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Rätselfotos aus 10 Jahren einestages

Ich möchte dein Eisbär sein

Was treibt der Eisbär am Strand? Woher kam das "fliegende Auge", und warum bloß sitzt das Baby im Käfig? Seit zehn Jahren spürt einestages skurrilen Fotos nach. Leser halfen dabei, viele Geheimnisse zu lüften.

Jean-Marie Donat
Von
Samstag, 14.10.2017   17:08 Uhr

Auf der Skipiste, in der Kneipe, am Strand. Arm in Arm mit Kleinkindern, schönen Frauen, mit SS-Männern. Das weiße Zotteltier tummelt sich einfach überall und herzt die ganze Welt. Selbst auf einem Motorrad scheint es sich pudelwohl zu fühlen.

Doch was zum Teufel treibt der Eisbär auf all diesen alten Schwarz-weiß-Fotos? Und warum blieb er nicht am kalten Pol, wieso fühlt er sich ausgerechnet in deutschen Gefilden so wohl?

2015 wurde einestages dank eines Hinweises des französischen Sammlers Jean-Marie Donat aufmerksam auf diesen merkwürdigen Trend: Wieder und wieder ließen sich Menschen in der Vergangenheit mit einem Scherzbold im Eisbärenkostüm ablichten. Gut 300 Bären-Schnappschüsse hatte Donat auf deutschen Flohmärkten aufgetrieben und war verblüfft: "Das wirkte unglaublich surrealistisch. Das Ganze ist ein großes Rätsel."

Kulturhistoriker Michael Schimek zufolge begann die Eisbären-Manie Anfang der Dreißigerjahre in deutschen Bade- und Kurorten. Ein Foto mit dem coolen Pelztier als skurriles, nicht ganz billiges Urlaubssouvenir also. Erst Mitte der Sechzigerjahre flaute das Geschäft mit den Eisbärenfotos ab, so Schimek.

Warum die Deutschen sich gerade mit dem Polarbären so gern ablichten ließen, kann auch er nicht erklären. Dafür hatten einestages-Leser tolle Ideen, sandten zahlreiche Bilder ein und halfen mit, den kuriosen Hype einzuordnen. Danke dafür!

Das Rätsel des fliegenden Auges

Die Eisbärenfotos zählten zu den sonderbarsten Rätseln, die in den vergangenen zehn Jahren die einestages-Redaktion beschäftigten. Immer wieder ging es um Bilder ungeklärten Ursprungs. Der französische Historiker Pierre Nora hat die Fotografie einmal als Momentaufnahme bezeichnet, "dem unaufhörlichen Lauf der Zeit entrissenes Überbleibsel einer verschwundenen Realität". Wer sie zu deuten weiß, kommt der Zeitgeschichte ein Stück näher. Doch was tun, wenn unklar ist, wer das Foto schoss?

Mehrfach haben einestages-Leser zur Lösung kniffliger Rätsel beigetragen. Etwa im Fall eines privaten Nazi-Fotoalbums, das 2011 in New York auftauchte und Bilder von zerbombten Städten, gefangenen Juden sowie Nahaufnahmen Adolf Hitlers enthielt. 210 Fotografien, gestochen scharf, Urheber unbekannt.

Fotostrecke

Bilderfund: Das Rätsel des Nazi-Fotoalbums

Das Fotoblog "Lens" der "New York Times" und einestages veröffentlichten zeitgleich eine Auswahl der Bilder - und binnen weniger Stunden konnte die Identität des Fotografen geklärt werden: Der Gesuchte war Franz Krieger, ein österreichischer Pressefotograf, der vor dem Krieg Filmgrößen wie Marlene Dietrich und Hans Albers abgelichtet hatte.

Auch das "Rätsel des fliegenden Auges" war schnell gelöst: Es handelte sich um spektakuläre Fotos, geschossen 1942 an der Ostfront von einem unbekannten Luftwaffensoldaten. Die Bilderserie war anonym ins Netz gestellt worden, 2010 rief einestages zur Suche nach dem Urheber auf. Dank kollektiver Detektivarbeit war bald nicht nur die Einheit und das Flugzeug des Anonymus identifiziert, sondern auch sein Name: Johannes Hähle, 1906 geboren, seit 1932 NSDAP-Mitglied - und jener Fotograf, der auch die unfassbaren NS-Massaker in der Schlucht von Babij Jar dokumentierte.

Stones beim Planschen, Babys beim Lüften

Trotz zahlreicher Zuschriften konnte nicht in jedem Fall zweifelsfrei geklärt werden, wer der Urheber der gehobenen Fotoschätze war. Von wem stammen die faszinierenden Nachkriegsaufnahmen Berlins? Welcher US-Fotograf reiste im Jahr 1904 quer durch Europa und knipste Hunderte hochwertiger Fotos? Ihm verdanken wir Bilder von Wäsche waschenden Französinnen am Strand der Normandie, von korpulenten Wiener Spargelverkäuferinnen und von einem Londoner Leierkastenmann.

Und: Wer lichtete die Rolling Stones 1965 beim Plantschen im Pool ab? Brian Jones in geringelter Badehose, kurz vorm Köpper, Mick Jagger im orangefarbenen Modell, Bierdose in der Hand: allesamt harmlos-happy wie Teenies in den großen Ferien. Wen ließen sie damals so nah an sich ran?

einestages fahndet nach dem Ursprung außergewöhnlicher Fotoschätze und versucht ebenso den Sinn skurriler Motive zu ergründen. So geht es in der Rubrik "Augenblick mal" darum, wieso Menschen ihre Babys früher zum Lüften in Käfige steckten. Warum Denker wie Jean-Paul Sartre nach dem Ersten Weltkrieg mit großer Inbrunst auf sich selbst schossen. Und weshalb Trauernde ab Mitte des 19. Jahrhunderts Unsummen ausgaben, um mit einem Stück Mull abgelichtet zu werden.

Obwohl wir die Leser fragten und Bücherberge wälzten, mit Experten sprachen und das Netz nach Antworten durchforsteten: Manches Motiv lässt sich einfach nicht enträtseln. Warum? Weil es schon in Zeiten lange vor Facebook, Instagram und Co. Menschen gab, die einen Riesenspaß an exzentrischer Selbstdarstellung hatten.

Fotostrecke

Skurrile Schwarzweißfotos: Jeder Knips ein Knaller

Oder welchen Grund sonst könnte es geben, sich nackt mit einem Skelett auf dem Sofa ablichten zu lassen? Rätseln Sie selbst!

insgesamt 2 Beiträge
Harald Pflüger 14.10.2017
1. Fotoschießen geht anders!
Beim Fotoschießen legt niemand auf sich selbst an. Man zielt ganz normal auf eine 1oer-Scheibe. Trifft man genau die Mitte, so löst dies ein Blitzfoto aus wie abgebildet.
Beim Fotoschießen legt niemand auf sich selbst an. Man zielt ganz normal auf eine 1oer-Scheibe. Trifft man genau die Mitte, so löst dies ein Blitzfoto aus wie abgebildet.
Alexander Langfellner  19.10.2017
2. Bild mit Batman auf dem Elefanten
Das Bild zeigt Adam West der Batman in der Serie in den 60ern darstellte. Das Foto stammt wohl vom Set aus dem Jahr 1967. Zumindest hat das meine 2 Minuten Google Recherche ergeben.
Das Bild zeigt Adam West der Batman in der Serie in den 60ern darstellte. Das Foto stammt wohl vom Set aus dem Jahr 1967. Zumindest hat das meine 2 Minuten Google Recherche ergeben.

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