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einestages

50 Jahre Windsurfing

"Den Wind mit den Händen halten"

Im Mai 1967 glitt in den USA der erste Windsurfer übers Wasser. Der Surf-Virus infizierte die Jugend weltweit - und machte zwei Freunde zu Feinden, die den Sport einst erfunden hatten.

Archiv Manfred und Jürgen Charchulla
Von
Dienstag, 23.05.2017   13:33 Uhr

Unmöglich. Das muss ein Witz sein! Ernstfried Prade starrt auf das kleine Foto in dem Artikel der Fachzeitschrift "Typo". Prade ist Grafikdesigner in einem Kunststoffwerk, sonst hätte er diesen Artikel 1972 wohl nie gesehen - jenen Artikel, der sein Leben auf den Kopf stellen sollte.

Auf dem Foto sieht Prade einen Mann, der auf einem schlanken Brett balanciert wie ein Zauberer, ein Segel in der Hand. Prade ist passionierter Segler, er hat ein Boot am Starnberger See und glaubt, sich mit Wasser und den Gesetzen der Schwerkraft auszukennen. "Das kann nicht funktionieren, mit diesem Ding muss man umfallen", denkt er.

Und wenn es doch klappt? Wäre das nicht eine Revolution?

Als eine Lokalzeitung wenig später ankündigt, so ein "Stehsegler" werde am Ammersee erwartet, will er es wissen. "Ich bin sofort hingefahren", erinnert er sich. "Ich habe den Surfer gefragt, ob ich mir sein Brett ausleihen kann, es stundenlang probiert und dann gemerkt: Damit kann man wirklich wenden! Es war ein Riesenspaß. Ich war sofort infiziert."

Fotostrecke

50 Jahre Windsurfing: "Die Mutter aller Trendsportarten"

Jetzt, 1973, geht alles wahnwitzig schnell: Prade fährt ins niederländische Almelo zum Werk von TenCate, dem damals einzigen Hersteller von Surfbrettern in Europa. Kurz danach macht er vier Wochen Urlaub im spanischen San Sebastián: Er schwimmt durch die Brandung, bindet sein Brett mit einem langen Gummiseil an einem Ponton fest. So kann er auf dem wilden Atlantik trainieren, ohne abzutreiben. "Nach sechs Tagen beherrschte ich es perfekt. Das hat mir einen Riesenvorteil gebracht."

Etwa bei den ersten bayrischen Windsurf-Meisterschaften, die er kurz nach seiner Rückkehr problemlos gewinnt. Oder bei der ersten EM auf Sylt, bei der er gleich Zweiter wird. Ebenfalls 1973 eröffnet Prade die erste Surfschule am Starnberger See, kann sich vor Kunden kaum retten und schmeißt seinen Job als Grafikdesigner; stattdessen wird er schon bald Surfbretter designen, formen und mit seiner Firma Mistral hunderttausendfach verkaufen.

"So einen Senkrechtstart gab es in keinem anderen Sport", sagt Prade, für ihn ist Windsurfen "die Mutter aller Trendsportarten". Die Faszination hat den inzwischen 71-Jährigen bis heute nicht losgelassen: Beim Segeln, sagt er, fühle er sich als Teil einer Maschine. "Beim Surfen aber bin ich ganz Mensch, frei, aber unsicher auf einem wackeligen, kleinen Brett, mitten auf dem Blau des Meeres." Ein sehr unmittelbares Gefühl: "Es ist so, als ob du den Wind in den Händen hältst."

Kulturkampf am Badesee

Das macht süchtig. Der Boom, der ab den Siebzigerjahren die Jugend in ganz Europa elektrisiert, hat seine Wurzeln in den USA: Am 21. Mai 1967 lässt Jim Drake, ein begnadeter Tüftler und Raumfahrtingenieur, den ersten Prototyp eines Windsurfers in der Bucht von Santa Monica zu Wasser. Kaum jemand nimmt davon Notiz.

Auch Drake ahnt nicht, welche Wucht seine Erfindung entwickeln würde, die er sich gemeinsam mit seinem Freund Hoyle Schweitzer patentieren ließ. Dass dieses kleine Kernstück der Konstruktion - der Mastfuß, auf dem ein frei bewegliches Segel gesetzt werden kann - einmal die Kraft haben würde, eine Millionenindustrie zu erschaffen und seinen Freund Schweitzer zu seinem erbitterten Feind machen würde.

Ulrich Stanciu steht 1974 zum ersten Mal auf einem Surfbrett und ist ebenfalls sofort ergriffen "von diesem Freiheitsgefühl". Stanciu testet damals für die Münchner Zeitung "AZ" regelmäßig die neusten Trendsportarten - Trickski, Drachenfliegen, Skateboarden, Fallschirmspringen - und fühlt damit den unruhigen Puls der deutschen Gesellschaft.

Auch bei den jungen Windsurfern spürt er, dass sich der Geist der 68er-Bewegung im Sport fortsetzt. An Badeseen kommt es zum Kulturkampf: "Die Segler wollten die Surfer aus dem Wasser verdrängen, weil sie freakige Klamotten trugen und ihnen den Platz wegnahmen", erzählt er. "Die Surfer wiederum wollten sich unbedingt abheben und von den starren Konventionen der Nachkriegszeit befreien. Ihr Lebensgefühl: 'Wir am Strand. Das Meer. Der See. Sonst nichts.'"

Hanns Wagner/Sammlung Ernstfried Prade

Junge Frauen surfen auf einem See 1974

Dieses Lebensgefühl vermittelt Stanciu als erster Chefredakteur des Magazins "Surf" zwölf Jahre lang perfekt - mit Fotos von rasenden Surfern über türkisblauem Meer. Ähnlich abenteuerlich ist sein eigener Aufstieg: Konrad Wilhelm Delius, Verleger der Zeitschriften "Yacht" und "boote", wirbt ihn 1976 an. Er wolle 1,5 Millionen in eine Windsurf-Zeitschrift investieren, eröffnet er dem verblüfften Stanciu, der schnell das Konzept "einer ganz neuen Zeitschrift" entwirft - geschrieben für ein Fachpublikum, aber fotolastiger und mit Reportagen wie im "Stern".

Schon 1978 darf Stanciu dazu auf seine erste Dienstreise nach Hawaii, wo sich dieser Sport schon immer neu erfunden hat. Er staunt über die neuen Bretter, mit denen die Profis über Wellenkämme fliegen und ist begeistert von den spektakulären Dias, die ihm ein lokaler Sportfotograf zeigt.

"So etwas hatte man in Europa noch nicht gesehen", erinnert er sich. "Die Bilder transportierten dieses Gefühl: 'Ja, genau das will ich jetzt machen!'" Der Fotograf lässt sich diesen Traum fürstlich bezahlen: 10.000 Mark für 120 Bilder, bar auf die Hand. Stanciu bettelt beim Verlag. Am Ende lohnt die Investition: "Als wir die ersten Bilder veröffentlichten, lösten sie einen Sturm der Begeisterung aus. Wir hatten ihnen ein Stück Hawaii an den heimischen Baggersee geholt."

"Astronomische Zuwachsraten"

Damit beginnt auch der Siegeszug des "Surf"-Magazins. Die Auflage schnellt von 15.000 auf 100.000 Anfang der Achtziger. Der Nischensport ist zur Volksbewegung geworden, mehr als eine halbe Million Deutsche sind aktiv. Die Surf-Verbände jubeln über "astronomische Zuwachsraten", während Umweltschützer die Surfer-Schwärme auf jedem Tümpel als Plage für verschreckte Brutvögel empfinden.

Getty Images/Peter Bischoff

Rudi Carrell 1977 beim Windsurfen

Immer mehr Deutsche interessieren sich nun auch für die Anfänge dieser Sportart. Und erfahren, wie sich die beiden Erfinder in diesem so lockeren Sport eine üble Schlammschlacht liefern. Über die Frage, wer das Surfen denn nun erfunden hat, gibt es bis heute Streit - und sehr unterschiedliche Versionen.

Die eine, die Ulrich Stanciu recherchiert hat, geht etwa so: Jim Drake zeichnet 1967 den ersten Windsurfer-Entwurf, lässt sich das Segel schneidern, laminiert den Gabelbaum in seiner Garage, entwirft den Mastfuß. Seinen Freund Hoyle Schweitzer macht er eher aus Nettigkeit zum Patent-Mitinhaber; Schweitzer hat gerade seinen Job verloren, Drakes Karriere hingegen geht nur nach oben. Als er von Kalifornien ins ferne Washington zieht, um für das Pentagon an einem Raketenabwehrsystem zu arbeiten, übernimmt Schweitzer die Geschäfte der gemeinsam gegründeten Firma "Windsurfing International" - und wittert seine Chance.

Freunde vor Gericht

Schweitzer wandelt sich in dieser Situation "von einem engen Freund zu einem schikanösen Unternehmer" - so beklagt es zumindest die Familie des 2012 verstorbenen Drake bis heute. Demnach versucht Schweitzer, Drake aus dem Patent herauszudrängen und verheimlicht ihm, dass er schon erfolgreich mit einem Produzenten verhandelt hat. Als Drake entnervt nachgibt und für 30.000 Dollar seine Patentanteile an Schweitzer verkauft, weiß er angeblich nicht, dass sein Prototyp bald in Serie geht.

Schweitzer startet nun durch und vermarktet gekonnt den Sport, auch in Europa, wo er lange als Erfinder des Windsurfens gilt. "Im Laufe der Jahre hat er Schätzungen zufolge etwa 50 Millionen Dollar mit Lizenzgebühren eingenommen", sagt Stanciu.

Der Streit eskaliert, die Freunde sehen sich vor Gericht, wo Drake aber nicht nachweisen kann, dass er sein Patentteil unter falschen Voraussetzungen verkauft habe. Und so gibt es eine zweite Version der Geschichte, die Ernstfried Prade erzählt: Schweitzer ist demnach "integer" und "nicht der Bösewicht", zu dem ihn viele machten. Ein "echter Sportsmann", der das Surfen nicht nur kongenial vermarktete, sondern auch technisch weiterentwickelte.

Und dann gibt es noch eine dritte, fast salomonische Version: Nicht die Streithähne, sondern der Amerikaner Newman Darby ist der wahre Erfinder. Tatsächlich veröffentlicht Darby schon 1964 in der Zeitschrift "Popular Science" einen Entwurf für ein "Sailboard". Das Brett aber ist eine eckige Zimmertür, gezogen von einem Drachensegel. Darby versucht gar nicht erst, aus seiner kühnen Idee einen kommerziellen Sport zu machen.

"Ein Riesenfehler"

Genau in der Kommerzialisierung, in der atemlosen technischen Weiterentwicklung des Surfens wurzelt am Ende sein Niedergang: Die Bretter werden in den Achtzigern immer kürzer, leichter, wendiger. "Funboards" heißen sie, und mit ihnen lässt sich spektakulär springen. "Alle Magazine druckten nur noch Bilder von Loopings in Wellen und wahnwitzigen Sprüngen in Hawaii. Das war ein Riesenfehler", sagt Prade. "Wer noch mit den alten Langbrettern surfte, wurde plötzlich wegdiskriminiert."

imago/Thomas Zimmermann

Weltmeister Robby Naish 1986

Windsurfen wandelt sich so zu einer hoch spezialisierten, teuren Randsportart, für die es nur an wenigen Orten der Welt perfekte Bedingungen gibt. Wer kein Adrenalinjunkie ist und einfach nur über den Chiemsee gleiten will, versteht seine alte Sportart nicht mehr. "1986 gab es noch 1,6 Millionen aktive Surfer", erinnert sich Prade bedauernd, "jetzt sind es vielleicht noch zehntausend."

Haben all die schönen Fotos, die auch das "Surf"-Magazin zeigte, den Sport kaputt gemacht? Stanciu zögert nicht: "Wir haben das sicher übertrieben und den Kontakt zur Basis verloren." Den Fehler wolle er nicht noch einmal machen, sagt Stanciu, der 1989 die Sportart wechselte und seitdem Mountainbiken als Herausgeber des "Bike"-Magazins populär macht.

Prade dagegen ist dem Windsurfen treu geblieben. Der Blick in die Vergangenheit macht ihn traurig, der riesige Erfolg des Stand-up-Paddelns aber tröstet etwas. Für ihn sei es der Beweis, dass die alte Kernidee des Windsurfens, das Gleiten über das Wasser, bis heute viele Menschen fasziniert.

Vom 25.5. bis 28.5. 2017 wird auf Fehmarn bei einem großen Surffestival an den 50. Geburtstag des Windsurfens erinnert.

