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einestages

Ein Bild und seine Geschichte

Schieß doch!

Exekution, Mordversuch oder womöglich ein höchst einseitiges Duell - diese Szene wirkt brutal: Ein Mann schießt aus nächster Nähe auf einen anderen, ein Fotograf wird Zeuge. Was war da los?

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Dienstag, 29.08.2017   14:54 Uhr
Library of Congress

W.H. Murphy hatte es wohl so gewollt. Kaum zwei Meter entfernt stand der Polizist Charles W. Smith und zielte mit seiner 38er an diesem 12. September 1923 direkt auf Murphys Brust. Der hielt sich aufrecht und unbeweglich, ließ die Arme neben dem Körper baumeln und machte eine unbeeindruckte Miene. Dann drückte Smith ab.

Eine Zeitung schrieb am nächsten Tag, Murphy habe nicht einmal mit der Wimper gezuckt. Aber so genau konnten das die Umstehenden im Pulverdampf wahrscheinlich gar nicht sehen.

Immerhin gab es mehrere Zeugen, Polizisten darunter, ein Fotograf, und das Ereignis wurde sogar gefilmt! Ein kaltblütiger Mord konnte es nicht sein, auch kein Duell. Denn Zweikämpfe mit Schusswaffe waren zu dieser Zeit in den USA, wenn auch nicht überall verboten, so doch zumindest unüblich. Und es wäre auch ein sehr ungleiches Duell gewesen: Murphy war unbewaffnet.

Geschoss als Geschenk

Glücklicherweise überlebte er den Schuss. Davon war er auch fest ausgegangen - Mr. Murphy besuchte die Ordnungshüter in seiner Eigenschaft als Vertreter der New Yorker Protective Garment Corporation. Er wollte ein neues Produkt verkaufen: eine schusssichere Weste.

Die Wirksamkeit hatte er zunächst mit seinem Assistenten demonstriert (siehe Fotostrecke) und dann den Polizisten Smith aus Frederick County im US-Bundesstaat Maryland herausgefordert - um ihm anschließend, quasi als Souvenir, das aus dem Stoff gepulte Geschoss zu überreichen.

Mit dieser Show setzte Mr. Murphy bei weitem nicht als einziger auf die verkaufsfördernde Wirkung guter Bilder. Dutzende Männer zogen in einer Zeit, da die Revolver locker saßen und es die Polizei immer öfter mit bewaffneten kriminellen Banden zu tun bekam, durchs Land und verkauften Sicherheit.

Fotostrecke

Augenblick mal: Ungleiches Duell - reine Nervensache

Meister dieses Fachs war der umtriebige Leo Krause, der später augenzwinkernd damit prahlte, dass in seiner 27-jährigen Karriere mehr als 4000 Mal auf ihn geschossen worden sei. Krause hatte sein eigenes Schutzwesten-Modell patentieren lassen. Doch erfunden hatte er weder das Kleidungsstück noch die Art der Präsentation.

Soweit bekannt, begann der Mönch Casimir Zeglen damit, dezente, aber wirksame Schutzkleidung zu entwickeln. Der Kirchendiener in der polnisch-katholischen Pfarrei von Chicago war 1893 tief erschüttert vom Mord an Chicagos Bürgermeister Carter Harrison, Sr. und von der zunehmenden Gewalt gegen Personen des öffentlichen Lebens. Inspiriert wurde er möglicherweise durch George E. Goodfellow: Der Arzt und Schusswundenexperte hatte Fälle dokumentiert, in denen seidene Tücher - am Hals oder in der Brusttasche - ihre Träger vor dem Eindringen von Geschossen bewahrten.

Werbefotos mit rauchenden Colts

1897 ließ Mönch Zeglen seine neue Methode patentieren, wonach sich Seide so dicht weben ließ, dass sie Kugeln abfangen konnte. Noch im selben Jahr führte er seine Weste öffentlich vor und holte dazu eigens einen polnischen Leutnant der österreichisch-ungarischen Armee in die USA, der mit einer 7-mm-Pistole auf ihn feuern durfte. Das Interesse bei Polizei und Armee war groß, auch in vielen europäischen Ländern, in denen Zeglen seine Erfindung schützen ließ.

Bettmann Archive

Umso erstaunlicher war es, dass das Magazin "Scientific American" fünf Jahre später nicht Zeglen, sondern den Polen Jan Szczepanik als den Erfinder einer "kugel- und stichsichere Weste aus mehrlagiger Seide" feierte. Ein spektakuläres Foto dazu zeigte einen Mann mit Hut, der seinen Revolver auf die Brust eines Westenträgers gerichtet hielt.

Der Schütze war Szczepaniks Geschäftspartner. Die beiden betrieben in Wien eine Textilfabrik - und produzierten Seidenwesten. Was war passiert? Wie der polnische Historiker Slawomir Lotysz herausfand, hatte Zeglen 1898 bei seiner Europareise eine Produktionsstätte gesucht. In Wien traf er Szczepanik, der bereits einen Ruf als Erfinder hatte und sich mit der Automatisierung von Webstühlen beschäftigte. Sie kamen ins Geschäft.

Zeglen bemühte sich in den Folgejahren in den USA um die Vermarktung, doch selbst die Polizei von Chicago scheute die hohen Kosten. Und Szczepanik tat zunächst wenig, um den Verkauf anzukurbeln - bis 1901 in der polnischen Zeitschrift "Ilustracja Polska" das im Hinterhof ihrer Wiener Fabrik aufgenommene Foto erschien und bald auch von der deutschen "Illustrirten Zeitung" übernommen wurde.

Es war das Jahr, in dem US-Präsident William McKinley einem Attentat zum Opfer fiel. Und eine Art virales Marketing für Schutzwesten hatte seinen Lauf genommen. Als das spektakuläre Bild in Amerika ankam, war von Zeglen keine Rede mehr. Der Ruhm blieb allein Szczepanik.

Sehr lange lief das Geschäft allerdings nicht, denn in den Folgejahren wuchs mit neuen Waffen die Durchschlagskraft der Geschosse. Leo Krause versuchte als einer der Tüftler, die Weste zu verbessern und ergänzte die Seide um überlappende Metallplatten.

Nicht mehr toppen ließ sich hingegen Szczepaniks geniale Idee, das Produkt in Szene zu setzen.

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Nationaal Archief/Collectie Spaarnestad/Het Leven

Burton Historical Collection, Detroit Public Library

Stanford University

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