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einestages

Spione und Journalisten

Kommunistenjagd beim Rundfunk

Im Kalten Krieg galt der Vorläufer von WDR und NDR vielen als Kommunistenhochburg. Nun fand ein Historiker heraus, wie ein Geheimdienst versuchte, den Sender zu unterwandern.

NDR
Von Caroline Schmidt
Mittwoch, 17.05.2017   19:13 Uhr

Es klingt bizarr, was ein Unbekannter im Jahre 1949 auf 17 Seiten alles über den NWDR zusammengetragen hat: Da wurde angeblich mitten im Kalten Krieg nicht nur Geld ausgegeben für einen "Tendenzfilm kommunistischer Färbung". Die halbe Hausspitze schien dem Papier zufolge Moskau sehr aufgeschlossen gegenüberzustehen. Allen voran der damalige Generaldirektor Adolf Grimme, der im Dritten Reich angeblich einer bekannten Spionageorganisation der Sowjetunion angehörte. Dieses Dossier zeigt, so fand der anonyme Autor, "in welch bedenklichem Maße der NWDR "zu einer Gefahr für die Entwicklung einer gesunden westlichen Demokratie geworden ist".

Die westliche Demokratie war damals tatsächlich gefährdet. Allerdings aus ganz anderer Richtung als der damalige Autor behauptete. Denn dieses Dossier voller diffuser Verdächtigungen, Unterstellungen und Lügen liegt nicht nur in den Archiven des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, sondern auch in denen des Bundesnachrichtendienstes. Weitergeleitet von einem Agenten mit der Nummer 2697.

Das fand der Berliner Historiker Gerhard Sälter heraus, der als Mitglied der Unabhängigen Historikerkommission des Bundesnachrichtendienstes Zugang zu den geheimen Archiven bekommt. Er entdeckte auch, wer hinter Nummer 2697 steht: August Hoppe, seit 1948 Redakteur des NWDR. "Hoppe ist einer von mehreren Spionen", so Sälter, "die die Organisation Gehlen gezielt im NWDR platziert hat."

Doppelagent beim Rundfunk

Spione im NWDR, agierend im Auftrag des von US-Behörden verwalteten und mit deutschen Mitarbeitern bestückten frühen Nachrichtendienstes der Organisation Gehlen - die berüchtigt war für ihre Nähe zum Nationalsozialismus? Spione, deren Leiter Generalmajor Reinhard Gehlen von den US-Streitkräften rekrutiert worden war, obgleich er unter Hitler unter anderem den Überfall auf die Sowjetunion im Unternehmen Barbarossa mit vorbereitet hatte? Das klingt ungeheuerlich, allerdings nur für diejenigen, die sich mit der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes kaum auskennen.

Es ist schon länger bekannt, dass Hoppe für den Bundesnachrichtendienst gearbeitet hat, laut dem Geheimdienstexperten Erich Schmidt-Eenbom soll er dafür in den Siebzigerjahren pro Monat 700 D-Mark bekommen haben. Dennoch sind Sälters Ergebnisse, die er 2016 in seinem Buch "Phantome des Kalten Krieges" veröffentlicht hat, eine Sensation. Denn erstmals kann man sehen, seit wann Hoppe und mindestens ein anderer Agent den Rundfunk ausspionierten und wie sie es machten.

Für Hoppe muss das Jahr 1948 ein Wendepunkt in seinem Leben gewesen sein. Da unterschrieb der ehemalige Wehrmachtssoldat und Chefredakteur diverser Propagandablättchen nämlich nicht nur einen Vertrag beim NWDR, sondern heuerte gleichzeitig auch bei der Organisation Gehlen an, dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes. Er machte im Rundfunk schnell Karriere, ein Jahr später schon leitete er die Abteilung Politik, 1964 wurde er stellvertretender Chefredakteur des Hörfunks.

Nebenbei unterrichtete er in diversen Berichten die Organisation Gehlen über die Situation im NWDR. Das Dossier über den angeblich so demokratiegefährdenden Rundfunk, das auch der Redaktion ZAPP vorliegt, schickte er laut Sälter weiter mit der Anmerkung: "Genauso so ist es, das sind alles kommunistische Leute." In seinen eigenen Ergänzungen schwärzte er auf vier weiteren engbedruckten Seiten all die Kollegen an, die das Papier noch nicht diskreditiert hatte. Etwa den ehemaligen Reporter Peter von Zahn, der ihn zum Sender geholt hatte. Er habe über seine Familie Verbindungen zu Kommunisten und sei überdies "stark verschuldet".

In der Organisation Gehlen verstärkten diese Informationen ein ohnehin bestehendes Feindbild. Der junge Geheimdienst war von den Amerikanern gegründet worden - und die wollten schnell begabte Leute einstellen, die sie im aufziehenden Kalten Krieg gegen den neuen Feind im Osten unterstützten. So arbeiteten dort plötzlich viele Wehrmachtssoldaten und Nazis, ehemalige Mitarbeiter der SS wie der Gestapo. Und für die war, so Sälter, der NWDR schnell "eine der Zentralen der kommunistischen Unterwanderung, eine Agentenzentrale".

Dabei störte auch nicht, dass die Berichte oftmals zusammengezimmert wirkten und auch über Jahre keine tatsächliche Verbindung nach Moskau nachweisen konnten. Natürlich gingen sie sofort den Hinweisen im Jahre 1952 nach, dass es auf dem Land in Niedersachsen eine Funkstation geben sollte, die Grimme und seine Leute direkt mit Befehlen aus Moskau versorgte - doch einmal mehr erwiesen sich die Anschuldigungen als haltlos.

Erst viele Jahre später stellt der Bundesnachrichtendienst die Jagd nach der Roten Kapelle, nach dem roten Phantom ein. Der BND-Mitarbeiter, der die Akten noch einmal abschließend prüfen sollte, war entsetzt. "Man sieht es, wie er sich bei der Berichterstattung die ganze Zeit an den Kopf fasst", so Sälter. Auch ihn selbst habe am meisten überrascht bei der ganzen Recherche, "wie man mit so viel Unsinn Glauben erwirken kann". In einem Klima der Angst erscheint eben vieles möglich.


Caroline Schmidt hat über die Spione im NWDR einen Film gedreht. Ausstrahlungstermin im NDR: Mittwoch, 17. Mai 2017 um 23.20 Uhr im Medienmagazin ZAPP.

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