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einestages

30 Jahre Frühstücksfernsehen

"Sind Sie wahnsinnig geworden?"

Der Privatsender RTL foppte die Konkurrenz 1987 mit einem Blitzstart. Nur Stunden bevor "Guten Morgen Deutschland" starten sollte, erfuhr Moderator Olaf Pessler davon - nachts beim Cognac.

RTL/teutopress
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Freitag, 22.09.2017   10:28 Uhr

Am 22. September 1987 ist Olaf Pessler in Paris, bei Karl Lagerfeld. RTL plus hat es geschafft, den Modeschöpfer für eine neue Sendung zu gewinnen. Was heißt Sendung, ein neues Format ist das: Fernsehen zum Frühstück. Pessler ist erst 24, moderiert aber schon seit Jahren "Guten Morgen Deutschland" auf Radio Luxemburg. Jetzt soll er das erstmals auch fürs Fernsehen tun.

Aber es ist ja noch Zeit bis zur ersten Sendung: Pesslers Bosse haben den 5. Oktober als Sendestart ausgegeben, vier Tage nach dem geplanten Start des Frühstücksfernsehens bei der Konkurrenz von Sat.1. Lagerfeld ist gut drauf, er wird beim neuen Morgen-TV von RTL plus im Format "Chic-Schnack" modebewusste Zuschauer mit neuesten Trends versorgen.

Pessler und seine Redakteurin sind trotzdem froh, dass der Tag vorbeigeht. Es gab technische Probleme, Stau, viel Stress. Aus einer Telefonzelle ruft Pessler seinen Chefredakteur Rainer Popp an. Er will über Nacht in Paris bleiben.

Testbild war gestern

Frühstücksfernsehen gibt es in den USA bereits seit 1952, als NBC mit der Sendung "Today" an den Start ging. Kanada zog nach, Anfang der Achtzigerjahre die Briten. In Deutschland indes zeigen die Sender ein Testbild. In der Nacht, heute kaum vorstellbar, ist einfach Sendeschluss. Bei der ARD wünscht Hans-Joachim Kulenkampff eine gute Nacht, mit Nationalhymne und im Wind knatternder Fahne geht das Öffentlich-Rechtliche zu Bett - und dann lange Sendepause.

Das wollen die Frühaufsteher der Sender RTL plus und Sat.1, die schon seit dem Start des deutschen Privatfernsehens 1984 heftig rivalisieren, jetzt ändern. Und so wie es aussieht, wird Sat.1 mit dem Frühstücksfernsehen ein Kapitel deutscher Fernsehgeschichte schreiben. Wobei das eigentlich schon Eureka TV, Vorgänger von ProSieben, getan hat - mit einem Frühprogramm seit dem 1. Mai 1987. Doch kaum einer schaltet diesen Privatsender ein, die Sendung läuft unterhalb des Radars.

Olaf Pessler erreicht seinen Chefredakteur. Als der von Pesslers Plan erfährt, die müden Knochen in Paris zu betten, sagt er: "Unter gar keinen Umständen. Ich will Sie noch heute Nacht hier sehen, ist mir egal, ob Sie laufen oder ein Taxi nehmen." Pessler: "Ich dachte nur: Was hat den denn gebissen?"

Fotostrecke

Fernsehjubiläum: Frühstücksfernsehen - wie 1987 alles begann

Als der junge Moderator gegen Mitternacht das Luxemburger Studio erreicht, schenkt Popp ihm einen Cognac ein: "Wenn Sie ausgetrunken haben, wäre es schön, wenn Sie nach Hause ins Bett gehen. Aber nicht zu lange. Wir gehen morgen früh das erste Mal auf Sendung." Pessler verschluckt sich fast am Weinbrand: "Sind Sie wahnsinnig geworden?"

"Wie die Ägypter nach dem Bau der Pyramide"

Popp plant den großen Coup. Im Wettlauf mit Sat.1 will er unbedingt zuerst auf Sendung gehen - und informiert ausgerechnet seinen Moderator als Letzten. Derweil hat RTL-Programmdirektor Helmut Thoma bereits vor eingeladenen Journalisten in der Brasserie Mansfeld in der Altstadt unterhalb der Burg das Bömbchen platzen lassen: "Wir springen schon morgen ins kalte Wasser."

Kalt ist es wirklich. Pessler und Kollegen, eigentlich noch in der Vorbereitungsphase, müssen improvisieren. Weil die Technik noch nicht ausreicht, wird die erste Sendung in einem Ü-Wagen laufen, mit einer Axt schlagen Mitarbeiter Kabel durch und flicken sie mit Lüsterklemmen wieder zusammen. Derweil versucht Olaf Pessler zu schlafen. "Aber ich machte kein Auge zu und stand um vier Uhr morgens schon wieder auf der Matte. Auf Radio Luxemburg kündigten sie uns groß an, dann der Jingle über dem Einspieler, los ging es. Ein sehr bewegender Moment", erzählt er.

"Tutti Frutti": Deine Nachbarin nackt im Fernsehen

Die Guten-Morgen-Truppe ist bunt: Die Nachrichten präsentieren Karl-Heinz Kaul, Ex-Herausgeber der alternativen Zeitschrift "Bundschuh", und Ulrike Elfes - noch heute RTL-Moderatorin, als Ulrike von der Groeben. Das Wetter verkündet Gottfried Mehlhorn, von Haus aus Schauspieler, ein gemütlicher runder Mann mit angelesenem Wetterwissen. Sein Hund Otto fläzt sich ebenfalls im Studio.

Die sonderbare Gestalt des Witze erzählenden "Giselhär, der Volontär" spielt der junge Hans Werner Olm, bis dahin Gagschreiber für die Morgensendung von Radio Luxemburg. Karl Lagerfeld bekommt sein eigenes Format, ebenso der bekannte Journalist Geert Müller-Gerbes ("Galle Rie"), Sexualtherapeutin Ruth Westheimer ("Tut's doch") und der Benediktiner-Abt Thomas ("Achtung, fertig - Abt").

Für einen "Dreivierteltag schwer verliebt" in Désirée

Das Debüt verläuft holprig. Mal wird der Bildschirm beim Wechseln der Videocassetten schwarz, mal fehlt ein Jingle oder fällt der Ton aus. Trotzdem wird das Team danach von Helmut Thoma, Chefredakteur Popp und anderen gefeiert. "Wir fühlten uns wie die Ägypter nach dem Bau der Pyramide", so Pessler. Wobei: "Vermutlich haben uns eh nur drei Leute gesehen, die betrunken vor dem Fernseher eingeschlafen waren."

Der überraschende Sendestart düpiert die Konkurrenz, und sämtliche Medien berichten. "Erwartungsgemäß wurden wir von SPIEGEL, 'taz', 'FAZ' und Co. für die Inhalte in die Pfanne gehauen", erzählt Pessler. Das störte ihn wenig: "Was wir da machten, war journalistisch vielleicht nicht überragend, aber doch ambitioniert." Wegen des schmalen Budgets lud die Redaktion "jeden halbwegs interessanten Menschen, der es zufällig nach Luxemburg schaffte, in die Sendung ein".

privat

Olaf Pessler und Désirée Nosbusch

Zum Beispiel eine Porno-Königin: Teresa Orlowski verbringt zum Vorgespräch zwei Stunden mit Moderator Pessler auf dem Hotelzimmer. "Meine Kollegen dachten, da wäre was gelaufen. Ist es natürlich nicht. Aber ich habe sie immer im Unklaren gelassen." In Gast Désirée Nosbusch habe er sich sogar für einen "Dreivierteltag schwer verliebt". Weniger schön: In einer Sendung sitzt der deutsche Skat-Weltmeister und ist erstaunlich langweilig, während Pessler keinen Schimmer von Skat hat. Fatale Mischung.

Nach nur einem Jahr fliegt Pessler - überraschend und schmerzhaft. Moderator wird nun der frühere "Starparade"-Gastgeber Rainer Holbe, der mit recht hohem Salär auf der Gehaltsliste steht; die Senderbosse wollen ihn endlich für sein Geld arbeiten lassen. Tief verletzt informiert Pessler seine Mutter über die Kündigung und seinen Nachfolger. "Sie war ein großer Fan von Holbe: 'Hach, das ist so ein toller Mann!'" Pessler geht von Luxemburg zurück in seine Heimatstadt Frankfurt am Main, arbeitet fürs Radio und seit 1993 vor allem als freier Sprecher. Seine markante Stimme ist durch zahlreiche Dokus und Hörbücher heute weithin bekannt.

TV kunterbunt, von allem ein bisschen

Das Frühstücksfernsehen wird bald eine TV-Säule. ARD und ZDF ziehen am 13. Juli 1992 nach mit ihrem wöchentlich wechselnden "Morgenmagazin". RTL gibt "Guten Morgen Deutschland" 1994 zunächst auf und kehrt erst 2013 mit einer Neuauflage zurück.

Marktführer bei den 14- bis 49-Jährigen ist heute das "Sat.1-Frühstücksfernsehen" zwischen 5.30 und 10 Uhr, ein Leuchtturm des kriselnden Senders, mit reichlich Boulevardthemen - oder "Emo-Geschichten", wie Chefredakteur Jürgen Meschede sie nennt. "Die meisten hören mehr zu, als dass sie lange Zeit am Stück vor dem Fernseher sitzen", sagt er. Vor allem seien es Arbeitnehmer mit Kindern, im Morgen-Modus zwischen Aufstehen, Frühstück und Zähneputzen - "wir sind kein Arbeitslosen-TV, die gucken uns nicht".

Was ist nun, nach 30 Jahren, das typische Frühstücksfernsehen? Sat.1-Mann Meschede, seit 1993 dabei, erzählt die Geschichte eines kleinwüchsigen Rollerfahrers, der über seine Alltagsprobleme sprechen sollte. "Als ein kleinwüchsiger Mann das Studio betrat, wurde er sofort in die Maske gebracht und geschminkt. Bis sich herausstellte, dass das gar nicht unser Gast, sondern lediglich ein interessierter Zuschauer war."

Frühstücksfernsehen, sagt der Chefredakteur, ist ein TV-Mikrokosmos. In wenigen Stunden von allem ein bisschen. Olaf Pessler fragt am Telefon erst einmal nach, ob es das Format überhaupt noch gebe, und lässt sich dann ein paar Themen der vergangenen Monate nennen ("Sophia Thomalla zeigt sich im sexy Bikini - aber wo ist ihr Höschen?"). Er sagt: "Da würde ich mir vermutlich vor laufender Kamera die Kugel geben."

Zum Jubiläum kommen am 23. September gut 60 ehemalige Mitarbeiter zusammen, auch Pessler wird in Luxemburg dabei sein. Die Pioniere haben sich über Facebook verabredet. Vielleicht stoßen sie ja mit Cognac an.

insgesamt 6 Beiträge
Viktor Meyer 22.09.2017
1. Frühstücksfernsehn
Gucke ich schon lange nicht mehr, da mir das betreute Denken des ÖRR gewaltig auf den Senkel geht, Sport nur aus Fußball besteht und die privaten dermaßen mit Werbung und Nullnachrichten aus dem DSDS-Unversium zu geschi…..n [...]
Gucke ich schon lange nicht mehr, da mir das betreute Denken des ÖRR gewaltig auf den Senkel geht, Sport nur aus Fußball besteht und die privaten dermaßen mit Werbung und Nullnachrichten aus dem DSDS-Unversium zu geschi…..n sind, sowie bei AM-Busenfreundin Friede Springer TV ebenfalls ein Form von betreutes Denken stattfindet, das man froh ist, das wenigstens DMAX noch eine Alternative für ein genußvolles Frühstück parat hat, auch wenn ich schon alle Folgen von American Chopper durch habe.
Markus Mosler 22.09.2017
2.
Beim Essen - egal welche Mahlzeit - kann ich problemlos nebenher Radio hören, aber niemals fernsehen. Das ist eine Unart geworden, die jedes Gespräch gleich im Keime erstickt, weil ja immer mindestens einer der Runde dem [...]
Beim Essen - egal welche Mahlzeit - kann ich problemlos nebenher Radio hören, aber niemals fernsehen. Das ist eine Unart geworden, die jedes Gespräch gleich im Keime erstickt, weil ja immer mindestens einer der Runde dem Fernseher zuhören will. Ich bin jedenfalls froh, zur Frühstückszeit eine gute halbe Stunde mit meinen Lieben am Tisch zu sitzen und mich zu unterhalten. Niemals würde ich da den Fernseher einschalten. Mal ganz abgesehen vom unterirdischen Niveau der beschriebenen Frühstücksfernsehsendungen.
Volker Podworny 23.09.2017
3. Nr.2
Eine Unart ist es, wenn mich jemand beim essen zuquatscht. Da starr ich lieber auf den Bildschirm.
Eine Unart ist es, wenn mich jemand beim essen zuquatscht. Da starr ich lieber auf den Bildschirm.
Matthias Wirzberger 23.09.2017
4. War mal schön
Frühstücks-TV bei Sat1 war mal schön - früher. War immer eine optisch aufgehübschte Hintergrundberieselung, die ich mochte.. Inzwischen nicht mehr ansehbar. Gefühlte 50 Prozent der Sendezeit ist Werbung, gefolgt von [...]
Frühstücks-TV bei Sat1 war mal schön - früher. War immer eine optisch aufgehübschte Hintergrundberieselung, die ich mochte.. Inzwischen nicht mehr ansehbar. Gefühlte 50 Prozent der Sendezeit ist Werbung, gefolgt von Internetfilmchen (kann ich mir auch bei youTube ansehen). dann Eigenwerbung und Vorschau auf eigene Sendungen oder Rückschau. Unterhaltung und relevante Info sind nicht mal fünf Prozent. Einfach laaangweilig ud vergeudete Zeit, Frühstücks-TV bei ARD und insbesondere beim ZDF gucke ich sowieso nicht mehr. Zu viel betreutes Denken.
Wilfried Huthmacher 25.09.2017
5. Entweder Kinderfernehsehen oder Doku-Kanal, ausnahmsweise MoMa
z.B. wenn es - wie dieser Tage - um die zeit nach der Wahl geht. Private Kanäle schaue ich schon lange nicht mehr, seit 1994 Sat1 gescholten wurde für die Kohl-Propaganda während 'RTL das Gleiche für die SPD machte. Kann mich [...]
z.B. wenn es - wie dieser Tage - um die zeit nach der Wahl geht. Private Kanäle schaue ich schon lange nicht mehr, seit 1994 Sat1 gescholten wurde für die Kohl-Propaganda während 'RTL das Gleiche für die SPD machte. Kann mich noch sehr gut erinnern, wie auf RTL die Umfragen angeküdigt wurden:"Kann die SPD den Wechsel schaffen" mit anschliessendem Wechsel auf Standbild Kohl, wie er gerade atmete. Seitdem kann mir der ganze scheinheilige Schnischnack auf Privaten gestohlen bleiben.

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