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einestages

Serienmorde in der Weimarer Republik

Berlin, Hauptstadt der Verbrechen

Schreie dringen 1921 nachts aus einer Berliner Wohnung. Als die Polizei die übel zugerichtete Frau entdeckt, fällt ein Beamter in Ohnmacht. Es ist einer der spektakulärsten Kriminalfälle aus Berlins wildesten Jahren.

picture alliance/ Rolf Kremming
Von
Montag, 16.10.2017   19:01 Uhr

Mal ein Frauenkopf, mal ein weiblicher Torso, ein Bein, ein Arm - fast täglich muss die Berliner Polizei im Frühjahr 1921 aus dem Engelbecken oder dem Luisenstädtischen Kanal abgetrennte Körperteile bergen. Fundort ist Friedrichshain, eines der ärmsten Viertel der vier Millionen Einwohner zählenden Stadt.

Für die Mitarbeiter der Gerichtsmedizin beginnt daraufhin eine grauenvolle Puzzle-Arbeit: In Metallwannen fügen die Männer zusammen, was zuvor getrennt worden war. Am Ende zählen sie 23 Leichen und die Ermittler der Polizeistation am Alexanderplatz wissen, dass sie es erneut mit einem Massenmörder zu tun haben.

Mord, Totschlag, Raub, Einbruch, Betrug - und als irre Begleitmusik immer wieder Krawalle von rechts oder von links, Tote auf den Straßen, Kommunisten oder Nationalisten: Die Zwischenkriegsjahre, die Zeit der Weimarer Republik, sind für Berlin die Hochphase von Verbrechen und Kriminalität.

In der Großstadt treffen zwei Welten aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten: In den engen, feuchten Wohnungen der Hinterhöfe drängen sich kinderreiche Familien, während die Metropole gleichzeitig für ein glamouröses Nachtleben bekannt ist: Frauen mit schmalen Körpern in glänzenden Kleidern, Männer mit Frisiercreme im elegant gekämmten Haar, Sektkelche in der Hand, Zigarrenqualm in der Luft. Kokain ist das Elixier der Nacht. Historiker sprechen heute von den wildesten Jahren der Stadt.

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Berlin, Metropole des Verbrechens: Mord und Nachtleben

Auf der Suche nach Arbeit und einer hoffnungsfrohen Zukunft kommen jeden Tag neue Menschen nach Berlin - nicht wenige reisen in ihr Verderben. Ankunftsort ist häufig der Schlesische Bahnhof, heute Ostbahnhof. Junge Frauen aus der Provinz hoffen auf eine Anstellung als Dienstmädchen in einem vornehmen Haushalt, weiße Schürze und Haube inklusive. Doch für hilf- und ahnungslose Landpomeranzen interessiert sich auch der Hausierer Carl Großmann. Der Serienmörder mit den kalten, tiefliegenden Augen ist damals schon fast 60 Jahre alt. Er "schnackt sie mit", wie es damals heißt, lockt sie in seine Wohnung. Seine Polizeiakte beschreibt ihn als perversen Lustmörder.

Großmann soll seine Opfer bestialisch gequält haben, bevor er ihre Körper zerstückelte und schließlich in seinem Ofen oder im nahen Kanal entsorgte. "Zerstückelte weibliche Leichen!" steht auf dem Fahndungsplakat, das die Berliner 1921 elektrisiert und auf dem die Polizei um Hinweise nach Funden von Leichenteilen bittet.

Foto: SPIEGEL TV

Großmann kann schließlich geschnappt werden - auf frischer Tat, nachdem eines Nachts unmenschliche Schreie aus seiner Wohnung drangen. Als Polizisten die Tür gewaltsam öffnen, steht der Täter nackt und blutbesudelt vor ihnen. Er war dabei, einer jungen Frau ein Bein abzutrennen. Noch lebt sie, stirbt dann aber noch während die Polizei am Tatort ist. Schätzungen zufolge hat Großmann bis zu 100 Todesfälle zu verantworten.

Die Mordinspektion wird damals von einer wahren Koryphäe geleitet, dem schwergewichtigen Junggesellen Ernst Gennat. Während seiner 33-jährigen Polizeidiensttätigkeit soll er 298 Morde aufgeklärt haben. Die von Gennat entwickelte Vorgehensweise bei Tötungsdelikten hat bei der Kripo zum Teil bis heute Bestand. Nach Gennats Plänen wurde das sogenannte "Mordauto" gebaut, ein fahrbares Labor zur Tatortaufnahme. Der berühmte Ermittler gilt außerdem als erster "Profiler", lange bevor es den Begriff bei der Polizei überhaupt gibt.

Um Verbrechen aufzuklären, spannt Gennat gezielt die Presse ein. Er lässt Fahndungsplakate aufhängen, die Aufmerksamkeit erzeugen. Und er ordnet an, dass seine Kommissare Beschuldigte mit Respekt behandeln. Im Klartext: keine körperliche Gewalt bei Vernehmungen.

Die Kriminalpolizei Berlins hat es gleich zu Anfang der Weimarer Republik mit zwei Serienmördern zu tun. Neben Großmann ist das ein Kriegsheimkehrer, der sich im idyllischen Spandauer Forst, am Ufer des Falkenhagener Sees, herumtreibt. Friedrich Schumann tötet scheinbar wahllos Menschen - Spaziergänger, Liebespaare, Anwohner. Frauen vergewaltigt er zunächst, bevor er sie mit seiner Pistole erschießt. Jahrelang kann er nicht gefasst werden, verschwindet wie ein Phantom und lässt die Leichen im Unterholz zurück. Am See geht die Angst um, erste Anwohner verkaufen ihre Häuser.

In der dünnen Ermittlungsakte, die bis heute erhalten ist, ist von 50 Verbrechen die Rede. Dem verheirateten Schlosser werden sieben Morde, 15 Mordversuche, fünf Brandstiftungen, elf Notzuchtverbrechen, dazu Diebstähle und Raube zur Last gelegt. Schumann wird zum Tode verurteilt und 1921 im Alter von 28 Jahren im Gefängnis Plötzensee hingerichtet. Seinem Anwalt, dem damals bekannten Strafverteidiger Erich Frey, gestand Schumann kurz vor seinem Fallbeiltod noch weitere Morde - insgesamt 25 sollen es gewesen sein.

Doch der Fall des ersten Massenmörders der Weimarer Republik erregt kein allzu großes Aufsehen, er geht in den Wirren von Kriegsende, noch unbekannter Demokratie, hoher Arbeitslosigkeit, Hunger und Elend fast unter. Zu sehr sind die meisten Menschen mit dem eigenen Überleben beschäftigt. Es herrscht Chaos in der Millionenmetropole.

Und es gibt dort auch Verbrecher, für die man geradezu Sympathie empfindet, wie etwa die eleganten Brüder Franz und Erich Sass. Mit Bankeinbrüchen schaffen sie den Aufstieg aus ärmlichen Verhältnissen in die Welt der Lebemänner, mit Robin-Hood-Einschlag. Sie sind die ersten Geldschrankknacker, die mit Schneidbrennern arbeiten. Nach einigen Fehlschlägen drehen sie das ganz große Ding - und räumen eines Nachts Hunderte reich gefüllte private Schließfächer einer Bank aus. Anschließend sollen einige arme Familien in ihrer Nachbarschaft plötzlich Briefumschläge mit Geldscheinen vorgefunden haben, heimlich unter der Wohnungstür durchgeschoben.

Diese und weitere Kriminalfälle sind Thema der zweiteiligen TV-Dokumentation "Sündenbabel Berlin - Metropole des Verbrechens 1918 - 1933" von SPIEGEL Geschichte-Autorin Nathalie Boegel.

insgesamt 3 Beiträge
Hans Mayer 16.10.2017
1.
Der Luisenstädtische Kanal floss durch Kreuzberg und Mitte, er verband die Spree mit dem Landwehrkanal. Das Engelbecken befindet sich in Kreuzberg und hat auch nichts mit Friedrichshain zu tun. Der Kanal wurde 1926 zugeschüttet. [...]
Der Luisenstädtische Kanal floss durch Kreuzberg und Mitte, er verband die Spree mit dem Landwehrkanal. Das Engelbecken befindet sich in Kreuzberg und hat auch nichts mit Friedrichshain zu tun. Der Kanal wurde 1926 zugeschüttet. Nur das Engelbecken existiert noch.
Thomas Heise 17.10.2017
2. Luisenstädtischer Kanal
Bis 1920 hieß der Verwaltungsbezirk Hallesches Tor. Ab 1920 Kreuzberg.
Bis 1920 hieß der Verwaltungsbezirk Hallesches Tor. Ab 1920 Kreuzberg.
Barbara Fischer-Bossert 18.10.2017
3.
In dieselbe Zeit fällt auch der Fall Haarmann in Hannover. Berlin war nicht allein ...
In dieselbe Zeit fällt auch der Fall Haarmann in Hannover. Berlin war nicht allein ...

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