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einestages

Steve Biko, der Mann im Song

"September 77, Port Elizabeth, weather fine"

Vor 40 Jahren starb der südafrikanische Studentenführer Steve Biko im Knast von Pretoria - nach tagelanger Folter. Zur Ikone des Widerstands gegen die Apartheid machten ihn Peter Gabriel und Hollywood.

AFP
Von
Dienstag, 12.09.2017   18:04 Uhr

Die Nachricht verbreitete sich in Südafrika wie ein Lauffeuer: Steve Biko, der Führer der schwarzen Studenten und Schüler, war tot in einer Polizeizelle in Pretoria aufgefunden worden. Gestorben sei er an den Folgen eines Hungerstreiks, lautete die regierungsoffizielle Version - doch die glaubte kaum jemand im September 1977.

Nun strömten die Schwarzen auf die Straße und sangen zornig ihre Widerstands-Hymne "Nkosi Sikelel' iAfrika", "Gott segne Afrika". Ihre Fäuste reckten sie, so notierte es die Korrespondentin der "Zeit" damals, "wie zum Schwur empor: Wir sind bereit, die Kampfansage anzunehmen. Dann möge Gott wahrhaftig Afrika schützen und sich der Weißen erbarmen".

Ein Jahr nach dem Schüleraufstand von Soweto war der prominenteste Anführer in Polizeihaft ums Leben gekommen. Nun brodelte es im Apartheidstaat erneut. Bald wurden die wahren Hintergründe seines Tods bekannt: Steve Biko, 30, verheiratet und Vater von fünf Kindern, war am 18. August in King William's Town von der Sicherheitspolizei verhaftet und später in Port Elizabeth in der Polizeizelle 619 brutal misshandelt worden. Er war bewusstlos, als man ihn nackt in die mehr als 1000 Kilometer entfernte Hauptstadt Pretoria schaffte, wo er am 12. September an seinen Verletzungen starb.

"Ein totales Vakuum"

Mehr als 20.000 Menschen kamen zu seiner Beisetzung. Die Brutalität des Burenstaates erschütterte nicht nur Südafrikaner. Der ehemalige Genesis-Frontmann Peter Gabriel erfuhr durch BBC-Berichte von Bikos Tod. Drei Jahre später setzte er dem Mann, der in Südafrika auch der afrikanische Martin Luther King genannt wurde, ein musikalisches Denkmal.

"September 77, Port Elizabeth, weather fine" - so beginnt Gabriels Song "Biko". Er handelt von den Todesumständen:

"It was business as usual
In police room 619
Oh Biko, Biko, because Biko
Oh Biko, Biko, because Biko
Yihla Moja, Yihla Moja
The man is dead."

Ein Refrain wie eine Fanfare: "Biko" wurde zu einem der bekanntesten Anti-Apartheid-Songs - und Stephen Bantu Biko, so sein kompletter Name, zur Ikone. Sein Leben wurde später auch noch von Richard Attenborough verfilmt, "Schrei nach Freiheit" mit Denzel Washington in der Hauptrolle kam 1987 in die Kinos.

Steve Biko war der wichtigste Vertreter der Bürgerrechtsbewegung "Black Consciousness", schwarzes Bewusstsein. Als junger Medizinstudent der Universität Natal hatte er 1969 die Südafrikanische Studentenorganisation Saso ins Leben gerufen - eine Vereinigung, die nur schwarze Studenten aufnahm.

Es war der Beginn seines Kampfes gegen die Apartheid. Wichtigstes Anliegen: Minderwertigkeitsgefühle gegenüber Weißen ablegen, sich als "selbstbestimmt, nicht durch andere bestimmt" ansehen, so sagte es Biko 1970: "Alles in allem ist der schwarze Mann eine Hülse geworden, der Schatten eines Menschen, vollständig besiegt, in seinem Elend ertrinkend, ein Sklave und ein Ochse, der das Joch der Unterdrückung mit der Furchtsamkeit eines Schafs erduldet."

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Der Mann im Song: "Oh Biko, Biko, because Biko"

Das waren ungewöhnlich aufmüpfige Töne. Winnie Mandela berichtete ihrem Mann Nelson bei einem Haftbesuch auf Robben Island davon und bat ihn, die neue Truppe ernstzunehmen. Später erklärte sie, es habe vor dem Erscheinen Bikos "ein totales Vakuum" im Widerstand gegen die Herrschaft der Weißen gegeben: "Man fühlte sein Blut hochschießen, wenn man aufstand, und man war stolz darauf, schwarz zu sein. Das habe ich Steve zu verdanken."

Nicht überall im eher konservativen African National Congress (ANC), dessen führende Mitglieder entweder im Exil oder im Gefängnis waren, war man erfreut über die Konkurrenz im Widerstand. "Die Aktionen der jungen Leute", klagte zum Beispiel der militante ANC-Altkader und Kommunist Harry Gwala, grenzten "an Anarchie". Doch trotz Skepsis des ANC wurde die Bewegung größer und größer und dehnte sich auf immer mehr Hochschulen im Land aus.

"Black Consciousness" - ganz im Sinne der Apartheid?

