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einestages

Vergessene Nachkriegsepoche

Als die Juden nach Deutschland flohen

Nach dem Zweiten Weltkrieg endeten die Pogrome in Osteuropa nicht. In Panik entkamen Hunderttausende Juden gen Westen. Auch Lea Waks und ihre Familie suchten Zuflucht - ausgerechnet im "Land der Mörder".

Privatarchiv Ruwen Waks
Von und
Dienstag, 26.09.2017   10:45 Uhr

Aron Waks ist nervös. Im hessischen Ziegenhain wartet er ungeduldig auf die Ankunft der Familie Lesser, eines Ehepaars mit fünf Kindern. Gegen Mittag hebt sich der Schlagbaum am Campeingang, ein offener US-Jeep rollt in die staubige Lagerstraße. An diesem Spätsommertag 1946 haben die Lessers endlich das Ziel einer langen, gefährlichen Reise erreicht. Aron begrüßt alle herzlich, zuvorderst die älteste Tochter Lea - schon Monate zuvor waren die beiden ein Paar geworden und fieberten dem Wiedersehen entgegen.

Als Aron und Lea sich in den Armen liegen, findet die Geschichte ihrer Flucht aus Polen ein glückliches Ende. Zumindest vorerst. Beide hatten den Terror im Getto ihrer Heimatstadt Lodz überlebt und trafen nach dem Kriegsende 1945 als Juden auf den Hass ihrer polnischen Nachbarn. Mit den Lessers bereitete Aron Waks, dessen gesamte Familie in Treblinka ermordet worden war, den Weg gen Westen vor: nach Deutschland, in die Obhut der amerikanischen Besatzungsmacht. Sie flüchteten nacheinander, in Ziegenhain trafen sie wieder zusammen.

Rund 2000 Flüchtlinge lebten ab 1946 in der hessischen Ortschaft Ziegenhain. Hier und in vielen anderen Camps in Deutschland suchten Juden aus Osteuropa Zuflucht - nur kurz nachdem die Nationalsozialisten weite Teile Europas verwüstet und unfassbare Massaker verübt hatten, Juden überall gejagt, geschunden und ermordet hatten. Eine Rettung ausgerechnet im "Land der Mörder", wie Lea Waks es nannte?

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Jüdische Flüchtlinge: Gestrandet, ausgerechnet in Deutschland

Von "Panikflucht" sprechen Historiker bei dieser Massenemigration. Und durchweg sahen die Entkommenen der Bedrohung in Osteuropa in den deutschen Lager lediglich eine Durchgangsstation auf dem Weg in ein besseres Leben anderswo, wo sie nie wieder verfolgt würden.

Die junge Lea Lesser und Aron Waks blieben über ein Jahr in Ziegenhain. Den Aufenthalt im tristen Lager-Geviert hat Lea keineswegs als dürftig, gar unheilvoll empfunden. Im Gegenteil bekräftigte sie zeitlebens aus tiefer Überzeugung: "In Ziegenhain bin ich neu geboren worden." Denn hier konnte sie erstmals wieder durchatmen - nach vielen Jahren der Angst um ihr Leben.

Der Judenhass flammte in Osteuropa abermals auf

Als polnische Jüdin war Lea als Elfjährige eines Morgens im Februar 1940 im Getto Litzmannstadt aufgewacht, wie die Nazis Lodz nannten. Leas Vater konnte ihre Mutter und ihre Geschwister noch herausschleusen, aber Lea war gerade bei einer Tante untergebracht, als ein Stadtteil über Nacht zum jüdischen Sperrbezirk erklärt wurde. Die Tante starb bald darauf an Entkräftung, das Kind war fortan mutterseelenallein und schuftete in einer Schneiderei. Mit einer gehörigen Portion Glück entkam Lea bei der Getto-Auflösung im August 1944 dem deutschen Terror.

Nach Kriegsende kehrten ihre Eltern Leib und Esther Lesser mit den anderen Kindern aus der Sowjetunion zurück, die Familie fand in Lodz wieder zusammen. Doch die Leiden nahmen kein Ende. Nunmehr sahen sich die polnischen Juden - von 3,5 Millionen waren 90 Prozent ermordet worden - dem aggressiven Antisemitismus in ihrem Land ausgesetzt, der sich zu mörderischen Pogromen hochschaukelte.

Im südpolnischen Kielce etwa wütete der Mob Anfang Juli 1946 tagelang gegen Juden, 42 Menschen wurden brutal erschlagen. In anderen Städten kam es zu ähnlichen Exzessen. Wegen des neu entflammten Judenhasses entschlossen viele sich zur Flucht in den Westen, nach dem Pogrom von Kielce schnellten die Zahlen nach oben. Schließlich waren es 250.000 Flüchtlinge, wenn nicht gar 300.000, die im Nachkriegsdeutschland strandeten. Sie kamen überwiegend aus Polen, auch aus Ungarn, Rumänien, der Tschechoslowakei.

Mit diesem Flüchtlingsstrom hatten die Alliierten überhaupt nicht gerechnet. Vorbereitet waren sie lediglich auf Millionen Vertriebene, Verschleppte, Entwurzelte, auf frühere Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und Häftlinge. Für diese neun bis zehn Millionen hatte die Uno frühzeitig die Bezeichnung Displaced Persons (DPs) geprägt. Das Ziel lautete, sie bald in ihre alten Heimatländer zurückzuführen.

Deutschland nur als Zwischenstation

Das gelang zumeist. Doch etwa eine Million Osteuropäer blieben bei den westlichen Alliierten hängen: Grenzen hatten sich verschoben, kommunistische Machtübernahmen zeichneten sich ab, Kollaborateure der Nazis fürchteten Strafen.

Etwas Besseres als den Tod werden wir überall finden - angesichts der Grausamkeiten in Polen entschieden sich auch die Lessers zur zweiten Flucht. Für Lea gab es bei all ihren Ängsten und Ungewissheiten diesen einen Lichtblick: In den Lodzer Turbulenzen hatte sie Aron Waks kennengelernt. "Es war Liebe auf den ersten Blick", schwärmte sie noch sieben Jahrzehnte später.

Der stolze Aron und die selbstbewusste Lea - die Flucht trennte die Unzertrennlichen dann doch. Aron ging zuerst, er strebte als überzeugter Zionist Richtung Nahost und verließ Polen mit einer Gruppe Gleichgesinnter Mitte 1946. Bald darauf folgten die Lessers und erreichten über Wien die US-Besatzungszone Westdeutschlands.

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"Wir wollten doch alle zu den Amerikanern", erläuterte Lea Waks das Ziel der meisten Shoa-Überlebenden. Anfangs waren die Probleme auch bei den Amerikanern groß. So klagte Earl G. Harrison, Präsidentenberater aus Washington, nach einer Inspektionsreise in Westdeutschland, die eigenen Truppen würden "die Juden behandeln, wie es die Nazis taten, mit dem alleinigen Unterschied, dass wir sie nicht vernichten". Aber nach diesem blamablen Report änderten sich die Verhältnisse umgehend.

Die US-Militärs gestanden den jüdischen DPs nun eigene Camps zu, weitgehend selbstverwaltet. Vor allem erhielten auch die später eintreffenden Ostjuden den begehrten DP-Status - hier zeigten sich die Amerikaner weitaus generöser als etwa die Briten.

Schtetl im Land der Täter

Deshalb ballten sich die Camps in der US-Zone: in Bayern, zudem in Baden-Württemberg und Hessen. Zeitweise waren es mehr als 100 Camps. Die jüdischen Flüchtlinge glaubten, sich sozusagen schon "in verdünnter Form" in Amerika aufzuhalten, sagt der Historiker Dan Diner. Ihr wahres Ziel lautete Palästina, das verheißene Land, Erez Israel, oder vielleicht noch die USA, auf jeden Fall weit weg vom bedrohlichen Europa.

Also raus aus der Transitzone Deutschland - aber die baldige Auswanderung entpuppte sich schnell als Illusion: Niemand wollte diese Juden aus Osteuropa aufnehmen. Die Briten als Mandatsmacht in Palästina ließen nur ganz wenige legal ins Land, um es sich nicht mit den Arabern zu verderben. Die Immigrationsgesetze der USA waren streng; andere Staaten boten ebenso kleine Kontingente.

Daher saßen die jüdischen DPs gleichsam in der Falle, oft über viele Jahre. Und entwickelten in den Camps traditionelle Strukturen: Schulen, Synagogen, Bibliotheken, Theater, Zeitungen, Sportvereine. Die Umgangssprache war Jiddisch. So lebte auf deutschem Boden die altvertraute Schtetl-Kultur Osteuropas auf. Der Traum vom Exodus ließ sich erst spät verwirklichen, nach der Gründung des Staates Israel 1948. Bald darauf lockerten auch die USA die Einreisebestimmungen.

Lea Waks betonte immer wieder die Vorzüge der kleinen Lagerwelt in Ziegenhain: "Was sollten wir dort meckern? Nach den schlimmen Erfahrungen waren wir doch froh, endlich wieder unter uns zu sein. Allein das zählte!" Zumal die US-Army die Lagerbewohner mit Nahrung und Lebensnotwendigkeiten versorgte, ansonsten aber gewählten jüdischen Komitees die innere Organisation überließ.

Der Antisemitismus lebte weiter

Endlich Sicherheit, Aufbruch in ein neues Leben, ein selbstbestimmter Camp-Alltag - "wir waren schon die Könige hier", so Lea Waks. In seliger Erinnerung blieb ihr immer die Hochzeit mit ihrem Aron, der das Ziegenhainer Camp leitete. Es war ein richtiges jüdisches Fest: Rabbi, Gebet, Chuppa, Glasbruch, Festessen, Gesang und Tanz, nichts fehlte, Mazel Tov. Und dann kam der erste Sohn Ruwen, der heute in Israel lebt.

Viele Deutsche indes kannten für diese osteuropäischen Juden nur die alten antisemitischen Klischees - Schwarzhändler, Schieber, Wucherer. Der aggressive Nazi-Jargon lebte noch lange fort. Die DP-Camps galten als Fremdkörper. "Man ging dort nicht hin", sagen noch heute ältere Ziegenhainer.

Zudem schirmte eine meterhohe Bretterwand das Lager zur Umgebung ab. Dort galt wie überall: Empathie für Überlebende des Holocaust kannte die deutsche Nachkriegsgesellschaft nicht. Als 1951 deutsche Behörden die Lagerverwaltung von den Amis übernahmen, gewährten sie den Juden lediglich den Rechtsstatus von "heimatlosen Ausländern".

Leas Schicksal: Ihr Lagerleben dauerte über zehn Jahre, bis Anfang 1957 das letzte DP-Camp in Föhrenwald bei Wolfratshausen aufgelöst wurde. Viele Umstände führten dazu, dass die Familie nicht nach Israel auswanderte. Lea Waks ließ sich in Düsseldorf nieder und betätigte sich im Textilhandel. Nach Arons Tod zog sie nach Berlin, in die Nähe ihres zweiten Sohnes.

In hohem Alter fand sie im Bayerischen Viertel von Schöneberg ihre Identität als selbstsichere Jüdin, kess, schlagfertig, resolut. Als etwa eine Angestellte eines Berliner Ladens abfällig über Juden sprach, telefonierte sie sich bis zum Boss der Firmenkette durch. Und auch der Chefredakteur eines Boulevardblattes bekam es nach einem Artikel über Bushido, Rapper mit Hang zu antisemitischen Äußerungen, mit Lea Waks zu tun.

Auf ihrem Grabstein von 2015 steht: Eine Kämpferin, die das Leben liebte.

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