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einestages

Die Feen von Cottingley

Wie zwei Mädchen England narrten

Ziemlich fauler Zauber: Zwei Cousinen behaupteten vor hundert Jahren, an einem Bach in Nordengland geflügelte Feen und Gnome gesehen zu haben. Ihre Fotos hielt sogar ein legendärer Krimiautor für echt.

SSPL/Getty Images
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Montag, 07.08.2017   16:07 Uhr

Im Hochsommer 1917 zog es die 16-jährige Elsie Wright und die neunjährige Frances Griffiths immer wieder zum kleinen Wasserfall im Dorf Cottingley, Nordengland. Stundenlang waren die Mädchen verschwunden - und die Familie wunderte sich. "Wir haben Elfen beobachtet", erklärten die Cousinen dann. Die Erwachsenen lachten.

Von Elsies Vater liehen sich die Mädchen daraufhin einen Fotoapparat. Als sie zurückkehrten, ging Mr. Wright damit in die Dunkelkammer und traute seinen Augen kaum. Vor Frances, die gedankenverloren in die Kamera schaute, schienen auf dem Bild vier helle Gestalten mit schmetterlingsartigen Flügeln zu tanzen. "Die Feen sind auf der Platte!", triumphierte Elsie. Der Vater fühlte sich veralbert.

Elsies Mutter aber, die für übersinnliche Phänomene empfänglich war, ließ die Sache keine Ruhe. Nachdem Frances ein weiteres Foto von Elsie und einem Gnom gemacht hatte, präsentierte Mrs. Wright Mitte 1919 beide Aufnahmen der Theosophischen Gesellschaft, einer damals einflussreichen internationalen Okkultisten-Vereinigung. Was wie ein Kinderscherz begonnen hatte, entwickelte sich in Großbritannien daraufhin zu einer ungeahnt ernsthaften und langwierigen Debatte - über die tatsächliche Existenz von Feen in Cottingley.

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Spektakuläre Fotomanipulation: Im Land der Feen

Maßgeblich Anteil daran hatte Sir Arthur Conan Doyle. Der prominente Krimiautor war der geistige Vater von Sherlock Holmes und damit Schöpfer jenes Meisterdetektivs, der im wissenschaftsgläubigen Viktorianischen Zeitalter exemplarisch den rational-analytischen Denker verkörperte. Umso erstaunlicher, dass dieser Autor überzeugt war, dass Elsie und Frances die Wahrheit sagten.

Doch Doyle hatte noch eine andere Seite: Seit sein Sohn im Ersten Weltkrieg gefallen war, wandte sich der Schriftsteller verstärkt dem Okkultismus zu und beschäftigte sich unter anderem mit "Geisterfotografie", die nicht materielle Wesen mithilfe spezieller Kameras sichtbar machen sollte.

Blumenstrauß von einer Elfe

Über Edward L. Gardner, führendes Mitglied der Theosophischen Gesellschaft in London, hatte Conan Doyle Kontakt zu Elsies Familie aufgenommen und sich die Aufnahmen schicken lassen. "Die Tatsache, dass zwei junge Mädchen nicht nur Elfen sahen, sondern ihnen zum ersten Mal eine materielle Form gaben, sodass sie auf einer Fotoplatte abgebildet werden konnten, zeigt, dass uns der nächste Evolutionszyklus bevorstehen könnte", prophezeite Gardner.

Auf Betreiben des Spiritisten, der Beweise für die Echtheit der Bilder suchte, machten die Cousinen im Sommer 1920 weitere drei Fotos von angeblichen Feen am Bach von Cottingley. Andere Augenzeugen gab es nicht. Laut Gardner behaupteten die Mädchen, die geheimnisvollen Gestalten würden nur dann zum Vorschein kommen, wenn sie mit ihnen allein seien.

Auf den neuen Fotos war etwa Frances mit einer hüpfenden Elfe zu sehen, während eine andere Fee Elsie einen Blumenstrauß überreichte. Conan Doyle verwendete die Bilder Weihnachten 1920 zur Illustration eines Beitrags im "Strand Magazine", in dem auch seine Detektivgeschichten erschienen waren. Die Ausgabe war binnen weniger Tage vergriffen. Um Elsie und Frances vor Neugierigen zu schützen, erhielten sie die Pseudonyme "Iris" und "Alice", während die Wrights in "Carpenters" umbenannt wurden.

In seinem zwei Jahre später erschienenen Buch "The Coming of the Fairies" (Die Ankunft der Feen) versuchte Doyle akribisch die Argumente von Kritikern zu widerlegen, die öffentlich die Authentizität der Bilder anfochten. Er sah sich bestärkt, da selbst ausgewiesene Fotoexperten offensichtlich nicht erklären konnten, wie genau die Fotos entstanden waren.

Wie in einem Spinnennetz verstrickte sich Doyle in seinen Mutmaßungen, für die er fieberhaft Belege suchte. Obwohl inzwischen Zielscheibe von Spott und Hohn, blieb er bis zu seinem Tod 1930 vom Spiritismus und der Existenz übersinnlicher Phänomene überzeugt. Die Wissenschaft des Viktorianischen Zeitalters habe eine saubere und sterile Welt, ähnlich einer Mondlandschaft, hinterlassen, schrieb er. Die okkulte Wissenschaft bringe dagegen etwas Licht ins Dunkel.

Das Interesse der Öffentlichkeit an den Feen ließ ab den frühen Zwanzigerjahren allmählich nach. Wohl auch, weil es keine weiteren Fotos gab. Elsie und Frances waren erwachsen, verheiratet und mit anderen Dingen befasst.

Erst 1966 beschäftigten sich die Medien erneut mit den "Cottingley Fairies", nachdem ein Boulevard-Reporter Elsie Wright aufgespürt hatte. Ob die Feen echt gewesen oder einfach ihrer Einbildung entsprungen seien, wollte sie zunächst offenlassen. 1978 wurden die Bilder von einem Komitee zur wissenschaftlichen Untersuchung paranormaler Phänomene, das sich auf Computertechniken stützte, eindeutig zu Fälschungen erklärt.

Spätes Geständnis

Elsie gestand aber erst 1983 in einem Brief an den Fotoexperten Geoffrey Crawley, dass sie und Frances Conan Doyle und die gesamte Öffentlichkeit an der Nase herumgeführt hatten. Wenige Jahre vor ihrem Tod - Frances starb 1986, Elsie zwei Jahre später - äußerten sich die beiden Cousinen dazu auch im britischen Fernsehen.

Einer der spektakulärsten Fälle von Fotomanipulation in vor-digitalen Zeiten wurde damit aufgeklärt: Die zeichnerisch begabte Elsie hatte Figuren aus dem Kinderbuch "Princess Mary's Gift Book" auf Pappkarton kopiert, an langen Haarnadeln befestigt und mit Klebeband fixiert. Die Mädchen steckten diese "Feen" auf Zweige, bevor sie auf den Auslöser drückten.

Dass Elsie und Frances ihre Fiktion so lange aufrechterhielten, erscheint erstaunlich. Denn den Rummel waren sie nach eigenen Aussagen schon bald leid. Nachdem sich aber Conan Doyle der Sache angenommen hatte, gab es für sie offensichtlich keinen Weg zurück.

In einem Interview mit einem Fernsehsender in Yorkshire erklärte Elsie 1985, es wäre ihnen peinlich gewesen, den Autor der Sherlock Holmes-Romane bloßzustellen: "Zwei Dorfmädchen und ein so brillanter Mann wie Conan Doyle - wir konnten nicht anders, als den Mund zu halten." Und Frances fügte hinzu: "Wir dachten gar nicht an einen Betrug. Elsie und ich wollten nur ein bisschen Spaß haben. Bis heute verstehe ich nicht, warum sich die Leute von uns auf den Arm nehmen ließen. Vielleicht, weil sie es selbst so wollten."

Im Gegensatz zu ihrer Cousine hielt sie allerdings bis an ihr Lebensende daran fest, dass die Elfe auf dem fünften und letzten Bild tatsächlich existiert habe.

insgesamt 4 Beiträge
Erika Riemer 08.08.2017
1. Die abgebildete Kamera..
..ist meines Wissens nach eine Rollfilmkamera und keine Plattenkamera.
..ist meines Wissens nach eine Rollfilmkamera und keine Plattenkamera.
Jürgen Hadler 08.08.2017
2. ganz klar
eine Box mit Rollflm. nur ist es nach meinem dafürhalten völlig egal, ob Plattenkamera oder Rollfilmkamera. Es ist schon extrem seltsam an eine Echtheit zu glauben, aber etwas früher gab es schon den Piltdown Schädel, [...]
eine Box mit Rollflm. nur ist es nach meinem dafürhalten völlig egal, ob Plattenkamera oder Rollfilmkamera. Es ist schon extrem seltsam an eine Echtheit zu glauben, aber etwas früher gab es schon den Piltdown Schädel, dessen Fälschung wurde erst bereits 1953 aufgedeckt.
Tim Schmidt 08.08.2017
3.
@ Erika Riemer & Jürgen Hadler Ich bin kein Kameraexperte, aber eine kurze Internetrecherche brachte folgendes Ergebnis: Die "Midg" war in ihren verschiedenen Versionen eine Kamere mit einem Magazin für zwölf [...]
@ Erika Riemer & Jürgen Hadler Ich bin kein Kameraexperte, aber eine kurze Internetrecherche brachte folgendes Ergebnis: Die "Midg" war in ihren verschiedenen Versionen eine Kamere mit einem Magazin für zwölf Platten im Format 9x12 Zentimeter. Der Preis betrug um 1906 zwei Pfund und zehn Shillinge (=zweieinhalb Pfund). Dafür musste eine Gouvernante damals ca. drei Wochen arbeiten und ein Gutverdiener immerhin noch ein bis zwei Tage. Hohn und Spott gegenüber den Zeitgenossen der Mädchen halte ich unangemessen. Die wenigsten Menschen in der damaligen Zeit verfügten über einen angemessenen Zugang zu Schule und Bildung. Bücher, auch Kinderbücher wie eben "Princess Mary's Gift Book" waren in England bis ins 20. Jahrhundert sehr teuer (manchmal mehrere Wochengehälter eines Angestellten für ein Fachbuch), so dass sich auch Gelehrte den Bücherkauf gut überlegen mussten. Bibliothek waren nicht jedermann zugänglich oder für die einfachen Leute aus Zeitgründen (viele Kinder, arbeiten bis in die Nacht) nicht von Interesse. Das Internet gab es nicht; Bildung wurde über Zeitschriften und Zeitungen vermittelt. Zudem war es eine "gläubige" Zeit, in der auch große Denker sowohl dem Christentum als auch esoterischen Strömungen weit offener gegenüberstanden und Überirdisches grundsätzlich für möglich erachteten. Öffentliche spriritistische Sitzungen waren damals in England in Mode (auch in Deutschland blühten die esoterischen Gesellschaften auf). Zur Kamera: http://www.historiccamera.com/cgi-bin/librarium/pm.cgi?action=display&login=midg1 https://s-media-cache-ak0.pinimg.com/originals/93/cf/7d/93cf7da4a1cbd8b1e47ddeb675148a22.jpg https://s-media-cache-ak0.pinimg.com/originals/9a/0c/91/9a0c919b63b2c95adde1d14f1dd33c88.jpg https://www.pinterest.de/pin/292734044511984794/
J. B. 12.08.2017
4. gepresste Feen
Mir war gar nicht bewusst, dass "Lady Cottington's Pressed Fairy Book" so einen realen Hintergrund hat - auch wenn er natürlich satirisch aufbereitet ist. Wem der Artikel Spass gemacht hat, dem ist das kleine Büchlein [...]
Mir war gar nicht bewusst, dass "Lady Cottington's Pressed Fairy Book" so einen realen Hintergrund hat - auch wenn er natürlich satirisch aufbereitet ist. Wem der Artikel Spass gemacht hat, dem ist das kleine Büchlein zu empfehlen :-)

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