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einestages

40 Jahre Rockpalast

Grateful Dead bei dir im Wohnzimmer

Rockstars im Rausch auf der Bühne, Partys in den Wohnstuben. Vor MTV und Internet gab es die Rockpalast-Nächte des WDR: Fünf Stunden Livefernsehen, in denen alles passieren konnte.

ullstein bild
Von
Montag, 24.07.2017   13:42 Uhr

Der Ton, in dem WDR-Sprecher Lutz Schulze am späten Abend des 23. Juli 1977 die nachfolgende Sendung ankündigt, ist denkbar lakonisch: "Meine Damen und Herren, der Westdeutsche Rundfunk überträgt nun im Rahmen der Eurovision aus der Grugahalle in Essen live das Rockpalast-Festival, mit den Gruppen Rory Gallagher und Band, Little Feat und Roger McGuinn's Thunderbyrd." Doch das zögerliche Vortragen der Band-Namen - Schulze muss immer wieder auf seine Moderationskarten linsen - lässt schon erahnen, dass diese Sendung etwas Neuartiges ist.

Ebenso der nächste Satz des Sprechers: "Die Übertragung des Konzerts wird voraussichtlich bis gegen vier Uhr morgens dauern."

Was folgt, ist die erste Rockpalast-Nacht, eine von 17, die zwischen 1977 und 1986 stattfinden. Die Rocknächte werden zu einem Ereignis, das bis heute einzigartig ist, nicht nur in der Geschichte des deutschen Fernsehens. Das Konzept: drei Bands pro Nacht, drei Konzerte, bis in die Morgenstunden. Stars wie Grateful Dead, Patti Smith und The Police treten auf, aber auch kaum bekannte Künstler wie Mother's Finest und Mitch Ryder. Die Konzertnächte werden im Fernsehen und im Radio live übertragen - sogar in mehrere europäische Länder.

Knabberzeug, Bier und voll aufgedrehte Radios

Nicht nur beim Publikum in der Essener Grugahalle entsteht das Gefühl, ganz nahe an den Künstlern dran zu sein. Die Live-Übertragungen schaffen Konzertgefühl auch in Wohnzimmern und Partykellern. "Das verbreitete sich wie ein Lauffeuer, dass es da eine Sendung geben würde, wo es live Rockmusik zu sehen gab", erinnert sich Wolfgang Niedecken, Frontmann der Kölschrock-Band BAP.

Niedecken und seine Freunde tun das gleiche wie Tausende andere Fernsehzuschauer: Sie veranstalten Partys, erleben gemeinsam die Rockpalast-Nächte. Knabberzeug, Nudelsalate, Bier. Der Fernseher, damals noch nicht stereofähig, wird stumm gestellt, das Radio voll aufgedreht.

Niedecken durchlebt alle Rockpalast-Phasen: Zunächst feiert er mit Freunden vor dem Bildschirm; später ist er unter den Zuschauern in der Grugahalle; noch später spielen er und BAP auf der Bühne. Der Rockpalast habe großen Einfluss auf seine Entwicklung als Musiker gehabt, sagt er heute. "Man konnte den Leuten auf die Finger gucken, konnte sehen: Wie machen die das?"

Im Video: Die erste Rockpalast-Nacht mit Rory Gallagher

Foto: WDR

Der Mann, der dafür verantwortlich ist, dass auch die Zuschauer vor den Fernsehgeräten den Musikern auf die Finger gucken können, ist Christian Wagner. Der Regisseur des Rockpalasts versteht es, über Funkwellen Intimität zu vermitteln, gibt auch den Zuschauern zu Hause das Gefühl, Teil jener engen Beziehung zwischen dem Künstler und dem Live-Publikum vor Ort zu sein. "Christian Wagner kam den Musikern mit der Kamera so nah wie möglich", sagt Wolfgang Niedecken. "Er tat das aber, was ganz wichtig war, ohne sie bloßzustellen. Das war ein schmaler Grat."

Schon Anfang der Siebzigerjahre, als Student der Hochschule für Film und Fernsehen in München, hatte Wagner eine genaue Vorstellung von dem, was er wollte: komplette Konzerte live ins Fernsehen bringen. "Ich war immer der Meinung, dass Livefernsehen das beste Fernsehen ist", sagt Wagner. "Und ich war immer musikinteressiert, spielte selbst in einer Band." Er beschloss, diese beiden Leidenschaften zu vereinen und entwickelte das Konzept zum Rockpalast.

Ruhig etwas länger

In Peter Rüchel, dem Leiter des WDR-Jugendprogramms, findet Wagner jemanden mit dem Willen und den Kontakten, um das Konzept ins Fernsehen zu bringen. Aus der Zusammenarbeit entsteht 1976 der Vorläufer der Essener Konzertnächte, ein halbstündiges Format, das in einem WDR-Studio in der Kölner Südstadt aufgenommen wird. Die Sendung ist ein Novum in Deutschland. Bis dahin bekamen die Zuschauer allenfalls Playback zu sehen; jetzt zeigte der WDR einmal im Monat Livemusik.

Vor allem junge Rockfans reagieren begeistert. In den Zuschauerbriefen, die ihn erreichen, liest Peter Rüchel immer wieder eine Anregung: Die Sendung könnte ruhig etwas länger dauern. Rüchel tritt an Christian Wagner heran: "Weißt du Christian, das mit den 30 Minuten ist einfach scheiße." Zusammen entwickeln die beiden die Idee für die fünfstündigen Rocknächte - und sind überrascht, als der WDR sie ins Programm nimmt.

Im Video: Mother's Finest, Wolfgang Niedecken und The Police über den Rockpalast

Foto: WDR

Am Abend des 23. Juli 1977, nach dem Wort zum Sonntag, ist es so weit. Rory Gallagher stürmt mit seiner Gitarre auf die Bühne - und die Rockpalast-Macher betreten Fernsehneuland. Fünf Stunden live, keine Sicherheiten, keine Umkehr. Vor allem einer ist nervös: Moderator Albrecht Metzger. "Es gab ja gar keine Erfahrungen mit einem solchen Format", erinnert er sich. "Die Nacht zuvor konnte ich überhaupt nicht schlafen."

"German television proudly presents"

Es ist nicht nur die Ungewissheit, die Metzger Angst macht. Die Rockpalast-Nächte werden in halb Europa ausgestrahlt, die meisten Musiker sprechen kein Deutsch. Für Metzger bedeutet das: Er muss auch auf Englisch moderieren. "Das war bei mir ein Problem", sagt er. Anders als sein Co-Moderator, der gebürtige Engländer Alan Bangs, spricht Metzger nur brüchiges Englisch.

Und so kommt es, dass er, leicht schwäbelnd, einen Satz spricht, der zu einem der Markenzeichen des Rockpalasts wird - und der Metzger den Anfeindungen vieler Zuschauer aussetzt: "German television proudly presents".

Heute scherzt er darüber: "Dieser Satz hat meinen Ruf zerstört." Zwar hat Metzger den Rückhalt seiner Kollegen. Peter Rüchel findet den Satz originell und will ihn unbedingt in der Sendung hören. Auch Alan Bangs findet die Anmoderation authentisch. Viele Zuschauer aber sind verärgert. Metzger bekommt wütende Briefe. "Die hielten das für eine Blamage", sagt er. "Sie regten sich darüber auf, dass ich die deutschen Rockmusik-Fans so in der Welt repräsentierte."

Im Video: Albrecht Metzgers legendäre Ansage

Foto: WDR

Es ist von Anfang an Teil der Philosophie von Christian Wagner und Peter Rüchel, dass nichts beschönigt wird: keine Ansagen in holprigem Englisch und auch nichts, was in und um die Bühne herum passiert. Dieser Philosophie der Rockpalast-Erfinder sind auch einige der denkwürdigsten Auftritte in der Geschichte der Konzertnächte zu verdanken. "Beim Auftritt von Patti Smith etwa, da hat man es gesehen", erinnert sich BAP-Sänger Wolfgang Niedecken. "Da wurde nichts beschönigt: Man sah, dass die derangiert war, man sah die Angst."

Vom Auftritt der US-Sängerin in der vierten Rockpalast-Nacht 1979 bleibt nicht nur das Musikalische in Erinnerung. Die Grugahalle ist voll. Die Fans im hinteren Teil drängen nach vorne; die Gesichter der Zuschauer in den ersten Reihen sind bald schmerzverzerrt. Patti Smith versucht, das Publikum zu beruhigen. Mal mehr ("Hey everybody, just be cool!"), mal weniger diplomatisch ("Stop acting like assholes and settle the fuck down!")

Patti Smith bekifft, Mitch Ryder besoffen

Als Stimme der Vernunft ist die Sängerin an diesem Abend ungeeignet: Patti Smith ist völlig bekifft. Das Interview nach ihrem Auftritt verweigert sie größtenteils. Sie hält sich die Hände vors Gesicht, fängt spontan an, in ihre Klarinette zu blasen. Alan Bangs schaut verdutzt und amüsiert zugleich. Als Smith das Moderationspult schon verlassen hat und Bangs sein Programm fortsetzt, ist im Hintergrund ein Schrei zu hören: "Lasst mich auf diese verdammte Bühne!", brüllt die Sängerin.

Ähnlich berauscht ist Mitch Ryder, der sechs Monate nach Smith bei der fünften Rockpalast-Nacht auftritt. Der vor seinem Auftritt kaum bekannte Sänger aus Detroit gehört zu denjenigen, die Moderator Albrecht Metzger am tiefsten beeindrucken. "Ich musste die Ansage machen und merkte: Der ist völlig knülle, total besoffen", erinnert sich Metzger. "Er konnte dann aber auf Zeichen umschalten und hat gesungen wie der Teufel. Seitdem weiß ich besser, was Rock 'n' Roll ist."

Mitte der Achtzigerjahre ließ das Interesse am Rockpalast nach. Das Privatfernsehen machte den Öffentlich-Rechtlichen Konkurrenz. Außerdem brach mit Sendungen wie "Formel 1" die Zeit der Musikvideos auch in Deutschland an. 1986 fand die letzte große Rockpalast-Nacht statt.

Seit 1995 wird der Rockpalast in verändertem Format wieder produziert. Peter Sommer, der als Jugendlicher die Rockpalast-Nächte auf Tonband aufzeichnete, wurde 2003 der Nachfolger von Peter Rüchel. Die Sendung zeigt heute Festivals und Einzelkonzerte, nicht nur aus dem Bereich Rock, sondern auch aus anderen Genres. (In der Nacht vom 28. auf den 29. Juli sendet der WDR ab 23.30 Uhr ein mehrstündiges Programm zum Thema 40 Jahre Rockpalast-Nacht. Eine Dokumentation dazu sowie Multimedia-Specials zur ganzen Geschichte des Rockpalasts finden Sie hier.)

Im Video: Peter Sommer über den Rockpalast heute

Foto: WDR

Wolfgang Niedecken kommt noch immer ins Schwärmen, wenn er an die letzte Rockpalast-Nacht im März 1986 denkt. Fast ein Jahrzehnt nach der ersten Konzertnacht in der Grugahalle stand er mit BAP auf der Bühne. Er holte Peter Rüchel ans Mikrofon, sang mit ihm zusammen "Verdamp lang her".

"Das war unfassbar, wir spielten Zugaben ohne Ende", sagt Niedecken. "Selbst als ich schon unter der Dusche war, kam mein Manager in die Kabine und sagte: Das Publikum will noch mehr, du musst nochmal raus."

insgesamt 30 Beiträge
Axel Schünecke 24.07.2017
1.
Viele Rockpalast Konzerte sind legendär und machen auch heute noch die Runde, oft als semi-bis-illegale YouTube clips. In U.K. hat man Jools Holland, der in der BBC junge und alte Talente zusammenholt. Warum kann nicht der [...]
Viele Rockpalast Konzerte sind legendär und machen auch heute noch die Runde, oft als semi-bis-illegale YouTube clips. In U.K. hat man Jools Holland, der in der BBC junge und alte Talente zusammenholt. Warum kann nicht der deutsche ÖR Rundfunk diese tolle Sendung aus der Versenkung holen, wieder "richtige" Konzerte bringen und den Zuschauer mit auf Entdeckungsreise nehmen? Schade, dass der heutige Rockpalast so in der Nische steckt und ein klares Konzept fehlt.
Carl Maria Johannsen 24.07.2017
2. Super Sache!
Selbst war für mich der "Rockpalast" musikalisch nie ein Ding. Aber man spürte die Kraft und die Veränderungen, die so ein Sendeformat mit sich brachte. Und ehrlich, wo bekommt man schon Rockmusik auf Feuilletonniveau [...]
Selbst war für mich der "Rockpalast" musikalisch nie ein Ding. Aber man spürte die Kraft und die Veränderungen, die so ein Sendeformat mit sich brachte. Und ehrlich, wo bekommt man schon Rockmusik auf Feuilletonniveau geboten? Dem WDR gebührt dafür Dank. Der Sender steht für spannende und kleine Formate im TV. (auch wenn ich politisch oft anderer Meinung bin, als sein journalistisches Personal).
Sven Stursberg 24.07.2017
3. Mal wieder zeigen?
Tja, schön fände ich es ja, wenn der WDR sich dazu durchringen könnte, die Konzerte aus den Rocknächten in voller Länge zu wiederholen.
Tja, schön fände ich es ja, wenn der WDR sich dazu durchringen könnte, die Konzerte aus den Rocknächten in voller Länge zu wiederholen.
Andreas Hoberg 24.07.2017
4. das toppte alles in den Rocknächten.
legendär der Satz von Van Morisson im April 1982 "some people are asking what I'm doing on a Rock'n Roll event like this and I ask myself the same thing" und spielt das wohl beste Konzert aller Rocknächte (die es [...]
legendär der Satz von Van Morisson im April 1982 "some people are asking what I'm doing on a Rock'n Roll event like this and I ask myself the same thing" und spielt das wohl beste Konzert aller Rocknächte (die es übrigens alle in voller Länge auf youtube gibt.)
Hans Joachim Dechmann 24.07.2017
5. oh mann
war immer ein extrem guter Anlass für eine zuenftige Fete. Bei der ersten rockpalast-nacht sind mir die Spaghetti Bolognese etwas scharf geraten. dementsprechend wurde viel getrunken und so weiter. TV Ton aus und Mucke über [...]
war immer ein extrem guter Anlass für eine zuenftige Fete. Bei der ersten rockpalast-nacht sind mir die Spaghetti Bolognese etwas scharf geraten. dementsprechend wurde viel getrunken und so weiter. TV Ton aus und Mucke über Radio, genau. war aber irgendwie zeitversetzt. danke Kalle Nuss für die Fete.

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