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einestages

Der kontaminierte Vorname

Adolf? Im Ernst?

Sie nennen sich Adi, Dolf oder A. - denn bei Adolf denken alle nur an den einen. Wer so heißt, hat lebenslänglich. Drei Adolfs erzählen, wie es sich mit einem derart toxischen Namen lebt.

BPK / Heinrich Hoffmann
Von
Donnerstag, 22.06.2017   10:34 Uhr

"Verzeihung, wie heißen Sie?" Mit einer Betonung wie in einem ungläubigen "Wie bitte?" Ja, doch, es gibt sie, die Adolfs. Die einen sind unübersehbar, die anderen etwas versteckt, aber sie sind da.

Adi Dassler, der Sportschuhfabrikant. Adolf Sauerland, der Ex-Oberbürgermeister von Duisburg. Addi Furler, der Sportreporter. Der Filmregisseur Adolf Winkelmann, ausgezeichnet unter anderem mit zwei Adolf-Grimme-Preisen - die wiederum den Namen eines früheren SPD-Kulturpolitikers und Rundfunk-Generaldirektors tragen. Und auch Andy Borg: Der Schnulzensänger heißt eigentlich Adolf Meyer.

Was die Männer in dieser Liste unterscheidet: Die einen kürzen den Namen ab, suchen sich einen anderen. Die anderen leben damit, als wäre es Peter, Rolf oder Christian. Vor allem aber: Einige dieser Adolfs sind nach 1945 geboren.

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Adolf: Blödester Vorname aller Zeiten (BlöVaZ)

Oft nennen sie sich Adi, Dolf oder A.W. - und sind es gewohnt, dass alle vermuten, sie kommen aus einer Nazifamilie. Denn jeden erinnert der Name sofort an Adolf Hitler, manche auch an Adolf Eichmann, das macht's nicht besser. Es ist ein bleischwerer historischer Rucksack.

Dabei steckt bei vielen hinter der Namenswahl eine familieninterne Legitimation: Es ist Tradition. Seit so und so vielen Generationen. Es klingt fast trotzig: Ich lass mir doch von einem Hitler nicht vorschreiben, wie ich meine Kinder nenne!

"Eine Markierung fürs Leben"

Ein Name als Last: "Es mag sein, dass die Eltern unterschätzt haben, wie lange die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland nachwirken würde", sagt Jürgen Gerhards, Soziologe an der Freien Universität in Berlin. "Die sagten sich vielleicht: Das mendelt sich schon aus, die NS-Verbindung des Namens Adolf gerät in Vergessenheit - damit haben sie sich verhauen. Die Langfristfolgen hatten sie nicht im Blick."

Ob Familientradition oder Führerkult: Wenn Eltern heute ihre Kinder so nennen, sei das "ein Stigma", so Gerhards. "Im Unterschied zu anderen Markern von Identität kann man einen Namen nicht einfach ablegen: Ein Name - und so auch 'Adolf' - ist eine Markierung fürs Leben." Der Soziologe untersucht schon so lange, wie uns unsere Namen prägen, dass alle anderen, die man fragt, immer erst mal raten: "Reden Sie mit Gerhards." Er ergänzt: "Eine solche Verbindung zwischen einem Vornamen und einer fürchterlichen Entwicklung der Menschheitsgeschichte wie bei Adolf ist ein Sonderphänomen: weil die Attribution so explizit ist."

In den Siebziger- und Achtzigerjahren schienen die ganz altbackenen deutschen Vornamen zu verschwinden. Um die Jahrtausendwende kehrten sie allmählich zurück - und nun sitzen ungezählte Johannas, Viktorias und Charlottes, Friedrichs, Leopolds und sogar Wilhelms in deutschen Klassenzimmern.

Aber Adolfs? Kaum. Adolf müsste erst für ein paar Jahrhunderte ins Abklingbecken.

Immerhin wurde der Name 13-mal angefragt in den vergangenen zehn Jahren bei der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS), die auch bei der Namensvergabe berät und Vornamenforschung betreibt. Der wissenschaftliche Mitarbeiter Lutz Kuntzsch kennt die Fragen: "Was halten Sie davon? Ist der Name reglementiert? Welche Assoziationen hat er? Kann ich mich umbenennen?"

Fast keiner trägt den Namen solo

Amtlich gesammelt und ausgewertet werden Vornamen in Deutschland nicht. Das Offiziellste ist die alljährlich erscheinende Rangliste der GfdS, der die Standesämter ihre Namenslisten schicken. Den Datensätzen zufolge wurde dieser so stigmatisierte Name in den vergangenen sieben Jahren immerhin 132-mal vergeben - 130-mal als Jungsname, zweimal in der Variante "Adolphina".

Knud Bielefeld pflegt auf der Seite "Beliebte Vornamen" seit 2003 Statistiken, parallel zur GfdS. Er meldet für die letzten sechs Jahre 17 Adolfs, Adolfines, Adolfos - aber als Zweitnamen. Nur ein Einziger aus seiner Stichprobe trägt ihn solo.

Das war einmal ganz anders. "Adolf war bis Anfang des 20. Jahrhunderts ein Modename", erklärt Knud Bielefeld mit Blick auf seine Namensstatistik bis Mitte der Vierzigerjahre. "Er begann gerade, in der Beliebtheitsskala zu fallen - und machte dann 1933 einen Sprung nach oben. Den nächsten deutlichen Knick gab es 1942." Seine Schlussfolgerung: "Der Rückhalt für Hitler in der Bevölkerung ging zurück."

Und wie lebt es sich mit diesem Namen im Alltag? Wie er Identitäten prägt, die Haltung zur Gesellschaft, der Elterngeneration und zur Berufswahl - das erzählen hier drei Adolfs. Sie sind Teil des Projekts "Name:Adolf": je einer aus den Vierziger-, Fünfziger- und Sechzigerjahren.

A.W., *1964, Landschaftsarchitekt:
"Ich habe den Namen zum Verschwinden gebracht"

"Wenn ich den Namen Adolf höre, ist der Erste, an den ich denke, Adolf Hitler. Irgendwann, weit dahinter, kommt mein Vater. Und dann mein Opa. Das liegt aber sicher daran, dass sie nicht alltäglich als Adolfs präsent waren: Ich habe ja weder meinen Vater noch meinen Großvater beim Vornamen genannt.

Die Frage nach dem Warum musste ich nie stellen: Es war Familientradition. Ich bin die sechste Generation. Und ich hatte nie auch nur den Hauch eines Verdachts, dass hinter der Namensgebung politische Überzeugungen standen. Mein Vater hat sich, ohne dass man ihn dazu herausfordern musste, gern und häufig politisch geäußert. Er war immer links. Und das in Bayern. Damit war er automatisch ein Einzelgänger.

Der Name hat mich weniger stark geprägt, als man zunächst vermuten würde. Allerdings hat mein Beruf dazu geführt, dass ich den Namen dann doch über eine Abkürzung zum Verschwinden gebracht habe. Über einen Zeitraum von zehn Jahren war ich intensiv mit Gedenkarbeit befasst. Und im Aufeinandertreffen mit jüdischen Überlebenden empfand ich zum ersten Mal wegen des Namens Scham.

Es war, als sei allein die Präsenz des Namens ein Unrechttun. Das wollte ich weder mir noch den anderen auf offener Bühne zumuten. Ich habe danach beschlossen, den Namen im offiziellen Kontext nicht mehr zu benutzen. Ich sehe es tatsächlich als eine Art von Beleidigungsakt an, den Namen offensiv zu verwenden."

Das ganze Protokoll auf der Seite "Name:Adolf" finden Sie hier.


Dolf, *1955, Jugendamtsleiter:
"Der Name hat mich politisiert"

"Wenn ich den Namen Adolf höre, denke ich zuerst an meinen Vater. Wenn ich ein Foto von Hitler sehe, ist meine einzige Reaktion: Ablehnung. Und unterschwellige Aggression.

Der Name, den mir meine Eltern gegeben haben, hat mich sehr geprägt. Er hat mich so sehr belastet, dass ich ihn später sogar offiziell geändert habe. In meinem Ausweis steht jetzt 'Dolf'.

Mein Vater hieß auch Adolf, geboren 1922. Er erklärte beharrlich: Der Name Adolf habe Tradition in der Familie - sein Patenonkel hieß so, daher die Namensgebung. Das habe überhaupt nichts mit Hitler zu tun gehabt, und er sehe gar nicht ein, wieso er den Traditionsnamen wegen Adolf Hitler nicht verwenden sollte.

Man muss dazu sagen: Mein Vater war tatsächlich ein erklärter Kriegsgegner. Er hat mir verboten, mit Waffen oder Kriegsspielzeug zu spielen. Über den Krieg selbst hat er nur auf der Dönekes-Ebene erzählt, Anekdoten über Erlebnisse mit Kumpels, den Rest hat er weggeschoben.

Einen positiven Effekt hatte der Name: Er hat mich zu einem politischen Menschen gemacht. Und dazu geführt, dass ich eine sehr starke Abneigung gegen Nazis habe. Mein Name ist indirekt auch für meine Berufswahl verantwortlich: Ich setze mich seit damals kritisch mit gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander, war in der Jugendarbeit aktiv, heute bin ich Jugendamtsleiter."

Das ganze Protokoll finden Sie hier.


Adi, *1948, Schauspieler und Theaterregisseur:
"Wer mit Bleigewichten joggt, wird stärker"

"Ich komme aus einer Akademikerfamilie, noch dazu aus Linz, das schon immer ein sehr braunes Nest war. Mein Großvater allerdings hieß auch schon Adolf. Der ist 1886 auf die Welt gekommen, ähnlich wie Hitler. Aber den Namen mit Familientradition zu erklären, war für mich bestenfalls eine Ausrede.

Meine Eltern waren anfangs beide begeisterte Nazis. Und später dann auf einmal nicht mehr ganz so begeistert. Wie es halt nach dem Krieg so war. Es war ihnen unangenehm, immer über diese Niederlage sprechen zu müssen. Es war ja nicht nur eine materielle Niederlage, sondern auch eine ideelle. Und das wollten die nicht so wahnsinnig gern aufrühren lassen von mir.

Ich habe meine Eltern damals mit Grausamkeit bestraft. Ich habe mit schweren Kanonen zurückgeschossen. Ich habe mich ihnen entzogen. Das tat mir später sehr leid.

Ich kann nicht mal sagen, ob mir Adolf gefällt oder nicht. Ich lebe im Frieden mit meinem Namen. Noch dazu bin ich ja einigermaßen erfolgreich. Er hat mich nicht beeinträchtigt. Vielleicht ist es, wie wenn man mit Bleigewichten joggt: Das macht stärker."

Das ganze Protokoll finden Sie hier.

insgesamt 35 Beiträge
Christian ² Crisetig 22.06.2017
1. ein hartes Los
Ich hatte einen Klassenkameraden, geboren 1970, der diese Last als zweiten Vornamen (so hiess der Opa...) tragen musste... eltern wissen manchmal nicht was sie ihren Kindern damit antun
Ich hatte einen Klassenkameraden, geboren 1970, der diese Last als zweiten Vornamen (so hiess der Opa...) tragen musste... eltern wissen manchmal nicht was sie ihren Kindern damit antun
Lutz Holzapfel 22.06.2017
2. Ich finde alle 3 Zeitgenossen sehr sympathisch
als ein Nachkomme eines Großvaters Namens Adolf, Jahrgang 1907. Schade, dass der letzte Film so dermaßen dilettantisch produziert wurde. Gegen das Licht und dann der Ton... ein Mikrofon mit Richtwirkung hätte hier Wunder [...]
als ein Nachkomme eines Großvaters Namens Adolf, Jahrgang 1907. Schade, dass der letzte Film so dermaßen dilettantisch produziert wurde. Gegen das Licht und dann der Ton... ein Mikrofon mit Richtwirkung hätte hier Wunder getan....wenn schon in einem lauten Kaffee und kein Ansteckmikro zur Verfügung. Idee sehr gut, Umsetzung im letzten Film klar 5-. Trotzdem vielen Dank ;)
Babubbel Schnarubbel 22.06.2017
3. Eigentlich ein schöner Name
Eigentlich finde ich den Namen ganz schön, wenn da nicht die dunkle Wolke drüber schwebte. Schade, dass ein Name wegen eines Mannes so stigmatisiert wird. Viel mehr Kinder sollten Adolf genannt werden, um diesen Bann zu [...]
Eigentlich finde ich den Namen ganz schön, wenn da nicht die dunkle Wolke drüber schwebte. Schade, dass ein Name wegen eines Mannes so stigmatisiert wird. Viel mehr Kinder sollten Adolf genannt werden, um diesen Bann zu brechen und den Namen mit einer anderen Assoziation zu versehen.
Gerry Weirich 22.06.2017
4. Ogi
Adolf Ogi hat's immerhin zweimal bis zum Bundespräsidenten gebracht (1993 und 2000). Allerdings nicht in Deutschland, zugegeben.
Adolf Ogi hat's immerhin zweimal bis zum Bundespräsidenten gebracht (1993 und 2000). Allerdings nicht in Deutschland, zugegeben.
Michaela Heiß 22.06.2017
5. Ich empfehle
als Lektüre den Comic "Adolf" von Osamu Tezuka, eine fiktive Geschichte dreier Adolfs (einer davon Hitler) in der Nazizeit. Auf deutsch in fünf Bänden bei Carlsen erschienen, auf Wikipedia findet sich eine [...]
als Lektüre den Comic "Adolf" von Osamu Tezuka, eine fiktive Geschichte dreier Adolfs (einer davon Hitler) in der Nazizeit. Auf deutsch in fünf Bänden bei Carlsen erschienen, auf Wikipedia findet sich eine Zusammenfassung der Geschichte samt Kommentar.

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