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einestages

Die Erfindung der Sozialen Marktwirtschaft

Erfolgsmodell aus der Klosterzelle

Wirtschaftswunder, Persil und Wohlstand für alle - das verbinden viele Deutsche mit der Sozialen Marktwirtschaft. Doch nicht Ludwig Erhard hat sie erfunden, sondern der Ökonom Alfred Müller-Armack. Unter abenteuerlichen Umständen.

DPA
Von
Mittwoch, 30.08.2017   07:09 Uhr

Der Professor, der bei ihnen gastiert, ist den Mönchen schon immer etwas verschroben vorgekommen. Und als dieser Wissenschaftler sein "Heureka"-Erlebnis hat, fragen sich die Brüder des Canisianer-Ordens, wovon er da redet.

Alfred Müller-Armack eilt aus seinem Arbeitszimmer in der zweiten Etage des Herz-Jesu-Klosters in Vreden-Ellewick. Aufgewühlt läuft der Mittvierziger mit dem schütteren Haar die Treppe hinab. "Nun weiß ich, wie es heißen muss", ruft der Professor. "Soziale Marktwirtschaft muss es heißen! Sozial mit großem S!" So haben es die Mönche überliefert.

Soziale Marktwirtschaft. An jenem Morgen im Winter 1946/47 hat Müller-Armack den Begriff erfunden, der die Bundesrepublik Deutschland prägen wird wie kein anderer. In diesem Moment applaudiert niemand dem Ökonomen. Aber 70 Jahre danach werden Politiker von Angela Merkel bis Martin Schulz seinem Schlagwort huldigen. Soziale Marktwirtschaft - das klingt nach Wiederaufbau und Wirtschaftswunder, nach Bohnenkaffee, VW-Käfer, Italien-Urlaub. Nach Vollbeschäftigung. Wohlstand für alle.

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Nachkriegswirtschaft: Neues Geld, neue Hoffnung

Alfred Müller-Armack war der Vordenker des Wirtschaftssystems der Bundesrepublik. Seine Ideen hat Ludwig Erhard (CDU) umgesetzt, der Wirtschaftsminister und spätere Kanzler. Und nach Erhard haben Politiker verschiedener Couleur unter dem Etikett Soziale Marktwirtschaft ihre Konzepte an den Mann gebracht. Schließlich ist Müller-Armacks Schlagwort ebenso wohlklingend wie dehnbar.

Vielleicht haben es die Politiker überdehnt. Die Deutschen haben heute ein gespaltenes Verhältnis dazu. In einer ARD-Umfrage von 2012, nach Bankenrettungen und in der Euro-Schuldenkrise, gaben 73 Prozent der Befragten an, die Soziale Marktwirtschaft "funktioniert nicht mehr so wie früher", vor allem weil Reiche reicher und Arme ärmer würden. Zugleich indes erklärten zwei Drittel, die Soziale Marktwirtschaft sei "maßgeblich für die derzeit gute wirtschaftliche Lage in Deutschland" verantwortlich. Und 65 Prozent nannten sie die beste Wirtschaftsordnung für unser Land.

Aber was für eine Wirtschaftsordnung wollte Müller-Armack, der Schöpfer des Begriffs? Wie groß sollte das S sein?

Besuch im Kloster

Das Buch riecht schon nach 1947, muffig wie die Nachkriegszeit, und der Titel klingt dröge: "Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft". Dahinter 144 eng beschriebene, vergilbte Seiten voller Holzsplitter. Man muss sich zwingen, Müller-Armacks Abhandlung durchzublättern. Auf Seite 59 tauchen die zwei Worte erstmals auf - Soziale Marktwirtschaft.

