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Historische Fake News

Die Reporterin und der achtjährige Junkie, den es nie gab

"Es war so persönlich, so dramatisch, so knallhart": Eine Journalistin erfand 1980 einen drogensüchtigen schwarzen Jungen. Sie erhielt dafür den Pulitzerpreis - und stürzte die "Washington Post" in eine tiefe Krise.

Washington Post
Von
Montag, 23.10.2017   10:56 Uhr

"Jimmy ist acht Jahre alt und ein Heroinabhängiger der dritten Generation, ein frühreifer kleiner Junge mit rotblondem Haar, samtig braunen Augen und Nadeleinstichen, die wie Sommersprossen die babyzarte Haut seiner dünnen braunen Arme überziehen." So beginnt eine Reportage von Janet Cooke, die im September 1980 in der "Washington Post" erschien - und die Zeitung in eine schwere Glaubwürdigkeitskrise stürzte.

Denn das drogensüchtige Kind, dessen vermeintliches Schicksal eine Welle des Mitleids auslöste, gab es in Wirklichkeit gar nicht. Erst als Cooke für ihre Story den renommierten Pulitzerpreis erhalten sollte, brach ihr Lügengebilde zusammen.

Die Selbstkontrolle der "Washington Post", eines der Bollwerke des investigativen Journalismus in den USA, hatte in spektakulärer Weise versagt. Wie konnte es passieren, dass selbst mit allen Wassern gewaschene Medienprofis wie Chefredakteur Ben Bradlee und seine Spürnase Bob Woodward, der einst mit Carl Bernstein den Watergate-Skandal aufdeckte, einer jungen Hochstaplerin auf den Leim gingen?

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Makellose Referenzen

Janet Cooke verfügte nicht nur über Schreibtalent und Charme, der mit einer gehörigen Portion Ehrgeiz gepaart war. Auch ihre Hautfarbe spielte eine wichtige Rolle. Denn der Erfolg einer schwarzen Quotenfrau kam damals vielen Intellektuellen gelegen, die auf Seiten der Bürgerrechtsbewegung standen und durch positive Diskriminierung ein Zeichen politischer Korrektheit setzen wollten.

Als Cooke Anfang 1980 bei der "Washington Post" anfing, machte sie durch ein betont selbstbewusstes Auftreten auf sich aufmerksam. Der kurze Rock ihres eleganten Wollkostüms und ihre langen Acrylfingernägel seien allen Redakteuren im Newsroom aufgefallen, schreibt ihr ehemaliger Kollege Mike Sager, der vorübergehend mit ihr liiert war und die Geschichte 2016 im Magazin "Columbia Journalism Review" noch einmal aufrollte. "Ihre Eltern kamen aus der oberen Mittelschicht und schickten ihre Töchter zu den besten 'Prep Schools' für Weiße."

Die 25-jährige Journalistin von der Lokalzeitung "Toledo Blade" in Ohio präsentierte Chefredakteur Bradlee einen beeindruckenden Lebenslauf, laut dem sie einen Universitätsabschluss mit Auszeichnung besaß und mehrere Fremdsprachen beherrschte. Woodward war seit Ende der Siebzigerjahre stellvertretender Chefredakteur bei der "Washington Post". Entgegen der sonstigen Praxis wurden die Referenzen dieser neuen Kollegin bei der Einstellung nicht gründlich überprüft.

145 Seiten Notizen - alles erfunden

Cooke, die hoch hinaus wollte, wurmte es, dass sie zunächst nur für die Wochenendbeilage schreiben durfte. Ihren Kollegen fiel sie durch verkrampften Ehrgeiz auf. "Sie hatte sich enorme Ziele gesetzt", zitierte DER SPIEGEL später die Reporterin Karlyn Barker. "Da ihre Geschichten alle gut ankamen, war es seltsam, dass sie sich jeden Tag so verhielt, als müsse sie um ihren Arbeitsplatz kämpfen."

Auf der Suche nach einer preisverdächtigen Story recherchierte Cooke im Drogenmilieu Washingtons und fand dort angeblich einen süchtigen schwarzen Jungen, den sie "Jimmy" nannte. Nach wochenlanger Arbeit hatte sie zwei Tonband-Interviews von je einer Stunde, 145 Seiten handschriftlicher Notizen und reichlich Hintergrundmaterial zusammengebracht. Mit Cooke wurde vereinbart, dass die wahre Identität der in dem Artikel vorkommenden Personen geheim bleiben würde.

Die Reportage erschien am 28. September 1980 unter dem Titel "Jimmy's World" auf der Titelseite der Zeitung - und schlug ein wie eine Bombe. In den USA und im Ausland wurde sie mehrfach nachgedruckt.

Suspekte Schilderungen

Dabei hätte Cookes Beschreibung eines altklugen Kindes, dem der Lebensgefährte der Mutter vor den Augen der Journalistin Heroin spritzt, einen kritischen Leser stutzig machen können. Der Achtjährige, der angeblich eine Zukunft als Rauschgiftdealer vor sich sieht, erklärt wie ein ausgebuffter Profi, warum er in der Schule immer in Mathe aufpasst: "Ich muss damit klarkommen, wenn ich später etwas verkaufen will."

Es klingt auch etwas klischeehaft und unglaubwürdig, wenn Cooke resümiert: "Jimmys Welt ist eine Welt der harten Drogen, des schnellen Geldes und des guten Lebens", das er seiner Meinung nach dank der Drogen und des Geldes genießen werde. Wenn sich in dem Haus voller Fixer die Nadel der Spritze schließlich auch wieder in Jimmys Arm bohrt, lässt ihn die Beobachterin in eine Art hypnotischen Schlummer versinken.

Mit großer Erfindungsgabe beschrieb Cooke minutiös die Wohnungseinrichtung und die Kleidung des Jungen. Auch wenn die Zitate fast zu perfekt formuliert erschienen und bei einigen Kollegen Zweifel weckten, stellten die Redaktionsleitung den Wahrheitsgehalt der Geschichte nicht infrage. Der Chef des Washington-Ressorts, Milton Coleman, hakte nicht weiter nach, weil Cooke Vertraulichkeit für ihre Quellen zugesichert hatte.

"So persönlich, so knallhart"

"Es war eine großartige Geschichte, und es ist mir niemals in den Sinn gekommen, sie könne das erfunden haben", berichtete er später dem SPIEGEL. Auch Woodward ließ sich einwickeln: "Sie war eine ausgezeichnete Schauspielerin, ganz ausgezeichnet. Sie erzählte alles ganz entwaffnend. Es war so persönlich, so dramatisch, so knallhart."

Die Veröffentlichung löste sofort eine Welle der Solidarität mit Jimmy aus. Die schwarze Bevölkerung Washingtons kritisierte die Zeitung aber auch dafür, dass sie die Identität des hilfsbedürftigen Jungen geheim hielt. Bürgermeister Marion Barry ließ daraufhin die Polizei jeden Winkel der Stadt nach dem Kind durchkämmen - vergeblich.

Als Cooke mit Kollegen in Jimmys Wohnbezirk fahren musste, zeigte sich, dass sie die Gegend gar nicht kannte. Konsequenzen hatte das für sie erstaunlicherweise nicht. In dieser heiklen Situation half ihr der Zufall: Weil nun die städtische Verwaltung am Pranger stand, die Drogenproblematik nicht im Griff zu haben, tischte Bürgermeister Barry der Öffentlichkeit eine dreiste Lüge auf: Der Junge sei seinen Behörden bekannt und befinde sich in ärztlicher Behandlung. Wenig später hieß es gar, er sei tot.

Dabei hatte Jimmy niemand je zu Gesicht bekommen.

Tränenreiches Geständnis

So erhielt Janet Cooke im April 1981 für ihre erfundene Geschichte als erste Afro-Amerikanerin den begehrten Pulitzerpreis. Sie wäre am Ziel ihrer Träume gewesen, hätte nicht ihre frühere Zeitung in Ohio die offizielle Preisträger-Biografie gesehen, die über die Nachrichtenagentur AP verbreitet wurde. Darin standen noch mehr erfundene Details als in dem geschönten Lebenslauf, mit dem sie sich bei der "Washington Post" beworben hatte.

Die Angaben, die die Schwindlerin beim Pulitzer-Komitee einreichte, waren von der "Washington Post" nicht kontrolliert worden. Als Chefredakteur Bradlee und sein Starreporter Woodward über die Ungereimtheiten informiert wurden, nahmen sie Cooke so lange ins Kreuzverhör, bis sie schließlich unter Tränen ihre Lüge eingestand. Sie gab den Preis zurück, kündigte ihren Job - und verschwand aus der Öffentlichkeit.

Vergessen ist ihr Name aber bis heute nicht: Die USA erschütterte damals ein Fake-News-Skandal - Jahrzehnte, bevor dieses Wort in Mode kam.

"Alle verbrannten"

Nach der Blamage dauerte es noch 15 lange Jahre, bis Mike Sager seine ehemalige Freundin und Kollegin 1996 zu einem Exklusivinterview traf. Der passende Titel des Artikels, der im Magazin GQ gedruckt wurde: "Janet's World".

Cooke habe mit ihrem Vorgehen viel Vertrauen zerstört und damit dem Journalismus allgemein geschadet, kritisierte Sager. Und tatsächlich hatte die Affäre Grundlegendes verändert: Während der Aufdeckung des Watergate-Skandals war Woodward von seiner Zeitung nie nach der Identität von Informanten wie "Deep Throat" gefragt worden. Seit der Lügengeschichte um Jimmy aber ist es in den USA üblich, dass Reporter redaktionsintern ihre Quellen offenlegen.

"Einer von uns flog zu nahe an die Sonne heran", schrieb Sager und fügte hinzu: "Alle verbrannten."

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insgesamt 2 Beiträge
thomas pertermann 23.10.2017
1.
Früher giessen "Fake News" ganz einfach "Zeitungsente".
Früher giessen "Fake News" ganz einfach "Zeitungsente".
Mit Denken 23.10.2017
2. Sie meinten sicher
statt "Früher giessen "Fake News" ganz einfach "Zeitungsente"." "Früher hiessen "Fake News" ganz einfach "Zeitungsente"." ... und da ist auch was sehr Wahres daran!
statt "Früher giessen "Fake News" ganz einfach "Zeitungsente"." "Früher hiessen "Fake News" ganz einfach "Zeitungsente"." ... und da ist auch was sehr Wahres daran!

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