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einestages

40 Jahre Spider Murphy Gang

"Dem Punk näher als dem Schlager"

Ihr "Skandal im Sperrbezirk" löste einen handfesten Skandal aus - und machte die Spider Murphy Gang berühmt. Sänger Günther Sigl über das Bayerische, Dessouskataloge und ihre erste DDR-Tournee.

Sigl
Ein Interview von
Donnerstag, 26.10.2017   11:48 Uhr

Zur Person

einestages: Herr Sigl, einer repräsentativen Umfrage zufolge gilt Bayerisch ja in Deutschland als der erotischste Akzent.

Sigl: Wusst ich's doch (lacht)!

einestages: Den größten Hit Ihrer Band Spider Murphy Gang, das Lied "Skandal im Sperrbezirk" über die Prostituierte Rosi, singen Sie aber ausgerechnet auf Hochdeutsch. Wieso?

Günther Sigl: Weil ich fand, dass das diese gespielte Entrüstung und die Doppelmoral noch deutlicher macht, um die es in dem Text geht. Außerdem ist Hochdeutsch geeigneter für das rasante Stakkato der Nummer.

einestages: Wie kamen Sie 1981 auf die Idee zu dem Lied?

Sigl: Wir fuhren zu einem Gig, als im Radio der Schlager "Skandal um Rosi" von Erik Silvester lief. Die Zeile ging mir nicht aus dem Ohr. Zu Hause griff ich sofort nach der Gitarre, das Lied entstand in einer Nacht. Zum Thema "Skandal" fielen mir die Sperrbezirke ein, die in München zur Olympiade 1972 eingeführt wurden, die Stadt sollte sauber sein. Die Gegend um den Hauptbahnhof war das Schmuddelviertel, mit Stripbars, Animierkneipen, Peepshows und Puffs. Als die "Säuberung" angeordnet wurde, gingen die Dirnen auf die Barrikaden. Sie stellten sich splitternackt in ihre Fenster mit Spruchbändern: "Wir lassen uns nicht vertreiben". Brachte natürlich nix. Käuflicher Sex wurde aus dem Stadtgebiet in die Außenbezirke verlegt.

einestages: Eine Maßnahme, die Sie offenbar nicht überzeugte.

Sigl: Ich dachte: Aha, Bier saufen bis zur Besinnungslosigkeit ist in München in Ordnung - aber käufliche Liebe, das geht nicht. Das ist Doppelmoral. Am Ende der Nummer schreie ich im Nina-Hagen-Stil hysterisch: "Skandaaal! Skandaaal!" Wir haben uns dem Punk immer näher gefühlt als dem Schlager.

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40 Jahre Spider Murphy Gang: "Dem Punk immer näher gefühlt als dem Schlager"

einestages: Die Single wurde selbst zum Skandal. Rundfunksender boykottierten sie. Worüber empörten die sich?

Sigl: Wegen der Zeile "Und draußen vor der großen Stadt, steh'n die Nutten sich die Füße platt" wurde der Song in Bayern nicht im Radio gespielt, landete auf dem Index, wir bekamen keine TV-Auftritte. Dieter Thomas Heck wollte uns nicht in seiner "ZDF Hitparade". War uns wurscht, da wollten wir eh nicht hin. Als wir dann auf Platz 1 waren, mussten wir aber doch nach Berlin in die "Hitparade". Na ja, wir haben den Auftritt professionell runtergerissen und uns danach direkt ins Nachtleben gestürzt.

einestages: Haben Sie denn wie echte Skandal-Rocker gefeiert?

Sigl: Und wie! Wir zogen durch diverse Etablissements und haben's krachen lassen, mit Schampus satt auf Kosten der Plattenfirma. Am Ende sind wir in der Bar des Hotels Schweizer Hof gelandet, wo alle "Hitparaden"-Künstler übernachteten. In der Showbranche ist die Bar als "Todeszelle" bekannt, aus Gründen! Unserem Plattenmanager wurde kurz a bissl schwindlig, als er am Ende die Rechnung serviert bekam (lacht). Aber wir konnten uns das erlauben - "Skandal" war acht Wochen Nummer 1.

einestages: Trotz des Erfolgs besannen Sie sich dann wieder auf bayerische Texte. Wie waren Sie darauf gekommen, in Mundart zu singen?

Sigl: Mit meiner Band Stummick hatte ich früher in Ami-Clubs für GIs US-Hits nachgespielt. Das machte Spaß, aber wir kamen nicht wirklich weiter. 1977 benannten wir uns um in Spider Murphy Gang und schrieben eigene Songs. Der Besitzer der Schwabinger Kneipe "Memoland" ließ uns an Fasching 1978 auftreten. Georg Kostya, Musik-Moderator beim BR, war da und fand uns gut. Er meinte, wir könnten den Titelsong für seine neue Sendung "Rock House" machen - aber nur, wenn wir bayrisch singen. Also haben wir's probiert: "Der Opa sagt zur Oma, geh schalt des Radio ein, heut bringen's wieder Rock'n'Roll - auf Bayern 2!" Das war unsere Chance.

einestages: Sie haben sie genutzt - in den Achtzigerjahren waren Sie plötzlich im ganzen Land bekannt. Wie fühlte sich das an?

Sigl: War okay, ich wollte ja immer ein bekannter Musiker werden. Bei unserem Durchbruch 1982 war ich schon 35, obwohl ich jünger aussah, so jung, dass ich damals noch zum Schülertarif ins Freibad ging.

einestages: Brachte der Erfolg keine Schwierigkeiten mit sich?

Sigl: Na ja, die Verführung lauerte überall. Oft fiel es schwer, nein zu sagen, bei all den Möglichkeiten, die sich plötzlich auftaten. Edeltraut, meiner Frau, war der Starrummel jedenfalls suspekt. Ich glaube, sie hat oft beide Augen zugedrückt.

einestages: Bekannt waren sie auch für ihre humorvollen Texte: Wenn Sie sich etwa in "Schickeria" die Münchener Schickimicki-Gesellschaft vorknöpften, mit Zeilen wie "Gestern hamma g'hascht, doch heidstag schnupf ma Kokain".

Sigl: Es war die Zeit, als es plötzlich überall Türsteher, "Gorillas", gab. Zum Beispiel im Schwabinger Promitreff "Die Klappe". In den Laden kamen wir mit unseren Parkas und langen Matten nie rein. Die Kneipe wurde bald zum Drogenumschlagplatz und geschlossen. So mancher Gast landete in Stadelheim im Knast. Das war die Inspiration zum Lied.

einestages: Wie sah es denn bei der Spider Murphy Gang selbst in puncto Drogen aus?

Sigl: Ich kann hier nur für mich sprechen (grinst). Ich habe kaum Alkohol- und Drogenerfahrung. Ich erinnere mich nur an drei Vollräusche in meiner Jugendzeit. Da sagte ich mir: nie wieder! Und weil ich strikter Nichtraucher bin, kam Haschisch für mich auch nie in Frage.

einestages: Ziemlich bodenständig für einen Rockstar.

Sigl: Sicherlich. Ich bin in einer Arbeitersiedlung in Landsberg am Lech aufgewachsen, bescheiden.

einestages: Gab es in ihrer Familie einen musikalischen Hintergrund?

Sigl: Nein. Mein Vater, Jahrgang 1920, war Schuhmachermeister. Als junger Soldat hat er noch den Zweiten Weltkrieg erlebt und war in Kriegsgefangenschaft. Meine Mutter ließ mir alle Freiheiten, schickte mich immer raus zum Spielen, das war herrlich. 1958 nahm mein Vater, die Schuhmacherei lief nicht gut, eine Stelle bei der Bundeswehr an und wurde nach Karlsruhe versetzt. Dort habe ich als Schüler meine erste Wandergitarre bekommen und geübt, bis die Finger bluteten. Mein Vater machte sich Sorgen. Erst recht, als ich ihm nach meiner Banklehre erklärte, Profimusiker zu werden.

einestages: Wie reagierte er?

Sigl: Er fiel aus allen Wolken: "Wie kannst du einen sicheren Job im Warmen aufgeben?" Für ihn war Musiker ein Hungerleiderberuf. Heute verstehe ich seine Reaktion, denn er hatte harte Zeiten durchgemacht.

einestages: Denken Sie, Sie wären als Banker glücklicher geworden?

Sigl: Nein. Bei der Bank hatte ich oft Ärger. Ich war ja nebenbei bereits Musiker, und wir alle wollten aussehen wie die Beatles mit ihren Pilzköpfen. Weil meine Haare einen halben Zentimeter über die Ohren standen, musste ich zum Bankdirektor: "Herr Sigl, so können wir Sie aber nicht am Bankschalter einsetzen!" Die Haare hab ich mir aber keineswegs kürzer schneiden lassen, sondern mit Pomade hinter die Ohren gekämmt.

einestages: Um die Haarlänge mussten Sie sich dann bald keine Sorgen mehr machen, als Sie mit der Spider Murphy Gang durch Deutschland tourten. Auf der Höhe Ihres Erfolgs spielten Sie im Herbst 1983 sogar in der DDR. Wie kam es dazu?

Sigl: Das war eine Sensation. Wir waren die erste Rockband aus dem Westen, die das geschafft hatte - noch vor Udo Lindenberg und seinem Konzert im Palast der Republik. Für die DDR-Regierung waren wir die harmlosen Gaudi-Burschen aus Bayern, unpolitisch, keine Gefahr.

einestages: Wie haben sie diese Tour erlebt?

Sigl: Wir wussten nicht, was uns erwartet. Wir sind mit einigen westdeutschen Fotografen und Regisseur Michael Verhoeven angereist, der eine Doku über uns drehte. Konzerte gab es in Glauchau, Zwickau, Unterwellenborn, Karl-Marx-Stadt und Rostock. Dabei durften die sogenannten "Helden der Arbeit" in die ersten Reihen, draußen standen viele Enttäuschte, die keine Karten bekommen hatten. Wo wir auftauchten, wurden wir bestaunt wie Marsmenschen, alle wollten uns berühren. Wir kamen uns vor wie die Beatles. In Zwickau empfing uns der Bürgermeister und erzählte stolz: "Hier wird der international begehrte Trabant gebaut!" Wir mussten uns auf die Zunge beißen, um nicht loszulachen.

einestages: Kam es zu Zwischenfällen?

Sigl: Ja. Die West-Fotografen wollten ein typisches DDR-Motiv mit uns schießen und ließen uns vor einer Häuserwand posieren, auf der riesig "Freundschaft zu den Völkern der Sowjetunion" stand, darunter die Konterfeis von Marx und Engels. Plötzlich herrschte uns ein Volkspolizist mit Maschinenpistole an: "Fotografieren verboten!" Es stellte sich raus, dass das Gebäude ein Stasi-Hauptquartier war (lacht). Nachdem unser Begleiter, ein Offizieller der DDR-Regierung, interveniert hatte, bat uns der VoPo kleinlaut um ein Autogramm.

einestages: Jetzt feiern Sie Ihr 40. Bandjubiläum - und bis heute drehen sich viele Ihrer Lieder, wie "Rock'n'Roll Rendezvous", "So a Nacht" oder "Ich schau dich an (Peep Peep)" augenzwinkernd um Erotik.

Sigl: Gibt's ein spannenderes Thema? Schon als junger Bursche hab ich mir heimlich die Dessousseiten im Versandhauskatalog angeschaut. Als ich dann in Sachen Liebe die ersten Gehversuche unternommen habe, gab's noch keine Antibabypille. Oft kam's vor, dass man mit einem Mädel auf dem Rücksitz rummachte, aber plötzlich hieß es: "Der Reißverschluss bleibt zu!" Die Jugend heute scheint viel abgeklärter zu sein - aber wenn's dann ernst wird beim ersten Mal, haben viele ganz sicher noch immer einen "Frosch im Hois und Schwammerl in de Knia".

insgesamt 16 Beiträge
LARRY Underwood  26.10.2017
1. Vielen Dank für
Die Musik, die genialen Generation verbindenden Texte... Die Väter und Söhne gemeinsam singen können...
Die Musik, die genialen Generation verbindenden Texte... Die Väter und Söhne gemeinsam singen können...
Christian Adolf 26.10.2017
2. Danke Spaida
Spider Murphy waren immer schon Punk, immer!
Spider Murphy waren immer schon Punk, immer!
Andreas Mäckler 26.10.2017
3. Bandbiografie
Wer noch mehr wissen will, dem sei das jüngst erschienene Buch ans Herz gelegt: "Skandal! Die autorisierte Bandbiografie der Spider Murphy Gang".
Wer noch mehr wissen will, dem sei das jüngst erschienene Buch ans Herz gelegt: "Skandal! Die autorisierte Bandbiografie der Spider Murphy Gang".
Björn Brixius  26.10.2017
4. Lustig,
die angesprochenen Hitparade-Auftritte mit einem sichtlich um Haltung ringenden Dieter Thomas Heck in der Wiederholung auf den ZDF Sparten zu sehen - die Gang hatte immer a Gaudi ^^
die angesprochenen Hitparade-Auftritte mit einem sichtlich um Haltung ringenden Dieter Thomas Heck in der Wiederholung auf den ZDF Sparten zu sehen - die Gang hatte immer a Gaudi ^^
Patrick Susenburger 26.10.2017
5. Großartige Musiker
Mein erstes Konzert - Spider Murphy Gang in der Düsseldorfer Philipshalle - das war großes Kino.
Mein erstes Konzert - Spider Murphy Gang in der Düsseldorfer Philipshalle - das war großes Kino.

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