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einestages

Attentat auf Reinhard Heydrich

Der Todeskampf des Reichsprotektors

Das Attentat auf Reinhard Heydrich am 27. Mai 1942 war das einzige erfolgreiche Mordkomplott gegen einen führenden NS-Funktionär. Goebbels trauerte um den Holocaust-Organisator wie um einen Bruder - Hitler tobte vor Wut.

ullstein bild
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Donnerstag, 25.05.2017   09:10 Uhr

Der offene Mercedes mit dem Kennzeichen SS-3 nähert sich an diesem Maimorgen 1942 mit niedriger Geschwindigkeit einer scharfen Kurve. Auf dem Weg in die Innenstadt passiert das Cabriolet den Prager Vorort Liben. Der Fahrer muss das Auto fast auf Schritttempo abbremsen, um nach rechts abzubiegen.

Hinter der Haarnadelkurve steht plötzlich ein Mann mit einer Maschinenpistole auf der Fahrbahn und zielt auf die beiden Insassen. Doch es löst sich kein Schuss. Der Wagen stoppt abrupt, Sekunden später ist eine gewaltige Explosion zu hören. Der Beifahrer taumelt aus dem Auto und zielt auf die Angreifer, während sein Fahrer zu Fuß die beiden auf dem Fahrrad flüchtenden Männer verfolgt.

Kurze Zeit später unterbricht Radio Prag sein Programm: "Achtung! Achtung! Es folgt eine amtliche Durchsage: Heute, am 27. Mai, vormittags um 10.30 Uhr, wurde in Prag ein Anschlag auf das Leben des stellvertretenden Reichsprotektors Heydrich verübt."

Zerfetzte Milz

Der "Henker des Dritten Reiches" (so Thomas Mann) war einer der führenden Köpfe des NS-Regimes: SS-Obergruppenführer, Chef der Gestapo, Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, General der Polizei und stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren. Nachdem Heydrich zunächst erfolglos versucht hatte, auf die Attentäter zu schießen, brach er am Ort des Geschehens zusammen.

Eine vom zweiten Angreifer geworfene Handgranate war zuvor vor dem linken Hinterrad des Wagens explodiert und hatte Heydrich schwer verletzt. Die Detonation trieb Granatsplitter und Teile des Autositzes über den Rücken in den Körper des 38-Jährigen. Außerdem erlitt er einen Rippenbruch und einen Riss im Zwerchfell.

Ein zufällig vorbeikommender Lieferwagen brachte Heydrich in ein nahes Krankenhaus. Wertvolle Zeit verstrich, weil der Schwerverletzte in dem tschechischen Hospital nach einem deutschen Arzt verlangte, der erst aus der Innenstadt geholt werden musste und in der Aufregung seine Brille vergaß. So konnte erst um kurz nach 12 Uhr die Notoperation beginnen, bei der die zerfetzte Milz aus Heydrichs Körper entfernt werden musste.

Leibärzte aus Berlin

Adolf Hitler erfuhr gegen Mittag von dem Attentat und empörte sich über Heydrichs Leichtsinn, ohne Polizeieskorte zu fahren; für Hinweise zur Ergreifung der Attentäter setzte er eine Million Reichsmark aus. Die Verwaltung des Protektorats ließ unterdessen die Stadt Prag abriegeln und verhängte den Ausnahmezustand.

Einige Tage später eilte SS-Führer Heinrich Himmler ans Krankenbett seines wichtigsten Mitarbeiters; zuvor hatten Hitler und Himmler ihre Leibärzte nach Prag geschickt, um das Leben Heydrichs zu retten. "Ein Verlust von Heydrich wäre für den augenblicklichen Stand der Dinge geradezu unersetzlich", schrieb Propagandaminister Joseph Goebbels am 2. Juni in sein Tagebuch und sah sich selbst als Ziel eines möglichen Mordkomplotts: "Ich habe keine Lust, mir (…) eine Kugel in den Bauch schießen zu lassen."

Nachdem sich Heydrichs Gesundheitszustand zunächst gebessert hatte, kam es zu einer Infektion der Bauchhöhle. Geschüttelt von heftigen Fieberkrämpfen, verlor er immer wieder das Bewusstsein und starb nach achttägigem Todeskampf am Morgen des 4. Juni 1942 an einer Blutvergiftung. Vielleicht hätte Heydrich mit Penicillin überleben können, doch war das Medikament damals nur in England verfügbar.

Schlüsselfigur des NS-Terrorapparates

Das Attentat traf Heydrich auf dem Höhepunkt seiner Macht: Wenige Monate zuvor hatte er die Wannseekonferenz geleitet, bei der Ministerialbeamte und SS-Funktionäre in Berlin die "Endlösung der Judenfrage in Europa" erörterten.

Mitte 1941 war Heydrich in einem von Hermann Göring unterzeichneten Schreiben dazu ermächtigt worden, alle dafür erforderlichen Schritte zu koordinieren - so begann die weitere Detailplanung der Massenmorde in den Vernichtungslagern.

Sein Biograf Robert Gerwarth nannte Heydrich eine "Schlüsselfigur des Dritten Reiches" und den "zentralen Vollstrecker der nationalsozialistischen Terrorpolitik". Er hatte die Befehlsgewalt über die Einsatzgruppen im Osten, die Juden massenhaft erschossen. Und er war Chef der Gestapo, die Juden aus dem Westen in den Osten Europas deportierte. Damit "hielt Heydrich die Fäden des Vernichtungsprozesses fest in der Hand", so der Holocaust-Historiker Raul Hilberg.

Operation Anthropoid

Der Tod Heydrichs war das erfolgreiche Ende einer akribisch vorbereiteten Geheimdienstoperation, die Monate zuvor begonnen hatte. Jan Kubisš und Jozef Gabcík, zwei ehemalige Unteroffiziere der tschechoslowakischen Armee, hatten zunächst in Großbritannien eine Spezialausbildung absolviert, unter anderem in einem Sabotage-Trainingszentrum. In der Nacht auf den 29. Dezember 1941 wurden sie mit Fallschirmen in der Nähe von Prag abgesetzt.

Die Kommandoaktion zur Ermordung Heydrichs hatte man "Anthropoid" genannt, eine ironische Anspielung auf die NS-Rassenideologie: Anthropoid ist die altgriechische Bezeichnung für die sogenannten Herrentiere, eine Unterordnung der Primaten.

Die beiden Agenten kundschafteten monatelang die Gewohnheiten Heydrichs aus, um eine möglichst geeignete Stelle für den Anschlag auszumachen. Sie entschieden sich für die Haarnadelkurve in einem Prager Vorort, die Heydrich jeden Tag auf dem Weg von seinem Landgut zu seinem Dienstsitz auf dem Hradschin passieren musste.

Hilfreich war dabei die Tatsache, dass die Deutschen nach dem Einmarsch im März 1939 den bis dahin in der Tschechoslowakei üblichen Linksverkehr abgeschafft und den Rechtsverkehr eingeführt hatten. So konnten sich die beiden Männer im Schutz der Kurve verstecken; Heydrichs Wagen musste die Abbiegung auf der Innenseite nehmen, sodass sich die Attentäter näher am Fahrzeug befanden.

Sargnischen als Schlafstätten

Über die Hintermänner des Attentats wusste die NS-Führung in Berlin zunächst nichts. Goebbels vermutete den britischen Geheimdienst, die Sowjetunion oder "die Juden" als Drahtzieher. Trotzdem begannen in Prag wie auch an anderen Orten im "Großdeutschen Reich" sofort Racheaktionen mit großen Verhaftungswellen und Hinrichtungen.

"In Verfolg des Heydrich-Attentats sind in Sachsenhausen eine ganze Reihe inkriminierter Juden erschossen worden. Je mehr von diesem Dreckzeug beiseitegeschafft wird, umso besser für die Sicherheit des Reiches", hetzte Goebbels in seinem Tagebuch.

Am 10. Juni 1942 wurde das tschechische Dorf Lidice vollständig zerstört. Deutsche Polizeibeamte erschossen alle Männer der Ortschaft, die Frauen wurden in das KZ Ravensbrück verschleppt, weil man die Einwohner verdächtigte, den Attentätern Zuflucht gewährt zu haben. Tatsächlich hielten sich Kubisš und Gabcík zusammen mit anderen Widerstandskämpfern in der Gruft einer Prager Kirche versteckt, wo sie die Sargnischen als Schlafstätten nutzten.

Hitler: "Dumm und idiotisch"

Als die beiden Mitte Juni von einem ihrer Kameraden verraten wurden, umstellten 800 SS-Männer das Gotteshaus. Weil es ihnen nicht gelang, die Kirche zu stürmen, fluteten sie die Krypta mit Wasser aus der Moldau. Doch bevor die Eingeschlossenen den Deutschen in die Hände fielen, erschossen sie sich am 18. Juni selbst. Die Besatzer richteten später drei Geistliche der Kirche als Mitverschwörer hin.

