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einestages

Wie Stalin seinen Rivalen Trotzki ermorden ließ

Der Prophet und der Eispickel

Aus Revolutionären wurden Todfeinde: Josef Stalin und Leo Trotzki rangen um Lenins Nachfolge und die Macht in der Sowjetunion. Sieger Stalin jagte Trotzki um die halbe Welt - bis zum Mord in Mexiko.

AP
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Donnerstag, 17.08.2017   12:40 Uhr

Ein Knall weckt Esteban Wolkow in der Nacht auf den 24. Mai 1940. Etwa 20 als Polizisten verkleidete Männer stürmen mit Maschinenpistolen ins Haus am Südrand von Mexiko-Stadt. Aus drei Richtungen fliegen Kugeln durch Wolkows Zimmer, der 14-Jährige springt aus dem Bett, hechtet in eine Ecke.

Der Angriff morgens um vier gilt seinem Großvater im Zimmer nebenan: Leo Trotzki, eine der Führungsfiguren der Oktoberrevolution von 1917, Gründer der Roten Armee und früheres Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Trotzkis Frau Natalja Sedowa drückt ihn zu Boden, schützt ihn mit ihrem Körper. Die Wachen im Haus schießen zurück und verjagen die Eindringlinge schließlich. Trotzki und Sedowa überleben unversehrt.

"Ich wurde durch einen Streifschuss am rechten Fuß verletzt und rief nach meinem Großvater", sagt Esteban Wolkow. Heute ist er 91 Jahre alt, lebt noch immer in Mexiko und erinnert sich, wie die Villa nach dem Attentatsversuch zur Festung wurde - mehr Wachen, kugelsichere Türen, bessere Waffen. Trotzki verließ das Haus kaum noch und fühlte sich dennoch unsicher. "Für ihn war es keine Frage mehr, ob es einen weiteren Angriff geben würde", sagt Esteban Wolkow. "Die Frage war nur, woher er kommen würde."

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Leo Trotzki: Der Tod des alten Revolutionärs

Bald stellt sich heraus, dass zwei Männer den Trupp anführten: Der eine ist David Alfaro Siqueiros, ein berühmter mexikanischer Maler und überzeugter Kommunist, der andere Josef Grigulewitsch, Agent des russischen Geheimdiensts NKWD. Zwei Wochen nach dem Angriff schreibt Trotzki einen Artikel, Titel: "Stalin will meinen Tod".

Leo Trotzki ist klar, dass der Befehl, ihn zu töten, aus Moskau kommt. Von Josef Stalin, dem Mann, der ihn bereits um die halbe Welt gejagt hat. Und dass Stalin nicht aufgeben wird. Nur wenige Monate später wird Trotzki den Mörder mit dem Eispickel ins Haus lassen.

Rivalen der Revolution

Die Feindschaft zwischen Trotzki und Stalin reicht Jahrzehnte zurück. 1917 wurde mit der Februarrevolution der Zar, dann mit der Oktoberrevolution die sozialliberale Übergangsregierung gestürzt. In den Wirren der Folgejahre ist Wladimir Lenin als Anführer der Bolschewiki unumstritten. Um seine Nachfolge an der Spitze der jungen Sowjetunion indes beginnt ein Machtkampf.

Kurz vor seinem Tod erkennt Lenin, welche Gefahr von Stalin ausgeht. Nach zwei Schlaganfällen bangt er um sein politisches Erbe und diktiert im Winter 1922/23 einen Brief an die Kommunistische Partei: "Genosse Stalin hat, nachdem er Generalsekretär geworden ist, eine unermessliche Macht in seinen Händen konzentriert", heißt es darin.

Lenin beschreibt der Partei Stalin als "zu grob" und empfiehlt, ihn vom Posten des Generalsekretärs zu entfernen. Stalins größten Widersacher Leo Trotzki dagegen bezeichnet Lenin als "wohl den fähigsten Mann im gegenwärtigen Zentralkomitee".

Die Einsicht kommt zu spät. Als Lenin 1924 nach dem dritten Schlaganfall stirbt, hat Stalin die Schlüsselstellen im Parteiapparat schon mit den eigenen Leuten besetzt. Nach und nach macht er sich zum totalitären Alleinherrscher. Mit einer selbst unter Tyrannen seltenen Rachsucht und Dämonie geht Stalin gegen jeden vor, den er für einen politischen Gegner oder Abweichler hält.

Gegensätze, die sich abstoßen

Der Tiefpunkt ist der "Große Terror" der Jahre 1936 bis 1938, als Hunderttausende ermordet werden. Besonders skrupellos ist Stalin gegenüber seinen alten Kampfgefährten. Nach grotesken Schauprozessen lässt er die Führungsriege der frühen Bolschewiki hinrichten - Sinowjew, Kamenew, Bucharin.

Doch keinen der alten Revolutionäre hasst der Diktator so sehr wie Trotzki. Der ideologische Unterschied: Stalin will den Sozialismus in einem Land, Trotzki die Weltrevolution. Und die beiden verachten einander auch persönlich. Die Antipathie reicht zurück in die Zeit weit vor der Revolution.

1907 in London begegnen die jungen Revolutionäre einander zum ersten Mal - und die Gegensätze stoßen sich ab: Trotzki ist der Sohn wohlhabender jüdischer Bauern aus der Ukraine. Stalin wächst in Georgien auf, in Armut, als Kind eines prügelnden Säufers. Trotzki ist ein marxistischer Theoretiker im Exil, im Dienst der Revolution in Europas Metropolen unterwegs. Stalin dient der Revolution, indem er für die Partei Banken im Kaukasus ausraubt. Trotzki hält brillante Reden - auf Russisch und Französisch, Englisch und Deutsch. Stalin spricht selbst Russisch nur mit starkem georgischen Akzent. Trotzki hält Stalin für einen "Bauerntölpel", Stalin sieht Trotzki als arroganten Intellektuellen.

Aus Abneigung wird über die Jahre Todfeindschaft. Stalin hat wohl schon in den Zwanzigerjahren den Wunsch, Trotzki umbringen zu lassen. Doch der führte die Rote Armee im Russischen Bürgerkrieg zwischen 1918 und 1922 zum Sieg über die konterrevolutionäre Weiße Garde. Dafür verehren viele im Land Trotzki auch Ende der Zwanzigerjahre noch. Stalin kann ihn nicht töten lassen. Noch nicht.

Todesurteil im Schauprozess

Fürs Erste beschränkt sich Stalin auf die Entmachtung seines Rivalen. Zunächst wird Trotzki aus dem Zentralkomitee geworfen, dann aus der Partei, 1929 schließlich aus dem Land. Wie schon vor der Oktoberrevolution muss der Gründer der Roten Armee ins Exil - Türkei, Frankreich, Norwegen.

Auch dort setzt Trotzki seine Opposition fort und gründet 1938 die Vierte Internationale, eine Alternative zur stalinistischen Komintern; er wird zu einem Idol der Linken, noch lange über seinen Tod hinaus. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren schreibt der polnische Marxist Isaac Deutscher die bewundernde, dreibändige Trotzki-Biografie "Der Prophet".

Stalin jagt Trotzki auch im Exil. Von Norwegen aus verfolgt Trotzki den ersten Moskauer Schauprozess - am 24. August 1936 wird er in Abwesenheit zum Tod verurteilt. Mit der Vollstreckung des Urteils wird der sowjetische Geheimdienst NKWD betraut.

Wie zuvor schon Frankreich spürt bald auch Norwegen diplomatischen Druck und sorgt sich um die Beziehungen zur Sowjetunion. Als die norwegische Regierung Trotzki unter Hausarrest stellt, erreicht ihn in dieser Bedrängnis eine gute Nachricht: Einer seiner Bewunderer, der Wandmaler Diego Rivera, hat sich in Mexiko für ihn stark gemacht. Dort erhalten Trotzki und seine zweite Ehefrau Natalja Sedowa Asyl.

Stalin jagt auch Trotzkis Familie

Im Sommer 1939 zieht auch Trotzkis 13-jähriger Enkel Wsewolod Wolkow, genannt Sewa, nach Mexiko. Er hat bereits eine ähnliche Odyssee hinter sich wie sein Großvater: Büyükada bei Istanbul, Berlin, Wien, Paris. "Mein Großvater sprach mit mir nie über Politik", erinnert sich Wolkow, der längst die spanische Version seines Vornamens führt, Esteban. Trotzki habe ihn, so vermutet er, vor der Politik schützen wollen.

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Ermordung des Leningrader Parteichefs: Stalins "Großer Terror"

Der Kampf gegen Stalin und die Rache des Diktators haben zu dieser Zeit schon einen großen Teil von Trotzkis Familie ausgelöscht: Wolkows Mutter Sinaida, Trotzkis Tochter aus erster Ehe, nahm sich in Berlin das Leben. Sergei Sedow, Trotzkis jüngerer Sohn aus der Ehe mit Natalja, wurde ein Opfer von Stalins "Großem Terror". Der ältere Sohn Lew Sedow wurde in Paris ständig vom NKWD beschattet, bis er auf rätselhafte Weise nach einer Blinddarmoperation starb.

Und dann Ende Mai 1940 die Attacke durch 20 bewaffnete Männer in Mexiko. Noch einmal können Trotzkis Wachen rechtzeitig reagieren - aber keine drei Monate später kommt der von Trotzki erwartete nächste Angriff. Diesmal von innen.

Eispickel unter dem Regenmantel

Seit einiger Zeit geht im Haus in Coyoacán ein junger Mann ein und aus. Schon zwei Jahre zuvor hat er eine Affäre mit Sylvia Ageloff angefangen; die junge US-Amerikanerin arbeitet gelegentlich als Trotzkis Sekretärin. Für den 20. August 1940 verabredet sich Trotzki mit dem Mann, den er für einen Kanadier hält und nur unter dem Namen Frank Jacson kennt. Einen Artikel über französische Wirtschaftsstatistik wolle er schreiben, erzählte Jacson und bat den früheren Journalisten Trotzki, sich seine Pläne anzusehen.

Als Jacson am vereinbarten Tag vor der Villa erscheint, empfängt ihn die verwunderte Natalja Sedowa und fragt, warum er an einem so schönen Tag einen Regenmantel trage. Der Besucher antwortet, es sei mit einem Wolkenbruch zu rechnen - in Mexiko-Stadt im August durchaus üblich.

Er betritt das Arbeitszimmer und legt Trotzki ein Papier vor. Der alte Revolutionär beugt sich über den Schreibtisch. Was Trotzki nicht weiß: Frank Jacson heißt in Wahrheit Ramón Mercader und ist ein aus Spanien stammender Agent des Geheimdienstes NKWD. Er steht in Verbindung zu hohen Offizieren der sowjetischen Sicherheitsdienste, die gut ein Jahr zuvor von Stalin selbst den Befehl bekommen hatten, Trotzki zu töten.

Unter seinem Mantel hat Mercader einen Eispickel versteckt. Er treibt ihn 7,5 Zentimeter tief in Trotzkis Schädel. Trotzdem kann Trotzki sich noch wehren, die Wachen überwältigen den Attentäter.

Als Esteban Wolkow aus der Schule nach Hause läuft, sieht er schon von Weitem "Autos und Polizisten in der Einfahrt". Und auf dem Boden im Arbeitszimmer sieht der 14-Jährige auch seinen verwundeten Großvater. Näher kommen darf er nicht, "haltet den Jungen fern, er soll das nicht sehen", hat Trotzki den Wachen gesagt. Am Tag darauf stirbt er im Krankenhaus.

insgesamt 15 Beiträge
Michael Tilly 17.08.2017
1.
Der Mann wurde mit einem Eisdorn (engl. ice pick) ermordet, wie man ihn zu der Zeit in jeder besseren Bar vorrätig hatte, um Eisblöcke zu zerkleinern. Ein Eispickel (engl. ice axe) ist ein Bergsteigergerät. Der Irrtum ist nicht [...]
Der Mann wurde mit einem Eisdorn (engl. ice pick) ermordet, wie man ihn zu der Zeit in jeder besseren Bar vorrätig hatte, um Eisblöcke zu zerkleinern. Ein Eispickel (engl. ice axe) ist ein Bergsteigergerät. Der Irrtum ist nicht totzukriegen.
David Xanatos 17.08.2017
2.
Stalin war ein Wahnsinniger, einer der größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts und mit Millionen Toten auf seinem Konto hinter Mao der schlimmste Massenmörder der Weltgeschichte. Unfassbar, dass ihn in Russland immer noch viele [...]
Stalin war ein Wahnsinniger, einer der größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts und mit Millionen Toten auf seinem Konto hinter Mao der schlimmste Massenmörder der Weltgeschichte. Unfassbar, dass ihn in Russland immer noch viele verehren. Aber Gräueltaten lässt man ja gerne unter den Tisch fallen, wenn jemand das eigene Land "groß" gemacht hat.
Alex Buchmann 17.08.2017
3. Stalin hatte viele schlechte Seiten. Allerdings,
war er immer verantwortungsvoll. Der Trotzki dagegen hatte Null Verantwortung. Er war immer ein Avanturist. Wäre an die Macht gekommen, und später noch die Kernwaffen zur Verfügung gehabt, man kann sich den Alptraum kaum [...]
war er immer verantwortungsvoll. Der Trotzki dagegen hatte Null Verantwortung. Er war immer ein Avanturist. Wäre an die Macht gekommen, und später noch die Kernwaffen zur Verfügung gehabt, man kann sich den Alptraum kaum ausmachen.
Mario Sorg 17.08.2017
4. Keinerlei Bedauern
Mörder ermorden Mörder. Na, besser die, als unschuldige Menschen. Das Morden aber wurde bekanntlich aber gleichwohl millionenfach seitens ?Stalin? fortgeführt.
Mörder ermorden Mörder. Na, besser die, als unschuldige Menschen. Das Morden aber wurde bekanntlich aber gleichwohl millionenfach seitens ?Stalin? fortgeführt.
Eberhard Geier 17.08.2017
5. Stalin ist neben Hitler und Mao wahrlich der größte Massenmörder
unserer Geschichte. Auch ich kann und will nicht verstehen, dass diese dunkle sowjetische Kapitel in Russland nicht aufgearbeitet wird. Scheinbar nutzen die alten Strukturen den heutigen Machthabern immer noch.
unserer Geschichte. Auch ich kann und will nicht verstehen, dass diese dunkle sowjetische Kapitel in Russland nicht aufgearbeitet wird. Scheinbar nutzen die alten Strukturen den heutigen Machthabern immer noch.

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