Schrift:
Ansicht Home:
einestages

Auf der Spur der Raketen-Nazis

Der Champagnerspion des Mossad

Auf geheimer Mission nach Kairo: Wolfgang Lotz lebte als millionenschwerer Pferdezüchter in Ägypten - zur Tarnung. In Wahrheit spionierte er dort für Israel deutsche Raketenforscher und Alt-Nazis aus.

SZ Photo
Von
Mittwoch, 25.10.2017   11:56 Uhr

Über den Bundesnachrichtendienst konnte Wolfgang Lotz nur lachen: "Keine Frauen, keine Bomben, keine Drogen, keine Erpressung. Was ist denn das für ein Geheimdienst", sagte er. Lotz war Lebemann - und Mossad-Agent.

Für den israelischen Auslandsgeheimdienst arbeitete er Anfang der Sechzigerjahre in Kairo. Seine Mission: Hochrangige ägyptische Militärs und deutsche Wissenschaftler ausspionieren, die im Auftrag von Staatspräsident Gamal Abdel Nasser Raketen bauten - viele davon Alt-Nazis.

Lotz' Tarnung war gleichzeitig sein Lockmittel: Der Agent war großgewachsen, blond, blauäugig und nach eigener Aussage ein "harter Trinker". Er gab sich als Pferdezüchter und ehemaliger Wehrmachtsoffizier aus, der unter Erwin Rommel im libyschen Wüstenkrieg gedient hatte.

"Sonne, Sex und Spaghetti"

Um seiner Legende die nötige Glaubhaftigkeit zu verleihen, pachtete er nahe den Pyramiden von Gizeh ein Gestüt mit Stallungen, Koppeln, einem Reitplatz - und Rennbahn.

Mit Erfolg: Lotz verkaufte unter anderem zwei Araberhengste an Baron Enrico di Portanova, ein italienischer Jet-Setter mit dem Lebensmotto "Sonne, Sex und Spaghetti". Und auch bei seiner eigentlichen Mission lief zunächst alles nach Plan.

Der vermeintliche Pferdezüchter fand Zugang zur High Society, die damals in das Café Groppi ging, das ein aus dem Tessin stammender Pâtissier 1924 eröffnet hatte, oder sich auf der noblen Nilinsel Zamalek im altehrwürdigen Gezira-Sportklub von 1882 traf, noch heute einer der teuersten Sportvereine in Ägypten. Lotz schloss dort Freundschaften mit zahlreichen ägyptischen Generälen - und auch mit einigen Exil-Deutschen.

Operation "Damokles"

Ägypten hatte bereits Anfang der Fünfzigerjahre eine ganze Heerschar deutschsprachiger Wissenschaftler in seinen Diensten, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges am Nil Rüstungsprojekte vorantrieben. Unter den ersten "Almani" waren: Wilhelm Fahrmbacher, General der Artillerie a.D., Wilhelm Voß, einstmals Generaldirektor der sogenannten Reichswerke "Hermann Göring" und Rolf Engel. Der ehemalige SS-Mann hatte für den NS-Staat die Raketenforschungsstätte Großendorf bei Danzig geleitet.

Auf diese erste Generation Forscher folgte Ende der Fünfziger eine zweite. Viele davon waren Experten des Stuttgarter Forschungsinstituts für Physik der Strahlantriebe. Unter der Leitung von Wolfgang Pilz, der unter den Nazis im Raketenzentrum Peenemünde gearbeitet hatte, sollten sie die militärische Schlagkraft Ägyptens ausbauen - und sie lieferten.

DER SPIEGEL

SPIEGEL-Titel von 1963 (Um die Titelgeschichte zu lesen klicken Sie bitte auf das Cover)

So konnte Staatspräsident Nasser im Juli 1962 vor Korrespondenten aus aller Welt in der Wüste Ägyptens stolz verkünden, dass er nun zwei Raketentypen besaß, die "bis südlich von Beirut" reichen würden - also nach Israel. Die Geheimdienste in Tel Aviv machten Jagd auf diese deutschen Wissenschaftler. Lotz war unter dem Decknamen "Samson" Teil der komplexen Operation "Damokles".

Aus der Kurpfalz nach Kairo

Bei Cognac, Wodka und Steinhäger traf er nach eigenem Bekunden viele ehemalige Nazis auf den zahlreichen Partys in Kairo - unter anderem Johann von Leers, NS-Schriftsteller und Mitarbeiter für Rassenfragen im Reichspropagandaministerium unter Joseph Goebbels, und Hans Kurt Eisele, SS-Hauptsturmführer und KZ-Arzt, der nun deutsche Rüstungsmitarbeiter und ihre Familie behandelte. Sein Hang zu ausschweifenden Festen, Tarnung und persönlicher Lebensstil zugleich, sollte Lotz später den Spitznamen "Champagnerspion" einbringen.

Dass der Lebemann in derart exklusive Zirkel vordringen konnte, lag aber auch an seinen perfekten Deutschkenntnissen. Der Israeli war 1921 in Mannheim als Sohn einer jüdischen Mutter und eines christlichen Vaters geboren worden. Die Eltern trennten sich zehn Jahre später, und die Mutter floh gemeinsam mit ihrem Sohn 1933 nach Palästina. Dort hebraisierte er seinen Namen: Aus Wolfgang Lotz wurde Ze'ev Gur-Arijeh.

Fotostrecke

Mossad-Spion Wolfgang Lotz: Sie nannten ihn Samson

Er kämpfte in der jüdischen Untergrundarmee Haganah, war während des Weltkrieges als Dolmetscher für das British Empire in Kairo und verhörte dort deutsche Soldaten, ehe er ab 1948 als Berufsoffizier in der israelischen Armee diente - bis er 1960 begann, für den Geheimdienst zu arbeiten. Aus seinem Badezimmer in Kairo funkte er fortan verschlüsselte Infos nach Tel Aviv. Das Funkgerät befand sich erst im Absatz seines Reitstiefels, dann in seiner Waage.

Zwei Ehefrauen - gleichzeitig

Zweimal im Jahr reiste er von Ägypten nach Paris, um seinen Vorgesetzten persönlich Bericht über die Mission zu erstatten. In der französischen Hauptstadt befand sich damals das Europa-Hauptquartier des Mossad. Dort lebten mittlerweile auch seine israelische Frau und sein Sohn Oded.

Auf einer seiner Rückreisen nach Kairo lernte Lotz 1961 eine junge deutsche Frau kennen: Waltraud Neumann, als Tochter von Zeugen Jehovas in Schlesien geboren. Es war Liebe auf den ersten Blick. Die beiden heirateten, sie ging mit ihm nach Ägypten - ohne, dass Lotz' Familie in Paris etwas davon ahnte. Der Mossad erfuhr später von der Doppel-Ehe, unterband sie aber nicht, da ihr Mann in Kairo weiter wertvolle Arbeit leistete.

So verschickte er unter anderem Drohbriefe an deutsche Wissenschaftler und deren Familien - von Ägypten aus. Die auf Deutsch verfasste Botschaft: Verlasst das Land, der Feind ist in der Nähe. Einige Briefe enthielten auch Sprengstoff. Es gab Tote und Verletzte. Da aber im gleichen Zeitraum auch Mossad-Agenten aus Europa Briefbomben nach Ägypten schickten, ist offen, ob Lotz für diese verantwortlich ist.

Am Ende Verkäufer bei Kaufhof

Lotz selbst hatte lange Glück - bis die ägyptische Staatssicherheit ihn im Februar 1965 schließlich verhaftete. Wie und von wem er enttarnt wurde, ist bis heute nicht klar. Statt jedoch lebenslang als Häftling mit der Nummer 388 im berüchtigten Tura-Gefängnis von Kairo zu sitzen, kam er bereits 1968 frei - im Tausch gegen fast 5000 ägyptische Soldaten, die im Sechstagekrieg in israelische Kriegsgefangenschaft geraten waren.

Erst jetzt erfuhr Lotz' israelische Familie von dem Ehe-Doppelleben des Agenten - und zwar nicht einmal von ihm selbst, sondern von einem Mossad-Mitarbeiter: "Kommen Sie nicht zum Flughafen. Ihr Mann kehrt nicht zu Ihnen zurück", teilte der Geheimdienstmann der entgeisterten Frau mit, die sich für das Wiedersehen mit ihrem in Freiheit entlassenen Gatten extra ein neues Kleid gekauft hatte.

Der Champagnerspion a.D. suchte derweil mit seiner deutschen Frau Waltraud sein Glück in der Nähe von Tel Aviv, wo er einen Reitstall eröffnete. Ein Flop. Anschließend übersiedelte er in die USA und beteiligte sich an einer Werbeagentur. Auch dieses Engagement brachte ihm nicht den gewünschten finanziellen Erfolg.

Schließlich kehrte er nach Deutschland zurück und verkaufte Angelausrüstung in der Sportartikel-Abteilung von Kaufhof am Marienplatz in München. Am 13. Mai 1993 starb er im Alter von 72 Jahren in München - als gebrochener Mann, verarmt und einsam. Er wurde in Israel bestattet.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP