlich", seufzt die Legende des wilden West-Berlin, "bin ich das, was ich schon als Kind sein wollte: eine alte Diseuse." Eine, die in der Öffentlichkeit nur noch wenig in Erscheinung tritt. Suchten Politiker in der Vergangenheit regelmäßig ihre Nähe, um die eigene Toleranz zu demonstrieren, ist es in den vergangenen Jahren still um die queere Ikone geworden. Keine Skandale, kaum Interviews, kaum Talkshow-Auftritte.

Nickname Maria Zuckerberg

"Mein Schatz, ich bin zu unbequem", sagt die in der Aids-Hilfe engagierte Künstlerin und winkt müde ab. Haag verabscheut vieles von dem, was die Jetzt-Zeit ausmacht, etwa das Privatfernsehen mit seinem demütigenden "Transi-hier-Transi-da-Unsinn". Und ebenso das Modewort "Transgender": weil der Begriff ihrer Meinung nach alle - Intersexuelle, Transsexuelle, Drag Queens, Transvestiten - in einen Topf wirft, statt zu differenzieren.

Gegängelt und kontrolliert fühlt Haag sich von den sozialen Netzwerken. 2015 verdonnerte Facebook sie dazu, ihre private Seite unter ihrem Geburtsnamen Verbaarsschott zu führen. Worauf sie sich als Nickname "Maria Zuckerberg" sicherte.

"Noch nie fühlte ich mich so wenig akzeptiert wie heute. Wir leben in einer Zeit der wachsenden Unfreiheit. Leute, geht auf die Straße, wehrt Euch!", sagt die Trägerin des "European Tolerance Award". Und plädiert entschieden für mehr Fantasie - auch im Umgang mit ihrer Person.

Früher verkörperte Haag meist sündige Halbweltcharaktere, die irgendwann im Laufe des Films abgemurkst werden. Jetzt wäre sie mal reif für einen Rollenwechsel, sagt Romy Haag und kichert: "Lasst mich doch mal eine alte Hausfrau spielen."

insgesamt 9 Beiträge
Daniel Hoffmann 18.05.2017
1. Eine beeindruckende Persönlichkeit,
Ich hoffe, Frau Haag wird uns noch viele Jahre Freude bereiten und unsere mitunter graue Welt ein bisschen farbenfroher machen.
Ich hoffe, Frau Haag wird uns noch viele Jahre Freude bereiten und unsere mitunter graue Welt ein bisschen farbenfroher machen.
Klaus Weitermeier 18.05.2017
2. Modewort
Alle Gute zum Geburtstag an Frau Haag. Und ja, das Modewort Transgender legt undifferenziert über völlig unterschiedliche Menschen einen Begriff, der überflüssiger ist. Die klassische Unterscheidung in Transsexuelle mit [...]
Alle Gute zum Geburtstag an Frau Haag. Und ja, das Modewort Transgender legt undifferenziert über völlig unterschiedliche Menschen einen Begriff, der überflüssiger ist. Die klassische Unterscheidung in Transsexuelle mit geschlechtlicher Angleichung auf der einen Seite und Crossdresser/Transvestiten/Fetischisten auf der anderen war und ist hilfreicher, als ein vereinheitlichender Begriff.
Frank Steinmüller 18.05.2017
3. Traurig, aber wahr
Zitat: "Noch nie fühlte ich mich so wenig akzeptiert wie heute. Wir leben in einer Zeit der wachsenden Unfreiheit. Leute, geht auf die Straße, wehrt Euch!" So empfinde ich das auch. Je mehr Theater über die [...]
Zitat: "Noch nie fühlte ich mich so wenig akzeptiert wie heute. Wir leben in einer Zeit der wachsenden Unfreiheit. Leute, geht auf die Straße, wehrt Euch!" So empfinde ich das auch. Je mehr Theater über die hinterletzte 0,0001% Minderheit mit eigenem Toilettenanspruch gemacht wird. Je mehr Sternchen, Unterstriche, Innen etc hinzugefügt werden, desto mehr zeigt das meiner Ansicht nach, wie wenig gemeinsam wir sind, mit, mal ehrlich, marginalen Unterschieden. Ich finde, die Ausgrenzung, auch die Eigenausgrenzung, wächst täglich, in der vagen Hoffnung auf Sonderrechte.
Wolfgang Wigands 18.05.2017
4. Damals: Mit den Taschen voller Bafög zu Romy Haag.
Romy ist witzig, geistig superschnell, hat ein enormes Wissen und Romy ist wunderschön! Warum hat Frau Haag nicht eine eigene TV Sendung?
Romy ist witzig, geistig superschnell, hat ein enormes Wissen und Romy ist wunderschön! Warum hat Frau Haag nicht eine eigene TV Sendung?
zeichen kette 18.05.2017
5. Erst wenn wir alle verschieden sind
sind wir alle gleich.
sind wir alle gleich.

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