Schrift:
Ansicht Home:
einestages

Sterns Stunden mit Schockeffekt

Bambi muss sterben

Er war provokant, pointiert, sarkastisch: Horst Stern gehörte zu den Umweltschützern der ersten Stunde. Als Journalist packte er bevorzugt heiße Eisen an - bis er um die Jahrtausendwende aus der Öffentlichkeit verschwand.

ullstein bild
Von Susanne Wedlich
Dienstag, 24.10.2017   10:14 Uhr

"Der deutsche Wald ist krank bis auf den Tod." Mit diesen Worten legte der TV-Journalist Horst Stern den Bundesbürgern am Weihnachtsabend 1971 zur besten Sendezeit "eine Bombe auf den Tisch", wie eine Zeitschrift formulierte. Als Schuldige machte Stern die Jäger und ihren Kult ums Geweih aus, der die Wildzahlen künstlich hochtreibe und so zum Verbiss der Bäume führe. "Es ist nicht dringlich zurzeit, den Hirsch zu schonen", sagte Stern. "Es ist dringlich zurzeit, ihn zu schießen."

Bambi sollte sterben? Das Publikum war schockiert. Die Jäger schäumten. Stern aber nahm es gelassen, denn man "rettet den Wald ja nicht, indem man 'O Tannenbaum' singt". Und er wurde gehört: Seine "Bemerkungen zum Rothirsch" brachten eine Reform des Jagdgesetzes. Es war einer von vielen Erfolgen des streitbaren Journalisten, der als einer der ersten die großen Ökothemen anpackte - und sie mit unerreichter Wortgewandtheit präsentierte.

Der Mensch als Parasit

Der nette TV-Tieronkel wollte Stern nie sein. Er prangerte lieber Missstände in der Nutztierhaltung, die fatale Verhätschelung von Luxushunden oder eben die Zerstörung des Waldes an. Im Mittelpunkt aber stand der Mensch. "Wir sind als Art unentrinnbar ein Teil der Natur - lebend an ihr Leben, leidend an ihr Leiden, sterbend an ihr Sterben gebunden", so Stern. Wie aber ließ sich "unser parasitärer Umgang mit der Natur" am besten vermitteln?

Fotostrecke

"Sterns Stunden": Bambi muss sterben

Stern ließ keine Plattform aus, ob als ehrenamtlicher Naturschutzbeauftragter oder als Mitbegründer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Er brachte die Zeitschrift "Natur" auf den Markt, die TV-Serie "Sterns Stunde" führte zum Höhepunkt seiner Popularität.

Oft aber gab es auch Kritik für seine zugespitzten Beiträge, und ein heftig umstrittener Zweiteiler über Tierversuche führte Ende der Siebzigerjahre zum Bruch mit dem Medium Fernsehen. Stern wurde Schriftsteller. Privates gab er auch in dieser Rolle nicht preis. Eine der wenigen Ausnahmen war ein großes Interview mit dem jetzt emeritierten Literaturwissenschaftler Ludwig Fischer, das dieser mit anderen Texten unter dem Titel "Unerledigte Einsichten" publizierte.

Hier berichtet der am 24. Oktober 1922 in Stettin geborene Stern unter anderem von seinem frühen Schreibtalent. Die Schule wie auch die nachfolgende Banklehre brach er trotzdem ab. Dann kam der Krieg. Als Kriegsgefangener in den USA entdeckte er deutsche Klassiker und damit die Liebe zu seiner Muttersprache neu, die er als "sehr viel biegsamer, schmiegsamer und nuancenreicher als das Englische" schätzte. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland, wo er an US-Militärgerichten als Dolmetscher eingesetzt wurde.

Für die "Stuttgarter Nachrichten" arbeitete er schließlich als Gerichtsreporter. "Wir wissen zwar nicht, wofür wir ihn haben wollen, …aber den sollten wir einkaufen", soll der Chef des Bielefelder Verlagshauses Delius Klasing über den fachkundigen Journalisten gesagt haben.

Blutiger Anfänger

Stern übernahm unter anderem das Fachmagazin "Yacht" und sollte später für einen anderen Verlag ein Reitbuch schreiben - ohne Boot oder Pferd je nahe gekommen zu sein. Nur mit angelesenem Wissen sei er nicht wirklich gut, befand Stern. Er machte kurz entschlossen seine Segelscheine, kaufte sich ein Boot und blieb dem Wassersport über Jahrzehnte treu. Und er nahm Reitstunden bei einem erfahrenen Ausbilder alter Militärschule, über die er später sagte: "Ich war im Reichsarbeitsdienst, ich habe die Fallschirmtruppe hinter mich gebracht, und ich bin in meinem Leben oft angebrüllt worden, aber nie so wie da auf dem Pferd - ich bin manchmal den Tränen nahe gewesen."

Aufgeben wollte er trotzdem nicht. "Immer beruhte das, worüber er schrieb, auch auf konkreter Lebenserfahrung, ob er nun riskante Touren mit dem Segelboot unternahm oder ob er sich buchstäblich den Arsch wund ritt", so Ludwig Fischer. Vielleicht machte der persönliche Einsatz des Autors Stern das Buch "So verdient man sich die Sporen" so zugänglich: Es ist bis heute weltweit eine der erfolgreichsten Reitlehren.

Sein eigentliches Lebensthema aber war die Ökologie. Schon als Reporter baute er ein Gehege für heimische Wildtiere, die er aber nicht zu Schmuseobjekten machen wollte, weil ihm falsch verstandene Tierliebe ein Gräuel war. Er beobachtete seine Pfleglinge - und wilderte sie dann wieder aus.

Stöße von Schmähbriefen

Zwei Jahre lang durfte Stern bei dem Schweizer Pharmaunternehmen Ciba-Geigy uneingeschränkt zum Thema Tierversuche drehen. Dafür legte er das Rohmaterial vor und ließ sachliche Fehler korrigieren. Nur in einem Bereich verbat er sich jede Einmischung: beim Kommentar. Ende 1978 zeigte er seinen schonungslosen Bericht, der aber nicht nur die Versuche zeigte, sondern auch ihren medizinischen Nutzen erklärte.

Lässt sich Tierleid gegen Menschenleid aufwiegen? Viele Zuseher warfen Stern vor, als "Knecht der Pharmaforschung" seine Ideale verkauft zu haben. "Dabei ist er immer unerschrocken und unbestechlich gewesen", sagt Fischer. "Ich fand das grandios." Für Stern selbst aber hatte sich das Medium Fernsehen damit als untauglich erwiesen: Bilder mit großer emotionaler Kraft würden jeden noch so differenzierten Kommentar überlagern.

Wenige Jahre später zog er nach Irland, um Kurzgeschichten und Romane zu schreiben. "Der Mann aus Apulien" etwa, eine fiktive Autobiografie des Staufers Friedrich II, war ein großer Erfolg. Trotzdem wurde es ruhiger um Stern, der sich in seinen hochgesteckten Zielen als gescheitert sah. Gerade im Tier- und Umweltschutz hatte sich seiner Ansicht nach wenig verändert.

"Er ist verbittert, weil er seinen lebenslangen Einsatz für die natürliche Mitwelt als vergeblich betrachtet", sagt Fischer. "Er fühlt sich vergessen in unserer schnelllebigen Zeit." Aus der Öffentlichkeit verschwand Stern, der nun 95 wird, um die Jahrtausendwende. Er zog nach Passau und brach im Lauf der Jahre bei nachlassender Gesundheit auch den Kontakt zu Weggefährten wie Fischer ab.

insgesamt 23 Beiträge
Christa Seeliger 24.10.2017
1. menschengemacht
Geschichte, ob sozial, politisch, medial, ist menschengemacht. Wer dabei war findet über die Protagonisten, ihre Stimmen, Erscheinungen, Aura, zurück in die Zeit und kann sich erinnern. Karl-Heinz Wocker "aus [...]
Geschichte, ob sozial, politisch, medial, ist menschengemacht. Wer dabei war findet über die Protagonisten, ihre Stimmen, Erscheinungen, Aura, zurück in die Zeit und kann sich erinnern. Karl-Heinz Wocker "aus London", Horst Stern aus der Flimmerkiste, die damals tatsächlich noch flimmerte und Herbert Wehner aus dem politischen Radio sind für mich solche Fixpunkte. Und deshalb : "Danke Horst Stern!"
Jan Vering 24.10.2017
2. Ein wunderbarer Wachmacher und Sensibilisierer
Horst Stern hat Generationen von Leuten meines Alters (Jahrgang 1954) aufgeweckt und sensibel gemacht für ökologische Themen. Und weil er als guter Journalist zum Pro immer auch das Contra lieferte, hat er außerdem Maßstäbe [...]
Horst Stern hat Generationen von Leuten meines Alters (Jahrgang 1954) aufgeweckt und sensibel gemacht für ökologische Themen. Und weil er als guter Journalist zum Pro immer auch das Contra lieferte, hat er außerdem Maßstäbe gesetzt für einen starken Journalismus, die nachhaltig waren und sind. Ich bin ihm sehr zu Dank verpflichtet und gratuliere herzlich.
Wo St 24.10.2017
3. Danke
Stern hat mir die Natur gezeigt und die Abhängigkeit zur Natur in der wir leben. Nochmals Danke.
Stern hat mir die Natur gezeigt und die Abhängigkeit zur Natur in der wir leben. Nochmals Danke.
Roland Muck 24.10.2017
4. Facetten
Horst Stern hat meist zu seinen Themen alle Facetten geliefert, auch wenn sie wie z.B. bei Ciba-Geigy zu viel Kritik führten. Unvergesslich für Sterns Stunde zum Thema Spinnen, die mir eine völlig neue Sicht lieferte und [...]
Horst Stern hat meist zu seinen Themen alle Facetten geliefert, auch wenn sie wie z.B. bei Ciba-Geigy zu viel Kritik führten. Unvergesslich für Sterns Stunde zum Thema Spinnen, die mir eine völlig neue Sicht lieferte und tatsächlich meine Spinnenphobie kurierte. Als Herausgeber dewr "Yacht" war er ein unerschütterlicher Garant gegen die Begehrlichkeoiten der Hersteller und Werften. Schade, dass er sein Wirken als gescheitert empfindet.
Thomas Haselier 24.10.2017
5. Der Beste
Horst Stern war der beste aller Tierfilmer. Er hat einem Flora und Fauna auf ganz neue Weise nahegebracht. Einzigartig war für mich sein Film über Spinnen "Leben am seidenen Faden" und das daraus resultierende Buch. [...]
Horst Stern war der beste aller Tierfilmer. Er hat einem Flora und Fauna auf ganz neue Weise nahegebracht. Einzigartig war für mich sein Film über Spinnen "Leben am seidenen Faden" und das daraus resultierende Buch. Die uneitle Art der Präsentation, dieser ganz besondere Schreibstil, der viel Humor verrät, ist detailgenaue Information als beste Unterhaltung. Ich habe ihn immer vermisst.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP