Schrift:
Ansicht Home:
einestages

Marilyn Monroe als Babysitter

"Ich war das Objekt ihrer Begierde"

Joshua Greene landete regelmäßig im Bett von Marilyn Monroe - um dort von ihr durchgekitzelt zu werden: Sie war seine Nanny. Hier erzählt er vom Familienalltag mit der Ikone.

Milton H. Greene/ 2017 Joshua Greene
Ein Interview von
Mittwoch, 27.09.2017   15:33 Uhr

Zur Person

Ihre Füße stecken in goldenen High-Heels, seine in knallroten Schnürschuhen. Sie trägt ein grünschillerndes Nixen-Bustier mit goldenen Fransen an Busen und Po, er einen geräumigen Strampler. Beide zeigen viel Bein, lachen vergnügt in die Kamera - und scheinen sich prima zu verstehen. Joshua Greene, 2, und Marilyn Monroe, 30, Weltstar.

Das Foto entstand 1956 am Rande der Dreharbeiten zu "Bus Stop", als Monroe mal nicht das dumme Blondchen, sondern die texanische Animierdame Cherie verkörperte. "Bus Stop" war der erste Film, den sie nach Gründung ihrer Firma Marilyn Monroe Productions (MMP) drehte. 51 Prozent gehörten ihr selbst - 49 Prozent hielt Milton H. Greene, Monroes Leibfotograf, Businesspartner und Freund.

Sein Sohn Joshua Greene, heute 63 Jahre alt, hat für einen neuen Bildband 250 teils unveröffentlichte Monroe-Aufnahmen aus dem Archiv des Vaters eingescannt und digital restauriert. Sie zeigen die Ikone auf dem Höhepunkt ihres Ruhms: beim Plantschen im Pool, auf einem Elefanten reitend, mit Marlon Brando turtelnd. Die Superfrau, die so tragisch endete, hier wirkt sie glücklich und gelöst. Ganz wie Joshua Greene sie als kleiner Junge kennengelernt hat - so weit zumindest seine Erinnerung.

einestages: Ihr schönstes Spiel mit Monroe?

Joshua Greene: Ich rutsche das Treppengeländer runter, stoße mich mit den Füßen an der Mauer ab, springe die zwei Stufen zu ihrem Zimmer runter und hopse auf ihr Bett. Dort kitzelt Marilyn mich durch, bewirft mich mit einem Kissen. Ich springe vom Bett runter, renne die Treppe hoch und das Ganze geht von vorn los. Ich konnte nicht genug davon bekommen, wie ein Hund, dem man das Stöckchen wegwirft.

einestages: Klingt wie der Traum eines jeden Mannes.

Greene: Leider war ich ein sehr junger Mann damals - mit zwei, drei Jahren viel zu klein, um das wirklich zu würdigen (lacht). Für mich war Marilyn weder sexy noch berühmt, sondern eine ganz normale, wunderschöne Frau, die auf mich aufpasste, wenn meine Eltern ins Kino oder Theater gingen. Sie war wahnsinnig nett zu mir, badete mich, las mir Bücher vor, veranstaltete Quatsch mit mir. Marilyn liebte Kinder, auch weil sie nie welche hatte. Und ich war das Objekt ihrer Begierde.

Fotostrecke

Marilyn Monroe: Superstar, Supernanny

einestages: Wie kam es zur Freundschaft zwischen Ihren Eltern und Monroe?

Greene: Mein Vater lernte Marilyn im Sommer 1953 bei einem Fotoshooting für das Magazin "Look" kennen. Eigentlich war Milton ein sehr schüchterner Typ, schaffte es aber irgendwie, dass Menschen sich in seiner Nähe entspannten, ihm vertrauten. Marilyn schüttete Milton ihr Herz aus, sie war damals sehr unglücklich bei 20th Century Fox...

einestages: ...wo sie ausgebeutet und auf die Rolle des sexy-dummen Blondchens festgelegt wurde.

Greene: Mein Vater versuchte ihr einen Ausweg aufzuzeigen: weg mit dem zentimeterdicken Hollywood-Kleister in ihrem Gesicht, hin zu einem natürlichen Look. Er wollte ihr klarmachen, dass sie auch als selbstbestimmte, ernstzunehmende Schauspielerin eine Chance hat.

einestages: 1954 trennte Monroe sich von ihrem zweiten Ehemann, dem Baseball-Star Joe DiMaggio, und überwarf sich mit 20th Century Fox. Ende des Jahres checkte sie als "Zelda Zonk" am Flughafen in Los Angeles ein - und war weg.

Greene: Über Wochen wusste niemand, wo sie steckte. Marilyn war bei uns in Connecticut untergetaucht und gehörte quasi zur Familie. Das Gästezimmer, in dem sie wohnte, lag direkt neben der Hausbar, mit eigenem Ausgang nach draußen. Daheim trug sie weder Make-up, noch hatte sie ihr Haar frisiert. Die von ihr geschaffene Kunstfigur "Marilyn Monroe" konnte sie an- und ausknipsen. Von einer Sekunde auf die nächste.

einestages: Am 7. Januar 1955 war Schluss mit dem Versteckspiel.

Greene: Da gaben Marilyn und Milton die Gründung einer eigenen Firma bekannt, Marilyn Monroe Productions. Marilyn träumte davon, endlich ihre eigene Herrin zu sein - mein Vater davon, ins Filmgeschäft einzusteigen und Produzent zu werden.

einestages: Monroe nutzte die Wohnung Ihrer Eltern in New York, verbrachte regelmäßig die Wochenenden bei Ihnen in Connecticut. Wie wirkte sie auf Ihre Eltern?

Greene: Glücklich! Sie entspannte sich, hatte eine tolle Zeit, schien stabil. Marilyn ging viel spazieren und las alle Bücher, die meine Mutter ihr gab, lag stundenlang in der Badewanne. Samstagabends spielten meine Eltern und ihre Freunde oft Scharade. Milton und Marilyn waren ziemlich schlecht darin: Beide waren nicht in der Lage, sich zum Affen zu machen.

einestages: Milton schoss knapp 4000 Fotos von Monroe, war ihr Geschäftspartner, Berater, Freund. Er bezahlte ihre Klamotten und ihren Schauspielunterricht, führte sie ins New Yorker Nachtleben ein.

Greene: Oh ja, er stellte ihr Frank Sinatra, Dizzy Gillespie, Marlon Brando vor, der Marilyn mit zu den Actors Studios nahm.

einestages: Fast unvorstellbar, dass Ihr Vater nicht auch Monroes Lover war.

Greene: Wenn, dann hatten die beiden eine Affäre, bevor Milton meine Mutter kennenlernte. Affären hatte man damals en passant, eine Nacht und dann war Schluss.

einestages: War Ihre Mutter Amy nie eifersüchtig auf Monroe?

Greene: Ach wo! Eifersucht hatte keinen Platz in dieser Freundschaft. Amy war intellektuell, stark und unfassbar schön - manche sagen sogar: schöner als Marilyn. Ein ganz anderer Typ eben. Meine Mutter fand es furchtbar, dass Marilyn sich prinzipiell viel zu kleine Pullis kaufte. Und versuchte, sie von weiteren, eleganteren Kleidungsstücken zu überzeugen. Mode, bei der es nicht immer nur um Busen und Po ging.

einestages: Im Sommer 1956 heiratete Monroe Arthur Miller, bald darauf kam es zum Bruch zwischen Milton und ihr.

Greene: Mein Vater sagte zu Miller: "Sei einfach ihr Ehemann, ich mache den Rest." Aber der war scharf aufs Geld und wollte Miltons Job übernehmen. Miller bearbeitete Marilyn so lange, bis sie einwilligte, meinen Vater aus der Firma zu drängen.

Anzeige
Joshua Greene und Milton H. Greene:
Marilyn Monroe 50 Sessions

Schätze aus dem Fotoarchiv von Milton H. Greene, herausgegeben von Joshua Greene

Knesebeck; 360 Seiten; 60,00 Euro.

einestages: Was Anfang 1957 geschah. Miller hatte einkalkuliert, dass Milton Millionen von Dollar fordern würde.

Greene: Und war schockiert, als mein Vater nur 100.000 wollte, inklusive der Rechte für alle Bilder. Marilyn hat Milton das nie vergessen und ihn Zeit ihres Lebens sehr gerngehabt. Am Set von "Misfits" (dem letzten fertiggestellten Monroe-Film, gedreht im Jahr 1960) hörte Schauspieler Eli Wallach, wie Marilyn im Streit ihren Ehemann Arthur anbrüllte und ihm vorwarf: "Mit Milton hast du mir die einzige Person genommen, der ich je vertraut habe."

einestages: Wie hat Ihr Vater die Trennung verarbeitet?

Greene: Er war sehr traurig. Sein Traum, ein Hollywood-Produzent zu werden, war mit einem Mal geplatzt. Als er das akzeptiert hatte, setzte er seine Foto-Karriere fort.

einestages: Zwei Wochen vor Marilyns Tod am 5. August 1962 sollen die beiden miteinander telefoniert haben.

Greene: Meine Mutter hatte diesen Traum, dass Marilyn in Schwierigkeiten steckte. Amy wachte auf und befahl meinem Vater, am nächsten Tag bei ihr anzurufen. Was er getan hat. Wie in alten Zeiten redeten sie fast zwei Stunden am Telefon und vereinbarten, sich zu treffen, nach dem Mode-Fotoshooting meines Vaters in Paris. Als er dort war, erfuhr Milton dann von Marilyns Tod.

einestages: Ihr Vater glaubte nie an Selbstmord. Und Sie?

Greene: Ich kann bis heute nicht verstehen, was damals passiert ist, niemand kann das. Aber ist es wirklich so wichtig? Ich versuche, an die lebendige Marilyn zu denken, an den Mensch, der sie mal war. Eigentlich ist sie ja gar nicht tot: Madonna, Cristina Aguilera - jede Generation erfindet ihre eigene Marilyn.

Joshua Greene

Willy, die Stoffkatze: Geschenk von Marilyn für den kleinen Joshua

einestages: Ihr Vater starb 1985 in der Ungewissheit, was aus seinen Fotos wird. Die Negative hatten sich zum Teil schon verfärbt.

Greene: Ich habe Anfang der Neunzigerjahre die Möglichkeiten der digitalen Bearbeitung für mich entdeckt und angefangen, Foto um Foto zu restaurieren. Dabei dachte ich stets: Wie hätte mein Vater die moderne Technik genutzt, wenn er noch am Leben wäre? Eine Heidenarbeit. Das Ergebnis mag Puristen auf die Palme bringen - für mich ist es Kunst.

einestages: Mal abgesehen von den Fotos: Wie präsent ist Marilyn Monroe noch in Ihrem Alltag?

Greene: Sehr präsent. Allein schon wegen Willy, der Stoffkatze, die mir Marilyn zu meinem zweiten Geburtstag geschenkt hat. Ein süßes Ding, ungefähr so groß wie eine echte, mit grünen Augen. Willy hat bis heute einen Ehrenplatz in meinem Kleiderschrank.

Sagen Sie Ihre Meinung!

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP