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einestages

Zehn Jahre Apple-Handy

Geständnisse eines iPhone-Junkies

Am 29. Juni 2007 kam das erste iPhone auf den Markt. SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Marc Pitzke erinnert sich an den Hype - und die Sucht, die dem bald folgte.

Getty Images
Donnerstag, 29.06.2017   11:21 Uhr

Mein Tag beginnt mit Twinkle. So heißt der sanfte Weckton meines iPhones. Er hört sich an wie ein kleines Kind, das auf einem Xylophon herumübt - ein halbwegs erträglicher Klang, der einen nicht allzu rüde aus dem Schlaf holt.

Das Kind übt acht Sekunden lang. Ich greife nach dem iPhone, werfe einen müden Blick auf die neuen E-Mails, scrolle durch Facebook und Instagram, beantworte blind eine SMS und scanne die Top-Schlagzeilen und Tweets, darunter meist mehrere Frühtiraden von Donald Trump. Dann stehe ich auf.

Im Bad kalauert mich eine Live-Radio-App vollends wach, beim Frühstück checke ich den Kalender, das Wetter und die digitale "New York Times", im Hausflur prüfe ich die U-Bahn-Verspätungslage und ändere notfalls meine Route, um schließlich auf dem Weg ins Büro in Musik zu versinken.

90 Minuten, 14 Apps, ein Gerät. Was wäre der Morgen, der Tag, das Dasein ohne Smartphone? In meinem Fall: ohne iPhone, mit dem vor zehn Jahren alles begann. Als Apple am 29. Juni 2007 sein "revolutionäres und magisches Produkt" in den Handel hypte, ahnte kaum einer, wie revolutionär das wirklich werden würde. So revolutionär, dass wir die Magie längst gewohnt sind. Touchscreen? Wie mondän. Telefonieren? Wie retro.

Ich besitze mein iPhone nicht - mein iPhone besitzt mich. Es steuert mein Leben. Immer da, in der Hand, in der Hosentasche, im Hinterkopf. Meine Interaktionen laufen meist übers iPhone oder beginnen dort, mein Job, mein Haushalt und meine Freundschaften wären ohne nicht denkbar. Smartphone-Nutzer, habe ich neulich gelesen, gucken 110-mal am Tag drauf. Amateure!

Sechseinhalb Stunden anstehen für ein Smartphone

Ja, ja, schlimm. Unsozial. Ungesund! Auch dafür gibt's eine App: Sie schaltet das iPhone ab, wenn man es länger nutzt als eine selbstbestimmte Zeit. "Leg dein Phone weg!", lautet der Slogan, doch dazu muss man die App erst mal laden, für 3,99 Dollar. Ich habe drauf verzichtet. Süchtige haben keine Willenskraft.

Steve Jobs - R.I.P. - hat's geschafft: Zehn Jahre später sind wir Junkies. Cupertino Crack nennen sie es, nach Apples Heimatort im Silicon Valley, unserem Tal der Puppen. Smartphone-Sucht ist eine reale Diagnose, die, so "Psychology Today", zu Depressionen, Angstzuständen und Panikattacken führt. Es gibt Therapiegruppen und Placebo-Geräte, Attrappen aus leerem Plastik. "Klo-resistente Surrogate", zehn Dollar im Ausverkauf: "Immer was im Griff!"

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Zehn Jahre Apple-Smartphone: Happy Birthday, iPhone!

So unschuldig war die Welt vor dem iPhone. Die Weltfinanzkrise war da noch eine US-Immobilienkrise, ein Senator namens Barack Obama bewarb sich um die Präsidentschaftskandidatur, Harry Potters Schicksal war offen. Mein PDA war ein BlackBerry 7130e mit Mini-Schirm und noch winzigeren Tasten.

Wie Millionen andere stand ich Schlange fürs erste iPhone. Sechseinhalb Stunden, auf einem heißen Gehweg in Manhattan. TV-Crews filmten uns, Passanten spendeten Proviant, Gerüchte und Hiobsbotschaften verursachten Nervenkoller. "Keine 8-Gigabyte-Modelle mehr!" Was waren Gigabytes?

80 Seiten Telefonrechnung

Dann hielt ich es in der Hand, ein Fühlstein von einem anderen Stern. 136 Gramm für 499 Dollar. Mein erstes Statusobjekt seit dem Sony-Discman.

Alles war so neu. Gut, der Browser hinkte, der App-Store würde erst 2008 kommen, der Speicherplatz reichte für ein paar Fotos und zwei Folgen der damals populärsten TV-Serie "Desperate Housewives". Doch ich schaute nie zurück.

Auch wenn ich schon nach einer Woche desillusioniert war. "Das iPhone kann mehr, als man denkt, aber weniger, als man sich wünscht", schrieb ich schnöde, so schnell verwöhnt. Keine Umlaute! Kein Cut-and-Paste! Die Wegbeschreibungen führten in Sackgassen oder mitten in den Hudson River!

Dann lag die erste Rechnung im Briefkasten. 80 eng bedruckte Seiten, aneinandergelegt 9,20 Meter lang und unterzeichnet mit der absurden Öko-Parole: "Vielen Dank, dass Sie uns geholfen haben, der Umwelt zu dienen."

Meine aktuelle iPhone-Rechnung hat nur noch 30 virtuelle Seiten. Trotzdem enthält sie weiter so obskure Gebühren wie "County Gross Receipts Surcharge", "Federal Universal Service Charge", "MTA Telecom Surcharge", "Regulatory Cost Recovery Charge", "State Telecommunications Excise Surcharge" sowie fünf Steuern. Nur eine Gebühr sagt mir was: Die "MTA Telecom Surcharge" dient angeblich unter anderem dem Unterhalt des 113-jährigen New Yorker U-Bahn-Systems, das zurzeit täglich zusammenbricht.

Gefangen in der Konsummühle

Inzwischen bin ich bei meinem fünften iPhone, einem verkratzt-verbeulten 6S, das nach einem Upgrade lechzt. Manchmal stirbt es, wenn die Batterie noch Saft hat, manchmal wird es so heiß wie eine Wärmeflasche. Alle Modelle benötigten neue Kopfhörer, neue Schutzhüllen, neues Dies und Das. Alles sicher eine Verschwörung von Apple, um einem endlos neue Produkte aufzunötigen.

Mir wurden iPhones geklaut und gehackt, ich habe mehrmals alle Daten verloren und gelegentlich einige wiederbekommen. Ich verfluche es wie ein Alkoholiker die Flasche, doch wenn ich zum Android wechseln würde, würde ich ja nur die Flasche wechseln, nicht den Fusel, und es sind sowieso alles iPhone-Abklatsche.

Also werden meine Tage auch weiter mit dem Xylophon-Kind beginnen, bis ich einen der 51 anderen eingebauten Wecktöne wage. Apple verkaufte im ersten Quartal 2017 mehr als 78 Millionen iPhones, so viele wie nie. Zum Jubiläum soll es wieder mal ein "radikal" neues geben.

insgesamt 13 Beiträge
Ralf Wenzel 29.06.2017
1. Herrlich erfrischend geschrieben
Ein Link, den ich an die weiterreiche, die mich einen iPhone Junkie nennen - dagegen bin ich ja Kindergarten-Liga :D
Ein Link, den ich an die weiterreiche, die mich einen iPhone Junkie nennen - dagegen bin ich ja Kindergarten-Liga :D
Gunnar Brinkmann 29.06.2017
2. Geständnisse eines Smartphone-Verweigerers
Ich bin Programmierer. Ich kenne das Internet seit den 90ern (und ich meine "kenne"). Ich bin ein Spielkind und mag prinzipiell Gadgets. Ich kann trennen zwischen sinnvollen Einsatzgebieten von Online-Mobilität und [...]
Ich bin Programmierer. Ich kenne das Internet seit den 90ern (und ich meine "kenne"). Ich bin ein Spielkind und mag prinzipiell Gadgets. Ich kann trennen zwischen sinnvollen Einsatzgebieten von Online-Mobilität und Spielkram. Und dass für mich Online-Mobilität bisher nie infrage kam, habe ich nie bereut, ganz im Gegenteil. Für mich sind 95% oder mehr der Nutzung reiner Spielkram. Wogegen ja auch nichts spräche, wenn es keine negativen Auswirkungen für Individuen oder die Gesellschaft gäbe. Die negativen Auswirkungen resultieren natürlich aus der Sucht, der übermäßigen Verwendung, der Tatsache, dass sich die meisten Menschen 24/7 von ihren Gadgets beherrschen lassen. Unabhängig von den Alltäglichkeiten der Smombies, die jeder kennt (z.B. dass unabhängig von der Situation das Gadget immer Vorrang hat), wird mir jedesmal schlecht, wenn ich sehe, wieviel Zeit viele Menschen mit ihrem Gadget verbrennen, statt zu arbeiten. Also die private Nutzung bei der Arbeit. Wer "Matrix" kennt und Online-Mobilität ebenfalls kritisch sieht, kann vielleicht etwas mit einem Vergleich anfangen, den ich gerne mache: Smartphone-Junkies leben die Matrix, das Gadget ist der Stecker im Nacken, die Scheinwelt findet auf dem Display statt, der Konsum ist die Nährflüssigkeit, die echte Welt ist höchstens lästig, da sie den Genuss der Scheinwelt stört. Und ein Satz, mit dem ich derartige Vorträge gern beende: Rechtfertigungsversuche sind übrigens ein Standardmerkmal von Sucht.
Tilmann Franz 29.06.2017
3.
Für mich war das erste iPhone eine Zwangs-Jacke. Providerzwang, Appstorezwang. Wegen des Appstorezwanges habe ich bis heute keines.
Für mich war das erste iPhone eine Zwangs-Jacke. Providerzwang, Appstorezwang. Wegen des Appstorezwanges habe ich bis heute keines.
Sebastian Lac 29.06.2017
4. Warum alles so negativ sehen?
Man müsste eigentlich Apple Steve Jobs den Jahrhundert Preis geben (möge er in Frieden ruhen). Mit dem Iphone wurde eine neue Ära eingeläutet und neue Generationen von Technologien entwickelt und auf dem Markt gebracht. Es war [...]
Man müsste eigentlich Apple Steve Jobs den Jahrhundert Preis geben (möge er in Frieden ruhen). Mit dem Iphone wurde eine neue Ära eingeläutet und neue Generationen von Technologien entwickelt und auf dem Markt gebracht. Es war nicht nur um das Telefonieren sondern das Iphone hat eigentlich alles revolutioniert. Touchscreens wurden zum Standard und mit dem wurden und werden in Zukunft Stift, Papier und Tastaturen ersetzt (na gut, es da natuerlich Vor- und Nachteile mit dieser Entwicklung). Mit dem Iphone wurden neue Technologien, Software und Applikationen noetig. Apps wurden rasant entwickelt und weltweit verbreitet, neue IT Firmen spezialisiert auf Apps gegruendet was wiederum zur Folge hatte, dass die Hardware mitkommen musste. Alles schien nicht nur Zukunftsmusik zu sein, war zugaenglich fuer die breite Masse und nicht nur den Experten bzw. exklusiv fuer Nerds oder Spezial- Forschungsunternehmen vorbehalten. Internet, Email, Sprach- und Text Nachrichten, Social Medias, Augmented Reality, VR, 3D Druck, hochentwickelte und integrierte Fotokameras, Ueberwachungstechnik, Applikationen fuer Medizin, Gesundheit und Sport, und und und. Dies alles hat Iphone erst moegich gemacht bzw, die Entwicklung beschleunigt, auch wenn vorher es schon Konzepte gab, die diese Technik fuer den herkoemmlichen Gebrauch zu Verfuegung stellen sollte (aber dann doch alles ferne Zukunftsmusik - "Star Trek"). Ja, die Schattenseiten sind, dass man staendig sich mit dem Smartphone beschaeftigt, sich als suechtig ansieht. Aber war das mit dem Fernseher nicht genauso? Das Iphone hat die Welt veraendert, mit dem Iphone kamen Elektronik, Technologien und Anwendungsprogramme auf dem Markt, die wir vielleicht in 200 Jahren erwartet haetten. Man sollte Dankbar fuer die Iphone sein und - ab und zu start und selbstdiszipliniert sein, sollte man denken man sei suechtig und die Schuld auf das Iphone schieben. Es gibt ja auch nicht wenige, die Stundenlang am Tag vor dem Fernseher hocken. Also, warum alles so negativ sehen?
Markus Mosler 29.06.2017
5. Ihr tut mir leid ...
Es ist nicht so, dass ich kein Smartphone hätte. Ich nutze viele sinnvolle Einsatzzwecke. Es hat schon Vorteile, nicht jeden Abend den PC extra hochfahren zu müssen, um die Mails anzuschauen. Unterwegs mal eben etwas googeln zu [...]
Es ist nicht so, dass ich kein Smartphone hätte. Ich nutze viele sinnvolle Einsatzzwecke. Es hat schon Vorteile, nicht jeden Abend den PC extra hochfahren zu müssen, um die Mails anzuschauen. Unterwegs mal eben etwas googeln zu können, ist auch nicht verkehrt. Ich schaue in 2-3 Internetforen rein und gebe meine Betankungen in die App von spritmonitor ein. Zeitung lese ich auch ab und zu, wenn ich z. B. am Bahnhof auf den Zug warte. Und noch ein paar Sachen mehr. Aber wenn ich, wie der Autor dieses Artikels, schon morgens vor dem Verlassen des Hauses ohne Smartphone nicht mehr auskäme, würde mich das bedenklich stimmen. Mich weckt ein Radiowecker mit meinem Lieblingssender, ich käme nie auf die Idee, morgens schon nach Mails zu schauen und in aller Regel nehme ich das Gerät vielleicht um 11 oder 12 Uhr das erste Mal in die Hand. Verteufeln muss man es sicher nicht. Aber ich könnte problemlos auch mal eine Woche ohne Smartphone auskommen, ohne dass mir wirklich etwas fehlen würde.

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