insgesamt 8 Beiträge
Rei Ry 23.05.2017
1. Bis heute sieht man in der Surf spezialisiertes Windsurfen leider
Leider geht der Fehler dieser Sportart im Marketing weiter alles was man in den Surfzeitschriften sieht ist extremes rumgehopse mit extremen Boards die in Europa nur sehr selten von Spezialisten gefahren werden können, ich selber [...]
Leider geht der Fehler dieser Sportart im Marketing weiter alles was man in den Surfzeitschriften sieht ist extremes rumgehopse mit extremen Boards die in Europa nur sehr selten von Spezialisten gefahren werden können, ich selber bin seit 1978 aktiver Windsufer. Was fehlt ist der aktive Markt von günstigen (unter 500 EUR) leichten Brettern die im Gleiten auf allen Seen/Meeren in Europa von jedem gefahren werden können. Die Lernkurve des Windsurfens ist zudem sehr flach (liegt aber oftmals auch an der Didaktik sogenannter Surflehrer). Im Unterschied zum Kiten wo bereits nach drei bis 7 Tagen eine extreme Lernkurve zu beobachten ist. Leider es kommen kaum noch junge Leute nach weil zu teuer zu lange Ausbildung falsches Material etc. etc.. Aber bunte Kites sind eh cooler also nicht schlimm. Aber der Sport mit dem höchsten Aufkommen an Sportlern Windsurfen ist vorbei… vielleicht kommt ja noch eine Wende mit den Fiolsurfern aber das ist auch sehr speziell… ich bleib beim Windsurfen toller Sport im Wasser mit Power- Geschwindigkeit und Wind in den Händen.
Bobby Cash 23.05.2017
2. ...was gibt es schöneres...
...als Windsurfing? Ich kam von der Segelei und startete mit Windsurfing als ich 16 Jahre alt war. Zwischendurch probierte ich andere "Trendsportarten". 35 Jahre später muss ich feststellen, dass es keine schönere [...]
...als Windsurfing? Ich kam von der Segelei und startete mit Windsurfing als ich 16 Jahre alt war. Zwischendurch probierte ich andere "Trendsportarten". 35 Jahre später muss ich feststellen, dass es keine schönere Sportart gibt. Probieren geht über Studieren.
Christina Friedl 23.05.2017
3. Der König ist tot, es lebe der König !
und der heißt jetzt Kiten. Wer heutzutage neu anfängt, wird das wohl mit dem Kite machen. Der zugegeben größeren Verletzungsgefahr und dem schwierigeren Einstieg stehen auf der Habenseite gegenüber: einmal gelernt viel viel [...]
und der heißt jetzt Kiten. Wer heutzutage neu anfängt, wird das wohl mit dem Kite machen. Der zugegeben größeren Verletzungsgefahr und dem schwierigeren Einstieg stehen auf der Habenseite gegenüber: einmal gelernt viel viel leichter und weniger kräftezehrend als Windsurfen und mit 2 Brettern und 2 Kites kann man fast den gesamten Windbereich abdecken. Vorbei die unsägliche Materialschlacht und elende Schlepperei beim Surfen. p.s. ich kite nicht; Opa geht jetzt segeln.
Jörn Hoos 23.05.2017
4. Was es da für einen Fortschritt gegeben hat...
Was es da für einen Fortschritt gegeben hat, gegenüber damals, mit Dreickssegel, Holzsteckschwert und Holzrigg. Alles noch ohne Trapez, da hatte man am Tagesende verdammt lange Arme. Aber geil war es schon. Das Hauptproblem [...]
Was es da für einen Fortschritt gegeben hat, gegenüber damals, mit Dreickssegel, Holzsteckschwert und Holzrigg. Alles noch ohne Trapez, da hatte man am Tagesende verdammt lange Arme. Aber geil war es schon. Das Hauptproblem war eigentlich, dass für Menschen, die nicht am Meer oder See wohnen, der Wind zu oft zu schlecht ist. Da hing man wochenlang irgendwo in Holland am Strand herum, riggte bei der leichtesten Briese auf, um dann festzustellen, dass es doch nicht reichte. Und wenn man sich ansieht, wie z. B. auf Femarn der Himmel voller Segel hängt, muss man auch feststellen, dass das Kitesurfen für die jüngere Generation das Surfen schlicht abgelöst hat, ohne jedoch vergleichbar in die Pop- und Alltagskultur zu gelangen. Kitesurfbrettattrappen auf dem Auto habe ich jedenfalls noch nicht gesehen.
Jo Warner 23.05.2017
5. Völlig richtig
Ich war mit paar Freunden 1976 einer der ersten Windsurfer in der Flensburger Förde. Das Brett wog 25 kg, der Mast war aus Alu. Wir trafen uns ganzjährig am Strand, guckten ein Ziel aus und surften dahin wie Segler. Vorwindkurs, [...]
Ich war mit paar Freunden 1976 einer der ersten Windsurfer in der Flensburger Förde. Das Brett wog 25 kg, der Mast war aus Alu. Wir trafen uns ganzjährig am Strand, guckten ein Ziel aus und surften dahin wie Segler. Vorwindkurs, Kreuzen - das Ziel zählt. Paar Jahre später begann die Materialschlacht, man brauchte 3 Bretter und 5 Segel, um "in" zu sein. Ziele waren unwichtig, Hauptsache mit Speed und Halbwindkurs raus und rein. 1981 gab ich das Surfen auf. An den Stränden boomten für 2-3 Jahre Surfschulen in den Städten Surfshops, sie starben schneller als ihre Gründung.

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