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"Der Henker vom Emsland"

Kleider machen Mörder

Er fand eine Uniform am Straßenrand, übernahm als Hochstapler ein Gefangenenlager - und ermordete fast 170 Menschen. Wie der Schornsteinfeger Willi Herold im April 1945 zum Kriegsverbrecher wurde.

absolut Medien
Von
Montag, 14.08.2017   08:59 Uhr

Am 12. April 1945 betritt ein junger Mann das norddeutsche Strafgefangenenlager Aschendorfermoor nahe der niederländischen Grenze, in dem tausende Zwangsarbeiter einsitzen: Deserteure und politische Häftlinge. Der Mann trägt die Uniform eines Fallschirmjäger-Hauptmanns und sagt mit selbstbewusster Stimme: "Der Führer persönlich hat mir unbeschränkte Vollmachten erteilt." Mit Standgerichten solle er nun hier für Ordnung sorgen.

Wachleute und örtliche NSDAP glauben ihm - für sie ist er ein Zeichen der Hoffnung in einer Zeit, als schon längst britische Bomberverbände auf dem Weg nach Bremen oder Hannover über sie hinwegfliegen und kanadische Truppen immer weiter durch die Niederlande vorrücken.

Wenige Tage später sind 172 Häftlinge tot, erschossen mit einem Flakgeschütz, zerfetzt von Handgranaten und verscharrt in Massengräbern, die sie selbst ausheben mussten.

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Willi Herold: Bestie mit Babyface

Der Mann, der die Massaker befohlen hat, ist gerade einmal 19 Jahre alt - und ein Hochstapler: Weder die Uniform noch der Auftrag von Hitler sind echt. Sein Name lautet Willi Herold, er wird als "Henker vom Emsland" traurige Berühmtheit erlangen.

Die Geschichte von Willi Herold ist die Geschichte eines Sadisten, der die Chance nutzt, seinen Blutdurst zu stillen. Sie ist aber auch die Geschichte über die Wirren der letzten Kriegsmonate, in denen eine gefundene Uniform und dreistes Auftreten reichten, um einen ganzen Landstrich zu terrorisieren. Und eine Geschichte über die ängstlichen Deutschen, die sich im Angesicht der Niederlage nach Autorität sehnen - oder einfach vor ihr kuschen. Wie sonst hätte ein 19-jähriger Hochstapler so viel Leid anrichten können?

Aus der Hitlerjugend verbannt

Zur Welt kommt Willi Herold 1925 in Lunzenau bei Chemnitz. Über seine Kindheit ist nur wenig bekannt. Er wird aus der Hitlerjugend verbannt, weil er Veranstaltungen schwänzt und eine eigene Indianerbande gründet. Zumindest sagt er das nach seiner Festnahme aus. Später beginnt er eine Lehre als Schornsteinfeger. Kurz nach seinem 18. Geburtstag im Herbst 1943 wird Herold eingezogen und erhält eine Grundausbildung zum Fallschirmjäger. Wenig später kämpft er in Italien, unter anderem bei der Schlacht um das Kloster Montecassino.

Nach der deutschen Niederlage in Italien versetzen ihn seine Generäle in einen Sonderverband an die Westfront, um dort den Vormarsch der Alliierten nach Norddeutschland aufzuhalten. Bei Gefechten in den ersten Märztagen 1945 verliert Herold in der Nähe von Gronau kurz hinter der deutsch-niederländischen Grenze seine Einheit.

Allein schleppt er sich durch den kalten Regen nach Norden, zu Fuß in Richtung Bentheim. Im Straßengraben stößt er auf ein zerbeultes Militärauto. Herold entdeckt mehrere Kisten, in denen er die fast neue Uniform eines Hauptmanns der Luftwaffe findet - samt Eisernem Kreuz erster Klasse, einer hohen Auszeichnung. Der 19-Jährige zieht sich die Uniform über, setzt die Mütze auf und stolziert die Straße entlang.

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Nach zwei Kilometern hört er eine Stimme: "Herr Hauptmann, Herr Hauptmann!" Herold blickt auf einen jungen Soldaten, der vor ihm strammsteht und berichtet, dass er seine Einheit verloren habe. Der falsche Hauptmann entgegnet entschlossen: "Folgen Sie mir." Bald kommen weitere versprengte Soldaten dazu, in Meppen sind es bereits etwa 30 Männer, die Herold nach Norden begleiten.

"Eure albernen Vorschriften"

Zwei Tage bevor die Gruppe das Lager Aschendorfermoor erreicht, haben dort etwa 150 Häftlinge versucht zu fliehen. Sie sollten nach Celle verlegt werden und verschwanden während des Marsches im Nebel. In der Gegend kursieren Gerüchte, dass die Entflohenen bei den Bauern Essen geraubt und damit gedroht hätten, deren Töchter zu vergewaltigen. Die Leitung des Lagers und die NSDAP fühlen sich unter Zugzwang - es müsste ein Exempel statuiert werden.

Herold hat inzwischen einen eigenen Wagen gefunden und einen seiner Männer zu seinem Chauffeur bestimmt. Bei einer Kontrolle durch die Militärpolizei weigert er sich, seine Papiere zu zeigen - er hat ja auch keine, die zu seiner Uniform passen. Der 19-Jährige pöbelt den Militärpolizisten an und lässt sich zu dessen Vorgesetzten bringen. Der Offizier der Militärpolizei ist beeindruckt von so viel Schneid und lädt den falschen Hauptmann auf einen Schnaps ein. Herold merkt, dass man ihm die neue Rolle abnimmt, wenn er nur dreist genug auftritt.

In Papenburg hört er das erste Mal von den entlaufenen Gefangenen und lässt sich ins Straflager bringen. Mit Bürgermeister und NSDAP-Ortsgruppenleiter beschließt er: Die Flüchtigen müssen erschossen werden. Fragen nach der Rechtmäßigkeit des Standgerichts bügelt Herold weg: "Ich habe den Auftrag, aber keine Zeit für endloses Gerede und kleinkariertes Hickhack über eure albernen Vorschriften." Er beruft sich auf Hitler persönlich. Eine schriftliche Vollmacht will niemand sehen, weder der NSDAP-Kreisleiter noch der inzwischen informierte Gauleiter.

Niemand stoppt den falschen Hauptmann

Herolds Männer zwingen die ersten Gefangenen, sich in einer Reihe hinzuknien, die Hände über dem Kopf. Zweien wird nach einem Geständnis in den Kopf geschossen, einem in den Bauch. Alle sterben. Unterdessen bekommen acht andere Häftlinge den Auftrag, eine riesige Grube auszuheben, sieben Meter lang, zwei Meter breit und 1,80 Meter tief. Sie graben mehr als vier Stunden.

Am frühen Abend des 12. April, gegen 18 Uhr, müssen sich die ersten 30 Gefangenen vor dem Grab aufstellen. Herolds Männer eröffnen das Feuer mit einem Flugabwehrgeschütz, die erste Salve trifft die Gefangenen in die Beine. Dann hat das Geschütz Ladehemmung und Herolds Kommando rennt mit Maschinenpistolen zur Grube und erschießt die Verletzten. Sie treten die Körper in das Loch und werfen eine Handgranate hinein. Die nachfolgenden beiden Häftlingsgruppen werden mit einem Maschinengewehr exekutiert, am Abend sind es 98 Tote.

Herold schickt Volkssturm-Truppen aus. Sie sollen weitere Entflohene zurück ins Lager bringen - oder direkt exekutieren. Als keine mehr gefunden werden, beginnen Herolds Männer, andere Häftlinge zu foltern und hinzurichten, zuerst Ausländer, dann Deserteure und so weiter. In den kommenden Tagen werden 74 weitere Menschen ermordet. Herold kontrolliert jetzt das Lager - und niemand stellt sich ihm in den Weg.

Erst als die Alliierten vorrücken, nimmt der Wahnsinn in Aschendorfermoor ein Ende. Herold verlässt das Lager und erschießt auf seinem Weg noch fünf angebliche niederländische Spione und einen Bauern, der eine weiße Fahne gehisst hat. Am 28. April wird Herold von der deutschen Militärpolizei verhaftet.

Freilassung trotz Geständnis

Während er im Gefängnis sitzt, begeht Hitler Selbstmord und die Rote Armee erobert Berlin. Der falsche Hauptmann gesteht seine Taten, doch bevor das Gericht ein Urteil fällt, wird Herold freigelassen. Er soll bei der Operation Werwolf mitkämpfen, flieht aber bei der ersten Gelegenheit und taucht unter.

Herold schlägt sich nach Wilhelmshaven durch. Dort nehmen ihn britische Marinesoldaten am 23. Mai 1945 fest, weil er einen Laib Brot gestohlen hat. Doch das britische Militärgericht findet seine Identität heraus, am 16. August 1946 beginnt in Oldenburg der Kriegsverbrecherprozess.

"Man hat oft die Groteske skizziert, dass wir auch einen Briefkasten mit erhobenem Arm grüßen würden, wenn man es uns befohlen hätte. Wir haben oft darüber gelacht. Wir hätten es nicht tun sollen", schreibt ein Journalist der "Nordwest Zeitung" zum Prozessauftakt. Willi Herold wird zum Tode verurteilt - am 14. November werden der "Henker vom Emsland" und fünf seiner Helfer in Wolfenbüttel mit dem Fallbeil hingerichtet.

Zum Weiterlesen:

T.X.H. Pantcheff: Der Henker vom Emsland. Willi Herold, 19 Jahre alt. Ein deutsches Lehrstück.

Mehr Informationen zu den Lagern der Nationalsozialisten in der Region Emsland bietet die Gedenkstätte Esterwegen.

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