Schrift:
Ansicht Home:
einestages

Jugoslawienkrieg

Das weiße Band der Schande

Während des Bosnienkriegs wurden Nichtserben gezwungen, weiße Bänder am Oberarm zu tragen, sie wurden in Lager deportiert, gefoltert, vertrieben. Heute kämpfen Überlebende mit den Bändern für Gerechtigkeit.

imago/Pixsell
Von
Sonntag, 06.08.2017   16:06 Uhr

Mirso Muhics kleine Welt war schön: Sein Vater hatte das Familienhaus selbst gebaut und war dann nach Deutschland gezogen, um dort zu arbeiten. Die Familie hatte vor kurzem das Zuckerfest gefeiert und Mirso, damals zehn Jahre alt, freute sich auf die Sommerferien. Doch die Idylle, die seine Kindheit prägte, sollte bald ein Ende finden.

Denn Mirso und seine Familie sind Bosniaken, also bosnische Muslime. Das sozialistische Jugoslawien, in dem Mirso geboren wurde, fiel Anfang der Neunzigerjahre auseinander. Vor dem Zusammenbruch war Bosnien eine von sechs Teilrepubliken des Landes gewesen. Es nahm eine besondere Rolle im Gesamtgebilde Jugoslawien ein, war ein Vielvölkerstaat im Vielvölkerstaat: Muslimische Bosniaken, orthodoxe Serben, katholische Kroaten und andere lebten zusammen.

Im März 1992 erklärte Bosnien-Herzegowina seine Unabhängigkeit. Dann wurde der junge Staat von der serbisch dominierten Jugoslawischen Volksarmee angegriffen.

Fotostrecke

Jugoslawienkrieg: Rückfall in die Barbarei

Vor allem im serbischen Teil der Bevölkerung setzte sich eine nationalistische Ideologie durch. Die serbisch-nationalistische Partei SDS verkündete die "Republika Srpska", die Serbische Republik. Um einen "großserbischen" Staat möglich zu machen, sollten Nicht-Serben aus jenen Teilen Bosniens verschwinden, in denen viele Serben lebten. Das Mittel dazu waren Massenvertreibungen, Konzentrationslager und Massaker, denen zumeist bosnische Muslime zum Opfer fielen.

Das Ende des Zusammenlebens wird im Radio verkündet

Bald überrollte der Krieg auch Mirsos Heimatstadt Prijedor: Die Jugoslawische Volksarmee griff Prijedor an und verhalf serbischen Nationalisten zur Macht. Das Ende des Zusammenlebens wurde über Radio Prijedor verkündet: "Alle Nicht-Serben müssen ihre Oberarme mit weißen Bändern und ihre Häuser mit weißen Fahnen markieren", hieß es. Zu dieser Zeit lebten in Prijedor und Umgebung knapp 50.000 Bosniaken; sie machten die größte Gruppe aus. Hinzu kamen fast genauso viele Serben, sowie eine kroatische und andere Minderheiten.

Beim Spielen an einem See hörte Mirso zum ersten Mal Schüsse. "Nachdem sie unsere weiße Fahne im Garten gesehen hatten, versuchten Scharfschützen von den Fenstern meiner Schule aus, meine Mama zu erschießen", erinnert er sich heute. "Sie konnte sich nur knapp ins Haus retten und wir beschlossen zu fliehen. Meine Schwester war 14. Aus Angst, dass sie unterwegs vergewaltigt werden könnte, mussten wir sie bei meiner Oma zurücklassen."

Die fünfjährige Emira Mulalic aus Mirsos Dorf wurde mit ihrer Familie ins Konzentrationslager Trnopolje deportiert. Die Grundschule von Trnopolje wurde als Lager für Kinder benutzt. In den Konzentrationslagern um Prijedor waren mehr als 31.000 Menschen interniert. Viele wurden gefoltert oder ausgehungert, Hunderte getötet. Emira wurde neben ihrem Vater erschossen und verblutete in den Armen ihrer Mutter. Ihr Vater begrub sie neben der Moschee in Trnopolje.

Als er nach dem Krieg nach Pijedor zurückkam, um einen Grabstein zu errichten, war Emiras Leiche verschwunden. Erst Jahre später wurden ihre Knochen gefunden und im Juli 2016 beigesetzt - 24 Jahre nach ihrem Tod. Ihr Leben war kürzer als die Suche nach ihrer Leiche.

Hunderte werden noch immer vermisst

Nicht jedem gelang es, die Überreste getöteter Familienmitglieder zu finden. Hunderte Menschen aus Prijedor und Umgebung gelten noch heute als vermisst. Darunter auch das jüngste bekannte Opfer, der zwei Monate alte Velid Softic. Babyknochen sind dünn und besonders schwer zu finden.