Der Text macht nur eines klar: Müller-Armack wollte ein Mittelding zwischen Kapitalismus und Sozialismus. "Die rein liberale Marktwirtschaft und die Wirtschaftslenkung" seien "verbraucht", man müsse "eine neue dritte Form" entwickeln. Zwar solle die Marktwirtschaft "tragendes Gerüst der künftigen Wirtschaftsordnung" sein, aber "keine sich selbst überlassene, liberale Marktwirtschaft", sondern eine "sozial gesteuerte Marktwirtschaft".

Konkreter wurde er nicht. Gehören Bankenrettung, ein bedingungsloses Grundeinkommen, Kündigungsschutz oder die umlagefinanzierte Rente dazu? Wollte der Urvater der Sozialen Marktwirtschaft einen Wohlfahrtsstaat mit Umverteilung im großen Stil, wie ihn skandinavische Staaten später schufen? Oder wollte er eher das liberale angelsächsische Modell mit etwas staatlicher Nothilfe? Müller-Armack ist fast 40 Jahre tot. Aber er hat Spuren hinterlassen.

Mitglied der NSDAP

An diesem verregneten Sommermorgen wirkt das Herz-Jesu-Kloster besonders einsam. Maisfelder und Kuhweiden umgeben den Backsteinbau in Vreden-Ellewick kurz vor der niederländischen Grenze. Ein Handynetz muss man lange suchen. Im Kloster leben noch eine Handvoll Canisianer. Hier in einer der abgeschiedensten Ecken Westfalens hatte Müller-Armack die Soziale Marktwirtschaft erfunden. Schon während des Zweiten Weltkriegs hatte er sein Ideengerüst für eine Nachkriegs-Wirtschaftsordnung entwickelt - heimlich, denn es war gefährlich, nicht an den Erfolg des "Dritten Reichs" zu glauben.

Der Ökonom war seit 1933 NSDAP-Mitglied. Ein "Mitläufer", wie sein Biograf Daniel Dietzfelbinger urteilt, "kein staatstragender Vorantreiber der NS-Ideologie". Anfangs schrieb Müller-Armack Lobeshymnen auf die NS-Wirtschaft mit ihren Arbeitsbeschaffungsprogrammen und dem Streben nach Autarkie. Bald jedoch habe er sich innerlich distanziert, sagt Franz Schoser, einer seiner Schüler. 1940 übernahm er die Leitung der "Forschungsstelle für Allgemeine und Textile Marktwirtschaft" an der Universität Münster. Als die Briten die Stadt bombardierten, kam Müller-Armack immer seltener zum Forschen. Schließlich evakuierte die Wehrmacht das Institut und brachte Müller-Armack mit elf Mitarbeitern am 24. Juli 1943 im Herz-Jesu-Kloster unter.

Zur Freude der Mönche. Schließlich hatte ein lokaler NS-Funktionär im Kloster ein Mütterheim einrichten wollen: wohl für einen "Lebensborn" zur Zucht der "Herrenrasse". Doch Müller-Armack bekam den Vortritt. "Gegen Zoll und Militär ist die Partei machtlos!", jubilierte die Klosterchronik.

Wanderprediger in der Westzone

"Professor Müller hat uns damals gerettet", sagt Bruder Gerhard Hasspecker, der langjährige Leiter des Klosters. Der 77-Jährige hat Müller-Armack nicht mehr persönlich im Kloster erlebt, ihn aber danach mehrmals getroffen, er hat mit Bewohnern von damals über den Gast gesprochen. Und er pflegt die Chronik. Der zufolge war Müller-Armack ein angenehmer Mitbewohner. Auf einer Feier spielte er den Nikolaus.

Nach Kriegsende blieb Müller-Armack in Ellewick. Sein Konzept stand: Deutschlands neue Wirtschaftsordnung sollte die Vorteile freier Märkte mit dem Ziel sozialen Ausgleichs vereinen. Und so fand er den Namen für das Kind.

Gewartet hatte auf seine Soziale Marktwirtschaft allerdings niemand. "Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden", schrieb die NRW-CDU in ihrem Ahlener Programm von 1947. "Die Leute konnten sich zu dieser Zeit nichts Anderes vorstellen als Planwirtschaft", sagt Christian Watrin, der als Assistent und späterer Nachfolger jahrelang mit Müller-Armack zusammenarbeitete. Den Deutschen habe es an allem gemangelt, selbst an Papier.

Müller-Armack hatte Papier zusammengehamstert. Im Kloster kopierte er seine Aufsätze mit einem alten Rotaprint-Apparat und tourte durch das zerbombte Land. "Er ist monatelang wie ein Wanderprediger durch die Westzone gezogen, um in Fachkreisen für sein Konzept zu werben", erzählt Watrin. Soziale Marktwirtschaft - das klang nach Aussöhnung von Sozialismus und Marktwirtschaft. "Auch Schwarzmärkte waren Märkte. Und sie waren das Einzige, was funktionierte. Das wusste jeder."

Ende 1947 machte Ludwig Erhard den Ökonomen zum Berater einer Sonderstelle, welche die Währungsreform vorbereitete. Bald sprach auch Erhard von der Sozialen Marktwirtschaft. "Müller-Armack hat die theoretischen Konzepte erarbeitet, und Erhard war der Politiker, der sie durchgesetzt und öffentlich für sie geworben hat", beschreibt Watrin die Rollenaufteilung. Beeinflusst wurde Erhard dabei auch von anderen liberal geprägten Ökonomen, etwa denen der Freiburger Schule.

Die D-Mark wurde ein Erfolg, Erhard Wirtschaftsminister, Müller-Armack Staatssekretär - und die Soziale Marktwirtschaft zum geflügelten Wort. Die Politiker nutzten den Interpretationsspielraum des vage definierten Begriffs aus. Konrad Adenauer etwa führte 1957 die umlagefinanzierte Rente unter dem Label "Soziale Marktwirtschaft" ein - obwohl Erhards Ministerium dagegen war. Müller-Armack warnte vor einem "Gefälligkeitsstaat". Vergebens. Bis Mitte der Siebzigerjahre schoss das Verhältnis von Staatsausgaben zur Wirtschaftsleistung von 32 auf fast 50 Prozent hoch. Union wie SPD finanzierten Wohltaten mit Schulden.

Müller-Armack hatte schon 1963 den Dienst quittiert. 1975 prangerte er ein "Vordringen des demokratischen Sozialismus" in der Bundesrepublik an. Stück für Stück würden "antimarktwirtschaftliche Elemente" eingeführt. Konkret meinte er damit etwa die paritätische Mitbestimmung, Forderungen nach Kontrolle multinationaler Unternehmen oder die "Verteufelung des Gewinns ohne Einsicht in dessen ökonomische Funktion". Bankenrettung hätte er wohl ebenso abgelehnt wie ein Grundeinkommen. Aber zu seiner Zeit steckte die Globalisierung in den Kinderschuhen, gab es keine digitale Ökonomie, keine intelligenten Maschinen oder Algorithmen, welche die Arbeitsplätze von Millionen Menschen bedrohten.

Als Müller-Armack am 16. März 1978 starb, nahm das Land davon kaum Notiz. In jenen Tagen erschienen nur wenige Zeitungen: Die IG Druck streikte. Für mehr soziale Absicherung.

insgesamt 14 Beiträge
Eckhard Bollmann 30.08.2017
1.
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen waren nicht die "Erfindung" Adolf Hitlers bereits seine Vorgänger seit Brüning/Papen waren in dieser Hinsicht aktiv. Eine Notverordnung der Regierung Papen umfasste erstmals direkte [...]
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen waren nicht die "Erfindung" Adolf Hitlers bereits seine Vorgänger seit Brüning/Papen waren in dieser Hinsicht aktiv. Eine Notverordnung der Regierung Papen umfasste erstmals direkte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen in Höhe von 135 Millionen Reichsmark, vor allem im Bereich des Verkehrs- und Wasserwesens sowie der landwirtschaftlichen Amelioration. Dazu gehörte auch der Ausbau des Freiwilligen Arbeitsdienstes.
Andreas Jilg 30.08.2017
2. Man verneigt sich
vor der Kühnheit von Erhard und seinen Mitstreitern, die inmitten eines zerstörten Landes und gegen den politischen Mainstream aller Parteien, das unsägliche Ahlener Programm wird erwähnt, eine Wirtschaftsordnung erdacht und [...]
vor der Kühnheit von Erhard und seinen Mitstreitern, die inmitten eines zerstörten Landes und gegen den politischen Mainstream aller Parteien, das unsägliche Ahlener Programm wird erwähnt, eine Wirtschaftsordnung erdacht und durchgesetzt haben, die dieses Land wieder zu Wohlstand und sozialer Gerechtigkeit geführt haben. Hätte nur die derzeitige Kanzlerin ein ähnlich aufgeschlossenes Verhältnis zu den Bedürfnissen der Wirtschaft wie damals diese mutigen Männer!
Lutz Jansen 30.08.2017
3. Und Heute
wird Müller-Armack aus linken Kreisen als übler Neoliberaler beschimpft. Von Leuten, die sich nie wirklich mit der Materie auseinander gesetzt haben, aber einen politischen Kampfbegriff brauchen. Auch bei SPON verschwimmen hier [...]
wird Müller-Armack aus linken Kreisen als übler Neoliberaler beschimpft. Von Leuten, die sich nie wirklich mit der Materie auseinander gesetzt haben, aber einen politischen Kampfbegriff brauchen. Auch bei SPON verschwimmen hier bisweilen die Grenzen.
Beat Leutwyler 30.08.2017
4. Ein ausgesprochen guter Artikel zur Völkerverständigung
Jetzt weiss ich auch, wieso es in Deutschland überhaupt ein VW-Gesetz geben kann, ein Stuttgart 21, ein BER, ein Elphi, kein Markt in der Politik, den Steuern und den Löhnen, den Vortrieb zu einem Euro, den Drang alles [...]
Jetzt weiss ich auch, wieso es in Deutschland überhaupt ein VW-Gesetz geben kann, ein Stuttgart 21, ein BER, ein Elphi, kein Markt in der Politik, den Steuern und den Löhnen, den Vortrieb zu einem Euro, den Drang alles Harmonisieren zu wollen, usw. und damit eben auch die grösste Vermögensungleichheit des Kontinents. Eben alles geplant, nur der Name wurde geändert.
Tobias Witschke 30.08.2017
5. Wie ueblich
Wird in diesem Beitrag verschwiegen , dass zu Armacks und Ludwig Erhards Zeiten die Landwirtschaft hoch subventioniert und geschuetzt wurde , den eigenen Waehlern wollte Erhard Freihandel und Wettbewerb nicht zumuten . Weiter gab [...]
Wird in diesem Beitrag verschwiegen , dass zu Armacks und Ludwig Erhards Zeiten die Landwirtschaft hoch subventioniert und geschuetzt wurde , den eigenen Waehlern wollte Erhard Freihandel und Wettbewerb nicht zumuten . Weiter gab es in den 50er Jahren nicht nur in Westdeutschland ein Wirtschaftswunder, sondern in ganz Westeuropa. Ganz abgesehen davon, dass die BRD damals im Vergleich zu heute eine sehr geschlossene Wirtschaft war, wenn Erhard schon den Bauern aus dem Allgau kein Freihandel zutrauen wollte , haette er sicher auch Banken und Sparkassen gerettet. Im uebrigen haben Banken damals vorallem Beteiligungen an Industriebetriebe verwaltet und waren keine Zockerbuden....und dass es in den siebziger Jahren zwei globale Oelkrisen gab ,wird auch nicht erwaehnt .Die uebliche Legendenbildung halt...

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