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einestages

Carlos Santana

"Woodstock war ein wunderbares Chaos"

Wer XXL-Gitarrensoli mag, ist bei ihm goldrichtig. Carlos Santana erfand den Latin-Rock und wird am Donnerstag 70. Hier spricht er über Bordell-Auftritte, Jimi Hendrix und seinen Durchbruch in Woodstock.

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Ein Interview von
Dienstag, 18.07.2017   13:48 Uhr

Zur Person

einestages: Mr. Santana, Sie gehören seit Jahrzehnten zu den weltbesten Gitarristen. Was meinen Sie, wenn Sie vom "universellen Ton" in der Musik sprechen?

Santana: Das ist ein besonderer Klang, der es schafft, alle Menschen auf diesem Planeten zu verbinden. Selbst die, die Musik vielleicht gar nicht mögen. Michael Jackson, Bob Marley, Marvin Gaye, John Coltrane, Miles Davis oder Billie Holiday - sie hatten die Gabe, viele Menschen mit ihrem Sound zusammenzubringen. Vom "universal tone" wird man erinnert an die Musik, die man selbst in sich trägt. Jeder, auch Nicht-Musiker, trägt einen Song in sich, eine Melodie, die freigesetzt werden will. Das zu schaffen, ist das Größte.

einestages: Anfang der Sechzigerjahre wanderte Ihre Familie von Mexiko in die USA aus. War es das gelobte Land für Sie?

Santana: Mir gefiel es in Mexiko ganz gut, obwohl ich die amerikanische Kultur liebte, die Musik. Wir zogen direkt nach San Francisco. Schule interessierte mich nicht, und es nervte, dass mein schlechtes Englisch mich als Immigranten entlarvte. Wichtig war mir nur das Gitarrespielen. Und Konzerte im Fillmore West, dem angesagtesten Klub der Gegend.

einestages: Dort begegneten Sie auch Bill Graham, einem großen Konzert-Impresario.

Santana: Er war übrigens gebürtiger Berliner und vor dem Holocaust nach Amerika geflohen. Ich traf ihn 1966, eine irre Story: Der geniale Bluesmusiker Paul Butterfield sollte abends im Fillmore auftreten, in Grahams Laden. Butterfield war aber völlig stoned und fiel aus. Also stellte Graham ruckzuck eine Ersatzband zusammen, es musste ja ein Konzert geben. Mein Manager schlug mich als Gitarristen vor - und Graham stimmte zu, obwohl er mich noch nie hatte spielen sehen. Ich war erst 19, aber meine Performance muss ihn beeindruckt haben, von da an hat er mir immer wieder geholfen.

einestages: Im August 1969 hat Graham Sie als Newcomer sogar beim Woodstock-Festival untergebracht, neben Jimi Hendrix, The Who, Joan Baez und Janis Joplin.

Carlos Santana: Soul Sacrifice (Woodstock 1969)

Santana: Mit meiner Band hatte ich gerade das erste Album veröffentlicht und nie außerhalb von San Francisco gespielt. Keiner kannte uns. Sozusagen durch die Hintertür kamen wir dank Bill nach Woodstock und wurden wie Superstars per Helikopter auf das riesige Festivalgelände geflogen. Statt der erwarteten 50.000 waren unglaubliche 500.000 Zuschauer gekommen.

einestages: Was bedeutet Woodstock für Sie?

Santana: Eine durch und durch positive Erfahrung - ein wunderbares Chaos. Woodstock hat mein Leben verändert. Ich erinnere mich an Wahnsinnsauftritte von Jimi Hendrix und Sly Stone, auch an ohrenbetäubendes Knattern der Hubschrauber über diesem endlosen Menschenmeer. Mit Autos kam man nicht weiter, der Highway neben dem Gelände war komplett zugeparkt. Überall war Schlamm, es hatte fürchterlich geregnet, so sahen die Leute auch aus. Die Veranstalter waren komplett überfordert, dann wurde sogar die Umzäunung niedergerissen, massenhaft Fans kamen ohne Ticket rein. Als das The Grateful Dead, die Bill Graham managte, und The Who mitbekamen, wollten die gleich wieder abreisen - sie fürchteten um ihre Gage. Kohle spielte eben auch eine entscheidende Rolle.

Fotostrecke

Carlos Santana: "Meine Gitarre fühlte sich an wie eine elektrische Schlange"

einestages: Woodstock war auch Höhepunkt des "Summer of Love", der Hippie-Bewegung.

Santana: Wir spürten, dass wir nicht allein waren, dass es viele andere Menschen gab, die dieses besondere Lebensgefühl teilten. Love and Peace. Ich hielt immer Haight-Ashbury und die Hippies für eine Minderheit - in Woodstock merkte ich: Das war nicht so. Über eine halbe Million Gleichgesinnter war gekommen, um das Leben zu feiern. Es war gut, so viele Freaks an einem Ort zu sehen. Man musste mit wenig auskommen, das galt auch für uns Musiker, die Organisation war bescheiden. Es gab wenig zu essen, kaum Wasser. Wer etwas hatte, teilte es mit anderen. Das war ein Teil des Spirits.

einestages: Welchen Anteil hatten Drogen an diesem Spirit?

Santana: Klar, alle waren drauf. Ich hatte vor dem Gig LSD genommen. Als ich mittags um zwei mit meiner Band früher als geplant auf die Bühne musste, war die Wirkung noch voll da. Meine Gitarre fühlte sich an wie eine Schlange, eine elektrische Schlange (lacht). Ich hatte das Gefühl, der Gitarrenhals windet sich. Trotzdem wurde es ein guter Gig, wir wurden gefeiert.

einestages: Aber Manager Bill Graham machte sich Sorgen…...

Santana: Bill befürchtete, ich würde nach dem Über-Nacht-Erfolg abheben. Das hatte er bei anderen Musikern erlebt, deren Ego größer war als der Raum, in dem sie sich befanden. Nicht wenige ließen sich von diesem Rock'n'Roll-Icon-Bullshit verführen und gingen daran zugrunde. Graham sagte: Bleib bloß cool, Junge - und ich entgegnete: Bill, hör auf mit dem Hippie-Gequatsche! Ich bin auf der Straße aufgewachsen und ziemlich tough. Don't worry. Gott sei Dank habe ich es immer verstanden, die Bühnenfigur von der Privatperson zu trennen. Ist gesünder.

Santana: Black Magic Woman (1970)

einestages: Das Rockstar-Leben sollen Sie trotzdem ausgekostet haben.

Santana: Ein Heiliger war ich sicher nicht. Ich pfiff mir Drogen rein, trank zu viel und versuchte, so viele Frauen zu verführen wie möglich. Aber wenn es darauf ankam, wenn ein Gig anstand, war ich zuverlässig und habe abgeliefert. Leider war das nicht bei allen in der Band so. Einigen meiner Musiker war der Lifestyle wichtiger als die Musik. Da habe ich sie rausgeschmissen.

einestages: Klingt jetzt nicht so hippiemäßig.

Santana: Ich war nie ein Hänger, hatte immer Ziele, wollte nach oben. So bin ich erzogen worden, meine Mutter war sehr streng. Disziplin hatte sie mir schon früh eingetrichtert, das blieb hängen. Wir waren arm und lebten in einem winzigen Haus, aber alles war immer blitzsauber. Sie war sehr resolut, ich hatte oft Angst vor ihr. Würde war meiner Mutter sehr wichtig. Das gab sie an uns Kinder weiter und sagte uns, dass wir immer an uns glauben sollten, dass wir zuversichtlich sein sollten und Menschen vertrauen - es würde immer jemanden geben, der uns auf unserem Weg hilft. Das hat sich für mich bewahrheitet mit Bill Graham und später mit Plattenmanager Clive Davis. Er beriet mich und verhalf mir nach einer Krise 1999 mit dem Album "Supernatural" und Hits wie "Smooth" zu einem Riesen-Comeback und einigen Grammys.

einestages: Ihr musikalisches Talent haben Sie eher vom Vater?

Santana: Ganz klar. José war Mariachi-Musiker. Ein Mestize, also Mexikaner indianischer Abstammung, sehr charismatisch und temperamentvoll, mit einer romantischen Ader. Das ist ihm als Musiker zugutegekommen. Überall war er beliebt - außer bei seinem Schwiegervater, einem wohlhabenden Gutsherren, der keinen armen Musiker in der Familie wollte. Meiner Mutter war das egal, sie stand zu meinem Vater. Musik ist bei uns kein Beruf, sondern eine Lebenseinstellung. Ich war erst vier, als mein Vater mir das Violinenspiel beibrachte.

einestages: Warum wechselten Sie zur Gitarre?