Goebbels trauerte um den verstorbenen Heydrich, so "als wäre einem ein Bruder von der Seite gerissen worden". Ganz anders Hitler. Als er im Führerhauptquartier in der Wolfsschanze vom Tod Heydrichs erfuhr, erklärte Hitler wütend: "Dass ein so unersetzlicher Mann wie Heydrich sich unnötig Gefahren aussetzte, kann ich nur als dumm und idiotisch verurteilen." Dennoch ließ sich das Regime den Propagandacoup nicht entgehen und inszenierte Heydrich in einem groß angelegten Staatsakt in Berlin als "Blutzeugen" des NS-Staates.

Thomas Mann empörte sich nach den tagelangen Trauerfeierlichkeiten in Prag und Berlin in der BBC-Sendung "Deutsche Hörer!" über den Nachruf Himmlers auf Heydrich:

"Ein anderer Metzgermeister sagt ihm am Grabe nach, er sei eine reine Seele und ein Mensch von hohem Humanitätsgefühl gewesen. Das alles ist verrückt. (...) Aber um sagen zu können, Heydrich war ein Edelmensch, dazu braucht man Macht - die absolute Macht zu bestimmen, was Wahrheit und was Blödsinn ist."

insgesamt 21 Beiträge
Jörg Cornely 25.05.2017
1. es hat den Lauf der Geschichte zwar nicht
geändert, hatte aber die Symbolkraft, die nötig war andere Menschen im Kampf gegen diese Mordideologie zu bestärken und den Mördern klar zu machen, dass der Hass den sie sähten auf sie zurückfallen musste. Ein kleiner Lapsus [...]
geändert, hatte aber die Symbolkraft, die nötig war andere Menschen im Kampf gegen diese Mordideologie zu bestärken und den Mördern klar zu machen, dass der Hass den sie sähten auf sie zurückfallen musste. Ein kleiner Lapsus jedoch - ein Tagebuch schreibt man üblicherweise als Erinnerungsstütze für sich selbst - wie kann man durch einen Eintrag darin "hetzen"?
waynekennste 25.05.2017
2. keine schuld
trotz der harten und unglaublichen rachemaßnahmen der nazis war der widerstand es wert. jeder Widerstand ist es wert. die vielen unschuldigen toten sagen nur etwas über die täter aus, nicht über die opfer oder die [...]
trotz der harten und unglaublichen rachemaßnahmen der nazis war der widerstand es wert. jeder Widerstand ist es wert. die vielen unschuldigen toten sagen nur etwas über die täter aus, nicht über die opfer oder die widerstandskämpfer
Albert Augustin 25.05.2017
3.
"Seit dem gewaltsamen Tode des Heydrich, dem natürlichsten Tode also, den ein Bluthund wie er sterben kann, wütet überall der Terror krankhaft-hemmungsloser als je. Es ist absurd und lässt wieder einmal den Ekel [...]
"Seit dem gewaltsamen Tode des Heydrich, dem natürlichsten Tode also, den ein Bluthund wie er sterben kann, wütet überall der Terror krankhaft-hemmungsloser als je. Es ist absurd und lässt wieder einmal den Ekel hochsteigen vor der Mischung aus Brutalität und kreischender Wehleidigkeit, die von jeher für das Nazitum kennzeichnend war" (Juni 1942 Deutsche Hörer), besser als Thomas Mann es formulierte, konnte dieses Attentat nicht beschrieben werden.
Carsten Junghanns 25.05.2017
4.
Der Prager Stadtteil Libeň heißt im Deutschen Lieben, nicht Libe.
Der Prager Stadtteil Libeň heißt im Deutschen Lieben, nicht Libe.
gerald oeckl 25.05.2017
5. Zwei mutige Männer
Die sich dem menschenverachtenden Machtapparat des dritten Reiches entgegengestellt haben und erfolgreich waren konnten letztlich beweisen, das die entschlossene Initiative einzelner auch einen Einfluss auf die Geschichte nehmen [...]
Die sich dem menschenverachtenden Machtapparat des dritten Reiches entgegengestellt haben und erfolgreich waren konnten letztlich beweisen, das die entschlossene Initiative einzelner auch einen Einfluss auf die Geschichte nehmen kann. Leider hatten die zahlreichen Attentäter gegen Hitler selber weniger Erfolg. Letztlich ist aber das direkte Vorgehen gegen die Köpfe des Despotismus noch die erfolgversprechenste und humanste Form des Kampfes gegen Unrecht und Willkür.
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