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einestages

Detroit Riots 1967

Als Motor City in Flammen stand

Tagelange Krawalle hielten im Juli 1967 die Bewohner Detroits in Atem. Die schwarze Bevölkerung fühlte sich von weißen Polizisten schikaniert. Schließlich schickte US-Präsident Johnson das Militär in die Stadt.

Popperfoto/Getty Images
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Dienstag, 25.07.2017   14:13 Uhr

Woher das mit den blinden Schweinen kam, konnte Anthony Fierimonte nicht mehr sagen. "Blind Pigs", so nannte man Etablissements, in denen Nachtschwärmer die um 3 Uhr einsetzende Sperrstunde umgehen konnten. Hier wurden sie mit Alkohol, Prostituierten und Glücksspiel versorgt. Dass diese "blinden Schweine" aber eine solche Bedeutung für seine Stadt erlangen würden, hätte Fierimonte nicht gedacht.

Am frühen Morgen des 23. Juli 1967 hatte der Polizist Fierimonte Schicht. Er und seine Kollegen durchsuchten ein Blind Pig. Nichts Besonderes, eine Razzia unter vielen. "Wir hatten nicht mal Uniformen an", erzählt der Pensionär Fierimonte im Interview mit der Detroit Historical Society. "Das war mehr nach dem Motto: Ihr seid am Trinken, ihr wurdet erwischt. Normalerweise kamen die vor Gericht, die das Etablissement unterhielten." Doch diesmal führten die Ordnungshüter die Besucher ab und brachten Betreiber und Gäste in Scharen aufs Revier.

Der damals 19-jährige William Walter Scott III, genannt Bill, stand an der Ecke 12th Street und Clairmount. Seine ältere Schwester Wilma arbeitete in dem Blind Pig als Köchin und Kellnerin, auch in dieser stickigen Sommernacht. Seinem Vater William Walter Scott II gehörte die Bar, in der Kriegsrückkehrer aus Vietnam eine Party feierten.

"Ihr müsst sie nicht so behandeln", rief Bill Scott den Polizisten entgegen, die die Festgenommenen nach Zeugenberichten herumstießen, ihnen die Arme umdrehten. "Sie können alleine gehen. Lasst sie frei, ihr Hurensöhne." Er war wütend, griff das Vorgehen der weißen Polizei in dem von Schwarzen bewohnten Viertel mit deutlichen Worten an. Dann traf er eine verhängnisvolle Entscheidung: Bill Scott warf eine Flasche in Richtung der Polizei. Die nahm den Angriff kaum wahr, doch nun taten immer mehr Umstehende ihren Unmut mit Gewalt kund.

Weit über tausend Menschen, viele von dem Lärm aus dem Schlaf gerissen, säumten bei Tagesanbruch die 12th Street. Die ersten Feuer wurden gelegt, Geschäfte geplündert. Alle verfügbaren Polizeieinheiten rückten aus. Erfolglos versuchten sie, dem aufrührerischen Mob beizukommen. Der griff Feuerwehrleute an, die die Brände löschen sollten. Die Rebellion, ungeplant und chaotisch, war ausgebrochen.

Die Rebellion, die Krawalle, die Unruhen, der Aufstand, die Revolte - es gibt viele Namen für das, was im Westen Detroits im Juli 1967 auf einem Areal von 150 Häuserblocks passierte. Für das, was die Stadt fünf Tage lang im Chaos versinken ließ.

Rassismus unter Polizisten

War es denn ein Aufstand, eine Rebellion? "Es wird von unterschiedlichen Leuten unterschiedlich bezeichnet", sagt Joel Stone, Kurator am Detroit Historical Museum, "es kommt darauf an, mit wem man spricht und wo sie waren und was ihre Perspektive ist". Bis 2020 zeigt das Museum anlässlich des 50. Jahrestags eine Ausstellung über die Riots.

Er habe festgestellt, so Stone, "dass Leute, die 1967 in den Stadtteilen lebten, in denen es Gewalt gab, oft das Wort 'riot' benutzen" - also eher negativ konnotiert wie Ausschreitungen oder Unruhen. Anthony Fierimonte etwa begründet das so: "Ich nenne es 'riot', denn sie brachen in die Geschäfte von Schwarzen und Weißen ein und klauten alles." Zehn Prozent der Krawallmacher seien Weiße gewesen, sagt Fierimonte. "Viele Schwarze baten uns um Hilfe. Die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung war nicht beteiligt. Sie machten die Gegend kaputt, in der sie einkaufen gingen."

Detroit gilt als berühmtestes Beispiel für den Niedergang einer US-Industriestadt, eines ganzen Sektors. Detroit hatte die Autos, Pittsburgh, eine andere Stadt im sogenannten Rust Belt ("Rostgürtel") den Stahl. Der Jobwegfall in Detroit war enorm: Zwischen 1948 und 1967 erübrigten sich um die 130.000 Fabrikjobs.

Aber dieser Niedergang lässt sich nicht allein wirtschaftlich erklären, nicht allein mit der Deindustrialisierung und der Automatisierung von Arbeitsprozessen. Arbeitsmarktbeschränkungen diskriminierten gezielt Afroamerikaner, sodass in der Automobilbranche weit mehr Schwarze arbeitslos blieben als Weiße.

