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Überraschende Film-Enden

Waaas!? Ach so!!!

Die letzten Szenen bestimmen oft, wie das Publikum einen Film in Erinnerung behält. Manche Kinowerke drehen am Ende die ganze Erzählung um - und enthüllen so erst ihre wahre Gestalt.

imago/United Archives
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Donnerstag, 07.09.2017   10:14 Uhr

Gerettet! Der schrullige Vampirjäger Professor Abronsius und sein junger Gehilfe Alfred haben die schöne Sarah aus den Fängen des blutsaugenden Grafen Krolock befreit. Abronsius lenkt den Pferdeschlitten durch die Winternacht hinab ins Tal, Sarah legt ihren Kopf erschöpft auf Alfreds Schulter. Krolocks buckliger Diener soll sie aufhalten und rauscht in einem Sarg auf sie zu, landet jedoch krachend im Abgrund.

Die eben noch bedrohliche Hintergrundmusik weicht einem munteren Gesang. Man meint, die Sängerin erleichtert aufatmen zu hören. Wer aber vor 50 Jahren in der Schlussszene von Roman Polanskis Horrorkomödie "Tanz der Vampire" (1967) genau hinschaute, konnte beim Schwenk über die schlafende Schöne im Schlitten verräterische Bissspuren am Hals erkennen. Gerettet? Von wegen!

Nur die Kinozuschauer sahen es - der Professor richtet den Blick stur auf den verschneiten Weg. Und Alfred schwant zwar Böses, als das "süße, kleine Händchen" seiner Geliebten plötzlich eiskalt wird. Aber eine Haarsträhne verdeckt die Bisswunden. So schließt er die Augen und bemerkt nicht, wie Sarah ihre spitzen Vampirzähne entblößt - und zubeißt. Ihr Retter röchelt. Der Professor vorn bekommt nichts mit.

Eine finale Finte, die man so schnell nicht mehr vergisst.

Die letzten Sequenzen eines Films gehören zu den wichtigsten überhaupt. Ein genialer Anfang mag den Zuschauern Lust auf mehr machen - aber die Schlussszenen entscheiden, wie sie den Film im Gedächtnis bewahren. Sicher: Bei manchen Filmen weiß man von Anfang an, wie sie enden werden. Andere enthüllen ihre wahre Gestalt erst ganz zum Schluss.

Der größte Trick, den das Kino je gebracht hat

In der Schlussmontage von Bryan Singers Neo-Noir-Krimi "Die üblichen Verdächtigen" geschieht das wie mit einem gewaltigen Trommelwirbel. Beim Rundumblick durchs Verhörzimmer wird Zollinspektor Dave Kujan (Chazz Palminteri) schlagartig klar: Der vermeintlich harmlose Kleinganove Kint (Kevin Spacey), den er gerade nach langem Verhör aus dem Polizeirevier entließ - er ist in Wirklichkeit selbst der geheimnisvolle Gangsterboss.

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Überraschende Film-Enden: Zeit, dass sich was dreht

Das gesamte Verhör entpuppt sich als Märchen, das sich Kint mit Hilfe von Notizzetteln, Fahndungsaufrufen, Polizeifotos und dem Aufdruck auf einer Kaffeetasse spontan zusammenreimte. Der ganze in Rückblenden erzählte Film erweist sich im Nachhinein als Lügengespinst. Kujan entwirrt es erst, als es zu spät ist.

"Der größte Trick, den der Teufel je gebracht hat", resümiert Kint am Ende aus dem Off, "war, die Welt glauben zu lassen, es gäbe ihn gar nicht." Dieser Trick in "Die üblichen Verdächtigen" ist jedoch ebenso alt wie schlicht: Drehbuchautor Christopher McQuarrie überträgt einfach das literarische Prinzip des unzuverlässigen Erzählers auf die Leinwand.

Auf die falsche Fährte gelockt

Weil der Mensch das, was er sieht, fast automatisch für die Wahrheit hält, ist der Aha-Effekt besonders groß, wenn es sich am Schluss als Illusion entpuppt. Und weil das Kino nichts anderes ist als eine einzige Illusion, offenbart es damit letztlich auch sich selbst. Der größte Trick des Kinos nämlich ist es, das Publikum vergessen zu lassen, dass es Kino ist.