Santana: Für die Violine habe ich mich nie begeistern können. Ich mochte weder den Sound noch die Form des Instruments. Mein alter Herr schenkte mir dann eine Gitarre, eine Gibson L5, das Wes-Montgomery-Modell. Eine Jazzgitarre, fast größer als ich damals (lacht). Aber die Form: fantastisch! Rundungen wie bei einer Frau. Ich übte wie besessen.

einestages: Aufgewachsen sind Sie in der mexikanischen Kleinstadt Autlán de Navarro. Warum mussten Sie mit zehn Jahren nach Tijuana umziehen?

Santana: Weil mein Vater dort ein längerfristiges Engagement in einem Klub bekam. Tijuana liegt direkt an der Grenze zu den USA, viele amerikanische Touristen kamen und wollten Mariachi-Sound hören. Da verdiente mein Vater gutes Geld. Er war mein großes Vorbild.

einestages: Interessierten Sie sich schon als Kind für amerikanische Musik?

Santana: Ja, für R&B, Rock'n'Roll und Soul. Ich war verliebt in mein kleines Radio, eine echte Zauberkiste. Ich entdeckte Little Richard, Chuck Berry, Bo Diddley, Muddy Waters, B.B. King, Otis Rush, Ritchie Valens, Miles Davis und John Lee Hooker. Sie wurden meine Helden. Nur Elvis Presley nicht - wohl auch, weil meine älteren Schwestern mich dazu zwangen, mit ihnen Elvis zu hören. Sie schwärmten für ihn. Aber auf mich wirkte Elvis bereits mehr wie ein Produkt einer Marketingmaschine. Ich weiß, sein Manager Colonel Parker steckte hinter vielen Entscheidungen. Aber wenn mein Manager von mir verlangen würde, von der Golden Gate Bridge zu springen, würde ich es nicht tun.

einestages: Stimmt es, dass Sie später als Gitarrist in Tijuana auch in einem Bordell aufgetreten sind?

Santana: Richtig. Meine Mutter war wenig begeistert. Mein Vater dagegen sagte: Lass ihn, er muss lernen, sich im Leben durchzuschlagen, solche Gigs gehören dazu. Mit Bordellauftritten habe ich zum ersten Mal im Leben eigenes Geld verdient.

Santana: Maria Maria ft. The Product G&B

einestages: Im April 1987 spielten Sie - lange vor dem Mauerfall - ein "Freedom"-Konzert in Ost-Berlin. Ein Highlight?

Santana: Aber absolut. Wir passierten den Checkpoint Charlie, um zum Palast der Republik im Ostteil zu gelangen. Mein Bandkollege Buddy Miles und ich guckten uns einige Sekunden ungläubig an. Die Fans aus der DDR, die ins Konzert reindurften, wirkten auf mich wie ausgehungert. Und überall standen bewaffnete Soldaten mit grimmigen Blicken, bizarre Situation. Aber je länger das Konzert dauerte, desto lockerer wurden auch die Uniformierten. Auf der "Freedom"-Tour haben wir auch in Moskau und in Jerusalem gespielt. Das sind Erlebnisse, die ich niemals vergessen werde.

einestages: Gerüchten zufolge soll Jimi Hendrix einst kurz davor gewesen sein, in die Santana-Band einzusteigen. Ist was dran?

Santana: Stimmt! Das war Ende der Sechzigerjahre, als Jimi seine drei Platten gemacht hatte und auf der Suche nach einer neuen musikalischen Richtung war. Da meinte er mal spontan: Ich könnte ja bei euch mitspielen. Klasse Idee, dachte ich - dann werde ich eben Roadie…... Doch daraus wurde nie etwas, und 1970 ist Jimi gestorben.

insgesamt 12 Beiträge
Marcus köhler 18.07.2017
1. Tolle Musik
begnadeter Gittarist, der Carlos. Und ehrlich scheint er auch zu sein. Ich beneide die Leute schon ein wenig die die Zeit von Woodstock erlebt haben. Auch wenn manches sicher glorifiziert wird. Für eine - wenn auch kurze Zeit - [...]
begnadeter Gittarist, der Carlos. Und ehrlich scheint er auch zu sein. Ich beneide die Leute schon ein wenig die die Zeit von Woodstock erlebt haben. Auch wenn manches sicher glorifiziert wird. Für eine - wenn auch kurze Zeit - hatte diese Generation bzw. Teile davon ein positives Lebensgefühl, es gab Aufbruchstimmung , Friedfertigkeit war wichtig, und Solidarität. Leider nur kurz sich haltend. Alles ist vergänglich, manchmal schade.
Ingo Röllig 18.07.2017
2. Ein Ausnahmekünstler
Carlos Santana ist ein begnadeter Gitarisst. Seine Musik ist zeitlos schön und über Generationen hörbar, weil sie ins Blut geht. Ich habe ihn mehrmals erleben dürfen :)
Carlos Santana ist ein begnadeter Gitarisst. Seine Musik ist zeitlos schön und über Generationen hörbar, weil sie ins Blut geht. Ich habe ihn mehrmals erleben dürfen :)
Bernd Kulawik 18.07.2017
3. Vielen Dank für das Interview!
Freut mich sehr für Santana, dass er ein so tolles Comeback hat. Normalerweise höre ich kaum aktuelle Musik, aber das verlinkte Video ist doch z.B. Klasse. Erst recht durch den Bezug zur WestSide Story: Hoffentlich führt es [...]
Freut mich sehr für Santana, dass er ein so tolles Comeback hat. Normalerweise höre ich kaum aktuelle Musik, aber das verlinkte Video ist doch z.B. Klasse. Erst recht durch den Bezug zur WestSide Story: Hoffentlich führt es dazu, dass einige Jüngere sich das Originalmusical anschauen und --hören? Ebenso Santanas alte Platten: Caravanserai lief bei uns in den späten 70ern auf jeder Party und brachte in die DDR-Teenagerbuden einen Hauch von einer "großen weiten Welt", die weiter reichte als nur bis Westeuropa und die USA. Und zum 10jährigen Jubiläum von Woodstock war es natürlich "Pflicht", sich krank zu melden oder die Schule zu schwänzen, um nachmittags (im ZDF, IIRC) den Woodstock-Film sowie ein Interview mit einem Deutschen zu sehen, der dabei war. Das alles ist jetzt auch schon "etwas" her. Aber so ganz mag ich die Hoffnung noch nicht aufgeben, dass Menschen unterschiedlichster Herkunft wie in Woodstock und im Video hier zusammen kommen, ihre musikalischen Mittel zu etwas Neuem vereinigen und einfach nur in gegenseitigem Respekt Spaß haben. Warum sollte das nicht möglich sein?
Stefan Schuette 19.07.2017
4. Das Comeback
...ist aber auch schon wieder fast 20 Jahre Herr ;) Aber davon abgesehen ist Santana in der Tat einer Ikone....und das Interview finde ich sehr erfrischend, weil das, was er sagt sehr authentisch rüberkommt und eine sehr gesunde [...]
...ist aber auch schon wieder fast 20 Jahre Herr ;) Aber davon abgesehen ist Santana in der Tat einer Ikone....und das Interview finde ich sehr erfrischend, weil das, was er sagt sehr authentisch rüberkommt und eine sehr gesunde Lebenseinstellung offenbart. Happy Birthday
Regina Bernat 19.07.2017
5.
Klasse! danke für das Video und Interview. Was uns fehlt in dieser unseren achsomodernen Zeit ist der leidenschaftliche soul, wie Carlos Santana ihn hier spielen konnte. UND die Kandidaten, die sich selbst noch spüren und keine [...]
Klasse! danke für das Video und Interview. Was uns fehlt in dieser unseren achsomodernen Zeit ist der leidenschaftliche soul, wie Carlos Santana ihn hier spielen konnte. UND die Kandidaten, die sich selbst noch spüren und keine Medienprodukte sind, die nur zum Menschenherz sprechen nicht ausschließlich vom Geld diktiert werden. Das Leben ist härter geworden in diesen fast 50 Jahren und -----nur die Harten kommen durch.

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