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einestages

Die erste Feuerwehrfrau New Yorks

Bewährungsprobe auf Lebenszeit

Als Frau sah sich Brenda Berkman in den Siebzigerjahren bei der New Yorker Feuerwehr massiven Anfeindungen ausgesetzt. Selbst nach ihrem heldenhaften Einsatz bei 9/11 gaben ihre Kritiker keine Ruhe.

privat
Von
Montag, 11.09.2017   08:20 Uhr

Es gab Zeiten, da ging Brenda Berkman nicht ohne Polizeieskorte zur Arbeit. "In bestimmte Gebiete sind wir nicht allein gefahren", erinnert sich die New Yorker Feuerwehrfrau. Feuer wurden aus verschiedenen Gründen gelegt: etwa bei Rassenunruhen, zwecks Versicherungsbetrug oder durch rivalisierende Drogenbanden. Ein harter Job.

Aber nicht nur wegen der ständigen Gefahr bei Einsätzen. Berkman musste massive Anfeindungen ertragen - wegen ihres Geschlechts. Denn sie wurde 1982 New Yorks erste Feuerwehrfrau.

Schon als kleines Mädchen, erzählt Berkman, hätten ihre Eltern sie dazu angehalten, anderen zu helfen. Das Problem war: Es gab Landarbeiterinnen, Sekretärinnen und Verkäuferinnen - aber keine Feuerwehrfrauen, Ärztinnen oder Polizistinnen.

Das wollte sie ändern. "Je älter ich wurde, desto mehr hatte ich den Satz satt: Du kannst das nicht machen, weil du ein Mädchen bist." Berkman ging an die New York University, machte einen Abschluss in Geschichtswissenschaften und begann danach, Jura zu studieren. Bis sie die Entscheidung traf, die ihr ganzes Leben umkrempeln sollte.

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Erste Feuerwehrfrau New Yorks: Berkmans Bewährungsprobe

1964 hatte der Civil Rights Act jede Diskriminierung aufgrund von Rasse oder Geschlecht verboten. Ab 1972 galt er auf kommunaler Ebene. 1977 gestattete das New York Fire Department (FDNY) erstmals Frauen, den Aufnahmetest abzulegen. Die Jurastudentin Berkman beschloss teilzunehmen.

"Sie trainierte sehr, sehr hart für den Test. Sie übte, mich über die Treppe zu tragen. Sie hat mich über ihre Schulter geworfen und lief so die Stufen rauf und runter", sagt Berkmans Ex-Mann Ken Gordon in der Dokumentation "Taking the Heat" von 2006.

400 Frauen legten den schriftlichen Test ab. 90 wurden für den physischen zugelassen. Jede Einzelne fiel durch.

"Was für ein Witz"

Vorwürfe wurden laut, man habe den Test absichtlich erschwert, um Frauen ausschließen zu können. Das FDNY wies die Kritik von sich. Doch Berkman wollte nicht klein beigeben: Sie verklagte die Stadt wegen Diskriminierung im Auswahlprozess. Berkman sagt, natürlich brauche man gewisse physische Fähigkeiten als Feuerwehrfrau - "aber sie testeten nicht die Anforderungen für den Job."

Die Frauen mussten ihre Schnelligkeit beweisen, über Wände klettern oder einen etwa 55 Kilogramm schweren Dummy über die Schulter wuchten. Nicht getestet wurden dagegen Aufgaben, bei denen viele Frauen durch ihren Körperbau eher Vorteile gegenüber Männern gehabt hätten - etwa das Bewegen auf engem Raum.

Nach Berkmans Ansicht war der Test willkürlich. Sie habe gewusst, sagt ihr Anwalt Robert King im Film, dass sie sich mit einer Klage zur Persona non grata machen würde: "Aber sie war bereit, das durchzufechten."

Der Prozess begann 1979. Die Juristin Berkman musste sich den Vorwurf anhören, sie sei nur vor Gericht gegangen, um als Anwältin selbst Geld mit den Fällen zu verdienen. "Was für ein Witz. Ich habe kein Geld bekommen", so Berkman. Man ließ sie unter Eid versprechen, dass sie die Rechtswissenschaft aufgeben werde, um Feuerwehrfrau zu werden.

Drei Jahre zog sich das Verfahren hin, bis das Gericht 1982 endlich ein Urteil fällte - zugunsten von Berkman.

Mitte 1982 bestand sie den neu konzipierten Test, neben rund 40 weiteren Frauen. Die Diskriminierung aber sei weitergegangen, sagt Berkman, die als Pionierin der Feuerwehrfrauen die größte Angriffsfläche bot. Bei den ersten Trainings mit Männern seien ihnen Aufgaben abverlangt worden, die den Männern erspart blieben. Die Belästigungen hätten auch physische Gewalt eingeschlossen.

"Wir hatten gute und schlechte Lehrer. Manche wollten uns etwas beibringen, andere uns dazu bringen, dass wir aufhören", erinnert sich Berkman, "das Department ließ sie gewähren."

Hollywoodklischees und harte Realität

Viele hätten die Schikane stillschweigend über sich ergehen lassen. Frauen mussten fürchten, gemobbt und ausgegrenzt zu werden. Die Idee: "Wenn wir es erst mal geschafft hätten, würde es aufhören. Aber das passierte nicht", so Berkman. Sie und ihre Mitstreiterinnen gründeten die "United Women Firefighters", die bis heute existiert. "Damit wollten wir uns eine stärkere Stimme verschaffen", sagt Berkman.

Der Widerstand war noch immer groß und ging nicht allein von den männlichen Kollegen selbst aus: Eine schwarze Feuerwehrfrau sah sich etwa Protesten der weißen Ehefrauen ihrer Kollegen ausgesetzt, unmittelbar vor ihrem Arbeitsplatz. Manche sagten bereits voraus: Frauen in der Feuerwehr - das werde Leben kosten.

"Die Öffentlichkeit weiß nicht viel über den Job", sagt Berkman. "Filme zeigen Feuerwehrleute, wie sie Leute herumschmeißen, als wären sie Superman. Aber da drinnen kann man nichts sehen oder hören. Man muss sich erst mal zurechtfinden."

Männer, die durch dichten Rauch waten und Menschen aus brennenden Gebäuden tragen, Filme wie "Backdraft" (1991), in dem eine Reihe von heimtückischen Brandanschlägen die Bevölkerung und ihre Retter in Atem hält, haben laut Berkman das Berufsbild des Feuerwehrmannes verzerrt: Opfer würden beispielsweise nicht aus den Flammen herausgetragen, sondern vielmehr gezogen. Die Einsatzkräfte robben auf Händen und Knien. Rauch und Hitze steigen nach oben.

Schikane durch männliche Kollegen blieb über Jahre Teil ihres Berufs. 1994 stieg sie in den Rang eines Officers auf. Zwei Jahre später nahm sie am White-House-Fellow-Programm teil, als erste Feuerwehrkraft überhaupt. Doch während neue Kolleginnen langsam an Akzeptanz gewannen, blieb sie, die Pionierin, eine Ausgestoßene.

Nie zum Stillstand kommen

Am 11. September 2001 hatte Berkman keinen Dienst, als in Manhattan die Zwillingstürme des World Trade Centers attackiert wurden und einstürzten. Trotzdem machte sie sich sofort auf den Weg.

"Ich dachte, ich würde sterben. Das ging weit über alles bisher Erlebte hinaus", sagt Berkman. Mehr als 330 Feuerwehrleute kamen bei Einsätzen ums Leben, die in der Hoffnung, noch Überlebende zu finden, tagelang verzweifelt fortgesetzt wurden.

Nach 9/11 wurden Feuerwehrleute zu Amerikas Volkshelden. Berkman aber wurde angefeindet, weil sie darauf hinwies, dass auch Frauen zu den Helden am Ground Zero gehörten. Die perfide Erwiderung habe gelautet: Es seien aber keine Frauen gestorben.

Momente, in denen sie ans Aufgeben dachte, habe es viele gegeben: "Meine Freunde und Familie haben sich häufig Sorgen gemacht." Sie wollten verhindern, dass sie die Behandlung durch Kollegen in eine "misstrauische, verbitterte Person" verwandeln würde. "Aber warum sollten diese Trottel gewinnen?", fragte sie sich dann.

Trotzdem macht Berkman nicht den Eindruck einer verbissenen Kämpferin für die Entrechteten, die nur ihre eigene Meinung gelten lässt. "Ich bin eine sture Person", räumt sie ein. Dickköpfig könne sie vor allem sein, "wenn Leute mir raten, über etwas hinwegzusehen, so zu tun, als wäre es nicht da". Aber die Sturheit bestimme nicht jeden Teil ihres Lebens: "Ich habe nicht auf alles Antworten."

Sicher, sie hat manches zu sagen, zu Genderfragen und über weibliche Vorbilder. Die Frauenrechtlerin und Journalistin Gloria Steinem, die 1963 undercover als Playboy-Bunny recherchierte und darüber in einem bahnbrechenden Artikel ("A Bunny's Tale") berichtete, ist für sie so eine "Shero".

"Es gibt nur eine Sache, die schwieriger ist, als es zu tun, und das ist, es nicht zu tun", sagte Steinem einmal. Der Satz trifft auch auf Brenda Berkman zu. 2008 ging sie im Rang eines Captains in den Ruhestand. Trotzdem ermutige sie weiter Mädchen, Wege und Karrieren einzuschlagen, in denen sie "viele Männer sehen".

insgesamt 8 Beiträge
Stephan Fellner 11.09.2017
1. Brenda Berkman
Diese Frau hat für die Gleichberechtigung etwas reales getan und sich nicht in nur in die bequeme Facebook / Twitter Shitstorm Opferrolle begeben. Respekt!
Diese Frau hat für die Gleichberechtigung etwas reales getan und sich nicht in nur in die bequeme Facebook / Twitter Shitstorm Opferrolle begeben. Respekt!
Edgard L. Fuß 11.09.2017
2. Es gibt
.. denen man die Verfassung ihres Landes um die Ohren schlagen sollte. Und das nicht nur im "Land of the free..."...
.. denen man die Verfassung ihres Landes um die Ohren schlagen sollte. Und das nicht nur im "Land of the free..."...
Nicole Krauss 11.09.2017
3. 2 Leider tun sie genau dasselbe
Werter Kommentator 1. Sie stellen sich beschwerende Frauen auch als nervigen Nörgelverein da, der nix macht. So wie Frauen ständig unterstellt wird, sie "ruhen" sich aus und hätten es sooo toll. Man kann ebenso auch [...]
Werter Kommentator 1. Sie stellen sich beschwerende Frauen auch als nervigen Nörgelverein da, der nix macht. So wie Frauen ständig unterstellt wird, sie "ruhen" sich aus und hätten es sooo toll. Man kann ebenso auch etwas für die Gleichberechtigung tun in dem man den Mund aufmacht und sagt, was einem nicht passt. :) Diese Opferrolle sehe ich heutzutage auch oft bei Männern, denen man es einfach nicht Recht machen kann. Das würde also auch auf beide Geschlechter zutreffen.
Wilfried Huthmacher 11.09.2017
4. @3: Nein das sehe ich anders
... denn ist wohl heute übölich geworden - egal ob von Männer oder Frauen, alt oder jung - bei Facebook, Youtube oder was es noch gibt, einen Kommentar zu hinterlassen, der eine politische Aussage hinterlassen soll. Und dann [...]
... denn ist wohl heute übölich geworden - egal ob von Männer oder Frauen, alt oder jung - bei Facebook, Youtube oder was es noch gibt, einen Kommentar zu hinterlassen, der eine politische Aussage hinterlassen soll. Und dann meinen diese Leute - egal ob von Männer oder Frauen, alt oder jung - sie hätten nun aber echt stellung bezogen - durch einen Kommentar. Diese Frau dagegen war dagegen echt mitten drin.
S. P. 11.09.2017
5. Man vergleiche diesen Text...
....mit Kommentaren unter feministischen Artikeln, die immer so tun, als wären Frauen schwach/intrigant/Opfer/was-auch-imner und das bemängelte Thema - das seit Jahrhunderten unverschämte Verhalten gewisser Männer gegenüber [...]
....mit Kommentaren unter feministischen Artikeln, die immer so tun, als wären Frauen schwach/intrigant/Opfer/was-auch-imner und das bemängelte Thema - das seit Jahrhunderten unverschämte Verhalten gewisser Männer gegenüber Frauen - frei erfunden. Der Feminismus - so streitbar er auch ist - ist nötig. Gott sei Dank ist vieles in Bewegung und ein Umdenken findet statt. Aber fertig sind wir lange nicht. Je älter ich werde, desto mehr Feministin bin ich. Das Leben hat mich das gelehrt.

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