Oder, in Anlehnung an die anarchistische Filmfigur Tyler Durden (Brad Pitt) aus David Finchers "Fight Club" von 1999: Sprich nicht über das Kino, lautet die erste Regel des Kinos.

Fight Club: Tyler Durdens wahre Identität

"The first rule of Fight Club is: You do not talk about Fight Club", predigt Durden, als er seine Jünger gemeinsam mit dem namenlosen Erzähler (Edward Norton) in einem dunklen Kneipenkeller zu Faustkämpfen versammelt. Zunächst wirkt der Film wie eine Erzählung über die Freundschaft zweier Männer, die alle Regeln der Gesellschaft untergraben wollen - und dabei zu Feinden werden. Doch Fincher lässt diese Illusion in seiner Romanverfilmung am Ende platzen, als sich herausstellt, dass Durden nur in der Einbildung des Erzählers existiert.

Derart radikale Twists, die in den letzten Minuten alles auf den Kopf stellen, funktionieren nur, wenn es den Filmemachern zuvor gelingt, die Zuschauer auf eine falsche Fährte zu locken.

Doppeltes Spiel

Man muss wirklich glauben, dass Psychologe Malcolm Crowe (Bruce Willis) dem neunjährigen Cole helfen will, der behauptet, tote Menschen sehen zu können. Erst dann entfaltet die letzte Wendung in M. Night Shyamalans "The Sixth Sense" (1999) ihre volle Wirkung: Es ist Crowe, der Hilfe braucht. Denn er ist längst tot, und Cole möchte ihn dazu bringen, das endlich zu akzeptieren.

Dieses doppelte Spiel mit der Wahrnehmung treibt ganz ähnlich auch Alejandro Amenábar in "The Others" (2001), wenn die von Geistern Heimgesuchten schließlich erkennen müssen, dass sie selbst die Toten sind - freilich nur eine Möglichkeit für den finalen Paukenschlag.

Einen anderen Weg gehen Filme wie Jeff Nichols' "Take Shelter - Ein Sturm zieht auf" (2011) oder Dan Trachtenbergs "10 Cloverfield Lane" (2016). Lange mäandern sie im Niemandsland zwischen Fantastik und Psychologie und bewegen sich dabei so raffiniert zwischen den Genrelinien, dass es umso mehr überrascht, wenn sie die Erwartungen, die sie ständig aufs Neue unterlaufen, am Ende doch noch bestätigen.

In "Take Shelter" etwa wird eine unwahrscheinliche Tornado-Katastrophe in dem Augenblick real, als der von apokalyptischen Wahnvorstellungen geplagte Curtis LaForche schon selbst nicht mehr daran glaubt.

Wahn oder Wahrheit?

In "10 Cloverfield Lane" sieht anfangs alles nach einem typischen Horrorthriller aus: Eine junge Frau gerät nach einem Autounfall in die Fänge eines Irren. Howard (John Goodman) kettet Michelle (Mary Elizabeth Winstead) in einem dunklen Verlies an die Wand. Die abwegige Story von den bösen Außerirdischen, die er ihr auftischt, lässt ihn nur noch durchgeknallter erscheinen. Aber vielleicht hat er am Ende ja doch recht.

Wahrheit oder Wahn? Retter oder Verfolger? Thriller oder Science-Fiction? Erst in den letzten Szenen präsentiert "10 Cloverfield Lane" seine ungewöhnliche Antwort: Beides! Mit der Ankunft der Aliens sterben die Psychopathen schließlich nicht einfach aus.

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Eine einzige, letzte Filmminute zeigt auch den Zuschauern von Polanskis "Tanz der Vampire", dass das Böse nicht lockerlässt. Sarah hat ihre Vampirzähne in Alfreds Hals geschlagen, da sieht man noch einmal den nichtsahnenden Professor das Pferd antreiben, während der Erzähler aus dem Off schon seinen Untergang besiegelt: "In jener Nacht auf der Flucht aus den Südkarpaten wusste Professor Abronsius noch nicht, dass er das Böse, das er für immer zu vernichten hoffte, mit sich schleppte. Mit seiner Hilfe konnte es sich endlich über die ganze Welt ausbreiten."

Gerade die genialsten Filmenden sind mitunter verblüffend einfach. Was war noch "Rosebud", was der "Planet der Affen"? Und wer war wirklich Norman Bates' böse Mutter? Diese und weitere überraschende Filmenden finden Sie hier in der Bilderstrecke.

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Überraschung!

Waaas? Ach so!!! Welcher Film hat das überraschendste Ende?

insgesamt 25 Beiträge
Yves Christelsohn 07.09.2017
1. Vergessen
...wurde "Zwielicht". Auch ein ganz hervorragender Film mit einem ebenso genialen Edward Norton.
...wurde "Zwielicht". Auch ein ganz hervorragender Film mit einem ebenso genialen Edward Norton.
Hartmut Braun 07.09.2017
2. Und es fehlt auch ...
... unbedingt der Film "Zeugin der Anklage". Zwar schon von 1957, aber für mich der Film mit der genialsten und überraschendsten Wendung am Ende. Wer darauf neugierig ist, und sich die Spannung erhalten will, sollte [...]
... unbedingt der Film "Zeugin der Anklage". Zwar schon von 1957, aber für mich der Film mit der genialsten und überraschendsten Wendung am Ende. Wer darauf neugierig ist, und sich die Spannung erhalten will, sollte meinen Beitrag jetzt nicht weiter lesen, sondern sich schnell diesen Film besorgen. Der Film ist die Umsetzung einer eigentlich recht kurzen Kriminalgeschichte von Agatha Christie und stimmt auch mit dieser bis auf das wohl dem Kinozuschauer geschuldete Happy End im Film weitgehend überein. Die herausragenden Charaktere sind Charles Laughton als Verteidiger und Marlene Dietrich als liebende Frau, die ihren Mann vor dem Galgen bewahren will. In dem Film wird ein Mann angeklagt, eine alte wohlhabende Dame erschlagen zu haben, bei der er sich eingeschmeichelt hat und auf deren Besitz er hofft. Vor dem eigentlichen "Schlussknall" gibt es noch einen genialen "Twist". Seine Ehefrau überlegt, wie sie ihren Mann retten kann. Sie weiß, dass kein Gericht einer liebenden Frau als Zeugin Glauben schenken wird. Also dreht sie den Spieß um und tut so, als hasse sie ihren Mann und klagt ihn an. Gleichzeitig jubelt sie dem Verteidiger ihres Mannes Briefe unter, die SIE als Fremdgeherin und Lügnerin entlarven, was wiederum ihre "Anklage" zusammenbrechen lässt und dem geliebten Mann zum Freispruch verhilft. Mir läuft es noch heute kalt den Rücken herunter, wenn immer ich an den "Donnerschlag" am Ende des Films denke. Armer Sir Wilfrid ...
Theo Verhülsdonk 07.09.2017
3. @ 1
Ich hab' sofort an "Zwielicht" gedacht. Gegen den Schluss ist z. B. "Planet der Affen" aus den 60ern nur ein Gääähn.
Ich hab' sofort an "Zwielicht" gedacht. Gegen den Schluss ist z. B. "Planet der Affen" aus den 60ern nur ein Gääähn.
googlemeier 07.09.2017
4. The Shining
von Stanley Kubrick. Das, wie ich meine, beste Ende eines Spielfilms.
von Stanley Kubrick. Das, wie ich meine, beste Ende eines Spielfilms.
Philipp Wells 07.09.2017
5. Unsterbliche Geliebte ...
hat auch ein überraschendes Ende. Und IMHO sehendwerte Leistungen von Gary Oldman (er kann wirklich Klavier spielen) und Isabella Rosselini. Sehenswert.
hat auch ein überraschendes Ende. Und IMHO sehendwerte Leistungen von Gary Oldman (er kann wirklich Klavier spielen) und Isabella Rosselini. Sehenswert.

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