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einestages

Angolas Herrscherin Nzinga

Die skrupellose Königin

Einst bekämpfte sie Kolonialherren, dann verkaufte Königin Nzinga selbst Afrikaner als Sklaven. Jahrhunderte ist das her - nun soll eine Berliner Straße nach der gerissenen Menschenhändlerin benannt werden.

DPA
Von
Montag, 26.06.2017   11:18 Uhr

Die Matamba-Krieger rückten vor und schlugen dann blitzschnell zu. Ihrer Übermacht hatten die Fürsten im Süden des einst mächtigen Kongo-Königreiches um 1640 wenig entgegenzusetzen. Zu sicher fühlten sie sich im Hochland und mussten nun zusehen, wie ihre besten Krieger niedergemetzelt oder in die Matamba-Armee gezwungen wurden.

Den anderen blühte kein besseres Leben - sie wurden in die Sklaverei verschleppt und an der Küste des heutigen Angola von Matamba-Kämpfern auf Schiffe holländischer Sklavenhändler getrieben. Dann verschwanden sie auf Nimmerwiedersehen in den Plantagen europäischer Kolonisatoren.

Es war ein ungleicher Krieg, die Kongoherrscher konnten nur verlieren: Ihre Gegnerin, die Matamba-Königin Nzinga, war skrupellos und machthungrig. Um mit den Portugiesen verhandeln zu können, war sie zuvor zum Katholizismus konvertiert. Als der Frieden mit den portugiesischen Invasoren zerbrach, wechselte sie jedoch die Fronten, erwies den Holländern ihre Gunst und bekriegte die Portugiesen.

Eine Sklavenhändlerin als Namensgeberin?

Nzinga verfügte über eine starke Armee und das nötige Kapital. Sie war nicht nur eine Herrscherin, die ihre Gegner geschickt auszutricksen verstand, sie wurde im 17. Jahrhundert vor allem zur Sklavenhändlerin. Und Sklavenhandel verhieß Reichtum. Die Holländer wurden Nzingas beste Kunden.

Fast 400 Jahre später tobt nun in Berlin ein bizarrer Streit. Es geht um die Benennung von Straßen im Afrikanischen Viertel, es geht auch um die historische Rolle von Königin Nzinga. Manche sehen in ihr eine Heldin des Widerstands gegen den Kolonialismus, andere eine Machtpolitikerin und Sklavenhändlerin.

Der Sklavenhandel war das wohl schändlichste Geschäft jener Zeit. Die Portugiesen hatten im 16. Jahrhundert damit begonnen, Sklaven von Afrikas Westküste nach Brasilien zu verschiffen. Schnell mischten auch andere Nationen im lukrativen Handel mit, grasten Holländer ebenso die Küsten ab.

Ohne die Hilfe afrikanischer Kollaborateure wären sie nicht weit gekommen - meist wagten sich die Europäer nicht weit ins Landesinnere, wo Gefahren lauerten und wo sie das Herz der Finsternis wähnten.

Wie viele Unglückliche so aus Westafrika verschleppt und zu Sklavenarbeit gezwungen wurden, weiß niemand. Auf zehn Millionen wird die Zahl geschätzt. Etwa 12.000 bis 13.000 jährlich gingen allein durch die Hände von Nzinga und ihren Schergen, so berichten es zeitgenössische niederländische Quellen.

Gesucht: Afrikanische Heldinnen. Gefunden: Nzinga

"Wohlstand und Macht fiel hauptsächlich jenen afrikanischen Autoritäten zu, die die Sklavenbewegungen kontrollierten und die einige der Sklaven als Söldner behalten konnten", schrieb der amerikanische Historiker und Nzinga-Experte Joseph C. Miller im "Journal of African History", "steigende Sklavenexporte aus Nzingas Herrschaftsbereich ermöglichten ihr, eine Armee aufzubauen und das Herrschaftsgebiet zu erweitern".

Ausgerechnet die gewissenlose Angola-Königin ist derzeit als Namenspatin ein paar tausend Kilometer weiter nördlich im Gespräch, im Berliner Wedding. Der Bezirk Mitte will Straßen und Plätze umbenennen, die an die beiden Kolonialisten Carl Peters und Adolf Lüderitz sowie den Afrikaforscher Gustav Nachtigal erinnern. Ihre Namen sollen am liebsten durch afrikanische Frauen ersetzt werden. Anwohner des Afrikanischen Viertels durften Vorschläge einreichen.

Eine geheime Jury tagte - und kam auf die Sklavenhändlerin aus Angola. Seitdem müssen die Juroren viel Spott erdulden, insbesondere weil Gustav Nachtigal, einerseits Kolonialist und andererseits Gegner der Sklaverei, aus den Stadtplänen verschwinden und stattdessen eine gewissenlose Amazone wie Nzinga zu Ehren kommen soll. "Moment - wie nennt man das noch gleich, wenn man Personen vor allem nach ihrer Hautfarbe und ihrem Geschlecht beurteilt? Ich glaube, die Fachbegriffe heißen 'Rassismus' und 'Sexismus'", lästerte Kolumnist Harald Martenstein im "Tagesspiegel".

"Im Nu war der Leichnam zerhackt"

Unglücklich über die Posse im roten Wedding ist auch der Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer: "Die Beteiligung afrikanischer Eliten am Versklavungshandel berührt einen heiklen Punkt afrikanischer Geschichtsschreibung." Mit einer einfachen Entscheidung, kolonial belastete Namen zu ändern, sei es nicht getan, sagt der Kolonialismusexperte: "Es kommt auch darauf an, wen man ehrt."

Befürworten würde Zimmerer Namenspaten mit unmittelbarem Bezug zum deutschen Kolonialismus: zum Beispiel Jogodia, die Kilimandscharo-Brutalo Carl Peters - auch bekannt als "Hänge-Peters" - erst zu seiner Konkubine machte und später hinrichten ließ. Ähnlich sieht das Afrikawissenschaftlerin Josephine Apraku, die sich bereits aus der umstrittenen Jury zurückgezogen hat: "Nzinga hat mit Deutschland nichts zu tun."

Bunte Bilder, heroische Gesten

Mittlerweile haben sich sogar die Herero im fernen Namibia zu Wort gemeldet und fordern eigene Straßennamen. Allerdings haben sie in ihrer Historie noch keine passende Frau gefunden, und ihr damaliger Anführer Samual Maharero kommt kaum für einen Straßennamen infrage. Er hatte selbst lange mit den deutschen Kolonialherren kollaboriert und galt zudem als Trunkenbold und Weiberheld. Zimmerer: "Er hat zwar später den Widerstand gegen die Deutschen angeführt, aber er ist zu ambivalent."

Zu den Wedding-Vorschlägen zählt nun Martin Dibobe, der als erster schwarzer Zugführer und "Afro-Sozi" Black Power nach Berlin trug. Kopfzerbrechen bereitet den Berliner Lokalpolitikern aber vor allem die Einordnung von Nzinga. In der "Welt" bezweifelte Jurymitglied Bertrand Njoume ihre Verwicklung in den Sklavenhandel sogar: Die Jury habe sich auf zwei Unesco-Studien gestützt, dort werde sie als Vorbild im Kampf gegen Kolonialismus gepriesen.

Bei einer der beiden "Studien" handelt es sich offenbar um einen Unesco-Comic, der Kindern die Kolonialgeschichte näherbringen und Werbung für das Wirken afrikanischer Frauen machen soll. Er heißt "Njinga Mbandi. Queen of Ndongo and Matamba" und ist Teil einer Serie über "Frauen in afrikanischer Geschichte".

Recht fantasievoll wird dort beschrieben, wie entsetzt Nzinga seinerzeit darüber gewesen sei, dass Portugiesen ihre afrikanischen Brüder und Schwestern versklavten, und wie sie den Widerstand gegen die Invasoren von der iberischen Halbinsel anführte. Dazu gibt es jede Menge hübscher bunter Bilder, die zum Beispiel zeigen, wie Nzinga bei Verhandlungen mit Portugiesen zu deren Füßen sitzen soll - und kurzerhand eine Dienerin herbeiwinkt und sich auf deren Rücken setzt.

Wo es fragwürdig wird, endet der Helden-Comic

Heroische Gesten enthält der farbenprächtige Comic reichlich (siehe Fotostrecke). Dass Nzinga im Verdacht steht, 1624 ihren Bruder vergiftet zu haben, um an die Macht zu kommen, steht darin nicht. Vor allem aber endet der Comic mit der Niederwerfung der Portugiesen 1641. So erfährt der Leser auch nichts von Nzingas Kollaboration mit den holländischen Sklavenhändlern und, nachdem diese wieder an Einfluss verloren hatten, ihrer erneuten Hinwendung zum portugiesischen Erzfeind.

"Königin Nzinga von Matamba, die afrikanische Politik in einem Zustand von Chaos hielt und beim Aufbau des angolanischen Sklavenhandels mithalf, wurde so etwas wie eine afrikanische Heldin in den Schriften europäischer Historiker", wundert sich Joseph C. Miller. Dabei zollt er seinem Forschungsobjekt durchaus Respekt. Sie habe alle ihre Feinde "kunstfertig manipuliert", sei intelligent und unorthodox gewesen und habe mit militärischen Innovationen geglänzt. Moral aber sei der Königin, die zur Paranoia neigte und nur engsten Verwandten vertraute, zeitlebens fremd geblieben.

"Sie war keine ursprüngliche Nationalistin in dem Sinn, dass sie die Interessen ihres eigenen Volks gegen Eindringlinge verfochten hätte", schreibt Miller. "Von den Europäern wurde sie weniger bedroht als von den Afrikanern selbst." Als sie 1663 starb, hielt die Trauer sich in Grenzen. Ihre Gegner, die sie sich im eigenen Volk gemacht hatte, triumphierten und verjagten Nzingas Getreue aus allen Ämtern.

insgesamt 31 Beiträge
Florian Schubert 26.06.2017
1. Ach ja, der (die) makellose Held(in)...
...existiert nicht. Surprise! Kann mal vielleicht trotzdem geleistetes Positives anerkennen?
...existiert nicht. Surprise! Kann mal vielleicht trotzdem geleistetes Positives anerkennen?
Heike Scherer 26.06.2017
2.
Es schwierig heutzutage, wo man nicht mehr akzeptieren kann, dass fast alle auch ihre dunkle Seite haben. Bei fast allen, nach denen irgendwelche Straßen benannt sind, ließe sich ein Gegenargument finden. Wir sind heute strenger [...]
Es schwierig heutzutage, wo man nicht mehr akzeptieren kann, dass fast alle auch ihre dunkle Seite haben. Bei fast allen, nach denen irgendwelche Straßen benannt sind, ließe sich ein Gegenargument finden. Wir sind heute strenger und moralischer als je zuvor. Und ungeheuer selbstgerecht.
Jesus Christus 26.06.2017
3. Ein sehr interessanter Beitrag
Und ein erschreckendes Beispiel das man Geschichtsfälschung nicht nur in politisch extremen Ecken findet. Man kann natürlich grundsätzlich in Frage stellen wie sinnvoll es ist in der Vergangenheit nach heroischen [...]
Und ein erschreckendes Beispiel das man Geschichtsfälschung nicht nur in politisch extremen Ecken findet. Man kann natürlich grundsätzlich in Frage stellen wie sinnvoll es ist in der Vergangenheit nach heroischen Persönlichkeiten zu suchen, vor allem in den etablierten Herrschaftsklassen. Wahre Helden riskieren etwas indem sie die Herrschaftsverhältnisse grundsätzlich in Frage stellen und für etwas besseres kämpfen, stets begleitet von der Gefahr von seinen übermächtigen Gegnern zerstampft zu werden oder selbst zu dem zu werden was man bekämpft. In dieser Geschichte hier, sieht man nur eine Königin die offenbar alles dafür tat um auf dem Thron zu bleiben, so wie es auch die europäischen Könige taten. Den einen Untertanen werden Freiheit, Reichtum und Ehre versprochen indem sie es anderen Untertanen wegnehmen. Das funktioniert auch heute noch so... nur moderner und mit viel Aufwand oberflächlich ethisch bereinigt/beschönigt.
Ulf Lautenbach 26.06.2017
4. Für heutige Straßen...
eignen sich keine gestrigen Menschen. Die Moralvorstellungen sind nunmal auch in denletzten Jahren extrem verändert, und eine saubere moralische Größe zu finden, die dann auch noch zu einem bestimmten Thema passt, da sucht man [...]
eignen sich keine gestrigen Menschen. Die Moralvorstellungen sind nunmal auch in denletzten Jahren extrem verändert, und eine saubere moralische Größe zu finden, die dann auch noch zu einem bestimmten Thema passt, da sucht man lieber die Stecknadel im Heuhaufen.
Thomas Sallermann 26.06.2017
5. Neutrale Namen
Könnte man nicht die Namen von Tieren oder Pflanzen benutzen? Angola war nie deutsche Kolonie. Vorschläge sollten Menschen aus Namibia, Togo, Kamerun und Tansania machen, nicht irgendwelche Berliner Lokalpolitiker.
Könnte man nicht die Namen von Tieren oder Pflanzen benutzen? Angola war nie deutsche Kolonie. Vorschläge sollten Menschen aus Namibia, Togo, Kamerun und Tansania machen, nicht irgendwelche Berliner Lokalpolitiker.
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