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einestages

NS-Funktionär Theodor Habicht

Selbstverliebt wie der "Führer"

Die Nazis, ein Haufen selbstverliebter Gecken? Immerhin bot das System Narzissten eine perfekte Bühne - wie sich im Tagebuch des NS-Funktionärs Theodor Habicht eindrücklich nachlesen lässt.

ullstein bild
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Freitag, 08.09.2017   11:27 Uhr

Am 25. Juli 1934 hielt die Welt den Atem an: Gegen 13 Uhr stürmten SS-Kommandos in Wien das Kanzleramt am Ballhausplatz. Ein Putsch der österreichischen Nationalsozialisten war in Gange, organisiert vom Wiesbadener NS-Funktionär Theodor Habicht. Doch dann erschoss einer der Nazis den Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, der eigentlich als Geisel benutzt werden sollte. Der Coup in Wien scheiterte noch am selben Tag - und damit auch der landesweite Aufstand der SA.

Der Juliputsch war eine der ersten Aggressionen Hitlers in Europa. Habicht hatte ihn dazu verleitet - mit hyperoptimistischen Aussagen über die Erfolgsaussichten. Als die Kämpfe bereits aussichtslos waren, heizte Habicht die Gewalt weiter an. 220 Menschen wurden getötet, Hunderte verwundet. Die blutige Episode zeigte, wie viel ein einzelner Funktionär im NS-Staat anrichten konnte.

Und sie zeigte die enorme Selbstgewissheit der Nationalsozialisten: Habicht scheiterte auf ganzer Linie, trotzdem brüstete er sich bis zuletzt mit seiner Rolle in Österreich. Im April 1943 blickte er in seinem Tagebuch von der Ostfront auf sein Leben zurück - und zählte unter seinen großen Stationen auch Österreich mit auf. Seinen historischen Wirkungskreis in Europa bezifferte er auf einen Durchmesser von 2500 Kilometern.

Große historische Persönlichkeit

Es gebe zwar viele Leute, die weiter gereist seien als er, schrieb Habicht. "Aber - an allen diesen Orten und hundert anderen innerhalb des großen Kreises war ich immer dann, wenn dort gerade Geschichte gemacht wurde, und nicht als Zuschauer, sondern als Mithandelnder, mal als großer, mal als kleiner Mann, aber immer - mit dem Kopf in der Schlinge."

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NS-Funktionär Theodor Habicht: Der Narzissmus der Nazis

Habichts spektakuläre Laufbahn hatte in Wiesbaden begonnen, wo er sich nach dem Ersten Weltkrieg zum NSDAP-Führer aufgeschwungen hatte und seine Heimatstadt zu einer NS-Hochburg machte. Dafür beförderte ihn Hitler 1931 zum NS-Chef von Österreich - Habicht war auf dem Weg nach ganz oben. Der gescheiterte Putsch 1934 in Österreich stoppte seinen Aufstieg, doch 1937 ging seine Karriere als Oberbürgermeister weiter, erst in Wittenberg, später in Koblenz. 1939 wurde er sogar Diplomat im Auswärtigen Amt, bevor er 1940 in die Wehrmacht übertrat. Er kämpfte als Frontoffizier, bis er 1944 umkam.

Schon zu Lebzeiten hielt sich Habicht für eine große historische Persönlichkeit. Er genoss, dass man ihn "überall" nur als "das 'große Tier'" wahrnahm. Als ein anderer NSDAP-Funktionär einmal meinte, er kenne ihn, war Habicht irritiert: "Na ja, wer kennt mich schon nicht." Wenn ihn Anhänger umschwärmten, breitete er das genüsslich in seinem Tagebuch aus.

Habichts Geschichte ist ein Paradebeispiel für die narzisstischen Züge der Nationalsozialisten. Die Egomanie von Hitler und seinen Gefolgsleuten ist aus vielen Biografien bekannt. Doch wurde sie bislang nur als Eigenheit einzelner NS-Fürsten beschrieben, fast wie ein Kuriosum - und nicht als historisches Phänomen. Der Narzissmus gehörte zur kollektiven Mentalität der Nationalsozialisten. Er entstand schon früh in ihrer Gruppenkultur.

Die Nationalsozialisten sahen sich als Ausnahmeerscheinungen, beweihräucherten sich in ihren Reden und Zeitungen ständig selbst. Für die Teilnahme an Weltkrieg und Freikorps feierten sie sich als Vorkämpfer der Nation. Und als Avantgarde der lange isolierten NSDAP kamen sie sich wie eine Elite vor. In ihrer personalisierten Parteikultur war alles auf die führenden Männer ausgerichtet.

Sie trauten sich einfach alles zu

Die NS-Ideologie überhöhte sie als herausragende "Persönlichkeiten" - schon Hitler propagierte in "Mein Kampf", dass es allein auf "große Männer" ankomme. Doch der Narzissmus der Nationalsozialisten war keine individuelle Angelegenheit - er wurde durch Praktiken und Diskurse im Kollektiv kultiviert. Von Habicht etwa gab es Gemälde, Autogrammkarten und Lexikonartikel.

Es war der Narzissmus, der Männern wie Habicht ihr unbeirrbares Selbstbewusstsein verlieh - sie trauten sich einfach alles zu, ob als Oberbürgermeister, Diplomat oder Truppenkommandeur. Qualifikationen hatte Habicht keine, doch Zweifel an seinen Fähigkeiten noch viel weniger. Die Schuld für Fehler sah er immer bei anderen: Das Scheitern in Österreich etwa schob er auf die SA.

Die Selbstherrlichkeit der Nationalsozialisten war auch ein Motor des NS-Systems - und seiner Radikalität. In Österreich trieb Habicht die Eskalation teilweise gegen die Absichten Hitlers voran. Und im Auswärtigen Amt plante er im Herbst 1939 binnen weniger Wochen einen Staatsstreich in Afghanistan - der nur wegen Kompetenzstreitigkeiten verhindert wurde.

Der Narzissmus wirkte aber auch spaltend und fast selbstzerstörerisch. Schon als NS-Führer von Wiesbaden trat Habicht so machtbewusst auf, dass ihm der Gauleiter "Eigenmächtigkeit" vorwarf - und ihn aus der NSDAP ausschließen lassen wollte. Im Auswärtigen Amt musste er wegen des Machtgerangels 1940 hinschmeißen. Dafür schimpfte Habicht bis zuletzt über die anderen Parteibonzen - nur sich selbst hielt er für einen wahren Nationalsozialisten.

Kein Detail seines Lebens war zu nichtig

In der Wehrmacht reihte sich Habicht ein, tat sich aber dennoch hervor. Seit 1941 kämpfte er als Infanterieoffizier an der Ostfront, wähnte sich aber schon seit 1914 in einem "dreißigjährigen Krieg" - deshalb fühlte er sich den meisten anderen überlegen, die für ihn nur "Durchschnittsfiguren" waren. Sich selbst attestierte er "Drahtseilnerven" und sah sich als Garant für die Kampfmoral der Truppe. Standesgemäß ließ er sich immer den besten Befehlsbunker bauen - mit kompletter Wohneinrichtung, mit der er Gäste beeindruckte.

Kein Detail seines Lebens war Habicht zu nichtig. Er dokumentierte jeden Tag in allen Einzelheiten - und produzierte damit eines der aussagekräftigsten Zeugnisse über den Alltag an der Ostfront überhaupt. Dies freilich aus seinem typischen Blickwinkel: Ständig betonte er seine Kompetenz als Kommandeur und sein Ansehen bei Offizieren und Soldaten.

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Die narzisstische Volksgemeinschaft

Theodor Habichts Kampf 1914 bis 1944

S. Fischer; 400 Seiten; 26,00 Euro.

Sogar als Wohltäter der russischen Bevölkerung sah er sich. Dabei zeigen sowjetische Ermittlungsakten, dass deutsche Truppen in Habichts Einsatzgebiet, dem Kessel von Demjansk in Nordrussland, mehr als sechshundert Einwohner exekutierten. Eine wohl vierstellige Anzahl verhungerte, mehr als Zwanzigtausend wurden zur Zwangsarbeit verschleppt, ihre Heimat verwüstet. Doch Habicht stellte sich als gütiger Besatzer dar, dem die Bevölkerung dankbar sei.

Der Narzissmus der Nationalsozialisten entlarvt die Doppelbödigkeit der "Volksgemeinschaft". Offiziell galt als oberste Maxime: "Du bist nichts, dein Volk ist alles". Doch die Machthaber nahmen sich selbst davon aus. Wie Habicht stammten sie zumeist aus kleinen Verhältnissen, hielten sich aber für "große Männer", die über der "Masse" des Volkes standen. In ihrem Lebensstil imitierten sie die bürgerlichen Eliten, gegen die sie vor 1933 noch gehetzt hatten - und mit denen sie nun im Bunde waren.

In der "Volksgemeinschaft" sollten alle "Kameraden" sein, doch die Machthaber sahen auf die "Massen" herunter. Für Habicht glichen sie "unmündigen Kindern" - und so ging er auch mit ihnen um. Ob es Arbeiter in der NSDAP waren oder einfache Soldaten in der Wehrmacht: Habicht behandelte sie nach Gutsherrenart - nicht abschätzig, sondern durchaus fürsorglich, aber von oben herab.

Schließlich holte der Krieg aber auch die "großen Männer" des Nazi-Regimes ein. Knapp einen Monat vor seinem Tod am 31. Januar 1944 verfasste Habicht seinen letzten Tagebucheintrag - wie immer strotzend vor Selbstgewissheit: "Das Durcheinander in der Befehlsgebung wird immer größer. Ich sage zu allem nur noch 'ja' und tue, was ich für richtig halte. Hin und wieder - aber selten - deckt sich das sogar mit dem, was von oben kommt. Es ist trostlos."

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