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einestages

Extremsport High Diving

Wasserspringen für Wahnsinnige

Ins Wasser, aus über 50 Meter Höhe - aber der Sprung gilt nur, wenn man das Becken ohne Hilfe verlassen kann. Dana Kunze ist der König dieses höchst riskanten Sports. Mit 55 springt er noch immer.

privat
Von
Mittwoch, 21.06.2017   15:20 Uhr

Die Orcas müssen an diesem heißen Sommertag 1983 umgesiedelt werden, denn ein halbes Dutzend Verrückter will in ihr Salzwasserbecken im Freizeitpark Seaworld springen. Einen Sprungturm gibt es nicht, stattdessen eine schmale, von Seilen gehaltene Leiter, die bis in den blauen Himmel über San Diego zu reichen scheint. Irgendwo da oben, für die Zuschauer kaum noch zu erkennen, steckt in der Leiter ein kleines Brett, vielleicht halb so groß wie eine Fußmatte.

Hier sollen die Verrückten abspringen. Wer lebendig aus dem 15 Grad kalten Schwertwalbecken auftaucht und es aus eigener Kraft verlässt, dem winkt der Eintrag ins Guinness-Buch. Denn das kleine Brett befindet sich auf 172 Fuß, umgerechnet 52,4 Meter: Weltrekordhöhe.

52,4 Meter, das ist etwas höher als das Mercedes-Benz-Hochhaus in Berlin und nur etwas niedriger als der Schiefe Turm von Pisa. Wer bei solch einem Sprung mit dem Kopf zuerst ins Wasser eintaucht, bricht sich mit Sicherheit das Genick. Und wer mit den Füßen zuerst eintaucht, kann sich die Beine brechen. Im Vorjahr waren fünf Männer aus der Höhe von 170 Fuß abgesprungen, keiner blieb unverletzt.

1983 sind die Athleten besser vorbereitet, im Finale haben schon vier von ihnen den Weltrekordsprung geschafft. In Führung liegt Bruce Boccia, dem die Kampfrichter 22 von 30 möglichen Punkten gegeben haben. Dann klettert der junge Dana Kunze die Leiter hinauf. Anders als die Konkurrenten ist Kunze leicht speckig, er sieht auch ein wenig albern aus: Knie und Unterschenkel hat er komplett mit weißem Tape beklebt, die Nase dick mit Zinkoxid-Salbe eingeschmiert.

Doch trotz seines Bauchansatzes, der Angst vor Sonnenbrand und seiner erst 22 Jahre ist Kunze bereits Weltmeister und hat mehr Rekorde als jeder andere in diesem Extremsport gesammelt. Nun steht er vor der Krönung seiner Karriere. "Ich will unbedingt gewinnen!", sagt Kunze in die Kamera über ihm. Der Fernsehzuschauer sieht Kunze, unter ihm den Abgrund. Das Orca-Becken wirkt so klein wie in einer Miniatur-Eisenbahnlandschaft.

Sprung für die Ewigkeit

Kunze, der wie seine Konkurrenten zur Sicherheit mehrere Badehosen übereinander trägt, dreht sich entspannt um, schüttelt die Beine, pustet ein paar Mal durch und hebt ab Richtung Ewigkeit. Er macht einen dreifachen Rückwärtssalto, vorwärts abgesprungen, keiner der Konkurrenten erreicht auch nur annähernd diesen Schwierigkeitsgrad. Kunze taucht sauber ein.

Als er jubelnd das Becken verlässt und der Kamera das völlig zerfledderte Tape an seinen Beinen zeigt, geben ihm die Kampfrichter 27 Punkte. Das ist die Führung im Wettbewerb - und damit auch der Weltrekord.

Der letzte Springer Pat Picard landet seinen mittelmäßigen Sprung so unglücklich, dass er k.o. geht. Eine Teilnehmerin der Frauenkonkurrenz zieht ihn aus dem Wasser, bevor der Bewusstlose ertrinken kann. Der Tod im Becken ist für High Diver ein ständiger Begleiter.

Fotostrecke

Irre Springer: Nicht! Nach! Machen!

"Ich habe über die Jahre zehn Freunde verloren", sagt Dana Kunze im einestages-Gespräch. Heute ist er 55, sein Weltrekord von 1983 hat noch immer Bestand. Auch wenn andere anderes behaupten, wie etwa die "New York Times", die 1985 eine neue Weltbestleistung von Kunzes Kumpel Randy Dickison bejubelte.

Tatsächlich hatte Dickison in Hong Kong einen Sprung aus 53,3 Metern ins Becken gesetzt und damit Kunzes Weltrekord um fast einen Meter überboten. Doch die entscheidende High-Diving-Regel konnte er nicht einhalten: das Becken allein wieder zu verlassen.

Strenges Regelwerk

Der Hasardeur, der laut Dana Kunze einst im Training einen Kopfsprung aus 30 Meter Höhe unverletzt überstand, brach sich beim Eintauchen den linken Oberschenkelknochen. Er schaffte es aus eigener Kraft nur bis an den Rand des Beckens. Einige Jahre später starb Dickison bei einer Sprungshow in Belgien, vermutlich, weil er das Luftkissen verfehlte. Genau geklärt ist sein Tod bis heute nicht.

1987 versuchte Olivier Favre den Weltrekord zu knacken. Doch der Schweizer brach sich beim Eintauchen nach seinem Sprung aus 53,9 Meter Höhe einen Rückenwirbel und musste mit einer Luftmatratze aus dem Wasser geholt werden. Zudem verstieß er gegen die High-Diving-Regeln, indem er einen - auch noch ziemlich hässlichen - Neoprenanzug und Schuhe trug.

2015 sprang Laso Schaller, ebenfalls Schweizer, aus 58,8 Meter Höhe in Schutzkleidung inklusive Helm von einer Felsklippe. Mit mehreren Bänderverletzungen wurde er aus dem Wasser gezogen. Außerdem machte er nur einen einfachen Fußsprung, keine einzige vertikale 180-Drehung. Auch das verstößt gegen die klassischen Regeln dieses Sports.

Laso Schallers Sprung im Video:

Foto: Red Bull

David Lindsay, einst selbst Weltrekordhalter und heute Dana Kunzes Geschäftspartner, kommentierte Schallers Sprung so: "Er hat nichts getan, was mit High Diving zu tun hat. Er ist einfach ein Idiot, der von einer Klippe springt."

Auch Dana Kunze ist nicht gerade erfreut darüber, dass sein Rekord in einigen Listen zugunsten von eigentlich misslungenen Sprüngen getilgt wurde. Der größte High Diver aller Zeiten ist zudem enttäuscht, weil Red Bull, Veranstalter der High-Diving-Wettkämpfe der Gegenwart, noch nie Kontakt zu ihm aufgenommen hat. "Was die machen, ist nicht annähernd so anspruchsvoll und lebensgefährlich wie unser Sport damals", sagt Kunze. Das mag man gut oder schlecht finden - aber recht hat er. Die Getränkefirma lässt die Athleten aus 27 Metern abspringen, gerade einmal die Hälfte von Kunzes Weltrekordhöhe.

Halb Sportler, halb Showman

Wie kommt man bloß darauf, sich aus solchen Höhen ins Wasser zu stürzen? "Bei mir fing es in der Highschool an", erzählt Kunze. "Wir bekamen einen Trainer, der die Spannungen zwischen den weißen und den indianischen Kindern durch Sport lösen sollte." Der elfjährige Dana ging zunächst zum Turnen; schnell zog es ihn zum Wasserspringen, wo er so gut war, dass er seine Konkurrenten schon beim Aufwärmen demütigte. "Meist habe ich mich gar nicht umgezogen, sondern einfach ein paar Salti auf dem Brett gemacht."

Sein Trainer habe ihm erklärt, er könne weiter an sich arbeiten und es vielleicht irgendwann zu Olympia schaffen - oder als High Diver Geld verdienen. Kunze entschied sich für die finanziell attraktivere, aber viel riskantere Variante. Fortan zog er mit seinem Coach und anderen Jugendlichen in seiner Heimatstadt Minneapolis von Brücke zu Brücke, um aus bis zu 25 Meter Höhe in den Mississippi zu springen.

"Das war verboten", erzählt er lachend, "häufig stand plötzlich die Polizei auf der Brücke, aber wir sind dann einfach gesprungen, haben uns von der Strömung eine Meile abtreiben lassen und konnten nicht mehr geschnappt werden." Als Jugendlicher startete Dana Kunze seine Profikarriere und wurde mit 16 zum ersten Mal Weltmeister. Fortan tingelte er mit dem Springer-Zirkus durch die Welt, halb Sportler und halb Showman.

Den Sprung, der sich Kunze am tiefsten ins Gedächtnis grub, machte er Anfang der Achtzigerjahre in Japan. Ein Kran sollte ihn auf die damalige Weltrekordhöhe von 170 Fuß heben, umgerechnet 51,8 Meter. Doch Kunze ist sich sicher, dass ihn der Kranführer noch ein paar Meter höher über das japanische Meer hob: "Ich habe laut in die Kabine gerufen, aber der sprach ja kein Wort Englisch!"

Noch einmal ganz oben angreifen?

Sein Sprung bei starkem Wind misslang. Kunze tauchte nicht wie gewünscht ein und musste alle Kraft aufwenden, um allein das Wasser zu verlassen. "Nachdem ich Hände geschüttelt und Interviews gegeben hatte, bin ich in meine Kabine gegangen, habe die Tür hinter mir abgeschlossen und bin kollabiert." Kunze hatte sich alle Bänder an beiden Knien gerissen.

Ihm war bewusst, dass er diesmal auch hätte sterben können. Um ihn vor erneuten Bänderrissen zu schützen, habe ihm ein Springerkollege und Kinesiologe danach die Knie getaped. Mit Erfolg, Kunze sollte sich nie wieder ernsthaft verletzen.

Die großen Wettkämpfe endeten Anfang der Neunzigerjahre, als sich der Sender ABC aus dem High Diving zurückzog. Dana Kunze hatte vorgesorgt: Seit Mitte der Achtziger zieht er mit seiner eigenen Sprungshow durch die Lande, bis heute. Wie seine Angestellten springt er dabei im Piratenkostüm oder auch mal brennend in den Wassertank.

Trotz seines fortgeschrittenen Alters denkt Dana Kunze darüber nach, noch einmal ganz oben anzugreifen. "Wenn sich Sponsoren und ein Fernsehsender fänden, würde ich versuchen, meinen Weltrekord zu überbieten." Mut macht ihm Diana Nyad, die 1983 seinen Weltrekordsprung für ABC kommentierte: Drei Jahrzehnte später schwamm sie als erster Mensch ohne Haikäfig von Kuba nach Florida. Mit 64 Jahren.

Ach ja, sagt Kunze am Ende des Gesprächs: 1980 sei ein deutscher Stuntman namens Wolfgang Köpke von der Golden Gate Bridge gesprungen, aus 75 Meter Höhe - er geriet allerdings in Schräglage und starb beim Aufprall. Dana Kunze lässt sich davon nicht verunsichern. "Ich stand noch vor ein paar Monaten selbst auf der Golden Gate Bridge. Und als ich runtergeguckt habe, dachte ich: Das kann ich eigentlich schaffen."

insgesamt 8 Beiträge
Olaf Schütt 21.06.2017
1.
Wenn ich mich recht erinnere, gab es auch früher in Hamburg auch ein paar Verrückte, die vom alten Kühlhaus in den Hafen gesprungen sind.
Wenn ich mich recht erinnere, gab es auch früher in Hamburg auch ein paar Verrückte, die vom alten Kühlhaus in den Hafen gesprungen sind.
Hans Wurst 21.06.2017
2. Die Unterschrift...
..bei Bild 28 kann nicht stimmen. Aus einer Fallhöhe von 27m erreicht man niemals 100km/h, jedenfalls nicht durch reine Erdbeschleunigung. Die maximal mögliche Geschwindigkeit liegt hier bei unter 60km/h.
..bei Bild 28 kann nicht stimmen. Aus einer Fallhöhe von 27m erreicht man niemals 100km/h, jedenfalls nicht durch reine Erdbeschleunigung. Die maximal mögliche Geschwindigkeit liegt hier bei unter 60km/h.
Michael Bär 22.06.2017
3.
@2: 83 km/h, wenn ich richtig gerechnet habe ....
@2: 83 km/h, wenn ich richtig gerechnet habe ....
Gregor Hammer 22.06.2017
4. Wo bitte in Berlin...
... ist denn das "Mercedes-Hochhaus"? Meinen Sie vielleicht das Europa-Center am Breitscheidplatz / Tauentzien? Nur weil sich dort ein Mercedes-Stern auf dem Dach dreht, ist das Gebäude noch lange kein [...]
... ist denn das "Mercedes-Hochhaus"? Meinen Sie vielleicht das Europa-Center am Breitscheidplatz / Tauentzien? Nur weil sich dort ein Mercedes-Stern auf dem Dach dreht, ist das Gebäude noch lange kein "Mercedes-Hochhaus"! Bester Gruß aus Berlin Malleus
Lasse Laufen 25.06.2017
5. Also
Ich dachte immer dass ich gute Chancen habe, wenn ich aus dem Flugzeug falle und im Meer einplumpse. Falle ich in Bauchlage sind das 100kmh man muss nur vor dem Aufprall die Füsse nach unten bekommen. Aber offenbar stehen meine [...]
Ich dachte immer dass ich gute Chancen habe, wenn ich aus dem Flugzeug falle und im Meer einplumpse. Falle ich in Bauchlage sind das 100kmh man muss nur vor dem Aufprall die Füsse nach unten bekommen. Aber offenbar stehen meine Chancen zum schadlosen Überleben schlecht.

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