Ike McKinnon war 1967 einer der wenigen schwarzen Polizisten in Detroit. Zu diesem Zeitpunkt waren 25 bis 30 Prozent der Schwarzen zwischen 18 und 24 Jahren ohne Job. "Wir haben nicht realisiert, wie wütend die Leute waren", sagt McKinnon. Rassismus erlebte er auch unter Kollegen. "Einige Polizisten waren gegen die Integration von Schwarzen in die Polizei. Sie gaben ihren Job auf."

Hinrichtungen im Motel

Während des ersten Tages der Riots starben 16 Menschen. Der Gouverneur von Michigan, George Romney, setzte drei Regeln in Kraft: eine Ausgangssperre von 21 bis 5.30 Uhr, ein Verbot des Verkaufs und Genusses von Alkohol und ein generelles Verbot, Waffen zu tragen. Und er bat US-Präsident Lyndon Johnson um Unterstützung.

Am Dienstag, dem 25. Juli, patrouillierten Panzer in den Straßen von Detroit. Die Männer der 101st Airborne-Division waren gerade von einem Einsatz in Vietnam zurückgekommen. Seit 1964 waren die USA offizielle Kriegspartei aufseiten des antikommunistischen Südvietnam. "Wir brauchten sie, wir konnten nicht damit umgehen", sagt Fierimonte.

Das größte Unrecht der fünf Tage konnte auch diese Verstärkung nicht verhindern. In der Nacht auf den 26. Juli kamen im Algiers Motel drei junge schwarze Männer ums Leben - getroffen durch Polizeikugeln. Wie sich später herausstellt, kamen mindestens zwei dieser Todesfälle Hinrichtungen gleich. Belangt wurde dafür niemand, trotz diverser Prozesse.

30 der 43 Toten während der Detroit Riots fielen der Staatsgewalt zum Opfer. Tausende verloren ihr Zuhause, weil es in Schutt und Asche lag. Am 27. Juli verkündeten die Behörden, die Ordnung sei wieder hergestellt. Beinahe 17.000 Polizisten, Nationalgardisten und Bundeseinheiten hatte es dafür gebraucht. Während der "Summer of Love" die Westküste verzückte und die Flower-Power-Bewegung ihre Blütezeit hatte, ähnelte Detroit einem Kriegsgebiet, auch wenn die Ausschreitungen gestoppt waren.

Die Folgen durch Sachschäden und Plünderungen waren verheerend, die Ursachen der Unzufriedenheit und Perspektivlosigkeit nicht bekämpft. Präsident Johnson setzte umgehend die sogenannte Kerner Commission ein. Die Fragen, denen sie sich angesichts des sozialen Aufruhrs in weiten Teilen des Landes stellte: Was war passiert? Warum war es passiert? Was konnte getan werden, um zu verhindern, dass es wieder und wieder passiert? Die Kommission entwickelte eine Reihe von Vorschlägen, um Ausschreitungen wie im vom Rassismus geplagten Detroit in Zukunft zu verhindern.

Im März 1968 verwarf Lyndon B. Johnson alle davon.

insgesamt 4 Beiträge
Regina Bernat 25.07.2017
1. US-Präsident Johnson anno 1967. Ach-ja.
Das ist aber mal wieder eine sehr interessante Rückschau!!! So liebe ich den Spigel (online), informativ, historisch sowie mit zeitzeugen unterlegte geschichte. Merkwürdig an der geschichte ist aber schon, daß sich im prinzip [...]
Das ist aber mal wieder eine sehr interessante Rückschau!!! So liebe ich den Spigel (online), informativ, historisch sowie mit zeitzeugen unterlegte geschichte. Merkwürdig an der geschichte ist aber schon, daß sich im prinzip nichts verändert und sie sich nur immer wiederholt, an verschiedenen Orten. Und seltsamerweise? geht es auch immer um dieselben Themen: Diskriminierung, Unterdrückung, Demütigung, Ungleichheit.
Daniel Többens 25.07.2017
2. Und die Folgen?
Nach den Unruhen zogen noch im selben Jahr 67.000 Menschen aus Detroit weg. Im darauf folgenden Jahr noch einmal mehr als 80.000. Überwiegend waren diese wohlhabend genug, um sich einen Umzug leisten zu können. Die [...]
Nach den Unruhen zogen noch im selben Jahr 67.000 Menschen aus Detroit weg. Im darauf folgenden Jahr noch einmal mehr als 80.000. Überwiegend waren diese wohlhabend genug, um sich einen Umzug leisten zu können. Die Sozialstruktur und die Steuerbasis der Stadt hat sich davon nie wieder erholt.
Juergen Preller 25.07.2017
3. Jeffrey Eugenides
schildert in seinem genialen Roman "Middlesex" die "Detroit Roits" aus der Sicht einer Middle Class Familie. Lesenswert !
schildert in seinem genialen Roman "Middlesex" die "Detroit Roits" aus der Sicht einer Middle Class Familie. Lesenswert !
Mister Agent-Mo 25.07.2017
4. Gestern noch in Detroit....
.... und demnächst auch in ihrer Nähe. Wer das Spiel der Global-Player und der Möchtegern-Player durchschaut, weiß das es nicht mehr all zu lange dauert bis es eben auch in den europäischen Ländreien so aussieht. Die [...]
.... und demnächst auch in ihrer Nähe. Wer das Spiel der Global-Player und der Möchtegern-Player durchschaut, weiß das es nicht mehr all zu lange dauert bis es eben auch in den europäischen Ländreien so aussieht. Die große Frage ist nur: von wem wird das organisiert & finanziert werden? Aber da gibt es ja genug NGOs die für eine "bessere" Welt kämpfen.

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