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Weltkriegs-Rätsel

Neuseeländer findet deutschen Retter seines Großvaters

Ein Neuseeländer sucht den deutschen Soldaten, der seinem Großvater im Ersten Weltkrieg das Leben rettete. Fast ein Jahrhundert nach der Heldentat führt die Spur in ein Dorf in Niedersachsen.

DPA
Samstag, 14.10.2017   14:39 Uhr

Seit Tagen bimmelt es pausenlos bei Familie Rabe. Für die vielen Telefonanrufe hat ein Neuseeländer namens Hayden Cullen gesorgt, mit einer Geschichte, die wie aus einem Hollywoodfilm klingt: Im Ersten Weltkrieg bricht ein neuseeländischer Soldat in einem Gefecht 1918 blutüberströmt zusammen. Ein deutscher Offizier rettet ihm das Leben. Kurz bevor der Deutsche in Gefangenschaft gerät, überlässt er dem Verwundeten seine Brieftasche, versehen mit Namen und Adresse.

Seit Jahren versucht die Familie des neuseeländischen Soldaten, die Nachfahren des Lebensretters ausfindig zu machen - lange vergebens. Nun könnte es ein Happy End geben.

Neuseeland hatte sich mit rund 100.000 Soldaten am Ersten Weltkrieg beteiligt - mehr als 16.000 von ihnen starben. Kurz vor Kriegsende verwundete eine Granate den Neuseeländer Ray Cullen in der französischen Gemeinde Le Quesnoy, die vier Jahre lang in deutschen Händen gewesen war. Die fünf neuseeländischen Soldaten um ihn herum, so schildert es der neuseeländische Militär, wurden getötet. Cullen überlebte mit schweren Verletzungen und brach wegen des Blutverlusts zusammen.

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99 Jahre altes Kriegsrätsel: "Er hat einen Feind gerettet"

Als deutsche Soldaten, die sich ergeben wollten, ihn fanden, ordnete ein deutscher Offizier an, sie sollten aus ihren Uniformen eine Trage machen. So kam Cullen in medizinische Behandlung und war gerettet.

Fast 99 Jahre danach wendet sich sein Enkel Hayden, der ebenfalls Soldat wurde, an die Medien. Die Geldbörse hatte sein Großvater nach Kriegsende mit auf den Hof der Familie bei Te Awamutu in Neuseeland gebracht. Über das neuseeländische Militär veröffentlicht Cullen eine Pressemitteilung mit einem Foto der Brieftasche. Die Inschrift ist deutlich zu sehen: "H. Held" mit der Adresse Eppensen - ein kleines Dorf in Niedersachsen nahe Lüneburg, wo sich so gut wie jeder kennt. Nur: Es gibt dort niemanden mit dem Nachnamen Held.

"Warum nicht ein zweites Wunder?"

Über das Internet erfährt der Stadtarchivar Tino Wagner aus dem nahe gelegenen Bad Bevensen von Cullens Suche. Eine faszinierende Geschichte, meint er und wird schließlich in alten Kirchenbüchern fündig. Er entdeckt einen 1898 geborenen Heinrich Held. Doch der starb 1928, ohne Kinder zu hinterlassen. Damit würde die Spur hier enden - wäre nicht der Eppenser Hobbyhistoriker Jürgen Könneker vor Jahren in den Besitz eines Fotos der Familie Held um 1913 gekommen. Es zeigt Vater, Mutter, Sohn und Tochter.

Der Soldat Heinrich Held hatte also eine Schwester. "Die hat später den Kaufmann des Ortes geheiratet", erzählt Könneker. Das Paar bekam wiederum eine Tochter, die heute im Nachbarort Barum lebt. Helga Rabe heißt sie, ist 75 Jahre alt und weiß nur wenig über Onkel Heinrich, der lange vor ihrer Geburt starb. Ihre Mutter habe den Bruder nur am Rande erwähnt, erzählt sie.

Rabe blättert in einem Album mit alten Schwarz-weiß-Fotos, manche zeigen Soldaten in Uniform. Ob Heinrich Held darunter ist, vermag sie nicht zu sagen. Dass er Cullens Großvater an der Front geholfen haben soll, hat sie erst wenige Tage zuvor aus der Zeitung erfahren.

"Er war ein Held damals", sagt ihr Mann Wilhelm Rabe. "Er hat einen Feind gerettet." Die Familie würde von Cullen gern mehr darüber erfahren. Cullens Großvater hatte damals in einem Brief an seine Familie über die wundersame Rettung berichtet. "Es wäre schön, wenn er sich meldet", sagt auch Helga Rabes Tochter Anja.

Hayden Cullen war über das neuseeländische Militär zunächst nicht zu erreichen. Er befindet sich gerade selbst in Europa und ist für eine Gedenkfeier nach Belgien gereist, an der er als Musiker der Armeeband teilnimmt. Im Gepäck: die Brieftasche und die Hoffnung, doch noch etwas über den Retter seines Großvaters herauszufinden.

"Ich weiß, es ist lange her", zitiert ihn das neuseeländische Militär. "Aber wenn ein Wunder geschehen kann, wieso nicht auch ein zweites?" Das könnte sich nun erfüllen.

Schlachtfeld-Fotos: "Im Morgengrauen waren alle Soldaten gleich"

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version dieses Textes war das Todesjahr von Heinrich Held mit 1929 angegeben, tatsächlich starb er im Jahr 1928.

Von Irena Güttel, dpa/jol

insgesamt 5 Beiträge
Ronald Vopel 14.10.2017
1. Gähn
Die Wahrheit ist natürlich, dass das gegenseitige rücksichtslose Abschlachten im Krieg die Norm ist, und eben nicht die menschliche Geste. Und nur für's Töten gibt's die Orden.
Die Wahrheit ist natürlich, dass das gegenseitige rücksichtslose Abschlachten im Krieg die Norm ist, und eben nicht die menschliche Geste. Und nur für's Töten gibt's die Orden.
Christoph Röhrs 14.10.2017
2. Bahre-Trage
Eine Bahre ist für den Transport von Toten, eine Trage für den Verletzter
Eine Bahre ist für den Transport von Toten, eine Trage für den Verletzter
Olli68 14.10.2017
3.
"Gähn Die Wahrheit ist natürlich, dass das gegenseitige rücksichtslose Abschlachten im Krieg die Norm ist, und eben nicht die menschliche Geste. Und nur für's Töten gibt's die Orden." Gerade deshalb machen doch [...]
"Gähn Die Wahrheit ist natürlich, dass das gegenseitige rücksichtslose Abschlachten im Krieg die Norm ist, und eben nicht die menschliche Geste. Und nur für's Töten gibt's die Orden." Gerade deshalb machen doch die vereinzelten Abweichungen von der "Norm" des kollektiven Schlachtens Mut. Ermutigend auch, dass es immer wieder Fälle gab, wo den Soldaten bewusst wurde - auf der anderen Seite steht kein Feind, sondern ebenfalls ein Mensch. Und dass sich heute Europäer, Kanadier und Neuseeländer zivilisiert und vorbehaltlos als gleichberechtigte Partner gegenüber stehen, finde ich einen echten Fortschritt. Nie wieder Krieg! Als mein Sohn 13 war, haben wir die Schlachtfelder bei Verdun besichtigt, in der Hoffnung, dass es NIE wieder zum gegenseitigen rücksichtslosen Abschlachten kommt...
Hermann Schultz 14.10.2017
4. Danke für diese Geschichte
Anrührende und wunderschöne Geschichte, die deutlich macht, dass auch im Krieg Mitmenschlichkeit zählen kann. Es gibt aus dem 1. Weltkrieg auch einige andere Geschichten, beispielsweise das gemeinsame weihnachtliche Singen und [...]
Anrührende und wunderschöne Geschichte, die deutlich macht, dass auch im Krieg Mitmenschlichkeit zählen kann. Es gibt aus dem 1. Weltkrieg auch einige andere Geschichten, beispielsweise das gemeinsame weihnachtliche Singen und ein Bericht über ein Fußballspiel zwischen den Schützengräben. Kriege sind immer tragisch, aber Menschen können auch dort menschlich bleiben.
Patrick Mayer 14.10.2017
5.
Es gibt diese Geschichten. Mein Opa hat mir oft erzählt, wie sie im 2. Weltkrieg auf einem Kriegsschiff im Indischen Ozean Teile der Besatzung eines abgeschossenen, englischen Schiffes aufgenommen haben um sie vor dem Ertrinken [...]
Es gibt diese Geschichten. Mein Opa hat mir oft erzählt, wie sie im 2. Weltkrieg auf einem Kriegsschiff im Indischen Ozean Teile der Besatzung eines abgeschossenen, englischen Schiffes aufgenommen haben um sie vor dem Ertrinken zu retten. Man liest davon selten etwas, aber offensichtlich gab es auch im Krieg manchmal Menschlichkeit..

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