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einestages

Obervolta im Freiheitstaumel

Mein Auto, mein Radio, meine Knarre

Als die französische Kolonie Obervolta in den Sechzigerjahren die Unabhängigkeit erlangte, schien plötzlich alles möglich. Zumindest vor der Kamera von Sory Sanlé, der die Träume seiner Landsleute porträtierte.

Sory Sanlé
Von
Mittwoch, 01.11.2017   12:30 Uhr

Drei schräge Typen in weiten Schlaghosen posieren vor einer exotischen Strandkulisse samt Kokospalme, die auf ein großes Bild gepinselt ist. Sie tragen riesige Sonnenbrillen, einer lässt cool eine Zigarette aus dem Mund baumeln. Fast könnte man sie für eine afrikanische Variante der Bee Gees halten. "Die Gentlemen aus Cocody" nannte Sory Sanlé das Trio, das er 1978 in seiner Heimat Obervolta, heute Burkina Faso, fotografierte. Eine ironische Anspielung auf den französischen Originaltitel des Abenteuerfilms "Pulverfass und Diamanten", in dem es Jean Marais und Liselotte Pulver in den Urwald der Elfenbeinküste verschlägt.

Sanlés ausdrucksstarke Schwarz-weiß-Aufnahmen, die er mit seiner Rolleiflex-Doppellinsen-Kamera schoss, sind jetzt in einem Bildband erschienen. Auf einem Foto trägt eine Frau ein modernes Bikini-Oberteil zu einer opulenten Kopfbedeckung, die sie wie eine Königin aussehen lässt. Stolz steht ein Mann im langen Gewand und flacher Mütze barfuß auf einem Motorrad. Ein Jugendlicher mit Schlapphut lümmelt auf einem Stuhl herum, auf dem Schoß ein Transistorradio. Neben ihm sitzt ein ernster Mann im traditionellen Gewand, der eine afrikanische Moolos-Gitarre spielt.

Westlicher Lebensstil und Popkultur prallen hier auf jahrhundertealte Traditionen. Als Sanlé 1943 in einem kleinen Dorf in der Region Hauts-Bassins geboren wurde, stand das westafrikanische Land noch unter französischer Kolonialherrschaft. Um nicht sein Leben lang auf dem Feld arbeiten zu müssen, ging er als Teenager in der Stadt Bobo-Dioulasso bei einem Fotografen aus Ghana in die Lehre. Sein erstes eigenes Atelier eröffnete er im Frühjahr 1960, wenige Monate bevor Obervolta eine unabhängige Republik wurde.

Fotostrecke

Ex-Kolonie Obervolta: Der Traum von Schlaghosen

"Begonnen hatte ich als Bildreporter bei einer Lokalzeitung", sagt Sanlé im Interview mit einestages. "Damals fotografierte ich vor allem Autowracks nach Unfällen." Manchmal knipste er an einem Tag um die 20 Filme voll und entwickelte das Material bis spät in die Nacht in seiner Dunkelkammer. An das Ende der französischen Kolonialepoche am 5. August 1960 erinnert sich noch genau. "Eine neue Ära fing an. Jugendliche hörten Musik, trieben Sport und gingen tanzen. Dadurch gaben sie unserem Land neuen Auftrieb", erzählt er." Ich hatte das Glück, diese Zeit der totalen Freiheit miterleben zu dürfen. Die Menschen dachten nicht an morgen, sie amüsierten sich einfach. Alles schien möglich zu sein."

Um die Aufbruchstimmung jener Jahre einzufangen, fuhr er mit seiner Fotoausrüstung und einem eigenen Stromaggregat bis in die entlegensten Dörfer. Mit den Menschen, die er ablichtete, feierte er ausgelassene Partys.

Auf den Straßen waren auf einmal immer mehr private Autos und Motorräder zu sehen. Man kleidete sich auch nach der westlichen Mode und hörte Schallplatten aus dem Ausland. "Damals wollten sich viele Leute aus Bobo-Dioulasso fotografieren lassen. Reiche, Arme, Junge und Alte, Christen und Muslime - alle kamen sie in mein Atelier."

Bald war Sanlés Porträtstudio "Volta Photo" in der ganzen Stadt bekannt. Und manche Kunden hatten ungewöhnliche Wünsche. Wie etwa ein Mann, der um ein Uhr nachts auftauchte und unbedingt mit seinem Motorrad aufs Bild wollte. Andere Leute waren weniger spontan. "Viele wollten sich erst umziehen und zurechtmachen. In meinem Studio gab es Schminke, Kleider und Krawatten. Manch einer wollte sich auch mit einem Radio, einem Telefon, einer Taschenlampe oder einer Pistole fotografieren lassen. Ich haben ihnen die Sachen gern gegeben, damit sie sich ein anderes Leben vorstellen konnten."

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Sory Sanlé:
Sory Sanlé

Volta Photo 1965-85

RAP Reel Art Press; 80 Seiten; 24,95 Euro.

Andere posierten in traditionellen Gewändern. Oder schlüpften in die Rolle von Kinohelden, die Schwerter schwangen. Irgendwann schaffte Sanlé sich auch bemalte Kulissen an, auf denen ein Dorf, eine antike Säule, ein Meeresstrand oder ein Flugzeug zu sehen waren. "Die meisten meiner Kunden kamen ja nie über Bobo-Dioulasso hinaus. Nur in meinem Studio konnten sie auch mal in Gedanken verreisen."

Auf vielen Fotos sind Musikinstrumente zu sehen. Eine große Leidenschaft Sanlés, dessen Cousin das Orchestre Volta-Jazz gründete. In den späten Sechzigern und frühen Siebzigern traten in der Stadt mehrere Bands auf, die Funk, Soul, Salsa und Rock spielten. "Wenn ich mit meinem Pick-up über die Dörfer fuhr, hatte ich immer die neuesten Platten dabei. Die Leute liebten Musik. In Bobo-Dioulasso gab es jeden Abend Livemusik, und ich ging oft hin, um mitten im Trubel auf den Auslöser zu drücken."

Die Fotos in dem Bildband entstanden in einem Zeitraum von 20 Jahren, zwischen 1965 und 1985. Was ist aus den Jugendlichen von damals geworden? "Einige sind schließlich doch in die Hauptstadt Ouagadougou oder in das Nachbarland Elfenbeinküste gezogen, um besser über die Runden zu kommen. Denn auch wenn die Stimmung in Bobo-Dioulasso scheinbar sorglos war, gab es zu wenig Arbeit." Manche Spuren haben sich verloren. Einigen seiner früheren Kunden läuft Sanlé heute aber noch täglich über den Weg. "Kein Wunder, ich habe mit der Zeit fast alle in der Stadt fotografiert. Eine ganze Generation ist in mein Studio gekommen."

insgesamt 2 Beiträge
Papazaca 01.11.2017
1. Großer Fotograf Afrikas
Sanle aus Bobo und Sidibe aus Bamako sind für mich große Fotografen. Wie sie ihre Kunden fotografierten, berührt mich. Vorstellungen, Wünsche, Mode - alles in einem Foto. Es erinnert mich entfernt an Sander, ist aber viel [...]
Sanle aus Bobo und Sidibe aus Bamako sind für mich große Fotografen. Wie sie ihre Kunden fotografierten, berührt mich. Vorstellungen, Wünsche, Mode - alles in einem Foto. Es erinnert mich entfernt an Sander, ist aber viel exotischer. Wenn ich wieder unten bin, würde ich beide gerne besuchen, um mir mehr von ihren Fotos anzusehen. Ihre Bücher werde ich in jedem Fall kaufen. Interessieren würde mich, ob Sanle sich irgendwie mit Thomas Sankara und seinem Freund und angeblichen Mörder Blaise Campaore fotografisch auseinander gesetzt hat oder das Thema besser mied.Beide waren ja Präsidenten. Einer der heiklen Punkte in Burkina's Geschichte.
Papazaca 04.11.2017
2. Welches Foto würde ich bei mir aufhängen?
Erstmal würde ich das Fotos maximal vergrößern (bevor sie unscharf werden), damit es richtig "reinhaut". Ja, mir gefällt "coolness", das an den Gangsta Rap erinnert. Der Traum vom Fliegen ist auch ein [...]
Erstmal würde ich das Fotos maximal vergrößern (bevor sie unscharf werden), damit es richtig "reinhaut". Ja, mir gefällt "coolness", das an den Gangsta Rap erinnert. Der Traum vom Fliegen ist auch ein tolles Foto, aber zu traurig. Beim fotografieren wurde dem Fotografierten wahrscheinlich klar, das alles ein Traum bleiben würde. Je öfter ich mir die Fotos ansehe, desto besser gefallen sie mir.

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