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einestages

Seenotretter in der DDR

Die Stasi kommt an Bord

Kapitän wollte er werden und hätte in der DDR Karriere machen können. Aber Wolfgang Rätzer entschied sich gegen das Parteibuch, für die Seenotrettung. So wurde er Zeuge der Grenzschutz-Jagd auf Republikflüchtlinge.

Ankerherz Verlag
Von
Samstag, 16.09.2017   08:24 Uhr
Der folgende Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch "Mayday. Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze", das im Mai 2017 im Ankerherz-Verlag erschienen ist.

Im Jahr der Wende erfahre ich, wie sich Freiheit anfühlt. Es ist Anfang Oktober 1990, wir überführen einen neuen Seenotkreuzer von Bremen in unsere Heimatstadt Warnemünde. Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) übernimmt dieser Tage die Stationen im Osten, die Leute werden neugierig. Fotografen und Fernsehleute warten am Hafen, Hunderte Menschen drängen sich an der Pier. Unser altersschwaches Rettungsschiff, die "Stoltera", fährt uns mit Besuchern an Deck entgegen.

In der Euphorie lege ich den Hebel auf den Tisch - volle Fahrt. Das neue Fahrzeug macht 23 Knoten, fast dreimal so viel wie die "Stoltera". Es fühlt sich an wie Fliegen!

Nun haben moderne Rettungskreuzer eine Eigenart, die ich noch nicht kenne: Bei voller Geschwindigkeit gleiten sie auf dem Wasser. Nimmt man das Gas weg, sackt der Rumpf ab und zieht eine enorme Welle neben sich her. Genau das passiert nun - zum Schrecken der Besucher an Land, die auf einmal bis zu den Knien durchnässt sind.

Suchscheinwerfer am Strand

Noch ein Jahr zuvor, als Retter im deutschen Sozialismus, habe ich von solchen Szenen nicht einmal geträumt. Die DDR-Seenotrettung, bei der ich 1975 begann, war ein einziges Alibi, gegründet auf Druck internationaler Verträge. Unsere Flotte bestand aus ein paar Schlauchbooten, drei alten Rettungsbooten und zwei langsamen polnischen Schiffen, die mit modernen Kreuzern nichts gemein hatten.

Fotostrecke

Seenotretter in der DDR: Fluchtversuche auf der Ostsee

Man vergisst heute gern, dass ein Badegast auf Rügen damals nicht einmal eine Luftmatratze ins Wasser tragen durfte. Zwischen Heringsdorf und Lübecker Bucht pendelten Schiffe der 6. Grenzbrigade "Küste", am Strand standen Lastwagen mit Suchscheinwerfern, um nachts Republikflüchtlinge aufzuspüren. Fuhren Ausflügler mit einem Faltboot in die Boddengewässer, wurden sie überwacht und drangsaliert.

Selbst registrierte Sportsegler durften nur zweimal im Jahr mit einer Sondergenehmigung aufs offene Meer hinaus. Wer sich etwas zu weit vom Ufer entfernte, wurde aufgebracht und bekam eine bewaffnete Eskorte in den Hafen.

Auch wir Retter hatten es nicht leicht. Bevor uns ein Notruf erreichte, sickerte er langsam durch eine komplexe Hierarchie von Grenzschutz und Verkehrsministerium. Kam das Signal zum Auslaufen, fuhren wir zunächst bis zur Zollstation am Hafenausgang. Stasi-Leute kontrollierten unsere Gesichter und durchwühlten das Schiff - es hätte sich ja ein Republikflüchtling bei uns verstecken können.

Auf der Flucht vom Nebel überrascht

Während draußen Menschen auf Hilfe warteten, mussten wir noch unsere Seefahrtsbücher vorzeigen. Die Prozedur dauerte 20 Minuten, erst dann konnten wir rausfahren. Nicht selten war der Schiffbrüchige dann schon in den Fängen des Grenzschutzes, einer Unterabteilung der NVA. "Die wahren Retter tragen Uniformen und fahren graue Schiffe", hieß es damals bei uns.

Doch das Unrecht in diesem Staat war groß genug, dass sich immer wieder Verzweifelte aufs Wasser wagten und schwimmend, paddelnd oder sogar surfend den Westen ansteuerten. Die meisten wurden entdeckt und eingesammelt.

So etwa ein Ingenieur der Rostocker Neptun-Werft, der sich in Warnemünde in ein Kinderschlauchboot setzte und sich aufs Meer treiben ließ - ohne Paddel, ohne Rettungsring. Als die Grenzer ihn fanden, umspült von hohen Wellen, waren Teile seines Körpers bereits abgestorben. Wir nahmen ihn in Empfang und fuhren ihn in den Hafen, ich erinnere mich noch gut an seine blauen, geschwollenen Beine.

Oder der Soldat im Faltboot, der plötzlich an die Bordwand des Frachters "Götz von Berlichingen" klopfte. Er wurde auf seiner Flucht gen Westen vom Nebel überrascht und brauchte Hilfe. Die Männer zogen ihn hinauf und hätten ihn gern versteckt - doch schließlich entschied der Kapitän, den Fall zu melden. Er witterte eine Falle von der Stasi, denn die wartete nur darauf, ehrliche Seeleute wegen Fluchthilfe einzusperren.

Überwachung war für uns Alltag

So haben wir auch diesen armen Teufel an Land transportiert, gut gefüttert und ihm Zigaretten zugesteckt. Wir wussten ja, dass tagelange Verhöre auf ihn warteten. Er verbrachte zwei Jahre in Bautzen, bevor die Westdeutschen ihn freikauften.

Der Mann war durchaus kein Einzelfall - bei jedem Manöver der NVA-Marine gab es Soldaten, die getürmt sind. Und nicht nur dort: Bis zur Öffnung der Grenze wurden an der Ostsee mehr als 4000 Flüchtlinge verhaftet; 174 Menschen ertranken beim Versuch, in ein besseres Leben zu entkommen.

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Stefan Krücken, Jochen Pioch:
Mayday!

Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze

Ankerherz Verlag, 216 Seiten; 29,90 Euro.

Bei allem Mitleid, das ich empfand, habe ich solche Geschichten rasch verdrängt. Schließlich war die Überwachung für uns Alltag, wir kannten es nicht anders. Wir dachten, so etwas wie Staatsschutz gäbe es in jedem Land. Und wenn einer blöd genug ist, über die Ostsee zu wollen, dann hat er eben Pech gehabt.

Erst später wurden diese Dinge zu Heldentaten erklärt, und mich hat man gefragt, warum ich das alles unterstützt habe. Warum? Weil ich damit aufgewachsen bin!

Ich wäre gern Kapitän geworden, doch um aufzusteigen, musste man pausenlos seine Loyalität unter Beweis stellen. Dazu hätte gehört, dass ich in die Partei eintrete, und das kam für mich nicht infrage. So blieb ich Erster Offizier und ging eher aus Frust zu den Seenotrettern. Hier spürte ich Wind und Wasser im Gesicht, ohne an meine Karriere zu denken.

Und ich hatte eine Aufgabe.

Wolfgang Rätzer, geboren 1940, begann seine Laufbahn als Matrose im staatlichen Fischkombinat Rostock. Er wollte Nautiker werden, Kapitän auf großer Fahrt, gab dieses Ziel aber auf und ging zunächst zum Seefahrtsamt. 1975 heuerte er beim Seenotrettungsdienst der DDR an, nach der Wiedervereinigung gingen die Stationen wieder an die DGzRS über. Bis zu seiner Pensionierung 2001 war Rätzer in Warnemünde stationiert, wo er heute lebt.

insgesamt 9 Beiträge
Rainer Müller  16.09.2017
1. Freiheit ist alles
Ein trauriges Kapitel der Geschichte der DDR. Wenn Menschlichkeit und Wahrheit auf der Strecke bleiben, handelt es sich doch kaum um eine demokratische Republik. Aber zum Glück gab es trotz der heftigen Repressalien in der [...]
Ein trauriges Kapitel der Geschichte der DDR. Wenn Menschlichkeit und Wahrheit auf der Strecke bleiben, handelt es sich doch kaum um eine demokratische Republik. Aber zum Glück gab es trotz der heftigen Repressalien in der "DDR" auch Menschen, die Mensch geblieben sind.
Dieter Hannemann 16.09.2017
2. Tausende
174 ertrunkene sind die offizielle Zahl, es haben unzählige versucht über die Ostsee zu entkomen. Hatte mich selbst mit den Gedanken getragen, bei ablandigen Wind von Hiddensee aus mit einem Kinderschlauchboot. Aber es gab [...]
174 ertrunkene sind die offizielle Zahl, es haben unzählige versucht über die Ostsee zu entkomen. Hatte mich selbst mit den Gedanken getragen, bei ablandigen Wind von Hiddensee aus mit einem Kinderschlauchboot. Aber es gab viele Warnungen in den West-Medien die man im Osten empfengen hat. Unterkühlung nach nur 12 Stunden selbst im August bei Wassertemperatur von 20 Grad. Dann hab ich es 1982 von Ungarn nach Österreich versucht und kam ein Jahr später über Häftlingsfreikauf in die Freiheit!
Andreas Zimmer 16.09.2017
3. Zur Bilderstrecke
Lieber Redakteur, nicht überall, wo "Stoltera" draufsteht, ist auch der *Seenotkreuzer* Stoltera drin. Vor allem, wenn "Polizei" draufsteht. Und wenn dann noch das Modell ein paar Bilder weiter so gar nichts [...]
Lieber Redakteur, nicht überall, wo "Stoltera" draufsteht, ist auch der *Seenotkreuzer* Stoltera drin. Vor allem, wenn "Polizei" draufsteht. Und wenn dann noch das Modell ein paar Bilder weiter so gar nichts mit dem vermeintlichen Original zu tun hat, sollte man nachdenklich werden.
Joachim Schmidt 16.09.2017
4. Pflichtlektüre
für jeden, für den in der DDR nicht alles schlecht war. Sehr ergreifender Einblick in den real existierenden Sozialismus.
für jeden, für den in der DDR nicht alles schlecht war. Sehr ergreifender Einblick in den real existierenden Sozialismus.
Olav Breyer 16.09.2017
5. Schöner Beitrag
Der Mann fand einen Weg um sein Leben zu leben ohne sich zu verbiegen. Das war im Sozialismus eine große Leistung. Nach G20 war ja immer wieder zu hören, das sich Links und Gewalt ausschließen und die Gewalttäter Straftäter [...]
Der Mann fand einen Weg um sein Leben zu leben ohne sich zu verbiegen. Das war im Sozialismus eine große Leistung. Nach G20 war ja immer wieder zu hören, das sich Links und Gewalt ausschließen und die Gewalttäter Straftäter waren aber keine Linken. Solche Zeitberichte sollten Mahnung sein, Links- und Rechtsaußen von der Macht fern zu halten.

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