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einestages

Geisterbauten auf Sizilien

Alles so schön kaputt hier!

Millionengräber als Touristen-Attraktion: Hunderte öffentlicher Bauten auf Sizilien wurden nie vollendet. Jammert nicht, macht was draus, fordert eine Künstlergruppe - und will die Ruinen wiederbeleben.

Incompiuto Siciliano
Von
Dienstag, 08.08.2017   16:37 Uhr

Wer braucht schon echte Tiere, wenn er Besen und Pappe besitzt? Mit selbst gebastelten Steckenpferden traben die neun Frauen und Männer aufs Spielfeld. Sie stellen sich in einer Reihe auf, legen die rechte Hand aufs Herz und schmettern kichernd die italienische Nationalhymne. Dann startet das Spiel, unter großem Gejohle hoppeln die Fake-Sportler auf ihren Fake-Pferden über das Gelände.

Stattgefunden hat das Happening am 11. Dezember 2011 - in einer der absurdesten Investitionsruinen, die Italien im 20. Jahrhundert je hervorgebracht hat: dem für 20.000 Zuschauer geplanten Polo-Stadion von Giarre, einer Kleinstadt am Fuß des Ätna, unweit von Catania. Und sehr weit weg von England.

Obwohl in Italien - anders als in Großbritannien - kaum einer der exquisiten Randsportart frönt, sponserte das Nationale Olympische Komitee den 1985 begonnenen Bau. Zwölf Jahre später wurde das Projekt auf Eis gelegt. Der Grund: Die Tribünen waren in einem zu steilen Winkel geplant. Mittlerweile wuchert Unkraut zwischen den Stufen, Graffiti überziehen das graue Betonmonster. Jogger drehen ihre Runden im Stadion, ab und zu kommen Kinder zum Kicken. Polo spielt dort niemand.

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Siziliens Betonruinen: Verwaiste Sprungbretter, menschenleere Krankenhäuser

Das Polo-Stadion von Giarre ist eines der zahlreichen unfertigen, von öffentlicher Hand subventionierten Bauten, die Italiens Landschaft prägen. "Sinnbilder der Misswirtschaft", wetterte ein Journalist der Zeitung "Repubblica" 2007. "Kunstwerke", kontert das fünfköpfige italienische Künstlerkollektiv Alterazioni Video. Und stellt die modernen Zementruinen auf eine Stufe mit all den anderen Touristenattraktionen im Land.

Aufwerten statt rumheulen

Die Geisterbauten, so steht es im Manifest der 2009 gegründeten Initiative Incompiuto Siciliano seien ein "künstlerisch-kulturelles Erbe und als solches ebenso wertvoll wie andere historische Sehenswürdigkeiten." Aufwerten statt rumheulen, die Zementruinen zurückerobern, statt sie beschämt meiden: Das ist der Ansatz der Kreativen, zu denen auch Andrea Masu gehört, Mitorganisator des Polo-Spektakels von 2011.

"Wir wollen, dass die Menschen positiv mit diesen Orten umgehen, sich endlich von Wut und Frustration freimachen", sagt der 47-Jährige im einestages-Interview. In Scharen würden Touristen die Überreste griechischer, römischer, mittelalterlicher Kultur in Italien aufsuchen. Warum sollten sie sich nicht auch für die modernen Bauruinen des 20. und 21. Jahrhunderts interessieren? Laut Manifest sind sie fundamental "zum Verständnis der jüngeren Geschichte unseres Landes".

Die Idee zur Gründung der Initiative entstand bei einer Reise mit Künstlerfreunden durch Sizilien. Ihnen fiel auf, wie viele unvollendete Bauten auf der Insel in den Himmel ragen. Lange bevor sich das Ministerium für Infrastruktur und Transport mit dem Problem befasste, begannen Masu und seine Kollegen damit, die öffentlichen Investitionsruinen systematisch zu erfassen, zu fotografieren, einen Atlas zu erstellen. Mittels einer Kickstarter-Kampagne haben sie nun die nötigen Gelder zusammen, um ein Buch zum Thema zu veröffentlichen.

Mafia mischte kräftig mit

Schwimmbäder ohne Wasser und menschenleere Krankenhäuser, totenstille Kindergärten und Autobahnbrücken, die ins Nichts führen: Mindestens 750 Investitionsruinen gibt es laut Masu in Italien, allein auf Sizilien stehen rund 350 davon. Über Jahrzehnte hätten Politiker der Democrazia Cristiana, bis 1993 wichtigste politische Partei in Italien, gerade auf der Mittelmeer-Insel staatlich finanzierte Bauten in Auftrag gegeben. Ihr Ziel: Arbeitsplätze schaffen, die lokale Wirtschaft ankurbeln, Wahlen gewinnen.

"Das politische System basierte unter anderem auf der planmäßigen Verschwendung öffentlicher Gelder", sagt Masu. Dazu gehören Steuermittel ebenso wie EU-Subventionen und Gelder aus dem Topf der Cassa del Mezzogiorno, der Kasse zum Aufbau des wirtschaftlich rückständigen Südens. Auch die Mafia mischte laut Masu kräftig mit. Auf ein Gesamtvolumen von 1,3 Milliarden Euro beläuft sich laut einem 2014 veröffentlichten Bericht der "Repubblica" der Wert allein der sizilianischen Bauruinen, addiert man die bereits angefallenen Kosten sowie die zur Fertigstellung nötigen finanziellen Mittel.

"Das Phänomen ist nicht speziell italienischer Natur, sondern vielmehr global", sagt Alessandro Biamonti, Architekt, Kurator und Dozent für Design an der Polytechnischen Universität in Mailand. Er hält die Initiative der Künstler um Masu für eine großartige Idee. Doch fragt er sich, ob die Politiker tatsächlich die Größe besitzen werden, das eigene Scheitern einzugestehen und einer kreativen Nutzung der Bauruinen zuzustimmen. Die italienische Bevölkerung indes sei "sicher bereit, gute Vorschläge aufzugreifen und umzusetzen", so Biamonti.

Zu kurzes Schwimmbad, Parkhaus ohne Ausfahrt

Dass viele der Infrastrukturprojekte nie vollendet wurden, hat zahlreiche Gründe: Mal zogen sich beteiligte Firmen zurück oder gingen Baufirmen pleite. Mal schwand das Interesse aufgrund eines politischen Machtwechsels, mangelte es an Geld. Oder es vereitelten eine überbordernde Bürokratie, Korruption oder, wie im Fall des Polo-Stadions von Giarre, technische Fehler die Fertigstellung.

In der sizilianischen Kleinstadt verrotten auch die Ruinen eines Hallenbads: Hier schwamm nie einer, weil die Bahnen statt der obligatorischen 50 nur 49 Meter lang sind. Zudem stehen in Giarre die Überbleibsel eines angefangenen Blumengroßmarkts, eines Parkhauses ohne Ausfahrt, eines Altenheims, eines Theaters.

Neun unfertige Großbauten, begonnen zwischen Mitte der Fünfzigerjahre und dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, hat das Künstlerkollektiv um Masu in der knapp 28.000 Einwohner zählenden Stadt lokalisiert - und Giarre kurzerhand zur "Hauptstadt des Unvollendeten" gekürt. Laut Masu mitnichten ein Stigma, sondern ein Potenzial, das es zu nutzen gilt.

Schließlich handele es sich bei dem "Unvollendeten" um den "wichtigsten italienischen Architekturstil der Nachkriegszeit", so Masu. Diese "wundervoll zweckfreien Orte", Zeugnisse einer "irrationalen, leidenschaftlichen Beziehung mit der eigenen Erde dominieren die Landschaft wie Triumphbögen", schwärmt das Künstlerkollektiv in seinem Manifest.

"Viele haben uns für verrückt erklärt"

Zahlreiche Menschen in ganz Italien unterstützen die originelle Initiative, jüngst hat das Projekt sogar einen vom Kulturministerium ausgeschriebenen Kunstwettbewerb gewonnen. Die Bewohner von Giarre indes sind nicht alle begeistert. Sie haben nur wenig übrig für Lost-Place-Romantik - die Ästhetik der in Zement gegossenen, von Graffiti überzogenen Trostlosigkeit erschließt sich ihnen nicht.

"Viele haben uns für verrückt erklärt", erzählt Masu und lacht. Was die Künstler jedoch nicht davon abhielt, die halbfertigen Bauten mit Leben zu füllen, etwa dem "Festival des Unvollendeten" im Sommer 2010. Zudem entwickelten sie für Giarre die Idee eines 300 Hektar großen "archäologischen Parks des Unvollendeten": eine Initiative, die der Kleinstadt zu internationaler Berühmtheit verhalf.

Die Tageszeitung "USA Today" nannte die Bauruinen von Giarre "ziemlich großartig" und listete sie in den Top Ten der "Hidden Places around the World" - auf Augenhöhe mit Orten wie der chinesischen Geisterstadt Kangbashi und Kopenhagens Hippie-Kolonie Christiania.

Touristen, die den Park am Fuße des Ätna besuchen wollen, müssen sich jedoch ein wenig gedulden: Zwar gibt es schon einen Plan samt Legende, auch auf einer Tourismus-Messe stellten die Künstler das Projekt bereits vor. In der Realität ist der "archäologische Park des Unvollendeten" jedoch - wie könnte es auch anders sein - noch nicht ganz fertig.

insgesamt 25 Beiträge
Gernot Winkelmann 08.08.2017
1. Es wäre bestimmt interessant
wie viele EU-Millionen in diesen Ruinen stecken.
wie viele EU-Millionen in diesen Ruinen stecken.
Thomas Herzog 08.08.2017
2.
In Deutschland wahrscheinlich mehr Leuten bekannt unter dem Namen "Syrakus".
In Deutschland wahrscheinlich mehr Leuten bekannt unter dem Namen "Syrakus".
Kurt Goergen 08.08.2017
3. In Sizilien sind Autobahnen über dutzende Kilometer.....
....auf Stelzen gebaut. Mafia -Geld. Es ist schon erheblicher Wahnsinn, dieses und ähnliches zu entrücken und zu adeln.
....auf Stelzen gebaut. Mafia -Geld. Es ist schon erheblicher Wahnsinn, dieses und ähnliches zu entrücken und zu adeln.
Andreas Cronenberg 08.08.2017
4. Monumente der Mafia
Die meisten dieser Bauten dienten doch einzig und allein dazu, die Mafia zu finanzieren. Die italienische Baubranche ist in festen Händen der Mafia. 350 Bauwerke allein in Sizilien sollten doch schon ein Hinweis sein. Wenn man [...]
Die meisten dieser Bauten dienten doch einzig und allein dazu, die Mafia zu finanzieren. Die italienische Baubranche ist in festen Händen der Mafia. 350 Bauwerke allein in Sizilien sollten doch schon ein Hinweis sein. Wenn man die Bauwerke nun abreisst, wird die Mafia doppelt verdienen.
Jürgen Hadler 08.08.2017
5. nun gut
vielleicht können wir ja unseren BER auch zum Weltruinenerbe hinzufügen.
vielleicht können wir ja unseren BER auch zum Weltruinenerbe hinzufügen.

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