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einestages

Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig

Der Mann mit dem Hammer

Er lehrt die Welt das Stolpern: 61.000 Steine in 22 Ländern hat Gunter Demnig bereits verlegt, um an die NS-Opfer zu erinnern. Und er macht immer weiter, obwohl er bald 70 wird - Besuch bei einem Besessenen.

imago/Christian Ditsch
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Mittwoch, 19.07.2017   10:46 Uhr

Gunter Demnig hört und sieht jetzt nichts. Er kniet mitten auf dem Bürgersteig im Kölner Vorort Frechen, den breitkrempigen grauen Hut tief ins Gesicht gezogen, Ohrenschützer auf. Er zersägt eine Gehwegplatte, hantiert mit Schlagbohrer und Kelle, mit Beton und Kies. Hinter seinem Rücken rattert die Straßenbahn vorbei, eine alte Frau muss mit ihren Einkäufen einen Bogen laufen. Demnig nimmt keine Notiz von ihr.

Rasch stemmt er drei Steine raus, klopft sie ab, verlegt sie neu. Einen Schritt weiter rechts, raus aus der Pfütze, die das Messing braun eingefärbt hat. Demnig kramt ein zerknülltes Taschentuch hervor, spuckt drauf, poliert die Oberfläche, bis sie golden glänzt. Und die Inschriften wieder sichtbar werden:

Hier wohnte Max Liff. Jg. 1885. Deportiert 1942. Ermordet in Auschwitz.
Hier wohnte Berthold Liff. Jg. 1922. Deportiert 1942. Ermordet in Auschwitz.
Hier wohnte Jutta Liff geb. Leiser. Jg. 1896. Deportiert 1942. Ermordet in Auschwitz.

"Die Kinder nehme ich immer in die Mitte, zwischen die Eltern", sagt der 69-Jährige und schnauft vor Anstrengung. "Das ist beim Spaziergehen doch genauso." Er streckt die Arme vom Körper weg, als wolle er zwei Menschen an die Hand nehmen.

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Stolpersteine: Größtes dezentrales Mahnmal der Welt

Gunter Demnig selbst hat keine Kinder. Gunter Demnig hat eine Mission: Überall dort, wo SS, Gestapo, Wehrmacht gewütet haben auf der Welt, möchte er an ihre Verbrechen erinnern. Und er möchte den Opfern ihre Namen und ihre Würde zurückgeben - all den deportierten, vergasten, erschossenen, gehenkten, zu Tode gefolterten Menschen.

Die Idee ist bestechend simpel: Die Stolpersteine sollen die Erinnerung an diese Toten lebendig halten und Teil der Stadtgeschichte werden. Gerade nicht in Form von großen Mahnmalen, sondern in der Alltagskultur.

"Ein Mensch ist erst vergessen, wenn der Name vergessen ist"

Sechs Millionen Juden, sagt Demnig, das sei doch eine unfassbare Zahl, "völlig abstrakt, genau wie der Begriff Auschwitz." Darunter könnten sich gerade die Jüngeren kaum etwas vorstellen. "Aber wenn die mit eigenen Augen sehen: Der Terror startete hier bei mir auf dem Dorf, in meiner Straße, meinem Haus, dann wird's konkret."

Konkret, so mag es Demnig. Was er betreibt, ist Gedenkarbeit mit Hammer und Stemmeisen. Der Mann ist kein Intellektueller, zum Lesen kommt er kaum. Demnig ist ein Erinnerungshandwerker, wettergegerbt, stoppelbärtig, hemdsärmelig. Einer, der nicht recht zum Kulturbetrieb passen will. Der hastig spricht, in einfachen, kurzen Sätzen, immer in Eile.

Mit seiner Ehefrau Katja, 41, bewohnt der Künstler kein schickes Loft, sondern eine dunkle, ziemlich zugestellte Parterre-Wohnung. Zwei Gehminuten von den Steinen des ermordeten Pferdehändlers Liff und seiner Familie entfernt, die Demnig heute, an einem seiner wenigen freien Tage, aus der Pfütze befreit hat.

Vor der Tür stapeln sich Stolperstein-Rohlinge und Basaltquader. Drinnen sind drei Katzen, Umzugskartons, Wände voller Leitz-Ordner, darin alphabetisch geordnete Schicksale. "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn der Name vergessen ist", zitiert Demnig den Talmud. Mehr theoretischen Überbau braucht er nicht.

Seine Stolpersteine hat Demnig mittlerweile in 22 Ländern verlegt. Mehr als 61.000 sind es aktuell, fast täglich kommen neue dazu - ein OpenStreetMap-Projekt zeigt, wo einige von ihnen genau liegen. Die Betonquader sind zehn mal zehn mal zehn Zentimeter klein und mit einer Messingoberfläche versehen, darauf Name, Geburtsjahr, erlittenes Martyrium. Eingelassen in den Gehweg, vor dem letzten freiwilligen Wohnort des NS-Opfers.

Hinschauen, wo es wehtut

Juden, Sinti und Roma, politisch Verfolgte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Euthanasie-Opfer: Demnig will sie alle würdigen, mit dem, was er das "größte dezentrale Mahnmal der Welt" nennt - ein Mammutprojekt wider das Schweigen. Das sein eigener Vater bis ins Grab nicht brechen wollte.

Als Demnig 18 Jahre alt war, fand er auf dem Dachboden seiner Eltern einen Pappkarton mit alten Fotos, darauf sein Vater, Jahrgang 1916, in Badehose auf einem Kanonenrohr. Er hatte in der Legion Condor gekämpft und später in Frankreich an der Flak gestanden. Was Demnig senior erlebt hatte, wollte er nicht preisgeben.

"Fünf Jahre lang war Sendepause, dann habe ich aufgegeben", sagt Demnig. Sein Vater verweigerte sich der Vergangenheitsbewältigung - dafür zwang Demnig andere, dort hinzuschauen, wo es wehtut. Zuerst waren die Kölner dran.

1990 zeichnete der gebürtige Berliner mit einem selbst gebauten Druckrad den Deportationsweg der Sinti und Roma quer durch Köln nach, von den Wohnhäusern bis zur Verladerampe. "Mai 1940 - 1000 Roma und Sinti": Die weiße Schriftspur schlängelte sich quer durch die Stadt. Viele reagierten entsetzt. Eine alte Frau kam auf ihn zu und protestierte, in ihrem Viertel hätten nie "Zigeuner" gelebt. Worauf Demnig beschloss, ab sofort systematisch gegen die Verdrängung anzukämpfen.

"Gedenktäter"? Ein böser Vorwurf

"Anfangs dachte ich an Wandtafeln, doch ein Freund riet mir ab: 90 Prozent der Hausbewohner hätten gestreikt", sagt er. Also begann er damit, Steine überall dort in die Bürgersteige einzusetzen, wo seine Auftraggeber - Gemeinden, Geschichtsvereine, Angehörige - an NS-Opfer erinnern möchten. Ab 1995 illegal in Köln und Berlin, am 19. Juli 1997 erstmals mit behördlicher Genehmigung in Österreich, vor genau 20 Jahren.

Von einem "Riesenspektakel" erzählt Demnig: 240 Zeugen Jehovas seien angereist, als er bei strömendem Regen in St. Georgen bei Salzburg zwei Stolpersteine für Johann Nobis und seinen Bruder Matthias anbrachte. Männer, die wegen ihres Glaubens den Wehrdienst und "Treueid" auf Hitler verweigerten und dafür 1940 hingerichtet wurden.


Im Video erklärt Demnig, was ihn antreibt - und was er seinen Gegnern antwortet:

Foto: imago/Eduard Bopp

Bis Demnig in Köln erstmals legal verlegen durfte, dauerte es drei Jahre. Alle möglichen Gremien prüften sein Vorhaben: "Kunstbeirat, Kulturausschuss, alle zehn Stadtbezirke, Tiefbauamt, Amt für Stadtplanung, Haushaltsausschuss", zählt er auf und lacht. Ein Bürokratie-Marathon. In Hamburg dauerte es nur sechs Monate - und in München schwelt der Streit bis heute.

