Schrift:
Ansicht Home:
einestages

Aerosmith-Sänger Steven Tyler

"Die giftigen Jahre hatten es in sich"

Seit einem halben Jahrhundert steht Steven Tyler auf der Bühne - "und ich werde mein Leben lang jünger sein als Mick Jagger". Der Aerosmith-Frontmann, 69, über giftige Zwillinge, lästige Vergleiche und Castingshows.

AP
Ein Interview von
Montag, 19.06.2017   09:42 Uhr

Zur Person

einestages: Mister Tyler, stimmt es, dass Pommes bei der Aerosmith-Gründung eine Rolle spielten?

Tyler: Ja, mit French Fries fing alles an. So lernte ich Joe Perry kennen, Ende der Sechziger. Ich war Drummer und Sänger in der Band Chain Reaction. In Sunapee, einem Nest in New Hampshire, saß ich eines Tages im Diner, es roch verdächtig gut nach Pommes. Ich wollte wissen, wer da so gute Fritten hinbekommt: ein Aushilfskoch - Joe Perry. Er hatte eine Matte wie ich, dazu eine dicke Hornbrille, mit Klebeband notdürftig zusammengehalten (lacht). Mein erster Eindruck: interessante Type.

einestages: Und dann erzählte Perry, dass er eigentlich kein Koch sei, sondern Weltklasse-Gitarrist.

Tyler: Nicht ganz. Ich kannte seine Freundin Elyssa, bei einem Konzert seiner Band hörte ich dann sein musikalisches Talent. Kurz darauf, Anfang 1970, formierten wir Aerosmith aus Chain Reaction und seiner Jam-Band, nahmen Schlagzeuger Joey Kramer dazu. Die richtigen Musiker hatten zusammengefunden - Magie vom ersten Moment an. In Joe fand ich den Bruder, den ich nie hatte.

Fotostrecke

Aerosmith-Sänger Steven Tyler: "Der Rausch vergeht, die Lieder bleiben"

einestages: Ihr gemeinsames Ziel?

Tyler: Cooler zu sein als alle anderen. Und ich meine: alle!

einestages: In den Siebzigern sorgten Sie und Perry als "Toxic Twins", als giftige Zwillinge, für Schlagzeilen.

Tyler: Das hatte mit den Substanzen zu tun, die wir uns täglich zuführten. Wir haben nichts ausgelassen in Sachen Sex and Drugs. Letztlich waren es in 47 Jahren Bandkarriere nur knapp zehn wirklich "giftige" Jahre - aber die hatten es in sich. Ich habe überlebt, weil Aerosmith schon lange mein einziges Suchtmittel ist, sonst wäre ich heute nicht mehr hier. Musik ist die beste Droge: Rausch vergeht, die Lieder bleiben. Man wird sich ewig an den Song erinnern, der lief, als man zum ersten Mal Sex hatte. Vielleicht war es ja "Dream On" (grinst).

einestages: Bei Aerosmith soll es - ähnlich wie bei den Beatles - eine Frau gegeben haben, die Unruhe stiftete.

Tyler: Elyssa, Freundin und spätere Ehefrau von Joe, war unsere Yoko Ono. Ich war richtig eifersüchtig, weil Joe mehr Zeit mit ihr verbrachte als mit der Band. Ich wollte mit ihm und den Jungs den großen Rockstar-Traum leben - wie die Beatles, die Stones, die Kinks: zusammen wohnen, Songs schreiben, Gras rauchen, Girls. Aber Elyssa kam uns immer in die Quere. Joe hatte keine Zeit mehr für uns, er war ihr hörig. Das ging ewig so und stank mir.

einestages: Sie entstammen einer gutbürgerlichen New Yorker Familie. Ihr Vater Victor Tallarico war klassischer Pianist und Komponist…...

Tyler: …...mit italienischen und deutschen Wurzeln. Ich wuchs als Kind quasi unterm Konzertflügel auf und lernte schon von klein auf, wie wichtig Melodie und Taktgefühl sind. Das kam mir später beim Songschreiben zugute.

einestages: Was hielten Ihre Eltern von den Rockstar-Plänen?

Tyler: Meine Mutter gab mir ihren Segen, mein Vater hatte Zweifel. Er forderte zwar nicht, dass ich einen sogenannten anständigen Beruf erlerne, dazu war er selbst zu sehr Künstler. Aber er bat mich inständig um einen Plan B. Den hatte ich nie. Um an Geld zu kommen, habe ich lieber nebenbei Autos gewaschen.

einestages: Mit 17 haben Sie die Ballade "Dream On" komponiert, später ein Aerosmith-Klassiker.

Tyler: Stimmt nicht ganz. Mit 17 habe ich die ersten Takte komponiert, den vollständigen Song hatte ich erst acht Jahre später fertig. Bis heute darf er bei keinem Konzert fehlen.

einestages: Wann wurde aus dem Schlagzeuger Steven Tyler ein Sänger?

Tyler: Das war bei meiner Band Chain Reaction. Unser Bassist sang "In My Room" von den Beach Boys völlig emotionslos. Da sagte ich, hey, gib mal das Mikro, ich kann das besser. Von da an war ich Drummer und Sänger, Frontmann wurde ich erst bei Aerosmith und bin es 47 Jahre später noch immer.

einestages: Haben Sie sich tatsächlich mal vor einer Led-Zeppelin-Show im Madison Square Garden auf die Bühne gelegt?

Tyler: Ja, als Aerosmith noch total unbekannt waren. Henry, mein früherer Drumroadie, bekam das Angebot, für Led Zeppelin zu arbeiten, die neue Band von Jimmy Page. Wie hätte ich ihm das verbieten können? Led Zep waren ja sofort ein Riesenhype. Durch Henry kam ich in Kontakt mit Page und Robert Plant. Als sie mit Led Zeppelin um 1970 im Madison Square Garden auftraten, durfte ich beim Soundcheck Zaungast sein. Ich war vor der Band da, noch nie im Leben hatte ich so eine Riesenbühne gesehen. Ich legte mich hin, starrte ins Rund der menschenleeren Halle und hatte einen Traum: auch mal in so einer Mega-Arena vor Zehntausenden Fans aufzutreten.

einestages: Am Anfang bezeichneten Musikkritiker Aerosmith als die "amerikanischen Stones". Hilfreich oder schlimm?

Tyler: Irgendein ein Arschloch hat das geschrieben und mich gewaltig genervt. Wir wollten nie ein Abklatsch sein, und ich bin kein Mick-Jagger-Klon. Wobei ich die Rolling Stones sehr schätze. Ihr "Gimme Shelter" war für mich ein lebensverändernder Song.

einestages: Sie feierten Triumphe, bis Anfang der Achtziger die große Krise kam, als die Gitarristen Joe Perry und Brad Whitford die Band im Streit verließen.

Tyler: Aerosmith war ein Scherbenhaufen. Sicher haben auch Drogen eine Rolle gespielt. Nüchternheit war ja ein Fremdwort für uns. 1985 kamen wir zur Vernunft und taten uns erneut zusammen. Das Comeback-Album "Done With Mirrors" war aber ein Vollflop. Wir hatten alle Songs selbst komponiert, ein Hit war nicht dabei.

einestages: Wie kam es zur Rocker-Rapper-Zusammenarbeit mit Run DMC aus New York?

Tyler: Ein Zufall. Run DMC interessierten sich einen Scheiß für unseren Sound, aber ihr Produzent Rick Rubin war Aerosmith-Fan. Von unserem Album "Toys In The Attic" wollten Run DMC allein den coolen Beat von "Lied Nummer vier" sampeln: "Walk This Way"! Sie interessierte nur das"doo-da-doo-doo-doo-da" (er imitiert den Drum-Beat). Rubin hatte die Idee zu einer gemeinsame Nummer, was zunächst weder Run DMC noch wir wollten. Schließlich sagten wir zu und drehten auch ein gemeinsames Video, mit dem ersten Dialog von Rock und Rap ever: Die Musikstile black and white vereinten sich, mit unerwartetem Erfolg.

einestages: Bei MTV lief der "Walk This Way"-Clip rauf und runter.

Tyler: Das Musikfernsehen war Mitte der Achtziger sehr hilfreich, dank Aerosmith und "Walk This Way" kam so plötzlich Rap in die US-Wohnzimmer. Zuvor wurde schwarze Musik ignoriert beim "weißen" Sender MTV, bis auf Ausnahmen wie Michael Jackson oder Prince. Hip-Hop hörten bis dahin fast ausschließlich Schwarze.

einestages: Wie ging es weiter?

Tyler: Das Momentum durch die Nummer mit Run DMC mussten wir nutzen. Unser Plattenmanager John Kalodner nahm uns ins Gebet, dass wir fortan mit Fremdkomponisten zusammenarbeiten müssen. Als Songschreiber war ich erst mal beleidigt, aber wir erkannten die Chance und landeten plötzlich Hits wie "Rag Doll", "Angel" oder "Crazy". Als kleine Racheaktion ließ ich Kalodner in einer Szene des Videos zu "Dude (Looks Like A Lady)" im weißen Hochzeitskleid auftreten. Er hat das gehasst (lacht).

einestages: Für das "Crazy"-Video engagierten Sie echte Frauen: Alicia Silverstone und Ihre Tochter Liv.

Tyler: Liv war gerade mal 17 und wurde zur Identifikationsfigur für die MTV-Generation, die ja deutlich jünger war als wir Musiker. Hat funktioniert. Wir haben das wichtige Medium Musikvideo in den Neunzigern gut genutzt.

einestages: Manche nahmen Ihnen übel, dass Sie 2010 als Juror in der Castingshow "American Idol" mitmachten.

Tyler: Ich liebe Herausforderungen, Dinge, bei denen ich am Anfang nicht weiß, was am Ende rauskommt. Meine Bandkollegen waren entsetzt, sie fürchteten um unseren guten Ruf. Und waren dann neidisch, weil ich bei jeder Show neben J.Lo (Jennifer Lopez) sitzen durfte.

einestages: Ist es heute einfacher, ein Star zu werden?

Tyler: Hell yeah! Castingshows machen dich schnell berühmt, fragt sich nur, wie lange. Mit Aerosmith starteten wir, lange bevor es MTV und Social Media gab. Bis Mitte der Siebziger waren wir dreimal kreuz und quer durch die Staaten getourt, wurden manchmal sogar von der Bühne gebuht - die totale Ochsentour. Heute kann man allein durch YouTube-Videos berühmt werden, ohne einen Fuß vor die Tür zu setzen.

einestages: Mit Aerosmith sind Sie zurzeit auf Abschiedstour. Ganz sicher, dass Sie Rock-Rentner sein wollen?

Tyler: Wer sagt denn, dass ich Rentner werde, wenn es mit Aerosmith mal vorbei ist? Es gibt noch so viel zu tun. Ich will weiterhin singen, aber auch Drehbücher schreiben, Filme drehen. Und das mit dem Aufhören ist so eine Sache. Die Band und ich haben seit einiger Zeit getrennte Managements, wir haben sozusagen Staat und Kirche getrennt, damit jeder eigenen Projekten nachgehen kann. Mal sehen, ob wir unser 50. Bandjubiläum in drei Jahren nicht doch noch gemeinsam feiern.

einestages: Aerosmith hat großen Einfluss auf unzählige Nachwuchsrocker.

Tyler: Klar, jeder braucht Vorbilder. Bei uns waren es die Blueser, Elvis, die Beatles , auch Fleetwood Mac. Ein gutes Beispiel ist Slash von Guns N' Roses. Was für ein cooler Typ, ich liebe ihn. Als 13-jähriger Fanboy hat er mal ein Aerosmith-Porträt in sein Schulheft gezeichnet. Er erzählte uns davon, wir haben sein Originalgemälde im Booklet unseres Albums "Music From Another Dimension" abgedruckt. Slash hat uns echt gut getroffen.

einestages: Sehen Sie Guns N' Roses als rechtmäßige Erben von Aerosmith?

Tyler: Könnte hinkommen. Mit dem großen Unterschied, dass es bei Aerosmith keine Figur wie Axl Rose gibt. Mit ihm gerate ich oft aneinander, Axl hat manchmal etwas verdrehte Ansichten.

einestages: Nächstes Jahr werden Sie zarte 70. Ein Resümee?

Tyler: 70 ist schon ok. Das Gute daran: Ich werde mein Leben lang jünger als Mick Jagger sein. Nein, im Ernst, ich bin wirklich dankbar für all das Erlebte. Dankbarkeit empfindet man mit 30 nicht. Und wenn doch, dann ist man zu smart, um Sänger einer Rockband zu werden.

insgesamt 9 Beiträge
Hanna Könnig 19.06.2017
1. Bester Satz:
"Axl hat manchmal etwas verdrehte Ansichten". Wohl wahr ,-) Interessantes Interview, auch wenn ich die "echten Stones" immer besser fand.
"Axl hat manchmal etwas verdrehte Ansichten". Wohl wahr ,-) Interessantes Interview, auch wenn ich die "echten Stones" immer besser fand.
Paul Stefan 19.06.2017
2. Freue mich schon auf das naechste Konzert
Meine Frau und ich sind Aerosmith-Fans seit etwa 1974 und freuen uns ungemein auf das naechste und letzte Konzert dieser Tournee in Teneriffa.
Meine Frau und ich sind Aerosmith-Fans seit etwa 1974 und freuen uns ungemein auf das naechste und letzte Konzert dieser Tournee in Teneriffa.
Carlos Abreu 19.06.2017
3. Cool!
Authentischer und cooler Typ. Klasse Interview.
Authentischer und cooler Typ. Klasse Interview.
Thorsten Munder 19.06.2017
4. We're all Sombody from Somwhere
Aerosmith hat mir irgendwie nie wirklich gefallen außer so ein Poster was ein Schulfreund im Zimmer hängen hatte in den 70ern und außer Walk this Way und das Lied mit der Super hübschen Alicia Silverstone kann ich mich an Ihre [...]
Aerosmith hat mir irgendwie nie wirklich gefallen außer so ein Poster was ein Schulfreund im Zimmer hängen hatte in den 70ern und außer Walk this Way und das Lied mit der Super hübschen Alicia Silverstone kann ich mich an Ihre Musik nicht wirklich erinnern aber Steven Tylers solo Album We're all Sombody from Somwhere ist echt Klasse (nur als Empfehlung)!
Lutz Holzapfel 19.06.2017
5. Wieder ein super Interview :))
Niemand außer Alex Gerland schafft es Rocker dermaßen zum Plaudern zu bringen. Macht jedes Mal riesig Spaß beim Lesen mit lauten Lachern meinerseits. Danke ! :))
Niemand außer Alex Gerland schafft es Rocker dermaßen zum Plaudern zu bringen. Macht jedes Mal riesig Spaß beim Lesen mit lauten Lachern meinerseits. Danke ! :))

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP