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einestages

Punk-Partei APPD

Freibier mit dem Pogokanzler

Karl Nagel war einmal Kanzlerkandidat für die Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands. Hier erzählt er, wie fröhliche Punks die Politik persiflierten - und wie dann Spaß in blutigen Ernst umkippte.

DPA
 Ein Interview von
Mittwoch, 20.09.2017   12:47 Uhr

Zur Person

einestages: Herr Nagel, mit den Pogo-Anarchisten forderten Sie unter anderem "Freiheit für den Osterhasen", "Jugendrente statt Altersrente" und "kostenloses sexuelles Lustvergnügen in Mitfickzentralen". War die APPD eine reine Quatschveranstaltung oder auch eine Protestpartei?

Nagel: Schon beides. Wir fanden uns im Politikbetrieb mit seinen schrägen Regeln nicht wieder. Zugleich dachten wir: Politik ist Teil unserer Realität, damit müssen wir klarkommen. Unsere Folgerung: Wenn dieser Irrsinn normal ist, haben wir die Freiheit, auch Mist zu erzählen und den als "normal" zu verkaufen. Ein Teil unseres Programms war sicher Spaß, ein Teil ernstgemeinte Kritik am deutschen Arbeitsethos - wie viel, das kann man nicht in Prozent sagen.

einestages: "Arbeit ist scheiße!" ist der wohl bekannteste APPD-Slogan.

Nagel: Das war plakativ. Aber wir haben zum Thema "Arbeit" riesige Abhandlungen verfasst, die mit allen wichtigen APPD-Schriften bei Punkfoto.org archiviert sind. Dabei wollten wir niemanden zu irgendwas zwingen. Klar gibt es Leute, die Arbeit klasse finden: Buddelst ein Loch, schippst es wieder zu, biste was wert. Denen haben wir zugestanden: Sollen sie halt arbeiten, gern auch bis zum Umfallen, wenn sie das so toll finden. Und die anderen eben nicht. Beide Gruppen sollten in verschiedenen Zonen leben: Arbeiter in der SBZ - der Spießigen Bürgerzone, die anderen in der APZ - der Asozialen Pogo-Zone. Man kann ja nicht den Arbeitsgeilen zumuten, dass sie morgens auf dem Weg zum Job den ganzen Leuten begegnen, die gerade erst von der Party kommen.

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Spaßpartei APPD: Als Punks in der Politik mitmischten

einestages: Und das war Ihr Ernst?

Nagel: Es war eine Persiflage des Arbeitsethos, mit ernsten Gedanken dahinter. Eine Diskussion über Arbeitsethos will ja kein Mensch hören. Also haben wir ein bisschen pogoanarchistische "Bild"-Zeitung gespielt und die Leute aufgeregt, mit Humor Themen aufgegriffen, die uns wichtig waren.

einestages: Welche sonst?

Nagel: Etwa das frustrierende Gefühl, dass ich als Wähler mit meiner Stimme nichts bewirke, weil die Regierungsparteien eh sagen: "Wahl ist vorbei, jetzt gelten andere Spielregeln" und ihre Versprechen beerdigen. Daraus machten wir den Slogan "Meine Stimme für den Müll!" Unser Versprechen war: Wir geben wenig für Wahlkampf aus, versuchen aber, über 0,5 Prozent zu kommen. Dann gibt's nämlich Wahlkampfkostenrückerstattung. Die wollten wir in einer großen Party verknallen und so den Leuten, wenn sich schon nichts ändert, ihre Stimme zurückgeben - in Form von Bierdosen. Die am Ende leergetrunken auf dem Müll landen.

einestages: Kann Humor Politikverdrossenheit heilen?

Nagel: Statt nur deprimiert rumzusitzen, haben wir es Verdrossenen jedenfalls ermöglicht, rauszugehen und etwas aus ihrer Ohnmacht zu machen. Und zwar, indem sie Spaß daraus schöpfen, nicht durch Hass und Gewalt.

einestages: Nach einer politischen Vision klingt das noch nicht.

Nagel: Klar, wenn Hunderte auf einer APPD-Demo "Saufen, saufen, jeden Tag nur saufen!" riefen, konnte man das kaum noch politische Forderung nennen. Aber dieser Nihilismus ist doch auch bei anderen Parteien längst Realität. Da steht auf einem SPD-Plakat: "Schöne Ferien!" (lacht) Ich meine - das ist ja sogar noch inhaltsloser als "Jeden Tag nur saufen!"

APPD-Wahlwerbespot zur Bürgerschaftswahl Hamburg 1997

einestages: Wenn es bei der APPD so lustig war, wieso sind Sie dann 2005 ausgetreten?

Nagel: Unser Spaßansatz verschwand, als manche Mitglieder eine richtige Partei werden wollten. Eigentlich ging das schon in den Neunzigerjahren los: Als die APPD bekannter wurde, traten auch Leute ein, die unsere Sache für sich instrumentalisieren wollten, um Macht zu gewinnen.

einestages: Wie jetzt - Macht? Nie kamen Sie auch nur in Sichtweite der Fünf-Prozent-Hürde.

Nagel: Ich meine Macht innerhalb der Partei. Wir waren dagegen wehrlos, weil wir gar keine richtigen Strukturen und die Vorsitzenden nichts zu sagen hatten. Jeder hat eh gemacht, was er wollte. Der Bundesvorsitzende hieß bei uns "Großadministrator" - weil es in der Sci-Fi-Romanreihe "Perry Rhodan" einen "Großadministrator des Solaren Imperiums" gibt. Wir mussten diese Führungsposten einrichten, um an Wahlen teilnehmen zu dürfen. Aber Ende der Neunziger versuchten manche, die APPD nach dem Parteirecht in den Griff zu kriegen und darauf zu pochen: "Laut Statut bin ich Zweiter Vorsitzender, darum gestatte ich dies und das jetzt nicht mehr!" Plötzlich wurden Intrigen gesponnen und gezielt Fehlinformationen verbreitet, Landesverbände begannen, um Geld zu kämpfen. Darum haben wir 1999 beschlossen: Lasst uns den Stecker ziehen, bevor das nur noch peinlich ist.

einestages: Also zerlegte sich die APPD, weil sie allmählich im Politikzirkus ankam?

Nagel: Kann man so sagen. Wobei sie nicht sofort komplett scheiterte: Ein Jahr nach der Auflösung wurde die Partei wiederbelebt. Aber der Anteil ernster Inhalte stieg auf 90 Prozent, mit bisschen Späßchen obendrauf zur Deko. Beinah wie die Grünen in den Achtzigerjahren.

einestages: Und für Sie war das nichts mehr?

Nagel: Eine Weile war ich noch dabei. Etwa, als wir zur Bundestagswahl 2005 Wahlkampf machten mit Wölfi Wendland als Kanzlerkandidat, dem Sänger der Bochumer Punkband Die Kassierer. Aber dann kam wieder dieser interne Streit: Den Wahlkampf hatten wir gemacht, ohne unseren Bundesvorsitzenden wegen jedem Scheiß zu fragen. Er war so beleidigt, dass er mir plötzlich seinen Anwalt und einen Gerichtsvollzieher auf den Hals hetzte und mit 250.000 Euro Strafe drohte. Angeblich hätte ich Geld veruntreut, ihm seine Domain geklaut und so weiter. Als ich eines Morgens entnervt mit dem Arm den Frühstückstisch leerfegte und meine kleine Tochter zu weinen anfing, wusste ich endgültig: Es ist falsch, was ich hier mache. Da habe ich alles hingeschmissen...

einestages: …...und es kam zur Spaltung der Partei….

Nagel: …Genau. Die Leute, die auf einer nihilistischen Ebene weiter Spaß haben wollten, gründeten die Pogo-Partei (POP). Die Berliner, die plötzlich allen Ernstes von "Realpolitik" quatschten (lacht), waren dann die Rest-APPD - inzwischen ein Trümmerhaufen. Bei denen ist das Prinzip "Arbeit ist scheiße!" so verinnerlicht, dass sie an Wahlen nicht teilnehmen durften, weil sie Fristen verpennt haben. Die Ironie ist da zur Realität geworden.

einestages: Klingt verbittert.

Nagel: Da sind ein paar schlimme Dinge passiert nach der Spaltung. Ein Hamburger POP-Mitglied wurde beim "Force Attack"-Punkfestival von einem ranghohen APPD-ler attackiert und bekam ein Messer ins Kreuz. Zwar nur ein Teppichmesser, und der Angreifer ist auch ziemlich vermöbelt worden - aber als das Opfer Jahre später immer noch Rückenschmerzen hatte, kam raus, dass noch ein Stück Klinge im Rücken steckte. Das symbolisiert wirklich das Scheitern der APPD. Von der Leichtigkeit der Ursprungsidee war nichts mehr übrig.

APPD-Wahlwerbung zur Bundestagswahl 1998

einestages: Wenn sich schon eine so winzige Partei derart zerfleischt hat - was hätte Deutschland gedroht, wenn sie je regierungsfähig geworden wäre?

Nagel: Darüber wollte ich immer mal 'nen Roman schreiben. All die Konflikte hätten sich natürlich viel stärker entwickelt. Wir hätten uns um Macht und Einfluss gestritten, hätten uns zu bereichern versucht oder sexuelle Vorteile erlangen wollen. Alles, was man macht, wenn sich die Gelegenheit bietet und eh keine konkreten politischen Ziele auf dem Zettel stehen.

einestages: Und wer bekommt jetzt bei der Bundestagswahl am 24. September Ihre Stimme?

Nagel: Ich weiß es echt nicht. Darum habe ich meine Stimme meiner 14-jährigen Tochter geschenkt und ihr gesagt: Wenn du der Meinung bist, ich soll das oder das wählen, mach ich das.

einestages: Selbst wenn sie für die AfD stimmt?

Nagel: Auch dann. Ich respektiere ihr Urteil. Die Chancen liegen allerdings bei ungefähr 0,032 Prozent. Aber da mich eigentlich alle Parteien anwidern, kann sie mir sagen, was sie will - ich werde bei jedem Kreuz ein mieses Gefühl haben. Insofern ist es okay.


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insgesamt 9 Beiträge
Florian Forstmaier 20.09.2017
1. Das wäre ein möglicher Koalitionspartner
von SPD, Linke und Grüne. Wohl auch sehr bald von CDU. Armes Deutschland.
von SPD, Linke und Grüne. Wohl auch sehr bald von CDU. Armes Deutschland.
jurgen undsoweiter 20.09.2017
2. best time of my life!
die party's im lobusch,stoertebeker und I'm Otto's Waren wirklich legendaer. nie werde ich vergessen die schwarze fahne schwingend Durch die schanze zu ziehen. und ueberhaupt,woelfi war sowieso immer der einzig wahre [...]
die party's im lobusch,stoertebeker und I'm Otto's Waren wirklich legendaer. nie werde ich vergessen die schwarze fahne schwingend Durch die schanze zu ziehen. und ueberhaupt,woelfi war sowieso immer der einzig wahre bundeskanzler ;-) jetzt in Irland lebend muss ich sagen fehlt mir hamburg dich sehr. ein prost dem unbekannten affen!
Pat Lambertus 20.09.2017
3. Wölf Wendland wäre fast Bürgermeister geworden...
Bei der Bochumer Oberbürgermeisterwahl kam Wendland unter 12 Bewerbern mit 7,9 Prozent auf einen beachtlichen vierten Platz. Und auch sonst ist der ehemalige Kanzlerkandidat eher dem Realpolitischen Flügel der APPD zuzurechnen: [...]
Bei der Bochumer Oberbürgermeisterwahl kam Wendland unter 12 Bewerbern mit 7,9 Prozent auf einen beachtlichen vierten Platz. Und auch sonst ist der ehemalige Kanzlerkandidat eher dem Realpolitischen Flügel der APPD zuzurechnen: http://www.bochumschau.de/die-kassierer-live-zeche-2015.htm
Klaus-Jürgen Wolf 20.09.2017
4. Karl Nagel Anfang der Achtiziger
Wohl kaum. Damals gab es noch kein Web (WWW).
Wohl kaum. Damals gab es noch kein Web (WWW).
Thomas Müller 20.09.2017
5. Oh je...
... 57 Jahre und Sänger in einer Punkband! Tolle Leistung!
... 57 Jahre und Sänger in einer Punkband! Tolle Leistung!

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