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einestages

Manfred Hamm

Fotograf der tanzenden Bomber

Als er Industrieruinen und Flugzeugfriedhöfe fotografierte, wurde Manfred Hamm zum Pionier einer neuen Ästhetik. Hilmar Schmundt war dabei, als Hamm sein letztes Foto schoss.

Manfred Hamm
Freitag, 25.08.2017   07:21 Uhr

Was Millionen Menschen tagtäglich machen, ist für Manfred Hamm, 73, nur Knipserei. Er dagegen macht Photographie. Mit "Ph" vorn und hinten. "Diese Digitalknipserei ist schön und bunt", sagt er. "Aber Handyfotos haben auch etwas von Nippes."

Klar, der fröhliche Bildersturm auf Instagram und Facebook besticht durch Leichtigkeit. Die Bilder von Manfred Hamm dagegen haben Gewicht. Ganz wörtlich.

Schweren Schrittes stapft Hamm über den Alten St. Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg, schwer bepackt mit Rucksack, Kamera, Stativ und einer Plastiktüte vom KadeWe-Kaufhaus. Fast zärtlich packt er an diesem Novembertag 2014 seine klobige Großformat-Kamera aus, eine alte Plaubel PS 7/433.

Fotostrecke

Fotograf Manfred Hamm: Kaaaaa-lack macht die Kamera

Er wuchtet sie auf sein mächtiges Holzstativ, das allein schon sieben Kilo wiegt. Dann verhängt er den Rücken der Apparatur mit einem schwarzen Tuch und steckt den Kopf darunter. Er wirkt wie eine Art Zwitterwesen aus Mensch und Maschine, auf den Schultern eine Kamera, kein Haupt.

Drei Aufnahmen von jedem Motiv

So ähnlich arbeiten Fotografen seit bald 200 Jahren: Louis Daguerre, Eugène Atget, August Sander, Ansel Adams. Manfred Hamm ist ein Perfektionist, seine Planfilm-Negative sind neun Zentimeter hoch und zwölf breit, etwa so groß wie ein Papierabzug oder ein Handy-Screen. Seine Filme schleppt Manfred Hamm in 50 Doppelkassetten herum, das ergibt 100 Bilder, dafür braucht er einen eigenen Rucksack.

Mit dem Handy sind 100 Aufnahmen gar nichts, ein einziger "Burst Shot" haut sie in ein paar Sekunden raus. In der Welt von Manfred Hamm wiegen 100 Aufnahmen locker 20 Kilo.

"Meine gesamte Ausrüstung ist 55 Kilo schwer, das weiß ich vom Einchecken am Flughafen", sagt er. "Das muss ich mir nicht mehr antun." Und daher macht er heute sein letztes Bild: An diesem Novembertag im Jahr 2014 geht eine Ära zu Ende.

Manfred Hamm zieht einen Belichtungsmesser aus der Tasche. Er blinzelt in die Sonne. Wartet ein paar Minuten, bis eine Wolke heranzieht. "Ich will kein direktes Licht, ich will, dass die Szene gleichmäßig ausgeleuchtet ist wie in einem Studio", sagt er. Dann drückt er den Auslöser. Eine volle Sekunde Belichtung. Die Kamera macht ein sattes, mechanisches: Kaaaaa-lack.

Die antiken Stätten von morgen

Manfred Hamm hat es nicht eilig. Von jedem Motiv macht er drei Aufnahmen, so viel Geduld muss sein: eine helle Belichtung, eine mittlere, eine dunkle. Die Glocken läuten. Nebenan wird ein Toter zu Grabe getragen. Manfred Hamm pausiert, um die Andacht nicht zu stören. Er denkt zurück.

Fotostrecke

Fotograf Manfred Hamm: "Der Schrott von heute ist die Archäologie von morgen"

Schon als Kind war er anders: hartnäckig, neugierig, mit einem Hang, den grauen Alltag auszuhebeln durch seinen Blick fürs Skurrile und Subversive. Im Mai 1944 wurde er in einem kleinen Nest nahe Zwickau geboren, die Ruinenlandschaften seiner Kindheit faszinierten ihn zeitlebens. 1955 floh seine Mutter mit ihm in den Westen, "wir sind rübergelüppt", wie er sagt.

Als seine Mutter kurz darauf starb, zog ihn sein ältere Schwester groß. Sein erstes Foto entstand, indem er seine Kamera tief ins Loch eines Fuchsbaus hielt. "Das Bild war total unterbelichtet, man sah nichts darauf." Egal.

Sein Durchbruch kam nicht mit bunten Bildern aus der großen, weiten Welt, sondern mit einem schrägen Abgesang auf die Ära der Großindustrie: "Tote Technik - Ein Wegweiser zu den antiken Stätten von morgen", so der Titel des Bestsellers von 1981.

Ein Anfang, kein Ende

Der Bildband bot eine Tour de Force durch die Ruinen der Gegenwart: Autofriedhöfe, abgewrackte Flugzeuge, die Startrampen des Apollo-Mondflugs, fremdartig und archaisch wie die Steinsetzungen von Stonehenge. Seine Bilder verschrotteter Bomber wirken bedrückend und beschwingt zugleich, traurig und tanzend, ein bisschen wie die visuelle Version jener Jazzkapellen, die in New Orleans als "Second Line" Trauerzüge rocken.

Eine Auswahl dieser Bilder ist ab Freitag in Brandenburg zu sehen:

Ausstellung "Die antiken Stätten von morgen. Ruinen des Industriezeitalters" im Landesmuseum Brandenburg, 26. August bis 15. Oktober 2017. Und zu Manfred Hamms Homepage geht es hier.

Den Begleittext für das Buch schrieb damals Robert Jungk: "Die Kadaver der toten Technik sind Mahnmale. Zeugen der Zukunft in die Gegenwart verschlagen. Omen, die uns warnen vor dem totalen Ruin", orakelte der Zukunftsforscher, "Visionen des Untergangs ganzer Regionen, Kontinente und sogar des Planeten Erde."

Manfred Hamm war dieser apokalyptische Ton unangenehm. Er hätte sich eher einen analytischen Text von Philosophen wie Michel Foucault oder Paul Virilio gewünscht, aber sein Verlag setzte sich durch. Tatsächlich legte Virilio zehn Jahre später sein eigenes Werk vor, ganz im visuellen Duktus von Manfred Hamm: "Bunkerarchäologie".

Rückblickend wirkt Manfred Hamms Buch von 1981 überraschend aktuell und frisch. Seine "Visionen des Untergangs" markierten weniger das Ende als einen Anfang.

Fotosafaris als neue Erlebniskultur

Unversehens verhalf Hamm einer heute weitverbreiteten Ruinenästhetik zum populären Durchbruch. Eine globalisierte Jugendszene pirscht auf der Suche nach den schrillsten Instagram-Bildern durch Industrieruinen und verfallene Bunker, auf der Jagd nach Klicks und Likes. Untote Technik.

Sie nennen sich "Urban Explorers", eine ganze Erlebnisindustrie vertickt ihnen kommerzielle Fotosafaris zu bedrohlichen Ruinenstätten wie Tschernobyl, zum Berliner Teufelsberg oder zur Wolfsschanze. Websites wie "Atlas Obscura" oder "Lost Places" sind lukrativer Teil der Massenkultur. Der Tod der Industriekultur gebiert eine neue Erlebniskultur.

Doch kaum ein Urban Explorer kennt Manfred Hamm, den verkannten Pionier der Szene. Kündigt die aktuelle Ausstellung eine Wiederentdeckung als Ikone der schwarzromantischen Gegenwartsarchäologie an? Es wäre nicht ohne Ironie: Der Meister der Toten Technik erlebt eine Renaissance, just als seine eigene Kamera selbst antiquiert ist und Teil der Toten Technik wird, die er einst dokumentierte - oft unter vollem Körpereinsatz.

"Ich musste früher wochenlang auf Fotogenehmigungen warten. Manchmal bin ich über Zäune geklettert und wurde von Wachhunden gejagt", sagt Hamm. Heute sei vieles einfacher, zum Glück: "Junge Fotografen lenken heute einfach eine Drohne per Handy in jedes Industriegelände hinein. Das hätte ich früher auch gern gehabt. Aber ich will dem Zeitgeist nicht hinterhertrauern. Mein Zeitgeist ist vorbei."

Jeder Abzug ein Einzelstück

Die Trauergäste gehen wieder. Hamm macht weiter. Ein Bild noch, diesmal ganz dunkel belichtet. Eine Wolke verdeckt die Sonne, so wie er es gern hat. Er drückt ein letztes Mal ab. Kaa-lack.

Dies war seine letzte Aufnahme.

Noch einmal steht er in der Dunkelkammer, ein paar Monate später, im schummrigen Rotlicht einer Speziallampe. Er steckt sein riesiges Negativ ins Vergrößerungsgerät, es ist die Umwertung aller Tonwerte; was auf dem Friedhof hell erschien, ist auf dem Negativ dunkel, und umgekehrt.

Plötzlich ist die Welt ein bisschen bunter

Manfred Hamm legt ein Fotopapier unter den Belichter. Er stellt eine Art Eier-Uhr auf sechs Minuten. Das Licht flammt auf. Mit der Hand wedelt er über einzelne Bildpartien, die er gern heller hätte, wo Schatten ist, wird Licht. Bildbearbeitung, ganz analog, einfach mit den Fingern. Photoshop, unplugged. "Jeder Abzug ist ein Einzelstück", sagt er. "Keiner gleicht dem anderen."

Dann taucht er das weiße Papier in die Plastikwanne mit stinkender Entwicklerflüssigkeit. Nach einigen Sekunden erscheint, wie von Geisterhand, ein schemenhaftes Abbild der Welt, wie sie gestern war. Manfred Hamms letztes Foto: ein Grab. Er hängt das Bild zum Trocknen an eine Wäscheleine. Das war's. Seine Karriere ist vorbei.

Die Kamera Obscura, das schwere Holzstativ, das Vergrößerungsgerät mit fein geölter Mechanik, die Chemiewannen, krustig vom Salzsediment endloser Bildexpeditionen: tote Bildtechnik.

Manfred Hamm hat seine Ausrüstung inzwischen verkauft. Er trauert dem schweren Klumpatsch nicht hinterher, 50 Kilogramm Fotogeschichte. Was damit wohl geschieht? Hamm zuckt mit den Schultern und sagt trocken: "Der Schrott von heute ist die Archäologie von morgen."

insgesamt 13 Beiträge
Stephan Huber 25.08.2017
1. Bild 3
Zeigt meiner Meinung nach einen amerikanischen Consolidated B-24 Liberator Bomber. Die russischen Tupolev TB Modelle stammen allesamt aus den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts.
Zeigt meiner Meinung nach einen amerikanischen Consolidated B-24 Liberator Bomber. Die russischen Tupolev TB Modelle stammen allesamt aus den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts.
Thorsten Latz 25.08.2017
2. 4x5
In einem der Fotos steht, das Negativ würde 8x12cm groß sein. Das ist nicht korrekt. Planfilm ist heute nur noch erhältlich als 4x5 Zoll oder 8x10 Zoll (und mit eingeschränktem Angebot als 5x7 Zoll). Hier ist eindeutig 4x5 [...]
In einem der Fotos steht, das Negativ würde 8x12cm groß sein. Das ist nicht korrekt. Planfilm ist heute nur noch erhältlich als 4x5 Zoll oder 8x10 Zoll (und mit eingeschränktem Angebot als 5x7 Zoll). Hier ist eindeutig 4x5 verwendet worden und das ist metrisch ein 10x12-cm-Negativ. Schönes Format und durchaus noch nicht tot, ich benutze es auch heute noch sehr gerne.
Stefan Claus 25.08.2017
3. Geo
Gleich an zwei Stellen betont der Autor des Textes, dass es den 1944 im (sächsischen) Zwickau - bzw. in der Nähe - geborenen Photographen immer wieder in die Heimat zurückgezogen hätte. In beiden Fällen sind Fotos aus [...]
Gleich an zwei Stellen betont der Autor des Textes, dass es den 1944 im (sächsischen) Zwickau - bzw. in der Nähe - geborenen Photographen immer wieder in die Heimat zurückgezogen hätte. In beiden Fällen sind Fotos aus Brandenburg zu sehen. Hat der der Autor in Erdkunde nicht richtig aufgepasst?
Peter Braczko 25.08.2017
4. Eher mittelmäßig!
Reine Nostalgie, die bringt immer noch die große Schau, so mit schwarzem Tuch, Handbelichtungsmesser und Großformatkamera, aber die Qualität ist nicht überzeugend, so sind die Bilder "Boneyard" und [...]
Reine Nostalgie, die bringt immer noch die große Schau, so mit schwarzem Tuch, Handbelichtungsmesser und Großformatkamera, aber die Qualität ist nicht überzeugend, so sind die Bilder "Boneyard" und "Kalibergwerk" eher mittelmäßig. Eine digitale Nikon D810 mit den Objektiven PCE-Nikkor 3,5/24, PCE 2,8/45 oder dem Micro-Nikkor 2,8/100 mm bietet dagegen eine Top-Qualität mit fast unbegrenzten Vergrößerungsmöglichkeiten und absoluter Farbtreue - Staubpunkte auf den Abzügen gehören dann auch nicht dazu. Dann noch ein dickes Stativ - so kann es los gehen!
Mario Kowalczek 25.08.2017
5. Bild 3 und 4
Wie Stephan Huber schon richtig vermutete, ist es eine B24. Die beiden sichtbaren inneren (von 4) Motoren habe die die typische Form, zudem ist bei genauer Betrachtung im Hintergrund noch das Doppelleitwerk zu sehen. Dazu kommt [...]
Wie Stephan Huber schon richtig vermutete, ist es eine B24. Die beiden sichtbaren inneren (von 4) Motoren habe die die typische Form, zudem ist bei genauer Betrachtung im Hintergrund noch das Doppelleitwerk zu sehen. Dazu kommt noch die Frage... was soll eine völlig veraltete Tupolew auf einem amerikanischen Flugzeugfriedhof mitten in Arizona? Die auf Bild 4 zu sehenden Super Connies galten damals als Schrott. Heute würden Enthusiasten für klassische Flugzeuge feuchte Augen bekommen, wenn sie sowas nochmal sehen könnten.

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