Als "Gedenktäter" schmähte Demnigs prominenteste Kritikerin Charlotte Knobloch die Befürworter der Stolpersteine. Auf den Opfern werde erneut herumgetrampelt, sagt die Holocaust-Überlebende und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

"Unsinn", kontert Demnig. In den christlichen Kirchen lägen ja auch Grabplatten, das Museum für Sepulkralkultur in Kassel habe ihm bestätigt: "Je mehr drüber laufen, desto größer die Ehre für den, der drunter liegt."

Wegen "Rassenschande" an Laternenpfahl geknüpft

Knoblochs Argument sei "vorgeschoben", genau wie der gelegentliche Vorwurf, sich persönlich zu bereichern. Jeder der 120 Euro teuren Stolpersteine werde in Handarbeit gefertigt, Manufaktur statt Fabrik, auch um sich vom industriellen Morden in Auschwitz abzusetzen. "120 Euro geteilt durch neun Mitarbeiter, jawoll, ich bin steinreich", spottet Demnig. Und außerdem: Warum darf man mit Kunst kein Geld verdienen?

Kritik perlt an ihm ab, er hat genügend Fans, wurde mit Auszeichnungen überhäuft, darunter das Bundesverdienstkreuz. Seine Feinde verlacht er, von den drei Morddrohungen hat ihn nur die erste wirklich geängstigt. "Ich würde mich freuen, von jemandem zu hören, der diesen Bastard gekillt hat", stand in dem Brief. "Juristisch nicht mal anfechtbar", sagt Demnig.

Das Einzige, was ihn wirklich trifft, ist der Vorwurf, mit der Zeit an Mitgefühl eingebüßt zu haben, atemlos von Verlegung zu Verlegung zu hetzen. Klar sei der Terminkalender rappelvoll, manchmal blieben nur 20 bis 25 Minuten pro Stein: "Wir haben ein Zeitproblem, ich kann nicht 180 werden." Und natürlich könne er nicht jeden Tag von Neuem all die ungeheuren Schicksale an sich heranlassen.

Trotzdem sei jede Verlegung einzigartig, sagt Demnig. Und erzählt vom Vortag in Erkrath: Da verlegte er einen Stolperstein für Tomasz Brzostowicz. Der junge polnische Zwangsarbeiter hatte sich in eine junge Deutsche verliebt, 1940 wurde er wegen "Rassenschande" an einen Laternenpfahl geknüpft. "Da ist nix mit Routine", schnaubt Demnig zornig.

60.000 Autokilometer pro Jahr

Ihn berührt es besonders, wenn Angehörige an den Verlegungen teilnehmen. Wie neulich in Rotenburg an der Wümme, als zwei alte Damen eigens aus Kolumbien und England angereist waren - die Töchter der in Auschwitz ermordeten Eltern hatten sich seit 60 Jahren nicht gesehen. "Da weiß man, warum man das macht", sagt Demnig. Warum er an 270 Tagen im Jahr dasselbe tut: ein Dorf ins Navi eintippen, hinfahren, Stolperstein verlegen, weiter zum nächsten Termin.

60.000 Kilometer fuhr er 2016, alle drei Jahre muss ein neuer Wagen her. Auch wenn es mittlerweile eine Stolperstein-Stiftung gibt, er längst keine Steine mehr selbst herstellt und auch nicht jeden persönlich verlegt: Ferien gönnt sich Gunter Demnig fast nie. Das letzte Mal war er in Teneriffa. "Vor eineinhalb Jahren, eine Woche", seufzt Katja Demnig. Auf dem Klo hängt ein selbst gebastelter Kalender. "Mach mal Urlaub!", steht im Juli, dazu ein Foto mit Cappuccino und Herzchenhaube.

Warum er sich das noch immer antut, obwohl er im Oktober 70 wird, das linke Knie schmerzt, der Rücken zwickt? "Andere machen doch auch ein Leben lang den gleichen Job", sagt Demnig knapp. "Lebenselixier", sagt seine Frau, wie ein Rockstar werde er bewundert.

Katja Demnig würde gern das Verlegen lernen - doch der Stolperstein-Erfinder wehrt ab. "Wenn ich nicht mehr laufen kann", sagt er, "baue ich mir einen Rollator mit eingebautem Hammer."

insgesamt 32 Beiträge
You Tube 19.07.2017
1. Ich war bei einer Verlegung dabei
Im Rahmen des Geschichtsunterrichts hatte der Lehrer Freiwillige gesucht, die sich außerschulisch damit beschäftigen möchten und bei der Verlegung etwas über die jeweiligen Opfer und ihre Rolle in unserer Stadt erzählen [...]
Im Rahmen des Geschichtsunterrichts hatte der Lehrer Freiwillige gesucht, die sich außerschulisch damit beschäftigen möchten und bei der Verlegung etwas über die jeweiligen Opfer und ihre Rolle in unserer Stadt erzählen möchten. Die Resonanz damals in der Klasse war riesig und fast jeder hat am Ende mitgemacht. Ich halte selbst jetzt, 5 Jahre später, immer wieder in fremden Städten vor diesen Steinen an, lese die Inschrift und gedenke der Opfer dieser Gräueltaten.
Benedikt Braeutigam 19.07.2017
2. Ganz wichtig
Die Opfer müssen sichtbar sein. Da wo sie gelebt haben, nicht nur an zentralen Orten. So wird uns ständig unserer Verantwortung dafür demonstriert, dass sich derartiges nicht wiederholen darf. Die Toten wären ganz sicher nicht [...]
Die Opfer müssen sichtbar sein. Da wo sie gelebt haben, nicht nur an zentralen Orten. So wird uns ständig unserer Verantwortung dafür demonstriert, dass sich derartiges nicht wiederholen darf. Die Toten wären ganz sicher nicht dagegen dabei mitzuhelfen.
Thomas Martin Koch 19.07.2017
3. Gut so!
Vor jede Tür eines Opfers gehört ein Stolperstein! Meine Hochachtung Herr Demnig!
Vor jede Tür eines Opfers gehört ein Stolperstein! Meine Hochachtung Herr Demnig!
T Grießhammer 19.07.2017
4. Leider stolpert niemand drüber
und hält einen Moment inne - im Gegenteil, hier wird über das Gedenken getrampelt, drauf gespukt, Müll darauf verteilt, Kaugummis kleben drauf... also alles, was Missachtung ausdrückt, ist dort zu finden wo die Stolpersteine [...]
und hält einen Moment inne - im Gegenteil, hier wird über das Gedenken getrampelt, drauf gespukt, Müll darauf verteilt, Kaugummis kleben drauf... also alles, was Missachtung ausdrückt, ist dort zu finden wo die Stolpersteine sind. So viel Respekt mir der Schaffer der Stolpersteine für seine Unermüdlichkeit auch abnötigt, so undurchdacht finde ich seine Idee. Senkrecht angebracht und höher als ein Hund pinkeln kann, würde man eine ganz andere Wahrnehmung erreichen. Wirklich schade!
Armin HAU  19.07.2017
5. Minimaler Einsatz grosse Wirkung
Ich finde die Stolpersteine hervorragend mittlerweile halte ich in jeder Stadt nach ihnen Ausschau. Ein kleiner Stein vor einem Haus mit ein paar wichtigen Informationen zeigt mehr alseine Gedenktafel oder Geschichtsbücher [...]
Ich finde die Stolpersteine hervorragend mittlerweile halte ich in jeder Stadt nach ihnen Ausschau. Ein kleiner Stein vor einem Haus mit ein paar wichtigen Informationen zeigt mehr alseine Gedenktafel oder Geschichtsbücher Hier wohnten Mitbürger die wegen ihrer Religion getötet wurden.

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