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einestages

Schalke und Dortmund 1997

Die Jubelwoche im Ruhrgebiet

Der Pott ist im Pott! Und das gleich doppelt: Schalke 04 und Borussia Dortmund feierten zwei Triumphe in nur sieben Tagen. So schön wird's nie wieder - der Duisburger Fußballfan Dirk Brichzi über einen unvergesslichen Mai vor 20 Jahren.

imago/Sven Simon
Freitag, 19.05.2017   11:29 Uhr

Ist Verrat in der Liebe irgendwann verjährt? Wenn es um Liebe im Fußball geht? Ich gestehe: Den Ball schrie ich bei Rickens Lupfer gegen Juve mit ins Tor, rannte nach Wilmots' Elfer in Mailand jubelnd über den Balkon, kenne die Finalaufstellungen von Schalke und BVB fast auswendig. Die Europacup-Spiele beider Teams habe ich alle gesehen, obwohl - und das muss man betonen - ich seit jeher Fan des MSV Duisburg bin.

Aber wenn nicht damals, vor 20 Jahren, wann sollte man es dann haben, dieses oft beschworene Gefühl vom "Ruhrpott"? In diesen wenigen "Dat erzähl ich noch meine Enkel!"-Momenten?

Es ging "nur" um Fußball, wobei man das mit dem "nur" im Ruhrgebiet ganz anders sieht. Binnen einer Woche holten Ende Mai '97 erst die "Eurofighter" des FC Schalke 04 den Uefa-Cup, dann gewann Borussia Dortmund die Champions League. Da durfte man auch als Duisburger, Bochumer oder Essener beiden Teams die Daumen drücken und vor dem Fernseher jubeln.

Sonst war das natürlich streng verboten. Ein bisschen verbale Anerkennung für die Leistung auf dem Platz gab es, das schon, aber direkt einen Haufen Häme hinterher - in der nächsten Runde würde auf jeden Fall Schluss sein. Schalke Erfolg zu wünschen, das ging als Duisburger nun gar nicht. Dortmund war im Prinzip ebenso unausstehlich, aber fast schon "Westfolen", wie der Ruhrpottler sagt, also ein bisschen außen vor. Nicht ganz so gehasst.

Ungnade der späten Geburt

Die Europacup-Auftritte von MSV Duisburg kannte ich nur aus Erzählungen. Früher war das ja so: Der Vater nahm einen mit zu seinem Lieblingsverein, das wurde dann auch der eigene Lieblingsverein. Früher oder später merkte man: Mist, wir verlieren ja öfter als andere Teams, aber da war es schon zu spät. Durch die Ungnade der späten Geburt verpasste ich die tollen Europacup-Auftritte des MSV in der Saison 78/79, als erst im Halbfinale gegen den späteren Sieger Mönchengladbach Schluss war.

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Triumphe für Schalke und Dortmund: "Ricken... lupfen jetzt! Jaaaaaaaa!"

So guckte ich dienstags den Schalkern zu. Die hatten schon ewig nicht mehr international gespielt, entsprechend geringe Erwartungen und nur einen mit Europacup-Erfahrung, Olaf Thon. In der Bundesliga riss die Truppe nicht viel, wurde aber im Uefa-Cup Spiel für Spiel besser und eingeschworener. Zum Auftakt Roda Kerkrade ausgeschaltet - erwartungsgemäß, wie auch das Weiterkommen gegen Trabzonspor.

Was in den ersten Partien auffiel: alles andere als technisch brillanter Fußball. Oft war es knapp, aber das Team zeigte Leidenschaft und hatte Typen. Den dauermürrischen Trainer Huub Stevens, "Knurrer von Kerkrade". Ingo Anderbrügge mit der linken Klebe. Den Schweiger Jiri Nemec und den ähnlich wortkargen Radoslav Latal. Youri Mulder. Den Eigenbrötler Yves Eigenrauch. Marc Wilmots, klar. Jens Lehmann.

Oder auch Martin Max. Bescheiden, unspektakulär, effektiv.

Max war hinter Wilmots zweitbester Schalker Uefa-Cup-Torschütze der Saison und traf auch per Elfmeter im Rückspiel in Mailand. Die aufgeplusterten Trikots der Neunzigerjahre wirkten bei ihm immer noch ein wenig größer als bei anderen. Schlosserlehre auf Zeche, Fußballjugend in Recklinghausen, mit dem Fahrrad und später Moped zum Parkstadion, um Schalke zu gucken.

Sehr langer Weg zum Elfer

"Mehr Klischee geht eigentlich nicht", sagt er, als man bei ihm zu Hause in Haltern am See durchklingelt, "aber so war es halt. Deshalb war der Sieg mit Schalke auch der absolute Höhepunkt meiner Karriere."

Dass Trainer Stevens ihn für den Strafstoß in Mailand bestimmte, kam "überraschend, weil ich vorher noch nie Elfmeter geschossen hatte", erzählt Max. Den Grund erfuhr er erst vor einigen Wochen von Stevens - nach fast 20 Jahren: "Er hatte mich fest eingeplant, weil ich Stürmer war und die Situation vor dem Tor kannte." Der Weg zum Elfmeterpunkt sei "sehr lang" gewesen, so Max, "aber das unglaubliche Gefühl danach werde ich nie vergessen".

Dienstags hieß es Schalke gucken, mittwochs Dortmund. In der Gruppenphase der Champions League setzte sich der BVB glanzlos durch. Schalke überstand den Winter mit ersten Nervenkitzel-Spielen: Einem 1:2 im Schneetreiben beim FC Brügge folgte ein 2:0 im heimischen Parkstadion - mit dem erlösenden zweiten Tor erst in der 90. Minute. "Wir haben jede Runde genossen", sagt Martin Max, "wenn sich der Erfolg einstellt, wächst auch der Zusammenhalt."

Aber dann: die großen Brocken. Valencia, spanischer Vizemeister - jetzt ist Schluss, wussten alle Nicht-Schalker. Doch im Parkstadion gewann Schalke überraschend 2:0 und holte im Rückspiel ein 1:1. Halbfinale! Dort wartete CD Teneriffa mit Trainer Jupp Heynckes. 0:1 auf Teneriffa, dann im Rückspiel 2:0 nach Verlängerung. Finale!

Entscheidung per Elfmeter

Dortmund bekam es mit AJ Auxerre zu tun, "brandgefährlich", wie Reporter zu sagen pflegen. Aber der BVB ließ den Franzosen beim 3:1 und 1:0 keinen Stich, schlug danach Manchester United zweimal 1:0 - und stand ebenfalls im Endspiel.

Schalke traf am 7. Mai 1997 auf Inter Mailand - puh! Fünf Jungs auf der Couch in Duisburg, keiner Schalke-Fan, trotzdem alle Daumen gedrückt. Mulder fiel aus, Max war noch nicht ganz fit. Im Prinzip spielte Schalke ohne Stürmer. Und irgendwie fiel, wie immer in dieser Saison, doch noch ein Tor. 1:0 durch Wilmots, das gab Hoffnung fürs Rückspiel.

Herrje, ich sage Hoffnung als Duisburg-Anhänger, vielleicht war es eher die Hoffnung auf Spannung, dass es nicht ganz so einseitig werden würde für Inter. Am 21. Mai hockten wir wieder vor der Glotze. Werner Hansch kommentierte, Schalke kämpfte. Der Pott war greifbar nah. Und dann traf fünf Minuten vor Schluss Ivan, der Schreckliche. Zamorano! Der Jubel der Mailänder war so laut, dass wir den Fernseher runterdrehen mussten. Der Eurofight ging weiter, Verlängerung, Elfmeterschießen.

Anderbrügge beginnt, rumms, was eine Klebe. Lehmann hält gegen Zamorano. Thon, Djorkaeff und Max treffen. Stevens schreibt an der Seitenlinie sauber mit, Assauer tigert umher. Winter verschießt - und Wilmots macht den entscheidenden Elfer rein. Jubel auf dem Rasen, Jubel im Duisburger Wohnzimmer und überall im Ruhrgebiet. Schalke ist Uefa-Pokal-Sieger!

Und Martin Max? Hielt nach seiner Verletzung 120 Minuten durch und verwandelte den Elfer. "Der Pott war eine Woche lang immer gefüllt. Als Spieler kriegst du das erst nicht so mit, was du da erreicht hast", erinnert er sich an die Stunden und Tage danach, "das realisierst du erst, wenn du später die Tränen in den Augen der Fans siehst." Klar habe er den Dortmundern auch die Daumen gedrückt. Aber daran, dass die Schalker Mannschaft geschlossen im Münchner Stadion saß, um den BVB zu unterstützen, kann Max sich nicht erinnern.

Lars lupfte, der Pott kochte

Viel Unterstützung brauchte der BVB am 28. Mai gegen Juventus Turin auch nicht. Er hatte ja Kalle "Air" Riedle, der nach gut einer halben Stunde gleich zweimal einnetzte. Titelverteidiger Juve kam durch Alessandro Del Piero heran, aber dann wechselte Ottmar Hitzfeld den erst 20-jährigen Lars Ricken ein.

Der Rest ist Fußballgeschichte. Erster Ballkontakt nach gut zehn Sekunden, Marcel Reif sagte nur "Ricken. Ricken... lupfen jetzt!", Ricken lupfte, Bogenlampe zum 3:1, später zum Tor des Jahres gewählt, Rickens Jubellauf wollte gar nicht mehr enden. Der BVB gewann die Champions League.

Und weil gemeinsamer Jubel vereint, waren sich Schalker, Dortmunder, Duisburger, Bochumer, Essener und alle anderen im Ruhrpott in diesen Wochen vor 20 Jahren vielleicht nicht direkt zugeneigt (das würde kein wahrer Fan zugeben), aber doch nicht in solch gegenseitiger Ablehnung verbunden wie sonst. Vielleicht war es die letzte große Phase des Revier-Fußballs. Diese Europa-Triumphe, Platz fünf und neun für Bochum und Duisburg (in der ersten Liga!), und selbst RW Essen spielte noch in Liga zwei: So was kommt nicht wieder.

Wie sagt man hier so schön? Dat kannse also ruhich deine Enkel erzählen!

insgesamt 9 Beiträge
Franz-Josef Widekind 19.05.2017
1. live im Giuseppe Meazza Stadion...
dabei !! Unvergesslich, ca. 15000 Schalke Fans im Staion und ca.10000 Schalke Fans ohne Karten vor dem Staion. Was für eine Wahnsinns-Nacht !! Bin 1990 zur WM in Italien schon beim 4:1 Sieg gegen Jugoslawien live im Staion [...]
dabei !! Unvergesslich, ca. 15000 Schalke Fans im Staion und ca.10000 Schalke Fans ohne Karten vor dem Staion. Was für eine Wahnsinns-Nacht !! Bin 1990 zur WM in Italien schon beim 4:1 Sieg gegen Jugoslawien live im Staion dabei gewesen, auf dem Weg zum Weltmeistertitel. Für mich eine Super Erinnerung !!
Paul Schlüter 19.05.2017
2. Schalke Sieg total unverdient
Was mal wieder schön verschwiegen wird: Nur Aufgrund einer Fehlentscheidung des Schiris (Tor von Ivan Zamorano wg. angeblicher Abseitsstellung nicht anerkannt) konnte Schalke sich überhaupt ins Elfmeterscheißen retten. Der [...]
Was mal wieder schön verschwiegen wird: Nur Aufgrund einer Fehlentscheidung des Schiris (Tor von Ivan Zamorano wg. angeblicher Abseitsstellung nicht anerkannt) konnte Schalke sich überhaupt ins Elfmeterscheißen retten. Der Sieg war also total unverdient und reine Glückssache.
Patrick Sommer 19.05.2017
3. Zeitzeuge
Ich habe das CL Finale damals als Fan in Dortmund auf dem Friedensplatz beim Public Viewing verfolgt, was damals noch nicht einmal so hiess. Jedenfalls sind wir nach dem Spiel noch lange über den Westenhellweg, dh. durch die [...]
Ich habe das CL Finale damals als Fan in Dortmund auf dem Friedensplatz beim Public Viewing verfolgt, was damals noch nicht einmal so hiess. Jedenfalls sind wir nach dem Spiel noch lange über den Westenhellweg, dh. durch die komplette Innenstadt gezogen und irgendwann sah ich etwas, was ich nie wieder erleben durfte und definitiv meinen Enkeln erzählen werde: Ein einzelner Knappe im blauweissen Trikot mischte sich unter die sturzbetrunken singenden Schwarzgelben. Und was knapp hundert Jahre lang zuvor und wahrscheinlich auch noch für die nächsten hundert Jahre eine Krawallgarantie gewesen wäre sorgte für meine schönste Fussballerinnerung überhaupt: Bald lang man sich gemeinsam in der Armen und sang "Ruhrpott! Ruhrpott", teilte sich Schals und sang gar die Fanlieder des anderen aus voller Kehle mit. Das gab's nur einmal.
Thorsten Hapke 19.05.2017
4. Ein Beweis für die internationale Schwäche der Bundesliga!
Seit 20 Jahren ist es keinem deutschen Verein mehr gelungen den Schalker Sieg zu wiederholen! Aber Hauptsache man schmort im eigenen Saft und versichert sich immer wider gegenseitig wie toll die Bundesliga ist!
Seit 20 Jahren ist es keinem deutschen Verein mehr gelungen den Schalker Sieg zu wiederholen! Aber Hauptsache man schmort im eigenen Saft und versichert sich immer wider gegenseitig wie toll die Bundesliga ist!
Mubaschir Kala 19.05.2017
5. Blau weiß schwarz gelb
Nach einem längeren Auslandsaufenthalt staunte ich 1997 nicht schlecht, als ich durchs Ruhrgebiet nach Hause fuhr: Sämtliche Verkehrsschilder auf der B1 / A 40 (Ruhrschnellweg) waren in den Vereinsfarben der siegreichen [...]
Nach einem längeren Auslandsaufenthalt staunte ich 1997 nicht schlecht, als ich durchs Ruhrgebiet nach Hause fuhr: Sämtliche Verkehrsschilder auf der B1 / A 40 (Ruhrschnellweg) waren in den Vereinsfarben der siegreichen Mannschaften gestrichen: Entweder blau- weiß oder eben schwarz-gelb. Da müssen ziemlich viele Leute ziemlich lange und begeistert gepinselt haben...

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