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einestages

DDR-Schatzsucher auf Kuba

Trabi unter Palmen

Familie Besser suchte für Fidel Castro Rohstoffe auf Kuba. Im himmelblauen Trabi tuckerte sie vor 30 Jahren über die noch ganz untouristische Insel.

Hans- Ulrich Besser
Von
Dienstag, 11.07.2017   10:08 Uhr

Überall lauerten Gefahren auf den tapferen, himmelblauen Trabi. Schlaglöcher, so tief, dass sie ihn verschlingen könnten. Überflutete Straßen. Berge, so steil, dass sie den 26-PS-Zweitakter zum Keuchen und Glühen brachten.

Das Wichtigste war also Schatten, sagt Hans-Ulrich Besser und klingt wie ein besorgter Vater. Schatten, damit sich der Kleine erholen kann von den Strapazen in den Tropen Kubas. Zum Glück fand das wendige Plastikauto überall ein schattiges Plätzchen: unter Palmen am Strand, in Büschen am Wegesrand, unter einem historischen Turm, von dem aus einst Sklaven auf Zuckerrohr-Plantagen überwacht wurden.

Hans- Ulrich Besser

Schattenparker: am Torre Yznaga, 1986

30 Jahre nach der Kuba-Tour sucht Hans-Ulrich Besser, 63, seinen geliebten Wagen. "Irgendwo muss er doch stecken", sagt er, kratzt sich am Bart und blickt fragend zu seiner Frau Marika. Die Bessers zeigen gerade Dias von ihrer Reise, die sie 1985 für zwei Jahre aus der DDR nach Kuba verschlug: Dort sollten die Wissenschaftler des VEB Geologische Forschung im sächsischen Freiberg Bodenschätze finden.

"Ach, da hinten!", ruft Besser nun fast erleichtert mit ansteckendem Lachen: ein blauer Tupfer hinter einem schattenspendenden Straßenschild, auf dem Dia schwer zu finden.

Dass die Bessers mit ihren kleinen Söhnen Jens, 3, und Jörn, 7, überhaupt nach Kuba durften, begreifen sie als "riesiges Glück". Schon immer liebten sie jene Ferne, die der Spitzel-Staat seinen Bürgern so eisern verwehrte. Heute reisen sie um die Welt und beobachten Vulkane. Damals zogen sie zum Studium wenigstens aus der DDR nach Moskau.

Aus der DDR in die Tropen

Hans-Ulrich wurde Geophysiker, Marika Geochemikerin. Als das Kuba-Angebot kam, waren beide begeistert. "Dass wir auch noch den Trabi mitnehmen durften, war der absolute Clou", schwärmt Hans-Ulrich Besser.

Das Ehepaar profitierte davon, dass das Zentrale Geologische Institut der DDR dringend Experten für eine Expedition suchte. Ab 1982 fahndeten Wissenschaftler in der Provinz Camagüey nach Lagerstätten von Kupfer, Blei, Zink und Chromit. Zugleich suchten sowjetische Experten auf der ganzen Insel nach Gold. Fidel Castros darbende Industrie brauchte Rohstoffe, etwa Chromit als feuerfestes Gestein für Hochöfen.

Die Familie zögerte keine Sekunde, denn kaum ein DDR-Bürger durfte einfach mal so nach Kuba: Wer von Ost-Berlin nach Havanna fliegen wollte, musste im kanadischen Neufundland umsteigen. Im NSW also, dem "Nicht-Sozialistische Wirtschaftsgebiet": Fluchtgefahr! Selbst ein kurzer Stopp dort machte das Regime nervös.

Fotostrecke

Kuba in den Achtzigern: Mit dem Trabi durch die Tropen

"Wir aber hatten proletarische Großmütter", sagt Besser und lacht den Irrsinn des Systems weg. Was für ihn und seine Frau sprach: Sie hatten keine Westverwandtschaft, zu der sie hätten fliehen können; ihre Väter hatten als Volkspolizist und Lehrer "systemnahe" Berufe.

So ließ der Staat sie im Oktober 1985 nach Kuba, wo sie eher ruppig empfangen wurden: Der Zoll konfiszierte sofort all ihre DDR-Essensreserven - harte Wurst, Kommissbrot, Kaffee. Am Malecón tobte die Gischt, kurz zuvor war ein Hurrikan über Kuba gezogen. Die Kinder quengelten.

Schrottreifer Wagen

Und dann erst ihre neue Heimat: Die Unterkunft, die sie in der Stadt Camagüey mit anderen DDR-Bürgern teilten, war ein kahler, mehrgeschossiger Bau, davor lieblose Betonbänke. Keine Heizung, das Leitungswasser war ungenießbar. Und: "Hier gibt es nur Palmen und Steppe", sagt Besser. "Die Gegend ist am trockensten und am weitesten vom Meer entfernt. Eigentlich die bescheuertste Ecke von Kuba."

Dennoch verliebten sie sich bald in die karge Gegend. Und die ganze Insel. Das hatte viel mit der Herzlichkeit der Kubaner zu tun, aber auch mit dem himmelblauen Trabi, der einen Monat nach ihrer Ankunft unversehrt im Hafen von Havanna eintraf. Nun konnten sie sich frei bewegen - als es auf der isolierten Insel noch kaum Tourismus gab, schon gar nicht aus dem Ausland.

Hans-Ulrich Besser

Auf dem Weg in den Osten, 1986

Dabei war das Auto, das ihnen nun ein Stück Freiheit schenkte, einst ein Notkauf. Die Bessers erwarben ihn hastig vom Bruder einer Nachbarin, als sie Eltern wurden. Doch der Trabi war bald schrottreif, die Karosserie durchgerostet, das Getriebe hinüber, die Polizei stellte ihn still. Erst kurz vor Kuba war er nach zahlreichen Reparaturen wiederhergestellt. Es folgte der Härtetest.

Die Bessers leisteten Feldarbeit in Arbeitsbaracken 20 Kilometer außerhalb von Camagüey. Je zehn Tage entnahmen sie Bodenproben, werteten geophysische Messungen aus, hatten dann fünf Tage frei. Perfekt für Kurzreisen mit dem Trabi.

Zum Beispiel ins malerische Trinidad, eine der ältesten spanischen Siedlungen Kubas. Damals war die Kolonialstadt noch kein Weltkulturerbe, kein Touristenmagnet. "Das Zentrum war zwar schon prächtig rausgeputzt, doch wir haben keine einzige Kneipe gesehen", erinnert sich Marika Besser. Heute reiht sich hier Bar an Bar.

Das Tropen-Wunder

Gern fuhren sie auch an die Bucht La Boca ("Das Maul") nahe der Hafenstadt Nuevitas. "Ein ganz wilder Strand, da gab es nur Palmen - und uns", erzählt Hans-Ulrich Besser. Auch mit dieser Idylle ist es längst vorbei.

Manchmal parkten sie einfach an einer Plantage und deckten sich mit frischen Orangen ein. Oder hielten an einer Piste, schlugen sich durch die Büsche ins Hinterland, beobachteten Flamingos in Lagunen. Ebenso aufmerksam beobachteten Kubaner die DDR-Familie, wenn sie mit dem verstaubten Plastebomber durch die Städte fuhr und neben einem funkelnden US-Oldtimer parkte.

Hans-Ulrich Besser

Trabi-Wäsche im Fluss

Die größte Überraschung: Der Trabi erwies sich als wahres Tropenauto. Er meisterte rutschige Schotterpisten, zerbrach nicht in den Schlaglöchern, glitt nicht von schwimmenden Brücken. Mit der Kraft der zwei Zylinder ackerte sich die "Pappe" Kilometer für Kilometer durchs Land und durchfuhr unbeschadet selbst überflutete Wege oder tiefe Pfützen - sehr zum Neid sowjetischer Gastarbeiter in ihren viel teureren Wolgas und Moskwitschs.

"Die Lichtmaschine des Trabis war wasserdicht angebracht", sagt Hans-Ulrich Besser. "Und das hielt." Was er auch praktisch fand: "Das Ding ist ja so leicht, den konnten wir überall rausschieben und zur Not mit vier Mann einfach über ein Hindernis tragen. Versuchen Sie das mal mit einem schweren Ami-Schlitten." Auch die Wartung war simpel: Zylinderköpfe ausbauen, auf einer alten Drehbank abschleifen - repariert!

Ein SUV kann's auch nicht besser

Steile Anstiege bereiteten dem PS-schwachen Winzling dann doch Probleme. Im zentralkubanischen Escambray-Gebirge lief er mehrmals derart heiß, dass die Familie Zwangspausen zur Erholung einlegen musste.

Und doch wünschte sich Familie Besser 30 Jahre später manchmal ihren Trabi zurück, als sie im Herbst 2016 erneut durch Kuba reiste - diesmal per Geländewagen. Doch der SUV hatte auch Probleme in den Bergen und schon bald einen Platten, der erst nach Tagen repariert war. Und einfach unter einer Palme oder einem Torbogen lässt sich so ein Koloss nicht parken.

Auch sonst wurde die Nostalgie-Tour etwas desillusionierend. Die alten Lieblingsorte: von Urlaubern und fliegenden Händlern überfüllt. Die staubigen Pisten: geteert oder von Bulldozern plattgewalzt. Und die Oldtimer: "Die sind heute viel bunter und glänzender", sagt Marika Besser, "aufgemotzt für die Touristen." Natürlich sei es gut, dass Kuba nicht mehr so "furchtbar isoliert" sei wie damals, sagt ihr Mann. "Aber damit ist Kuba auch beliebig geworden."

Das Ergebnis der DDR-Rohstoffsuche ergab übrigens damals: Die Möglichkeit, Buntmetalle zu finden, bestand. "Doch ob die Lagerstätten abbauwürdig sein würden, war völlig unklar", so Marika Besser. Die Expedition befand sich noch in einer Frühphase, bis zur Förderung hätte es Jahrzehnte gedauert. Und dann fiel 1989 die Berliner Mauer.

Und doch haben die Besser damals einen Schatz auf Kuba entdeckt: die Ruhe und Einsamkeit eines untouristischen Tropenparadieses, das es so längst nicht mehr gibt.

insgesamt 21 Beiträge
Mathias Völlinger 11.07.2017
1. Klasse Erinnerungen
In den 1980er Jahren war das auch in den NSWs oft noch so. Ich weiß noch sehr gut, dass ich 1989/90 die "Wende" in Europa verpasste, wegen Rucksackreise quer durch Asien. Von der Türkei bis nach Lombok/Indonesien [...]
In den 1980er Jahren war das auch in den NSWs oft noch so. Ich weiß noch sehr gut, dass ich 1989/90 die "Wende" in Europa verpasste, wegen Rucksackreise quer durch Asien. Von der Türkei bis nach Lombok/Indonesien konnte man noch viele Traumgegenden bereisen, welche heutzutage auch touristisch "beliebig" geworden sind. Jedoch mag es in Pakistan und Bangladesh immer noch vielversprechende "ursprüngliche" Destinationen geben. Kommt halt auf die vorhandene Abenteuerlust an.
Peter E. Funck 11.07.2017
2. Nicht nur Kuba!
Ich war gerade das erste Mal nach dreißig Jahren wieder in Paris. Ist auch nicht mehr das, was es damals war. Gerade der Tourismus und seine Auswüchse haben mich irritiert.
Ich war gerade das erste Mal nach dreißig Jahren wieder in Paris. Ist auch nicht mehr das, was es damals war. Gerade der Tourismus und seine Auswüchse haben mich irritiert.
HerrPeterlein 11.07.2017
3. Schöner Bericht
Schöner Bericht, aber so ist es immer. Was glaubt ihr wie es ist, wenn jemand in 30 Jahren wieder an die gleichen Orte wie heute fährt.Ein Teil wird in Trümmern liegen, andere Teile werden riesige Städte sein...
Schöner Bericht, aber so ist es immer. Was glaubt ihr wie es ist, wenn jemand in 30 Jahren wieder an die gleichen Orte wie heute fährt.Ein Teil wird in Trümmern liegen, andere Teile werden riesige Städte sein...
Christoph Riecker 11.07.2017
4.
Die Karosserie der Renpaape kann nicht rosten. Sie ist aus Kunststoff. Aber Rahmen und Bodengruppe können rosten. Im Zweifelsfalle wurden nicht die Zylinderköpfe in die Drehbank gespannt, sondern die Zalinder. Und auch nicht [...]
Die Karosserie der Renpaape kann nicht rosten. Sie ist aus Kunststoff. Aber Rahmen und Bodengruppe können rosten. Im Zweifelsfalle wurden nicht die Zylinderköpfe in die Drehbank gespannt, sondern die Zalinder. Und auch nicht abgeschliffen, sondern abgedreht. Aber Kompliment für die Konstrukteure des Trabbi. Für die Tropen war er ja nicht konzipiert. Brav durchgehalten! ( sagt ein Ex-Wessi)
Martin Bitdinger 11.07.2017
5. Touristen schimpfen über Toursten
"Gerade der Tourismus und seine Auswüchse haben mich irritiert." Touristen schimpfen über Toursten ;-)
"Gerade der Tourismus und seine Auswüchse haben mich irritiert." Touristen schimpfen über Toursten ;-)

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