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einestages

Karl Drais und Carl Benz

Was das Auto vom Fahrrad lernte

Pfftt, lächerlich, ein "Kinderspielzeug": So wurde vor 200 Jahren das Laufrad bespöttelt. Dann inspirierte die Erfindung von Karl Drais den jungen Ingenieur Carl Benz - und damit den ersten Motorwagen.

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Montag, 12.06.2017   10:22 Uhr

Der Junggeselle starb am 10. Dezember 1851 in Karlsruhe. Keine Frau, keine Kinder trauerten um Karl Drais, dessen materieller Nachlass überschaubar war - 30 Gulden und 34 Kreuzer. Sonst hinterließ er nur seine Erfindungen: ein Ofenmodell, eine Kochmaschine, eine Schnellschreibmaschine, eine Laufmaschine. Man musste kein bösartiger Zeitgenosse sein, um den Verstorbenen für eine gescheiterte Existenz zu halten.

Dabei hatte Karl Freiherr von Drais als junger Erfinder für eine Sensation gesorgt: Am 12. Juni 1817 trat er in Mannheim mit seiner Laufmaschine zur Probefahrt an. Mit diesem Vorläufer des Fahrrads, später auch "Draisine" genannt, war er auf Anhieb viermal so schnell wie die Postkutsche. In weniger als einer Stunde legte er 13 Kilometer zurück.

Einige Wochen später bewies das Zweirad auch seine Bergtauglichkeit. Es hatte zwar nur eine Schleifbremse am Hinterrad, sie zeigte kaum Wirkung. Aber Drais meisterte sowohl die steilen Anstiege im Schwarzwald als auch die halsbrecherische Abfahrt nach Baden-Baden.

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Von der Draisine zum Automobil: Rad ab!

Der Großherzog von Baden ernannte Drais zum Professor der Mechanik und verlieh ihm ein sogenanntes Privileg, eine Art Patent. Es schützte den Erfinder nicht vor Raubkopierern. In ganz Europa wurde die hölzerne Laufmaschine nachgebaut, in London und Paris übten fortschrittliche Bürger das Balancieren auf dem Zweirad.

"Die ganze Maschine ist auf Lächerlichkeit angelegt"

Der Boom währte nur kurz - denn die für damalige Verhältnisse enorme Geschwindigkeit des Velozipeds war den Fußgängern nicht geheuer. Bald wurden Fahrverbote ausgesprochen, etwa in Mannheim und London. 20 Jahre nach der ersten Fahrt tat Autor Karl Gutzkow das Laufrad als "zweckloses Kinderspielzeug" ab. Er fällte ein vernichtendes Urteil: "Die ganze Maschine ist auf Lächerlichkeit angelegt."

In der badischen Revolution von 1848 und 1849 ging der Stern des Erfinders vollends unter: Freiherr von Drais legte öffentlich sein Adelsprädikat ab und stellte sich auf die Seite des Volkes. Doch als die reaktionären Monarchisten mit preußischer Hilfe den Aufstand niederschlugen, musste der Demokrat Drais dieses politische Engagement bitter büßen.

Dennoch sollten sich diejenigen, die Drais' Erfindung verspottet hatten, am Ende irren: Die Idee des Zweirads war genial. Es dauerte allerdings Jahrzehnte, bis sich die hölzerne Laufmaschine zum alltagstauglichen Fahrrad entwickelte.

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Ein halbes Jahrhundert nach der ersten Fahrt von Drais präsentierte der Franzose Pierre Michaux 1867 bei der Weltausstellung in Paris eine wichtige Neuheit: die Tretkurbel. Zwei Pedale wurden am Vorderrad montiert, der Velozipedist musste sich nicht mehr mit den Füßen vom Boden abstoßen, sondern rollte erhaben durch die Welt.

Spätestens als Napoléon Eugène Louis Bonaparte, der kaiserliche Prinz von Frankreich, auf einem Michaux-Rad spazieren fuhr, erlebte das Zweirad eine Renaissance.

In Mannheim kaufte der junge Ingenieur Carl Benz ein gebrauchtes Tretkurbelrad. Abgesehen von den Pedalen unterschied es sich kaum von Drais' Prototyp der Laufmaschine: Die Räder waren aus Holz, die Reifen aus Eisen.

Mit diesem "Knochenschüttler" unternahm Benz große Touren, von Mannheim bis nach Pforzheim. Schwitzend begeisterte sich der Radfahrer für die Idee der autonomen Mobilität: Der Mensch wird unabhängig von der Kraft des Pferdes. Und seine Fahrten sind auch nicht an die Schienen der Eisenbahn gebunden.

Maschinenkraft statt Menschenkraft

Zwei Eigenschaften des Fahrrads wollte Carl Benz grundlegend verändern: "Erstens durfte mein Ideal nicht zwei Räder bekommen. Das war zu wenig." Der Wagen, der ihm vorschwebte, sollte es in puncto Bequemlichkeit mit der Droschke aufnehmen können. Deshalb schwebte ihm eine weitere Modifikation des Velozipeds vor: "Zweitens musste unter allen Umständen die Menschenkraft ersetzt werden durch Maschinenkraft."

Es dauerte fast zwei Jahrzehnte, bis Carl Benz 1885 mit dem ersten Benzinauto durch Mannheim fuhr (und auch seine Frau Bertha großen Gefallen daran fand). Sein "Patent Motorwagen Nummer 1" hatte drei Speichenräder, die Benz bei der Fahrradfabrik Heinrich Kleyer in Frankfurt besorgt hatte.

Zeitgenossen betrachteten das Automobil als Weiterentwicklung des Fahrrads. Am 4. Juni 1886 schrieb die "Badische Landeszeitung": "Es ist nicht zu bezweifeln, dass dieses Motoren-Velociped sich bald zahlreiche Freunde erwerben wird, da es sich voraussichtlich für Ärzte, Reisende und Sportsfreunde usw. als äußerst praktisch und brauchbar erweisen wird."

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm der technische Fortschritt ein rasantes Tempo an. Auch das Fahrrad entwickelte sich erheblich weiter: Es bekam eine Kette, mit der die Antriebskraft aufs Hinterrad übertragen werden konnte. Aus dem halsbrecherischen Hochrad wurde das "safety cycle", das sichere Niederrad.

Ein Denkmal für den Vordenker

Drei Jahre nach der ersten Fahrt des Motoren-Velozipeds von Carl Benz kam der letzte entscheidende Fortschritt: Der britische Tierarzt John Dunlop meldete 1888 das Patent für seinen luftgefüllten Gummireifen an. Jetzt war das Fahrrad nicht mehr aufzuhalten, es wurde zum weltweit meistgebauten Verkehrsmittel - und schon vor 120 Jahren gab es sogar erste E-Bikes, Fahrräder mit Eletromotor.

Viel später merkte man in Mannheim, dass Karl Drais kein Spinner war, sondern ein Erfinder, auf den die Stadt stolz sein kann. 2003 baute man ihm ein Denkmal. Es steht am Wendepunkt der ersten dokumentierten Fahrt der Laufmaschine.

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Am 12. Juni 1817 hatte Drais die Chaussee von Mannheim nach Schwetzingen gewählt. Das war die wohl beste Straße in Baden - gut ausgebaut, weil sie zum Schloss Schwetzingen führte, das die früheren pfälzischen Kurfürsten als Sommerresidenz nutzten. Als der Erfinder sah, dass sein Zweirad funktionierte, drehte er an einer Pferdewechselstation vor den Toren der Stadt wieder um.

Seither ist Mannheim größer geworden. Der Wendepunkt der historischen Strecke liegt nicht mehr auf freiem Feld, sondern im Stadtteil Rheinau. Das Drais-Denkmal steht auf dem Rondell eines Kreisverkehrs. Wer heute mit dem Rad dorthin fahren möchte, muss vorsichtig sein. Sonst fällt er den Folgen der Draisschen Erfindung zum Opfer. Viele Motoren-Velzipede nehmen hier Anlauf zur Schnellstraße.

insgesamt 4 Beiträge
Sarah Bachmann 12.06.2017
1. Herkunft
Drais und Benz sind nach wie vor immer noch Karlsruher. Wird gern mal von den Mannheimern "vergessen".
Drais und Benz sind nach wie vor immer noch Karlsruher. Wird gern mal von den Mannheimern "vergessen".
Christian Fuchs 13.06.2017
2. Kugellager
Als Massenverkehrsmittel wurde das Fahrrad erst tauglich, als Fritz Fischer in Schweinfurt die Kugelschleifmaschine erfunden hatte. Bis dorthin wurden die Kugeln der vielen Kugellager im Fahrrad handgedreht. Diese so gefertigten [...]
Als Massenverkehrsmittel wurde das Fahrrad erst tauglich, als Fritz Fischer in Schweinfurt die Kugelschleifmaschine erfunden hatte. Bis dorthin wurden die Kugeln der vielen Kugellager im Fahrrad handgedreht. Diese so gefertigten Kugeln waren nicht nur sehr teuer, sondern auch höchst unpräzise. Fischer's Kugeln waren "spottbillig" und zudem hochgenau. Durch diese billigen Lager wurden auch die Fahrräder für etwas weniger gut betuchte leistbar!
R. Steiner 13.06.2017
3.
i.e. 'veloziped', von velox, schnell, flott. und pedes, die füße.
i.e. 'veloziped', von velox, schnell, flott. und pedes, die füße.
hermann Gottschall 14.06.2017
4. anscheinend
waren und sind wir Technikfeindlich.
waren und sind wir Technikfeindlich.

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