1973 wurde Biko von der Uni verbannt - aber er und seine Mitstreiter verstummen nicht. Schließlich zeigte sich auch Nelson Mandela beeindruckt von ihrem Mut und forderte aus dem Knast heraus: "Vereint euch! Mobilisiert! Kämpft weiter!"

Biko ging es um mehr als nur den Kampf. "Black Consciousness" war für ihn "eine geistige Einstellung und eine Lebensform"; sie sei "der positivste Ruf, der seit langer Zeit aus der schwarzen Welt laut wird". Seine Einstellung fasste er in einem Essay zusammen, der 1973 in dem Band "Schwarze Theologie in Afrika" erschien: "Im Entscheidendsten geht es darum, dass der Schwarze sich der Notwendigkeit bewusst wird, sich mit seinen Brüdern um die Ursache der Unterdrückung - die schwarze Hautfarbe - zu scharen und als Gruppe zu handeln, um sich von den Ketten zu befreien, die sie zu unaufhörlicher Knechtschaft binden."

Kurioserweise wurde "Black Consciousness" vom Regime in Pretoria deshalb anfangs durchaus wohlwollend betrachtet: als Bewegung, die ganz im Sinne der Apartheid forderte, dass sich die Schwarzen nach ihrer eigenen Methode entwickeln.

Nachdem jedoch die Unruhen von den Universitäten auf die Schulen im Land übergriffen und Südafrika auch international immer stärker unter Druck geriet, kannte die Regierung kein Erbarmen mehr: Biko musste sterben - und er wurde zum Märtyrer.

insgesamt 6 Beiträge
Josefine Butzenmacher 12.09.2017
1. Niki
Einer der berührendsten Songs überhaupt. Eine Kult-Hymne und ein Schrei nach Gerechtigkeit.
Einer der berührendsten Songs überhaupt. Eine Kult-Hymne und ein Schrei nach Gerechtigkeit.
Isabella Roeck 12.09.2017
2. Steve Biko
wurde bestialisch ermordet. Nelson Mandela saß fast 30 Jahre hinter Gittern. Und wofür? Es ist zum Heulen, was dieser amtierende Präsident Zuma verbricht. Schön, dass Peter Gabriel Steve Biko ein Denkmal setzte und der Film [...]
wurde bestialisch ermordet. Nelson Mandela saß fast 30 Jahre hinter Gittern. Und wofür? Es ist zum Heulen, was dieser amtierende Präsident Zuma verbricht. Schön, dass Peter Gabriel Steve Biko ein Denkmal setzte und der Film ist ergreifend und zeigt diese unfassbare Brutalität auf. Das Buch von Nelson Mendela "Der lange Weg in die Freiheit" ist empfehlenswert.
Bernd Kulawik 13.09.2017
3. Ein Held!
Ein Held, der in einem gerechten Kampf von denen ermordet wurde, die sonst immer zu zivilem Widerstand aufrufen. Ein Held, der – sicherlich nicht freiwillig! – sein Leben gab, damit diese Welt endlich etwas menschlicher wird. [...]
Ein Held, der in einem gerechten Kampf von denen ermordet wurde, die sonst immer zu zivilem Widerstand aufrufen. Ein Held, der – sicherlich nicht freiwillig! – sein Leben gab, damit diese Welt endlich etwas menschlicher wird. Wofür eigentlich sterben und töten deutsche Soldaten ausserhalb der Grenzen ihrer Heimat? Ach ja, noch was: Erinnert sich noch jemand, welche großen deutschen Firmen damals in Südafrika "gute" Geschäfte machten? Wo sind die Unterstützer eines mörderischen Regimes heute? Hat nicht auch Strauss dieses Regime unterstützt … wie auch die Schlächter in Südamerika? Vielleicht sollte man den Münchner Flughafen nach Biko benennen? Und die Bundeswehrhochschule nach einem Opfer der Belagerung von Leningrad und nicht nach einem Täter…? (PS: Achja, die gute alte deutsche "Meinungsfreiheit" … wird wohl verhindern, dass dieser Kommentar erscheint.)
Frank Siegmann 13.09.2017
4. Danke Peter Gabriel
Vielen Dank an Peter Gabriel für das Lied und für den Finger in die Wunde legen.
Vielen Dank an Peter Gabriel für das Lied und für den Finger in die Wunde legen.
Wolfgang Kueter 13.09.2017
5. Gänsehaut am Ende fast jedes Peter Gabriel Konzerts
2 (+ ganz selten noch 2 mehr) Akkorde, afrikanische Trommlen und dudelsackähnliche Klänge erzeugen bei Biko, das fast immer das Finale der Konzerte von P. Gabriel bildet, regelmäßig Gänsehaut bei den Besuchern. Ein tolles [...]
2 (+ ganz selten noch 2 mehr) Akkorde, afrikanische Trommlen und dudelsackähnliche Klänge erzeugen bei Biko, das fast immer das Finale der Konzerte von P. Gabriel bildet, regelmäßig Gänsehaut bei den Besuchern. Ein tolles Stück das eine sehr ernste Thematik immer wieder perfekt in Erinnerng ruft.

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