In bis zu zehn Metern Tiefe wurden die Leichen und Schicksale von Tausenden von Menschen zusammengeworfen. In und um Prijedor herum gibt es mehr als 130 Massengräber. Und bis heute hoffen Überlebende darauf, wenigstens einen Knochen ihrer Angehörigen in einem der Gräber zu finden. Die meisten Leichen wurden auf mehrere Orte verteilt, um die Morde zu vertuschen. In Prijedor wurden mehr als 5200 Menschen getötet oder gelten als vermisst.

Kein bisschen Frieden - der Krieg auf dem Balkan

Nachdem Mirso und seine Mutter aus ihrem Haus geflüchtet waren, verhungerten sie fast. Sie fassten deshalb einen Entschluss, den sie später bereuten: Um Mehl zu holen, kehrten sie heimlich in ihr Dorf zurück.

Dort lebten nur noch ein Nachbar und dessen gehörloser Sohn. "Kurz nachdem wir angekommen waren, kamen zwei Soldaten in die Ruine unseres Hauses", sagt Mirso. "Sie fingen an, meine Mama und meine Tante zu schlagen. Mein sechsjähriger Bruder weinte; sie schlugen ihn mit Gewehren, bis er still war." Er selbst habe nur stumm dagestanden, konnte nicht einmal weinen. Seiner Mutter, erinnert sich Mirso, schlugen sie alle Zähne aus.

Die Soldaten zerrten Mirsos Mutter und seine Tante aus dem Haus. Nach stundenlangem Warten waren sich die Brüder sicher, dass ihre Mutter und Tante tot seien. Sie beschlossen, zu zweit wieder zu fliehen. Als sie aus dem Haus traten, kamen die zwei Frauen blutüberströmt, mit zerrissener Kleidung, auf sie zu. Der Nachbar und sein Sohn lagen tot auf dem Bürgersteig. Sie flohen so schnell wie möglich. Ihr Dorf war jetzt leer.

Muslime und Katholiken vereint

Mirsos kleine Welt wurde "ethnisch gesäubert" - in Prijedor und den umliegenden Orten wurden 94 Prozent aller Nicht-Serben getötet oder vertrieben. Die meisten Opfer waren Bosniaken, aber auch viele bosnische Kroaten wurden getötet. Unter ihnen: der 14-Jährige Kresšo Pranjic. Dass Krešsos Vater Serbe war, konnte ihn nicht retten. Denn auch Kinder aus sogenannten Mischehen passten nicht in das Konzept eines "Großserbiens". In Prijedor wurden die katholische Kirche und die Moschee am selben Tag in die Luft gesprengt: Einheit im Leid.

In Deutschland, weniger als sieben Stunden Autofahrt von Prijedor entfernt, arbeitete Mirsos Vater. Flüchtlinge aus Prijedor erzählten ihm, dass seine Familie tot sei. Nach einem langen, qualvollen Jahr fand er heraus, dass die Kinderleichen, die man gefunden hatte, doch nicht die seiner Kinder waren.

Fotostrecke

Jugoslawien 1991: Der Krieg, den niemand wollte

Mirso lebte. Er wurde wieder mit seiner Schwester vereint, musste zuvor aber mit ansehen, wie die 14-Jährige einen Soldaten, der ihr ein Messer an den Hals hielt, um ihr Leben anflehte. An einem Ort, an dem zuvor mehr als 200 Menschen massakriert worden waren, wurden Mirso und seine Schwester in einen überfüllten Viehtransporter geworfen und deportiert.

Sie wurden unweit von Travnik ausgesetzt, einer von der bosnischen Armee kontrollierten Stadt knapp drei Autostunden südöstlich von Projedor. Dort trieben serbische Soldaten sie durch ein Minenfeld. Am Anfang mussten sie rennen, dann liefen sie immer langsamer. Um die Minen zu umgehen, trat jede Person in die Fußstapfen des Vordermanns. Schritt für Schritt brachten sie sich in Sicherheit.

Weiße Bänder im Kampf um die Erinnerung

Prijedor liegt heute in der Republika Srpska, die seit dem Kriegsende einen von zwei offiziellen Landesteilen Bosniens bildet: den serbisch kontrollierten. Die Stadtregierung lässt noch immer nicht zu, dass ein Denkmal für die Opfer errichtet wird. Seit Jahren bekämpft sie eine Initiative, wenigstens für die getöteten Kinder ein Denkmal zu bauen. Stattdessen steht dort, wo einst das Konzentrationslager Trnopolje war, ein Denkmal für serbische Soldaten.

Jedes Jahr demonstrieren Tausende Menschen in Prijedor und anderen Städten auf der ganzen Welt, in denen Vertriebene heute leben, für ein Denkmal. Sie gedenken der Opfer - und tragen dafür am Oberarm ein weißes Band. So auch bei einer Demo im Jahr 2012.

20 Jahre, nachdem sich die Nicht-Serben Prijedors mit weißen Bändern kenntlich machen mussten, zog eine Gruppe Überlebender und Aktivisten durch das Stadtzentrum. Unter ihnen waren auch junge bosnische Serben, die gegen die Leugnungspolitik der Stadtregierung ankämpfen. Sie trugen Schulranzen mit den Namen von Emira, Kresšo, dem Baby Velid und anderen getöteten Kindern aus Prijedor. Sie legten die Schulranzen auf den Boden und formten damit ein Wort als Botschaft an die Stadtregierung: Genozid.

Zur Autorin

insgesamt 6 Beiträge
Dominique Dietz 06.08.2017
1.
Immer wiieder erschreckend und unfassbar mit welchem Hass und Gewalt Menschen agieren können. Auch heute noch keine Spur von Schuldbewusstsein, noch nicht mal das Gefühl von Unrecht, dass man ja wenigstens abseits der eigenen [...]
Immer wiieder erschreckend und unfassbar mit welchem Hass und Gewalt Menschen agieren können. Auch heute noch keine Spur von Schuldbewusstsein, noch nicht mal das Gefühl von Unrecht, dass man ja wenigstens abseits der eigenen Schuld einräumen könnte Zum Glück hat meine Frau die Zeit in Slowenien erlebt, da war es nahezu friedlich
Igor B. 06.08.2017
2. Immer die gleiche Bla Bla
Frau Borcak, für einen Krieg benötigt man immer mindestens zwei Seiten. Ständig werden nur die Serben getadelt als ob sie dort alleine waren. Alle drei Volksgruppen haben diese abschäuliche Massaker verübt. Haben Sie sich [...]
Frau Borcak, für einen Krieg benötigt man immer mindestens zwei Seiten. Ständig werden nur die Serben getadelt als ob sie dort alleine waren. Alle drei Volksgruppen haben diese abschäuliche Massaker verübt. Haben Sie sich informiert wieviele serbische Zivilisten bei der Operation "Oluja" getötet wurden? Wahrscheinlich nicht. Alle Seiten waren gleich schlimm, also bitte auch gleich behandeln.
Christian Herdt 07.08.2017
3. Oh nein,
die Serben haben sich besonderst hervorgetan mit Grausamkeiten und Kriegsverbrechen. Angefangen mit KZ, geplanten Massenmord, gezielte Tötungen von Zivilisten und Geiselnahme usw. Die Serbe waren die Nazis des Balkans.
die Serben haben sich besonderst hervorgetan mit Grausamkeiten und Kriegsverbrechen. Angefangen mit KZ, geplanten Massenmord, gezielte Tötungen von Zivilisten und Geiselnahme usw. Die Serbe waren die Nazis des Balkans.
Frank Steinhans 07.08.2017
4. @2: Gut dass die anderen auch nur Menschen sind
Da kann man sich es schön bequem machen und die Missetaten der eigenen favorisierte Mörderbande relativieren. Der Artikel berichtet ausdrücklich von einem Ort mit ganz spezifischen Einzelschicksalen. Durch den Hinweis das [...]
Da kann man sich es schön bequem machen und die Missetaten der eigenen favorisierte Mörderbande relativieren. Der Artikel berichtet ausdrücklich von einem Ort mit ganz spezifischen Einzelschicksalen. Durch den Hinweis das heute auch Serben gegen die Leugnungspolitik der Stadtregierung demonstrieren, kann man dem Artikel auch nicht vorwerfen ethnische Präferenzen zu haben. Vielleicht fährt die Autorin auch in Gebiete wo Serben massakriert wurden, um Sie zu befriedigen. Vielleicht sollten Sie sich die Frage stellen, weshalb es Ihnen so wichtig ist offensichtliche Schwerstkriminelle in Schutz zu nehmen oder Ihre Taten zu relativieren? Das was dort passierte, wird gern mit ethnischen und ideologischen Schamblättern umhüllt, aber wer 5 Jährige erschießt, ist nichts weiter als ein Krimineller der offensichtlich Spaß am Morden hat. Aus welcher Volksgruppe er oder sie stammt ist hier absolut unbedeutend.
Dardan Krasniqi 07.08.2017
5. @2. Beschämende Logik
Ihr Kommentar Herr B. ist unfassbar. Nach dieser Logik ist ein Vergewaltigungsopfer Mitschuld an der Vergewaltigung. Schade das sie scheinbar nicht in der Lage sind die Schwere dieser Verbrechen zu begreifen. Ihr Kommentar ist [...]
Ihr Kommentar Herr B. ist unfassbar. Nach dieser Logik ist ein Vergewaltigungsopfer Mitschuld an der Vergewaltigung. Schade das sie scheinbar nicht in der Lage sind die Schwere dieser Verbrechen zu begreifen. Ihr Kommentar ist für Menschen die Familienangehörige in diesem sinnlosen Krieg verloren haben blanker Hohn.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP