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"Landshut"-Entführung 1977

Fünf Tage in Todesangst

Terroristen entführten vor 40 Jahren den Ferienflieger "Landshut". Der Anführer drohte, Schönheitskönigin Diana Müll, 19, zu erschießen - die Geiseln durchlitten ein Martyrium, das sie bis heute nicht loslässt.

AP
Von
Mittwoch, 11.10.2017   12:31 Uhr

Diana Mülls Leben entschied sich in einer Flugzeugtür. Martyr Mahmud, selbsternannter "Captain", drückte der 19-Jährigen eine Pistole an die Schläfe und begann, bis zehn zu zählen. Ganz langsam. Gegenüber stand Souhaila Andrawes. "Sie hielt eine Handgranate in der Hand und grinste mich an", erinnert sich Müll an den Tag 1977, an dem sie als erste Geisel der gekaperten Lufthansa-Maschine sterben sollte.

Mit 85 weiteren Touristen und fünf Crewmitgliedern war die junge Frau aus Gießen auf dem Rückflug von Mallorca entführt worden. Vier palästinensische Terroristen hatten Flug LH 181 am 13. Oktober in ihre Gewalt gebracht . Damit wollten sie den Druck auf Kanzler Helmut Schmidt erhöhen, im Austausch für den von der Roten Armee Fraktion (RAF) entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer inhaftierte Gesinnungsgenossen freizulassen.

Die Ereignisse des Deutschen Herbstes prägen Müll noch 40 Jahre danach. Bis heute, sagt sie, kommen ihr in manchen Momente die Tränen: "Ich habe die ersten Jahre die ganzen Geschichten in mich reingefressen, dann musste ich therapiert werden, dass es wieder herauskam." Vor Kurzem ist sie zum ersten Mal wieder durch die Bordtür der "Landshut" gegangen.

Ihre fünftägige Odyssee hat Müll zusammen mit der Journalistin Christine Bode im Buch "Mogadischu" festgehalten: "Es gibt viele Geschichten über die 'Landshut', aber bislang keine aufgeschriebene Erzählung aus der 'Landshut'." Für Müll, heute 59, soll es ein Schlussstrich sein. Die Erinnerung an das Martyrium bleibt.

"Schamgefühl ist Luxus"

Auf Mallorca hatte Diana Müll, damals Schönheitskönigin der Inseldiskothek "Graf Zeppelin", zuvor unbeschwerte Tage verbracht. Zum Saisonende hatte die Disko die Titelträgerinnen des Sommers zu einem weiteren Urlaub eingeladen. "An der Miss-Wahl nahmen wir teil, weil wir kein Geld hatten, aber hörten, dass es eine Flasche Sekt gibt, wenn man mitmacht. Da war der Abend gerettet", erzählt Diana Müll. Die Reise gab es obendrauf. Heute sagt sie: "Hätte ich mein Bier mal lieber selbst bezahlt."

Als Captain Mahmud, der eigentlich Zohair Youssif Akache heißt, Diana Müll bedrohte, hätte sie längst zu Hause sein sollen, in ihrer neuen Wohnung - sie war gerade bei den Eltern ausgezogen. Stattdessen war sie nun gefangen im Flugzeug, das kreuz und quer durch den Nahen und Mittleren Osten flog.

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40 Jahre "Deutscher Herbst": Der lange Schatten der "Landshut"

Zuvor hatten die deutschen Linksterroristen der Siebzigerjahre Repräsentanten von Staat und Wirtschaft oder das US-Militär angegriffen. "Auf einmal waren einfache Mallorca-Urlauber betroffen, das war ein Schock", erklärt Historiker Hanno Balz, der die Debatte über die RAF erforscht hat. Angst und Gewalt prägten die Tage an Bord der "Landshut". Die Geiselnehmer brüllten herum und stießen Drohungen aus, zwischenzeitlich fesselten sie die Passagiere und überschütteten sie mit Alkohol (lesen Sie hier ein Protokoll der Ereignisse).

Diana Müll bekam wie viele andere Passagierinnen plötzlich ihre Periode. "Ich lernte nur allzu schnell, dass Schamgefühl ein Luxus ist, den man sich im Angesicht von Tod und Terror nicht leisten kann", schreibt sie im Buch und sagt über die dort geschilderten Szenen: "Ich wollte nichts schmälern von dem Horror" - die Sitze nass, die Kleidung klebte, im ganzen Flugzeug roch es nach Urin.

Terroristen-Freilassung war für die Regierung keine Option

Der Boeing 737 ging der Sprit aus, Zwischenlandung in Dubai - nach Rom, Zypern und Bahrain der vierte Stopp. Terrorist Mahmud ließ Diana Müll zu sich bringen: "Zuerst hatte er meine Freundin gefragt, wie alt sie ist. Als sie 16 sagte, ließ er von ihr ab." Ob ihm das Alter so wichtig war? "Vielleicht hat's mit dem Aussehen zu tun. Da hab ich mir lange drüber Gedanken gemacht. Vielleicht war es wieder einmal Zufall", sagt sie. Nur zufällig hatte sie auf Mallorca überhaupt noch den Flieger bekommen, die Tür musste wegen der Verspätung extra noch mal geöffnet werden.

In der geöffneten Bordtür, von außen gut sichtbar, begann der Entführer in Dubai nun zu zählen. Die Mündung der Waffe fühlte sich für Müll eiskalt an. "Schon nach kurzer Zeit hatte ich ein regelrechtes Taubheitsgefühl", schreibt sie. Mahmud verhandelte mit dem Tower übers Auftanken. Offiziell war Dubais Flughafen gesperrt gewesen, die "Landshut" auch hier nicht willkommen.

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Diana Müll und Christina Bode:
Mogadischu

Die Entführung der "Landshut" und meine dramatische Befreiung

riva; 192 Seiten; 14,99 Euro.

Die deutsche Regierung war zu Verhandlungen mit dem Terrorkommando nicht bereit. "In der Öffentlichkeit ahnte man bereits, dass die wilden Reiseaktivitäten von Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski nur ein Ablenkungsmanöver waren", so Historiker Balz. "Darüber wurde trotz Nachrichtensperre ausgiebig berichtet." Der von Kanzler Helmut Schmidt eingesetzte Sonderbeauftragte sollte immer nur sicherstellen, dass die jeweiligen Regierungen die Terroristen nicht aufnahmen.

Auch an Bord der "Landshut" ahnte man das. Müll erinnert sich: "Ich habe meiner Freundin gesagt, ich glaube nicht, dass er das tut", als es hieß, dass die RAF-Gefangenen freikommen sollen. Übel genommen hat sie es Schmidt im Nachhinein nicht. "Das kann man nicht machen. Die RAF hatte ja auch schon lange Hanns Martin Schleyer in der Gewalt, da wurde auch niemand ausgetauscht. Aber gehofft", räumt Diana Müll ein, "haben wir es schon".

Für Schmidt stand nach der Entführung des Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz fest: Einen weiteren Gefangenenaustausch darf es nicht geben - Staatsräson. "Damals hatte die Regierung die Kontrolle verloren, die Gefangenenfreilassung wurde mehrere Stunden live übertragen", erklärt Historiker Balz. Dass die RAF sich auf die Entführungsaktion der Palästinenser einließ, stuft er als "eine Verzweiflungstat und absolute Fehleinschätzung" ein.

Letzte Station Mogadischu

Als Terrorist Mahmud bei neun ankam, schloss Diana Müll mit ihrem Leben ab: "Ich wusste, ich musste mich jetzt für mein letztes Bild entscheiden." Bei zehn kam die Erlösung - der Tower ließ die Maschine auftanken. Müll brach zusammen, wurde ohnmächtig. Aber sie lebte.

Die Lage spitzte sich weiter zu, die "Landshut" hob mit unbekanntem Ziel ab. Große Hoffnungen setzten die Terroristen der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFPL) in den sozialistischen Bruderstaat Südjemen; dort gab es Ausbildungscamps der Terroristen. Doch als die Regierung die Landebahn in Aden blockierte und Flugkapitän Jürgen Schumann die Maschine auf einer Sandpiste daneben aufsetzen musste, wurde den Entführern klar, dass wohl kein Ort sie aufnehmen wollte.

Schumann machte einen Kontrollgang um das Flugzeug und sprach dabei mit dem jemenitischen Luftwaffenchef Ahmed Mansur, wie Filmautor Maurice Philip Remy vor rund zehn Jahren herausfand. Daher kam der deutsche Kapitän zu spät zurück. Es folgten Drohungen, Demütigungen, bis Entführer Mahmud ihn per Kopfschuss ermordete. Stundenlang lag Schumanns Leiche im Mittelgang.

Mit neuem Sprit flog die Maschine weiter nach Mogadischu. Über ihren Sonderbeauftragten, Spitzname "Ben Wisch", verhandelte die Bundesregierung nun direkt mit der somalischen Regierung, sagte neben Polizeiausbildung auch Finanzhilfen zu - diplomatisch so eingefädelt, dass damit später auch Waffen gekauft werden konnten, wie der Historiker Tim Geiger herausfand. Somalia ließ die GSG 9 landen.

"Operation Feuerzauber": Alle Geiseln gerettet

Unter Führung von Ulrich Wegener schlich sich die damals neue Spezialeinheit in der Nacht auf den 18. Oktober 1977 heran und stürmte um 0.05 Uhr das Flugzeug. "Köpfe runter. Wo sind die Schweine?", riefen die Männer mit den geschwärzten Gesichtern und eröffneten das Feuer. Drei der vier Geiselnehmer starben, nur Souhaila Andrawes überlebte verletzt.

Die Geiseln konnten alle gerettet werden. Noch im Flugzeug wurde Diana Müll gefragt, ob sie eine der Schönheitsköniginnen sei - die Beamten hatten darauf gewettet, wer sie wohl befreien würde.

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Neue Dokumente zur "Landshut"-Entführung: Lügen unter Freunden

Mit der geglückten Geiselbefreiung von Mogadischu war auch die "Offensive 77" der RAF gescheitert, ihr Versuch, inhaftierte Terroristen freizupressen. Noch in derselben Nacht begingen die RAF-Anführer Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe Selbstmord im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim, wie zuvor schon Ulrike Meinhof. Ebenfalls am 18. Oktober wurde der entführte Hanns Martin Schleyer ermordet.

Helmut Schmidt sagte im Nachhinein, er habe das Rücktrittsgesuch für den Falle eines Scheiterns der Rettungsaktion bereits im Schreibtisch gehabt. Er blieb Kanzler - obwohl er mit Nachrichtensperre und den Fahndungsmaßnahmen am Rande des Verfassungsbruchs agiert hatte. Der SPIEGEL titelte: "Der bewunderte Deutsche". Viele sahen das damals anders.

Für die RAF bedeutete die Geiselbefreiung laut Historiker Balz eine militärische wie "revolutionsmoralische" Niederlage - "sie brauchte mehrere Jahre, um sich wieder zu finden". Bei ihrem Start Anfang der Siebzigerjahre hatte die aus der Studentenrevolte hervorgegangene Baader-Meinhof-Gruppe noch viele Sympathien bei jungen Deutschen gefunden. Nach der weiteren Radikalisierung, nach den Morden an Siegfried Buback und Jürgen Ponto 1977, nach der Entführung von Schleyer und der "Landshut" blieb fast nur noch die Angst vor Anschlägen.

"Kunden kamen, um mich zu sehen"

Diana Müll, damals Verkäuferin in einem Kaufhaus, litt noch lange unter der Entführung. "Da kamen die Kunden, um mich zu sehen. Ich hab mich dann immer hinter dem Regal versteckt und schließlich meinem Chef gesagt, ich muss da weg." Sie hielt es nicht mehr aus und machte sich später mit einem Schönheitssalon selbstständig. Müll holte sich Hilfe, fliegt bis heute meist mit Beruhigungsmitteln.

Als Souhaila Andrawes, in Norwegen festgenommen und an Deutschland ausgeliefert, in Hamburg 1996 wegen der Entführung vor Gericht stand, wurde der Terror für Diana Müll wieder lebendig: "Ich saß auf einer Holzbank vor dem Saal, sie kam mit zwei Krücken auf mich zu. Da hab ich meiner Mutter gesagt, wenn die näher kommt, dann trete ich die Krücken weg."

Müll beherrschte sich. Bei anderen Überlebenden zerbrachen Ehen, einige haben Alkoholprobleme. Ihr Buch beschreibt Müll als eine weitere Therapie. "Ich habe das auch ein bisschen für meine Familie gemacht", sagt sie.

Das Wiedersehen mit der "Landshut" 2017 fiel Diana Müll leichter. Das Auswärtige Amt kaufte das Flugzeug, das als ausrangierte Frachtmaschine zuletzt jahrelang in Fortaleza verrottete, um es im baden-württembergischen Friedrichshafen auszustellen. Mit der "Bild" flogen Müll und andere Überlebende nach Brasilien. Bei der Ankunft der Maschine am Bodensee wurde sie sogar von dem früheren GSG-9-Mann überrascht, der sie aus der Maschine geholt hatte.

Historiker Balz warnt indes vor einem "Erinnerungsdisneyland" im technisch ausgerichteten Dornier-Museum. "An dem Flugzeug ist nichts authentisch außer der Stahlhülle", sagt er. Auch Diana Müll konnte sich bei ihrem Besuch in Fortaleza kaum orientieren, es waren keine Sitze mehr drin. Als sie aber nach 40 Jahren, so erzählt sie es, das erste Mal wieder durch die Bordtür ging, bekam sie Gänsehaut.

insgesamt 10 Beiträge
Franz Giessibl 11.10.2017
1. Erinnerungsdisneyland
Historiker Balz warnt indes vor einem "Erinnerungsdisneyland" im technisch ausgerichteten Dornier-Museum. "An dem Flugzeug ist nichts authentisch außer der Stahlhülle", sagt er. - und selbst die ist aus [...]
Historiker Balz warnt indes vor einem "Erinnerungsdisneyland" im technisch ausgerichteten Dornier-Museum. "An dem Flugzeug ist nichts authentisch außer der Stahlhülle", sagt er. - und selbst die ist aus Alu...
Christoph Pleger 11.10.2017
2. Nicht authentisch?
Momentan sicher, aber ich meine mich zu erinnern, dass die Maschine wieder in den Zustand zurückversetzt werden soll, wie sie zum Zeitpunkt der Entführung war - wenn auch nicht mit den damaligen Originalteilen.
Momentan sicher, aber ich meine mich zu erinnern, dass die Maschine wieder in den Zustand zurückversetzt werden soll, wie sie zum Zeitpunkt der Entführung war - wenn auch nicht mit den damaligen Originalteilen.
Dirk Hensel-Schael 11.10.2017
3. Disneyland
Ja das trifft es ich frage mich was das soll außer dass es Kosten verursacht, soll irgendwann auch das Wrack vom Anschlag auf Herrhausen ausgestellt werden Es ist zwar schon geschichtsträchtig aber dieser Zeitraum ist doch sehr [...]
Ja das trifft es ich frage mich was das soll außer dass es Kosten verursacht, soll irgendwann auch das Wrack vom Anschlag auf Herrhausen ausgestellt werden Es ist zwar schon geschichtsträchtig aber dieser Zeitraum ist doch sehr kurz um hier viele Besucher zu generieren. Aber kostet ja nichts !
Reinhard Kupke 11.10.2017
4. Der SPIEGEL titelte:
Kann ich nicht nachvollziehen. Auch in der DDR waren bis auf die Medien alle die ich kenne froh über die Befreiung und stolz auf die Leistung der GSG 9 und das Verhalten von Schmidt und der gesamten Regierung. Klar, "Neues [...]
Kann ich nicht nachvollziehen. Auch in der DDR waren bis auf die Medien alle die ich kenne froh über die Befreiung und stolz auf die Leistung der GSG 9 und das Verhalten von Schmidt und der gesamten Regierung. Klar, "Neues Deutschland", "Aktuelle Kamera" usw. haben gegeifert über "die erste deutsche Invasion in einem anderen Land nach dem zweiten Weltkrieg" usw., aber darüber hat man gelacht.
Armin Koch 11.10.2017
5. Damals
Weiß noch genau, wie in den Spätnachrichten ein kurzer Film gezeigt, wo ein paar Männer in ein Flugzeug stiegen. Kommentar: Die GSG 9 fliegt wieder (von Griechenland) zurück nach Deutschland. Damals habe ich zu meinem Vater [...]
Weiß noch genau, wie in den Spätnachrichten ein kurzer Film gezeigt, wo ein paar Männer in ein Flugzeug stiegen. Kommentar: Die GSG 9 fliegt wieder (von Griechenland) zurück nach Deutschland. Damals habe ich zu meinem Vater gesagt: Die fliegen nicht zurück. Glaube, ich hatte sogar mit ihm gewettet. Bei aller Euphorie die nach der Befreiung herrschte, wir hatten auch Glück, dass alles so ausgegangen ist. Wäre vielleicht nie so weit gekommen, wenn man bei Lorenz schon hart geblieben wäre. Da hat Schmidt Kohl nachgegeben. Der Austausch war menschlich verständlich, politisch ein fataler Fehler.

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