Schrift:
Ansicht Home:
einestages

Sportler und Tiere im Duell

Wie viel PS hat ein Olympiasieger?

Jesse Owens lief gegen Pferde, andere Athleten ringen mit Bären oder schwimmen gegen Delfine. Oft sind solche Duelle nur Show, ein harmloser Spaß. Manche haben auch dunklere Seiten - für Mensch wie Tier.

Bettmann Archive
Von
Dienstag, 10.10.2017   12:51 Uhr

Keine fünf Monate war es her, dass er es Hitler und der ganzen Welt gezeigt hatte, da ging Jesse Owens in Kuba gegen Julio McCaw an den Start. Owens, 24, war der Olympiaheld von Berlin und der schnellste Mensch des Planeten. Aber dieser Gegner war kräftiger als alle Männer, gegen die Owens je gelaufen war. Und so schnell, dass die Veranstalter dieses Rennens am zweiten Weihnachtstag 1936 es für angemessen hielten, dem Weltrekordler einen Vorsprung von gut 35 Metern zu geben.

Beim Schuss aus der Startpistole erschrak McCaw. Owens dagegen katapultierte seine 1,80 Meter und 75 Kilo aus den beiden Löchern, die er in die Asche des Stadions in Havanna gegraben hatte (Startblöcke gab es damals noch nicht). Trotz eines gewaltigen Antritts nach dem ersten Schreck konnte McCaw ihn nicht mehr einholen.

Jesse Owens kannte jeder, seit er bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin vier Goldmedaillen gewonnen hatte. Doch wer war dieser Julio McCaw? "Ich bin zufrieden mit meinem Auftritt", sagte Owens nach dem Rennen. Er war die gut 90 Meter in 9,9 Sekunden gelaufen. "Ich würde auch ohne Vorsprung gegen ein Pferd laufen, vorausgesetzt, das Tier ist nicht außergewöhnlich schnell." Genau darum ging es: Jesse Owens hatte ein Pferd besiegt (Video).

Foto: AP

Der hat eine Pferdelunge, sagt man manchen Athleten nach. Oder: Er ist bärenstark, muskulös wie ein Ochse, schwimmt wie ein Delfin. Es ist nicht immer nur so dahingesagt. Tatsächlich kam es in der Geschichte des Sports vielfach zu Mensch-Tier-Duellen - zu Wohltätigkeitszwecken, als Unterhaltungsshow und mitunter als sehr hohle Inszenierung.

Phelps und der Hai

So kündigte über 80 Jahre nach dem "Rennen des Jahrhunderts" zwischen Owens und McCaw ein anderer Spitzensportler ein Duell mit einem Tier an. Auch Michael Phelps ist Rekord-Olympionik: 28 olympische Medaillen, davon 23 goldene. Im Juli 2017 sagte Phelps, er werde mit einem Weißen Hai um die Wette schwimmen.

Doch die Aktion nach einer Idee des US-Senders Discovery enttäuschte. Nicht weil Phelps zwei Sekunden langsamer war. Sondern weil der Hai kein Hai war. Phelps schwamm allein vor der Küste Südafrikas im offenen Meer. Der Hai war computergeneriert; erst im Nachhinein wurden simulierte Bilder in die Aufnahmen geschnitten, so bekam die Welt sie zu sehen .

Zuvor hatte Phelps das überzeugende Sicherheitskonzept gelobt und später behauptet, 15 Sicherheitstaucher seien in der Nähe gewesen, als die beiden Kontrahenten - mit einem Netz getrennt - um die Wette schwammen. Was sie jedoch nie taten. Es war nur eine ziemlich blöde PR-Aktion.

"Goldmedaillen kann man nicht essen"

Jesse Owens hatte damals weit stärkere Gründe, gegen ein echtes Pferd anzutreten. Denn ihm war Werbegeld, wie es auf Phelps nach seinen Olympiaerfolgen in Athen, Peking, London und Rio herabregnete, verwehrt geblieben. Selbst sein Triumph in Berlin änderte nichts daran, dass Owens ein schwarzer Amateursportler war. Und keine lukrativen Verträge auf ihn warteten, nur weitere Wettkämpfe.

Bereits am Tag nach Ende des olympischen Leichtathletikprogramms in Berlin startete der erschöpfte Ausnahmeathlet bei einem Meeting in Köln, dann bei Wettkämpfen in Prag, Bochum, London. Organisiert hatte die Tournee Avery Brundage, damals Präsident des US-Olympiakomitees und des Amateursportverbands AAU, später IOC-Chef. Die Veranstalter zahlten mehr, weil der große Olympiaheld dabei war. Doch das Geld ging ausschließlich an die Verbände. Owens bekam: nichts.

Fotostrecke

Sportler gegen Tiere: Übermenschliche Leistungen

Brundage hatte geplant, dass die Athleten nach Skandinavien weiterfliegen sollten. Owens rebellierte: Er brach die Reise ab und stieg aufs nächste Schiff nach New York. Die AAU-Antwort war hart. "Jesse Owens ist dauerhaft von allen Amateursportwettkämpfen ausgeschlossen", teilten die Funktionäre mit.

Owens hatte sich einen Feind gemacht - und Brundages Rache verfolgte ihn bis nach Havanna. Statt gegen ein Pferd sollte nämlich Owens ursprünglich gegen Kubas schnellsten Sprinter laufen. Doch dem drohte Brundage mit dem Ausschluss von allen Amateurwettkämpfen in den USA. Das Rennen platzte, Julio McCaw ersetzte den kubanischen Sprinter.

Owens lief nicht zum letzten Mal gegen ein Pferd. Er musste ja Geld verdienen und fragte später: "Was hätte ich tun sollen? Ich hatte vier Goldmedaillen, aber Goldmedaillen kann man nicht essen."

Geparde und Delfine, ein Zebra und ein Strauß

Chad Johnson machte es Owens viel später nach: 2007 trat der American-Football-Spieler zu Wohltätigkeitszwecken gegen ein Pferd an, mit viel größerem Vorsprung als 1936 in Havanna - 100 Meter, etwa die Hälfte der Strecke. So gewann Johnson deutlich (Video).

Ebenso Oscar Pistorius. Der beinamputierte Paralympics-Champion gewann 2012 in Doha ein Rennen gegen den Araberhengst "Maserati" (Video). Weil der Jockey unnötig oft die Reitpeitsche benutzt habe, kritisierte Tierschützer der Organisation "World Horse Welfare" die Behandlung des Hengstes als "vollkommen barbarisch".

Im Vergleich zu Menschen mögen Rennpferde schnell sein, nehmen im Tierreich aber allenfalls den Rang eines soliden Sportcoupés ein. Der Formel-1-Wagen ist hier der Gepard - er bringt es auf ein Tempo von bis zu 120 Kilometern pro Stunde.

Foto: The Cincinnati Zoo & Botanical Garden

Das macht das schnellste Landtier der Welt zu einem gefragten Konkurrenten für Spitzensportler. 2007 ging Bryan Habana, einer der flinkesten Rugbyspieler der Welt, in Südafrika gegen das zweieinhalbjährige Gepardweibchen Cetane an den Start. Das Rennen sollte auf die Bedrohung des Gepards aufmerksam machen.

Der Rugbyspieler bekam 50 Meter Vorsprung. Um Cetane in der Bahn zu halten, wurde eine Lammkeule an einem Seil vor ihr hergezogen. Für den Fall, dass das Tier dennoch den Sportler statt die Keule jagen sollte, standen Aufseher mit Betäubungsgeräten bereit. Der erste Durchgang ging unentschieden aus (Video), beim zweiten war der Gepard eine Körperlänge voraus.

Wenn sich Sportler mit Tieren messen, geht es oft um Geschwindigkeit. So rannten die American-Football-Spieler Devin Hester und Chris Johnson ebenfalls mit einem Gepard um die Wette, ihr Kollege Dennis Northcutt nahm es mit einem Strauß auf, der US-Sprinter Shawn Crawford besiegte locker eine Giraffe - und verlor gegen ein locker galoppierendes Zebra (Video). Und der italienische Weltmeister Filippo Magnini schwamm gegen (echte) Delfine.

"Ich fühlte mich wie ein Freak"

Statt Tempo stehen manchmal Kraft und Kampf im Vordergrund. Der Wettstreit Mensch gegen Tier hat dunkle Seiten. So waren schon im 19. Jahrhundert Ringkämpfe mit Bären als Mutprobe und Spaßveranstaltung weitverbreitet. Eine fragwürdige Tradition: Dafür zog man Bären oft die Zähne und Klauen, zwang ihnen Maulkörbe auf.

Gegen einen Bären boxte Tony Galento, um für seinen nächsten Kampf gegen einen menschlichen Gegner zu werben. Der Schwergewichtler, der von 1929 bis 1943 mehr als 100 Profikämpfe bestritt, stieg ebenso mit einem Känguru in den Ring.

Chuck Wepner, der 1975 gegen Muhammad Ali um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht boxte und als Inspiration für den Film "Rocky" gilt, absolvierte zwei Kämpfe gegen "Victor, den ringenden Bären". Und verlor beide.

Denn Victor war nicht irgendwer, er war ein Champ. Der Braunbär aus Alaska rang von den Sechziger- bis Achtzigerjahren mit Tausenden, darunter olympische Ringer, Show-Wrestler, American-Football-Profis. Er verlor nur eine Handvoll Kämpfe und wurde beinah wie ein Spitzensportler gefeiert. Doch seine Gegner wussten, dass Victor ohne Zähne und Klauen kämpfte. Er trug einen Maulkorb und stand wahrscheinlich unter Einfluss von Medikamenten.

Jesse Owens lief außer gegen Pferde auch gegen Züge, Autos und Hunde. Seine Schnelligkeit hatte ihm nicht nur Ruhm eingebracht - im Amerika der Dreißigerjahre sahen sich auch weiße Rassisten bestärkt, schwarze Bürger als tierähnlich zu verhöhnen. Daher dürften gerade Rennen gegen Tiere besonders demütigend gewesen sein.

Die Show-Wettkämpfe, die er bestreiten musste, um Geld zu verdienen, hätten ihn angewidert, sagte Owens später: "Ich fühlte mich wie ein Freak."

insgesamt 1 Beitrag
Kasimir Waldechon 13.10.2017
1.
Also sprich, Owens hat um 34 meter gegen das Pferd verloren. Möchte die Leistung nicht schmälern, aber ich verstehe diese rennen nicht, wo vorher berechnet wird, wieviel langsamer der eine ist, um dann am Ende so zu tun, als [...]
Also sprich, Owens hat um 34 meter gegen das Pferd verloren. Möchte die Leistung nicht schmälern, aber ich verstehe diese rennen nicht, wo vorher berechnet wird, wieviel langsamer der eine ist, um dann am Ende so zu tun, als wäre er schneller gewesen. Letztens habe ich ein rennen "Auto gegen Flugzeug" gesehen, um dann im letzten Moment zu erfahren, dass das Flugzeug einmal abheben, drehen und wieder landen muss, während das Auto nur geradeaus fährt. Was für ein Quark....

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP